25. Juli 2011

Nach dem Terror in Norwegen Weniger Politik wagen, auch im Innern

Über Breivik, Baader und Meinhof

Die Bombe in Oslo war explodiert, von dem Massaker auf der Insel Utoya noch nichts bekannt, da wurde am Freitag Abend in den Weiten des Internets kommentartechnisch schon tausendfach nachgeladen, Bilanz gezogen und zurückgeschossen. Atemberaubend. Auf Deutschlands meistbesuchter „islamkritischer“ Internetseite PI-News erschien um 21.40 Uhr eine erste „Analyse“ unter der vielsagenden Überschrift: „Warum bombt Islam ausgerechnet in Oslo?“

Nach der Logik dieses Ratz-Fatz-Kollektivismus hat tatsächlich nun nicht „der Islam“, sondern „die Islamkritik“ in Oslo gebombt und in Utoya gemassenmordet. Und dazu, ausweislich des inzwischen bekanntgewordenen „Manifests“ des Terroristen Anders Behring Breivik, „das Christentum“, „das Europäertum“, „der Nationalismus“, „der Rechtspopulismus“, „die EU-Kritik“ und was noch alles. Die Finger der Faust zeigten auf den Autor selbst zurück. So zieht sie an, die Spirale des Schablonendenkens, in dem alle alles schon immer ganz genau gewusst haben und in dem die politischen Feindbilder zum unbändigen Hass führten, der sich nun so fürchterlich entladen hat.

Was soll man mehr dazu sagen? Ist nicht jedes Geschreibsel überflüssig? Jedes neue Wort unangebracht? Muss nicht wenigstens jetzt sich jeder an die eigene Nase packen? Auch der Autor dieser Zeilen, wenn er mal wieder pauschal gegen Sozialisten, Bürokraten und Finanzbeamte zu wettern ansetzt. Oslo und Utoya wären ein Anlass. Getreu dem Motto: Weniger Politik wagen, auch im Innern.

Versuchen wir uns an einem einzigen nüchternen Gedanken mithilfe eines historischen Vergleichs: Die Rote Armee Fraktion hat innerhalb von 22 Jahren 34 Menschen ermordet. Anders Behring Breivik brachte es in gut zwei Stunden auf 93 Opfer. Wie wirkten sich die Terrorakte der RAF aus?

Geboren im Hass gegen bestimmte so empfundene „gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen“ entkroch der Terror der Baader-Meinhof-Bande einem ideologischen Ursprung aus der linken Achtundsechziger-Studentenbewegung. Bereits der Name „Fraktion“ verrät, dass hier aus einer eher diffusen Bewegung heraus eine bestimmte Gruppe den Terror begann. Ab Oktober 1971 pflasterten die ersten Mordopfer ihren Weg. Bemerkenswert ist, dass das Bomben und Schießen der RAF am Anfang der Aufspaltung in verschiedene weitere Wege stand. Erst danach gründeten sich die meisten und mitgliederstärksten der sogenannten K-Gruppen (November 1971 bis 1973) – und erst nach deren Scheitern fanden viele von deren Aktivisten ihren Weg in die Partei der Grünen (1982 bis 1983). Die K-Gruppen, obwohl etwa 15.000 Mitglieder stark, waren in den 70er Jahren nicht zuletzt aufgrund des Bombenterrors ihrer alten Kameraden im Volk weitgehend isoliert und zum Beispiel bei Wahlen völlig bedeutungslos. Erst integriert in eine sich etablierende größere Partei erlangten viele ihrer Mitstreiter nach dem „Marsch durch die Institutionen“ höhere bis höchste Positionen – interessanterweise von Winfried Kretschmann bis Ralf Fücks, von Joscha Schmierer bis Antje Vollmer – fast immer als Angehörige des dann gemäßigten Flügels, während das Linksaußenarsenal der Grünen von Kandidaten wie Roland Appel (der aus der FDP kam) oder Jutta Ditfurth (die sich „undogmatisch“ nannte) aufgefüllt wurde. Dieses Szenario wiederholt sich später bei der Linkspartei, in der die alten Totalitären aus der SED in Summe heute eher den gemäßigten Parteiflügel bilden, während Lafontaine und Co. aus der SPD heraus den extremistischen Parteirand der Linken verkörpern. Macht Erfahrung also doch klug?

Was heißt das nun für eine diffuse rechtspopulistische Bewegung als eine Art Anti-Achtundsechzig, aus der heraus mancher unter anderem mal eben eine ganze Weltreligion für Wahnsinnstaten einzelner verantwortlich macht? Wird der Terrorist von Oslo und Utoya kurz- und mittelfristige politische Erfolge für eine „europäische Tea Party“ unmöglich machen? Wie schneidet zum Beispiel die „islamkritische und rechtspopulistische“ Partei „Die Freiheit“ in einer solchen Stimmung im September in Berlin ab? Besser als die K-Gruppen nach dem Bombenterror der RAF?

Und langfristig? Werden die Vernünftigen unter ihnen, die durchaus auch treffende Argumente, etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – gegen eine totalitär sich entwickelnde EUdSSR haben, Argumente, die auch im „Manifest“ des Anders Behring Breivik auftauchen, zu Maß und Mitte zurückfinden? Ihren Hass am Ende bändigen? Sich von Sündenböcken in Form von Religionen verabschieden und den eigentlichen, hausgemachten Problemen zuwenden? Irgendwann den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg stellen?

Gründe genug haben sich angestaut: Von der demographischen bis zur ökonomischen (Schulden-) Katastrophe gäbe es viel zu erkennen und benennen. Und von einer falschen Einwanderungs- bis zu einer noch schlimmeren Sozialpolitik wäre viel zu kritisieren und reparieren.

Dann hätte auf lange Sicht der Wahnsinn vom vergangenen Freitag doch bei allem überwiegenden Leid – vor allem der jetzt unendlich trauernden Mütter und Väter – wenigstens noch etwas Positives bewirkt, so wie der Terror der RAF manchen Linksaußen spät aber nicht zu spät zu (etwas?) mehr Vernunft und Toleranz zurückführte. Ein erstes Anzeichen dafür ist ein selbstkritischer – und deshalb in dortigen Leserkreisen stark umstrittener – Kommentar auf der eingangs erwähnten antiislamistischen Internetseite PI-News: „Es ist wichtig zu bemerken, dass die Bösen nicht immer nur andere sind. Wir dürfen uns vor lauter Auf-andere-mit-dem-Finger-Zeigen nicht unserer Eigenverantwortung entziehen. Wir stehen in der Verantwortung für unser Handeln und Denken. Und in dieser schweren Stunde ist es unsere Pflicht, die Schuld nicht zuerst bei anderen zu suchen, sondern den Angehörigen unser Beileid auszusprechen.“


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