19. September 2011

Frei nach Giordano Bruno Schnepfendreck

Ein polit- und sexual-pädagogischer, kulinar-moralischer Zwischenruf

Wenn Giordano Bruno im Angesicht einer schönen Frau merkte, von Fleischeslust erfasst zu werden, besann er sich zur Rettung seiner Keuschheit auf eine Technik, die vielen Mönchen bei der Reinhaltung ihrer Gelübde vor und nach ihm dienlich war. Er berichtet, er habe sich bewusst gemacht, dass im Bauch jener Frau vielerlei verschlungene Gedärme wirkten, innerhalb derer wiederum wenig liebreizende Säfte auf- und abstiegen. In der Gewissheit, mittelbar auch diese Säfte ergreifen zu müssen, würde er die Dame wirklich umarmen wollen, besiegte er verlässlich seinen Reiz zur Näherung.

Die Funktionsweise dieser Art von Mentaltraining lässt sich zwanglos auch auf andere Lebenssachverhalte übertragen. Im Angesicht gewisser italienischer oder britischer Sportwagen hat mir jedenfalls wiederholt der Gedanke an die durstigen Zylinder in deren Innereien geholfen, Kaufentscheidungen zu vermeiden, die hernach sicher zu einer – sagen wir – post-buy-italen Tristesse geführt hätten.

Im Rahmen der Bemühungen, meine zweite Lebenshälfte zunehmend auf die anstehenden Entbehrungen unter ökosozialfairgerechter Gouvernantenstaatsregie einzustellen, habe ich nicht nur bereits Abschied genommen von der DM und der Glühbirne, der Zigarette im Lokal und dem zischenden Dosenbier zwischendurch. Sehr viel bewusster trinke ich inzwischen auch Weine aus der neuen Welt, in der Überzeugung, dass uns die Weisen der herrschenden Kaste den Genuss dieser Tropfen aus Chile und Argentinien, aus Afrika und Australien schon bald wegen der klimapolitisch unverantwortlichen Transportleistungsbilanzen verbieten werden. Der politisch korrekte Regionalversorger ersetzt seine Kiwi durch gute deutsche Stachelbeeren, neuseeländische Äpfel durch westfälische und nur in unbeobachteten Momenten streicht er sich verstohlen noch irische Butter mit Meersalz auf sein Brot.

Weil aus Jägerkreisen verlautet, dass immer weniger Menschen zur Pacht einer Jagd bereit seien, weswegen künftig zugleich mit immer mehr Wild auch vor unseren Haustüren gerechnet werden müsse, kommt dem sich regionalisierenden Feinschmecker zwangsläufig das darin liegende Potential der Nahrungsmittelversorgung in den Blick. Denn nach Fukushima werden wir bekanntlich wieder einmal 100.000 Jahre keinen japanischen Fisch essen können – genau wie nach Hiroshima. Warum also noch länger stundenlang in der samstäglichen Innenstadt Känguruhsteaks und Straußenschnitzel suchen, wenn auch diese Versorgungswege absehbar abgeschnitten werden und gleichzeitig schon Hasen, Fasane und Rebhühner gleich hinter dem Zaun warten?

Völlig unterschätzt sind inzwischen die Pfründe, die unsere Fauna gleich im unmittelbarsten Zugriff für uns bereithält. Wer nur mit offenen Augen durch die Felder wandert, der findet manche Köstlichkeit. Mit einigem Geschick beispielsweise lässt sich beim Nordic Walking der Stick einsetzen, um ohne große Mühen eine Schnepfe zu erstechen. Diese Art Gehhilfe fällt derzeit noch nicht unter das allgemeine Waffenverbot, Gourmets sollten nur die einschlägigen Gesetze gegen Wilderei im Blick behalten.

Liegt das Tier dann in der heimischen Küche, empfiehlt sich in etwa folgender Bearbeitungshinweis: Essen Sie den Vogel nicht am gleichen Tag. Zart ist er erst, wenn er zwei bis drei Tage abgehängt (was nicht zwangsläufig auf dem Sofa vor dem Fernsehgerät geschehen muss). Die vollständige Entfernung des Federkleides kann dann gemeinsam mit den Kindern bewerkstelligt werden, was einen Scrabble-Abend vollständig ersetzt. Zur eher brachialen Entsorgung von Schnabel, Speiseröhre, Augen und (optional) Füßen sollten Kinder unter 16 Jahren jedoch aus der Küche verwiesen werden. Eltern mit Kocherfahrung halten für diesen Augenblick Videokassetten und/oder DVDs mit Filmen von Quentin Tarantino bereit.

Wem es gelungen ist, bei der Zubereitung seiner Schnepfe an dieser Stelle alleine in der Küche zurückgeblieben zu sein, dem erschließt sich ein heimisch-regionales Feinschmeckererlebnis der besonderen Art: Man ergreife die Innereien des Tieres mitsamt ihrem (nicht herausgestrichenen!) Inhalt, entsorge lediglich Magen und letztes Drittel des Darmes und brate das verbliebene Ganze vorsichtig an, um es sodann – auf Weißbrot kredenzt – zu genießen: Schnepfendreck! Wilhelm Buch höchstselbst soll geschwärmt haben: „Der Gourmand hat im Traume an Schnepfendreck gedacht; er träumt‘ es hätt‘ ihm ein Engel was auf die Zunge gemacht!“

Für den Rest der Familie bleibt die gebratene Schnepfe selbst, deren Hirn ein sozialverträglich ausgewähltes Kind – nach einer Empfehlung des Meisterkochs Heinz Wehmann – mit einem Mocca-Löffel essen sollte. Auf der Basis des verheimlichten Schnepfendrecks kann dann den pubertierenden Kindern Giordano Bruno mit seinen Lebensweisheiten nähergebracht werden. Damit sollten die regional verfügbaren Schnepfen auch mittelfristig reichen, um die ganze Familie nachhaltig zu sättigen.


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