25. August 2011

Regimesturz in Libyen Über Mutige und Übermütige

Wenn Journalisten einer abgeht

Die der eher nebensächlichen Handlung entkleideten Nacktsequenzen eines Kommentar-Quickies auf der Meinungsseite der „Welt“ zum „Sturz Gaddafis“ als „großartigem Sieg für Freiheit und Gerechtigkeit“ präsentieren sich dem baff staunenden Voyeur in Echtzeit-Reihenfolge so: „Despot“, „Massenmörder“, „Knute“, „Untertan“, „größenwahnsinnig“, „terroristisch“, „Verbrechen“, „skrupellos“, „Bandenchef“, „kriminell“, „gemeingefährlich“, „Zerstörung“, „Unterdrückungssystem“, „Strafe“, „Gericht“, „Strafgerichtshof“, „Untaten“, „Unwesen“, „Antiamerikanismus“, „Antizionismus“, „extrem“, „operettenhaft“, „grotesk“, „mörderisch“, „Drohgebärden“, „bizarr“, „Exzentrik“, „Despot“, „Selbstgefälligkeit“, „blutig“, „Diktator“, „Schönfärber“, „Volkserzieher“, „geschunden“, „kulturrelativistisch“, „Peiniger“, „Schlächter“, „Regime“, „Lügen“, „entwürdigend“, „despotisch“, „Willkür“, „Joch“, „Fremdherrschaft“, „Diktatur“, „Besserwisser“, „Unterdrückungssystem“, „eingebildet“, „Front“, „Knochen“, „blamiert“, „Unheilsprophet“, „Angst“, „Machtapparat“, „Diktator“, „autoritär“, „Chaos“, „Zerfall“, „schwärzestes“, „Terrorregiment“.

Der Thesaurus blendete viele Synonyme ein. Der Autor Richard Herzinger nahm sie alle mit. Und auch die vom Google-Automat eingeworfene Anzeige in der Mitte des fertigen Artikels auf Welt.de passte: „Cool durch den Sommer mit Dessous von Beate Uhse“. Herzinger aber möchte man sich beim Schreiben dieser Zeilen lieber nicht vorstellen. Die Zigarette danach wird ihm gut getan haben.

Nun sind wild onanierende Neokonservative wie Herzinger, die fast immer ehemalige Linksaußen sind, geschichtliche Auslaufmodelle wie ihre Feindbilder. Mit dem Platzen der Geld- und Kreditfinanzierung wird der von ihnen hofbejubelte westliche Imperialismus genauso untergehen wie die von den deutschen und amerikanischen Mitstreitern zuvor beklatschte realsozialistische „Freiheit und Gerechtigkeit“ in Moskau oder Peking. Auch dort zehrte der Sozialismus lange von der Substanz und auf Kosten der Zukunft, fiel derweil in fremde Länder ein, bis irgendwann nichts mehr ging. Und selbst dann noch tickerten die letzten Lohnschreiber vom Endsieg gegenüber den Schurkenstaaten.

Mit Möchtegernaußenminister Westerwelle immerhin trifft selbst Herzingers „Kritik“ nebenbei den richtigen. Der hatte zwar mit Fug und Recht eine deutsche Beteiligung am Bürgerkrieg in einem fernen afrikanischen Land abgelehnt. Aber dabei hat Guido aus Bonn im Gegensatz zu den Kollegen aus China und Russland wieder einmal jegliche Haltung vermissen lassen. Statt eines aufrechten „Njets“ kam von Merkels Mädchen nur ein schuldbewusstes „Nein, aber wir helfen trotzdem, nur anders, bitte habt doch Verständnis, bitte, hier ist das deutsche Steuergeld.“

Derweil haben die „Rebellen“ auf die Ergreifung Gaddafis eine Belohnung von 1,7 Millionen Dollar ausgesetzt – „tot oder lebendig“. Ein gutes Omen für das Rechtsverständnis der neuen Führung, die sich nun ihrerseits erst einmal ein wenig bereichern muss? Immerhin: Es trifft mit Gaddafi und dessen Clan sicher nicht die falschen. Es trifft eigentlich nie die falschen.

Und das führt zu einem letzten Gedanken. Die hiesige politische Klasse verspielt in diesen Wochen mal eben die Währungsstabilität und damit die Ersparnisse und am Ende die Zukunft unseres Landes in Brüssel. Wie sagte es ef-Autor Roland Baader so zurückhaltend: „Was wir in den letzten Jahrzehnten im Kreditrausch vorausgefressen haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten nachhungern müssen. Es wird furchtbar werden.“

Was werden die drittgewendeten Herzingers dieser „Welt“ den Damen und Herren Herrschern der dann real existiert gehabt habenden Bundesrepublik einst übermütig hinterherrufen? Wie hoch wird die Belohnung ausfallen? Und was wird Google einblenden?

Internet

Kommentar von Richard Herzinger in der „Welt“


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