20. Juli 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Westen, Christentum und Islam

ef-Beitrag von Andreas Lehmann aus ef 113

Ein großes Heulen und Zähneklappern ist im Westen, den Teilen der Welt, die sich in Form eines ozeanübergreifenden Bündnisses den Werten von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verpflichtet haben. Angst hat man vor dem Versagen des eigenen Modells, Furcht vor den inneren und äußeren Feinden, die diesen Entwurf eines multi-kulturellen, aufgeklärten, säkularen und doch irgendwie äußerst homogenen Gebildes zu Fall bringen könnten.

Bedroht wird das westliche Modell nicht nur durch die ökonomischen Krisen, die mittlerweile in allen Ländern des transatlantischen Bündnisses grassieren. Viel tiefschürfender ist das Problem des in immer schnelleren Schritten voranschreitenden moralischen und gesellschaftlichen Verfalls. Die „Kultur des Todes“, wie Benedikt XVI sie anlässlich der Osterfeiern 2010 anschaulich bezeichnete, wütet nicht nur in Form von 187.000 jährlichen Ehescheidungen (2007), 200.000 unehelich geborenen (2005) und 135.413 bereits im Mutterleib ermordeten Kindern (Mittel 2000-2010). Die demographische Katastrophe geht einher mit einem dramatischen Mangel an Interesse und Hingabe für die eigene Kultur und die eigene Religion. Die Kultstätten abendländischen Glaubens werden gemieden, die Institutionen in schnellem Tempo verweiblicht und demokratisiert. Hekatomben medialen Schmutzes und intellektuellen Schrotts werden erfolgreich und scheinbar kostenlos auf täglicher Basis zur Verfügung gestellt, „Opfer“ ist zum Schimpfwort der post-preußischen Republik geworden. Das durch vulgär-marxistische Platitüden und Vorurteile bestimmte „Volxwissen“ hat zur Entstehung einer abgehobenen Funktionärskaste und zu einem beispiellosen ökonomischen und monetären Niedergang geführt. Die selbst in rötesten Sowjettagen unvorstellbare Figur des gottgleichen, sich ökologisch kasteienden, geschlechtslosen Menschen erscheint am Horizont.

Betrachtet man die Auswirkungen dieser Prozesse speziell im Hinblick einerseits auf die autochthone und andererseits auf die in den letzten Jahrzehnten eingewanderte, größtenteils orientalische Bevölkerungsgruppe, sind hier teilweise markante Verhaltensunterschiede feststellbar. Während größte Teile der einheimischen Bevölkerung den eingeschlagenen Weg entweder überzeugt mitzugehen oder in stiller Verzweiflung akzeptiert zu haben scheinen, zeigt sich das Gros der Einwanderer aus dem Süden und Osten deutlich verhaltensauffälliger. Im Gegensatz zur relativen Pflegeleichtigkeit der ihrer eigenen kulturellen und religiösen Wissensschätze längst beraubten angestammten Bevölkerungsgruppen, reagiert man auf die gesellschaftlichen und moralischen Forderungen des westlichen Wertekanons auf eine immer aggressivere und feindseligere Art und Weise. Weder solidarische Anteilnahme noch ökonomische Unterstützung noch Gesten des guten Willens oder tadelnde Belehrungen scheinen fruchten zu wollen. Im Gegenteil, je stärker das Bemühen um die finanziellen oder emotionalen Bedürfnisse, desto fordernder und frecher scheint das Verhalten zu werden. Die Zahl der Einwanderer, die sprach- und ausbildungslos mit Unverständnis und Verachtung der deutschen Gesellschaft entgegentreten, nimmt unaufhörlich zu, und es ist nur ein kleiner Teil, der sich ohne größere Schwierigkeiten in die deutsche Gesellschaft integrieren kann. Dieses Unverständnis, diese Verachtung äußert sich nicht nur in Form von Bildungsverweigerung, schlechten Umgangsformen oder Gewaltbereitschaft, sondern auch durch soziale und kulturelle Abschottung. Letztere wird durch einen Faktor begünstigt, welcher der angestammten Bevölkerung bereits weitestgehend ausgetrieben scheint, nämlich die Fähigkeit, sich ein anderes Modell des Zusammenlebens vorstellen zu können. Das Modell einer Gesellschaft, die sich in hohem Maße durch soziale Selbstregulierung in Form von Tradition, Sitte und Religion auszeichnet, weniger Wert auf Materielles legt und den Einwanderern aus ihrer alten Heimat wohlvertraut ist. Man wendet sich also meist ganz pragmatisch wieder den eigenen Wurzeln zu. Den sozialen und kulturellen Regeln, die ganz offensichtlich, und durch das moderne Reise- wie Medienangebot leicht verfolgbar, in den alten Heimaten allen ökonomischen und sozialen Problemen zum Trotz eine einigermaßen gedeihliche Sozialordnung garantieren können. Es handelt sich somit nicht um reine Nostalgie, nicht um einseitige Verklärung der Vergangenheit, sondern mag in vielen Fällen durch Bekannte und Verwandte „vor Ort“ bestätigt werden.

Im Zuge der durch die westlichen Eliten herbeigeführten Masseneinwanderung, der dadurch entstandenen Verschärfung der sozialen und gesellschaftlichen Probleme und der Möglichkeit, das weltweite Geschehen von jedem Ort aus zu verfolgen, bleiben also weltanschauliche Konkurrenzmodelle aus dem Osten nicht mehr außen vor, sondern treten in den innergesellschaftlichen Wettbewerb der westlichen Staaten ein. Etwas, das bisher außerhalb der Vorstellungswelt der westlichen Eliten gestanden haben mag.

Da dies nun aber nicht nur Auswirkungen auf seinen eingewanderten Bevölkerungsteil hat, sondern langfristig auch auf die sinnsuchenden Teile der angestammten Bevölkerung, muss der Westen, um seine Werte wenigstens im Inland verteidigen zu können, gezwungenermaßen auch in einen globalen Wettstreit der Weltanschauungen eintreten. Nicht dass er das nicht schon seit langer Zeit als seine Aufgabe zur Verbesserung der Welt verstanden hätte, aber er könnte nun verstärkt gezwungen sein, nicht mehr die Rolle des Hammers, sondern die des Ambosses einzunehmen.

Was der westlichen Philosophie im Namen von Rationalismus, Säkularismus, Atheismus und Materialismus im eigenen Kulturkreis erfolgreich gelungen ist, nämlich die weitestgehende Entwurzelung von der christlichen, personalen und feudalen Vergangenheit, ist im Osten trotz nachhaltigen und jahrzehntelangen Engagements nicht geglückt. Es wundert daher nicht, dass die anti-westliche Stimmung nirgends größer zu sein scheint als dort. Spätestens mit dem Scheitern der westlich-säkularen Staatsformen im islamischen Kulturraum hat das Modell von Aufklärung und Vernunft bei allen Nachbarn Europas stark an Anziehungskraft verloren. Die westliche Vorstellungswelt konnte ohne den Humus der dauerhaften, beständigen und gnadenlosen Religions- wie Traditionskritik keine Wurzeln schlagen. Die zweite und diesmal vor allem geistige Kolonialisierung des Ostens ist daher demographisch, politisch und vor allem moralisch gescheitert. Jedem besser gestellten Profiteur oder intellektuellen Parteigänger der vergangenen nationalen und säkularen Ordnung scheinen jetzt hundert Enttäuschte oder Entwurzelte gegenüberzustehen. Das Lumpenproletariat des 21. Jahrhunderts nicht nur in Ägypten, Libyen und Syrien ist religiös. Und traditionsverwurzelt.

Die Ratlosigkeit und Verdorbenheit nämlich, die der Westen nicht nur mittels seiner Funkmasten in alle Welt hinaussendet, sondern in aller Monstrosität auch innerhalb der eigenen Gestade vorlebt, wirkt wie ein wärmender Sonnenstrahl auf die zarten Knospen der vielen, lange Zeit im Winterschlaf der Lethargie verharrten östlichen Überlieferungen. Seine weiterhin zur Schau gestellte Überheblichkeit macht ihn unsympathisch. Und seine koloniale Gnadenlosigkeit wirkt wie das letzte Aufbäumen eines Raubtieres.

Symbolisiert der Islam offensichtlich die erste Linie der antiwestlichen Phalanx, so herrscht doch auch an vielen anderen Orten der Welt eine bemerkenswerte und gewissermaßen metaphysische Aufbruchstimmung. Gerade die kommenden geopolitischen Groß- und Mittelmächte wagen es verstärkt – und entlang ihrer eigenen kulturellen Traditionslinien – eigenständig zu denken. Allerorten bildet sich Widerstand gegen den Globalismus der Entwurzelung, gegen die Habgier im Namen der Freiheit. Nicht nur auf intellektueller Ebene, also in der Form des Streitens, auf die man sich im Westen vorgeblich reduziert, sondern schockierenderweise auch durch offenes, althergebrachtes Hauen und Stechen.

Neben dem pulsierenden Leben der verschiedenen Religionen und Volksgemeinschaften in Brasilien und Indien vollzieht sich auch im europäisch-asiatischen Riesenreich der russländischen Föderation eine spezielle, an die vergangene kaiserliche Reichsordnung erinnernde Entwicklung. Nachdem das Chaos der postsowjetischen Ära überwunden und alle nennenswerten separatistischen Strömungen unter straffe Kontrolle gebracht werden konnten, lockerten sich die Zügel des Kremls hinsichtlich seiner föderalen Subjekte, Völkerschaften und Religionen stetig. Unter der Führung von Präsident beziehungsweise Ministerpräsident Wladimir Putin (russisch-orthodox getauft 1957, abermals 1993) und Präsident Dmitri Medwedew (russisch-orthodox getauft 1988), wurde nicht nur das Verhältnis und die Zusammenarbeit zwischen dem russischen Staat und der russisch-orthodoxen Kirche nach innen wie nach außen verbessert, auch die „Landesfürsten“ in den islamisch und buddhistisch dominierten Subjekten der russländischen Föderation wurden nachdrücklich ermuntert, das religiöse Leben ihrer Gemeinschaften zu fördern und finanziell zu unterstützen. So leben heute in den 46 Gebieten, 21 Republiken, neun Regionen, vier autonomen Kreisen, zwei föderalen Städten und einem autonomen Gebiet des Vielvölkerstaates die verschiedenen Glaubensgemeinschaften in Glaubensfreiheit und relativer Ruhe mit- und vor allem nebeneinander. Auch unter Berücksichtigung des immer noch nicht gänzlich beendeten und teilweise religiös begründeten Konflikts in der 1,3 Millionen Einwohner zählenden autonomen Republik Tschetschenien scheint man sich um das Verhältnis der 100 Millionen Christen und der 20 Millionen Muslime (bei 142 Millionen Gesamteinwohnerzahl) weniger Kopfzerbrechen zu bereiten als in der Europäischen Union mit ihren 300 Millionen Christen und 14 Millionen Muslimen (bei 501 Millionen Gesamteinwohnerzahl). Diese multireligiöse, staatlich geförderte Aufbruchstimmung hebt sich damit sowohl von der atheistischen Praxis in der ehemaligen Sowjetunion als auch von der derzeitigen laizistischen in Europa merklich ab. Die von Verwestlichung und Verweltlichung im Stile des zweiten vatikanischen Konzils verschont gebliebene russisch-orthodoxe Kirche kann ebenso nahtlos an ihr byzantinisch-slawisches Erbe anknüpfen, wie die muslimischen oder tibetanisch-buddhistischen Gläubigen an ihre religiösen Überlieferungen.

Sogar der formal streng atheistische Staatskader der Kommunistischen Partei Chinas hat bereits das segensreiche Wirken des eher religionsphilosophischen Konfuzianismus für sich entdeckt. Der Umgang mit den sonstigen, scheinbar durchaus virulenten Religionsgemeinschaften könnte sich zudem schon bald zu einem Modell der „Einhegung durch Sinisierung“ wandeln, und damit langfristig in den Lehrkanon der chinesischen Nation eingehen. Der derzeitige Streit zwischen dem Vatikan und der chinesischen Regierung über das Recht zur Ernennung von Bischöfen könnte erstes Anzeichen einer solchen Strategie sein. Die über lange Jahre als Brückenkopf des Westens fungierende laizistische Türkei befindet sich mitten in einem Kulturkampf zwischen nationalistisch-atheistischen Eliten und einer aufstrebenden islamisch-osmanischen Erweckungsbewegung. Die ersten Risse im kemalistischen Korsett der Unterdrückung religiöser oder ethnischer Identitäten sind nicht zufällig unter der Regierung Erdogan zu verzeichnen, sie haben islamisch-osmanische Methode. Während sich das zu Zeiten kemalistischer Regierungen betont positive Verhältnis zum westlichen Brückenkopf Israel zunehmend verschlechtert, werden die Bande zu Syrien und Iran, bekanntermaßen zwei Staaten der „Achse des Bösen“, neu geknüpft. Die islamische Republik Iran, mit der Erlöserfigur des verborgenen Imam Mahdi als offiziellem Staatsoberhaupt, scheint trotz aller westlichen Sanktions- und Propagandakriegsführung ihren Einfluss im nahen und mittleren Osten weiter festigen zu können. Der relative Erfolg dieser schiitisch-islamisch und anti-säkular ausgerichteten Politik, denken wir an den Einfluss auf den palästinensisch-israelischen Konflikt oder auf die Gesellschaften im Libanon, Irak und in Afghanistan, symbolisiert für viele Muslime einen Weg der staatlichen Souveränität, der sich auch gegen starken westlichen Druck behaupten kann.

Der dionysische Mensch des Ostens hat die Zeichen der Zeit erkannt, und dies wird in zweierlei Hinsicht negative Auswirkungen auf den Westen haben. Das innere Regiment der östlichen Staaten entfremdet sich weiter vom westlichen Modell und könnte zu ganz neuen, in ihrer politischen und ökonomischen Wucht bisher ungeahnten antiwestlichen Bündnissen führen. Befeuert durch die Berichterstattung der auch im Westen empfangbaren Medien könnte sich außerdem die innere Entfremdung der östlichen Einwanderer zu ihren Gaststaaten weiter verstärken. Der stärker werdende Traditionalismus in der nichtwestlichen Welt erzeugt mittelfristig eine höhere Geburtenrate und damit einen höheren Auswanderungsdruck, was die westlichen Staaten vor noch größere Sorgen hinsichtlich Integration oder gar Assimilation stellt.  Wie reagiert aber nun der Westen auf sein rasant sinkendes Ansehen, auf die Herausforderungen der Masseneinwanderung und die – auch für seine autochthone Bevölkerung – attraktiver werdenden weltanschaulichen Konkurrenzmodelle?

Ganz offensichtlich mit den gleichen Rezepten, die seinem Ruf in der nichtwestlichen Welt bisher schwer geschadet, seine geopolitischen Fähigkeiten überdehnt und ihm die Masseneinwanderung und die damit einhergehenden Probleme beschert haben. Im Gegensatz zu den imperialistischen Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts, welche interessanterweise mit den ebenso interventionistischen Akteuren von heute beinahe identisch sind, „engagiert“ man sich in außenpolitischer Hinsicht in unserer Zeit nicht mehr für den Ruhm der eigenen Nation oder gar die „Bürde des weißen Mannes“. Man streitet für allgemeingültige, gerechte und selbstlose Ziele, und dementsprechend hat auch die Vorstellung vom großen Gegenüber eine Wandlung erfahren. Die ungebildeten und kulturlosen Wilden von gestern sind zu den hilflosen und störrischen Kindern von heute geworden. Wie alle verzogenen Gören gilt es, diese mit der Politik von Zuckerbrot und Peitsche dauerhaft auf Linie zu halten.

Um ungefragt und in jeder günstigen oder nützlichen Situation „Solidarität“ walten lassen zu können, müssen die zur Rechtfertigung herangezogenen Wertmaßstäbe selbstredend eine gewisse Dehnbarkeit aufweisen. Zur Sicherstellung einer Entwicklung hin zu Egalisierung, Säkularisierung und Relativierung steht es dem Westen daher nach eigener Ansicht zu, seine philosophischen Exportgüter nach Gutdünken zu definieren. Diktaturen können zähneknirschend geduldet werden, solange sie das betreffende Volk vor noch größerem Unheil bewahren. Offiziell herbeigesehnte demokratische Wahlergebnisse können verleumdet oder ignoriert werden, wenn sie der angedachten Entwicklung abträglich wären oder Staaten bedrohen könnten, die den Prozess der Verwestlichung bereits vollständig abgeschlossen haben. So ist es nur konsequent, dass der ganz offensichtlich diktatorisch regierende Präsident Ägyptens sich als Unterdrücker antiwestlicher Volksbewegungen und Freund westlicher Großkonzerne über Jahrzehnte massiver Unterstützung erfreuen durfte, während der wiederholt und gemäß verschiedener Untersuchungen rechtmäßig gewählte Präsident des Iran aufgrund seiner antiwestlichen Haltung und seines Kurses der nationalen Souveränität als Diktator und Gefahr für den Weltfrieden dargestellt wird. Der Zweck heiligt auf eine ganz schamlose Weise die Mittel, und alle wohlfeilen Spielregeln gelten nur, wenn sie dem „Ende der Geschichte“ dienlich sind, diesem im neuen Gewande daherkommenden, aber eigentlich uralten, diesseitigen und egalitären Utopia der kirchenfernen, okzidentalen Intelligenz.

Zur Manipulation der Massen reicht den westlichen Eliten allerdings die Instrumentalisierung vermeintlichen oder echten Leides in der zweiten und dritten Welt nicht aus. Um die Politik der politischen und ökonomischen Intervention immer wieder aufs Neue rechtfertigen zu können, ist die Erzeugung eines dauerhaften Feindbildes notwendig – idealerweise in Form eines scheinbar besonders irrational, moralfrei und gesetzlos handelnden Gegners. Dieser Faktor ist auch deshalb für die Beeinflussung der westlichen Öffentlichkeit so wichtig, weil er für die meisten Menschen die Frage zwischen Krieg und Frieden, oder doch wenigstens zwischen Intervention und Neutralität entscheidet, nämlich ob ein Land oder eine Kultur eine konkrete Gefahr für das eigene Land, Leib oder Leben darstellt oder nicht. Denn der gesunde Egoismus der meisten Menschen im westlichen Kulturkreis dürfte einer politischen Forderung nach Intervention zum alleinigen Nutzen des Gegenübers doch in den allermeisten Fällen in die Quere kommen.

Das Hauptfeindbild, die scheinbar größte konkrete Gefahr für den „Western way of life“ ist heute zweifellos der traditionelle, antiwestliche und in diesem Sinne gegenrevolutionäre Islam. Er tritt sowohl als Staatsreligion sunnitischer wie schiitischer Staaten wie auch als Leitmotiv verschiedener nichtstaatlicher und konfessionell verfasster Volksbewegungen und Kampforganisationen auf. Seine Ziele können, regional oder global verortet, vom friedlichen Einsatz gegen empfundene Ungerechtigkeit und Amoralität über die Rebellion gegen unterdrückerische Regierungen bis zur offenen, schrankenlosen und schreckensstiftenden Gewalttätigkeit gegen Andersdenkende reichen. Diese offensichtliche Mannigfaltigkeit der Mittel und Ziele, die je nach Gruppierung sehr unterschiedlich sein können, wird von der westlichen Politik und den westlichen Medien aber in aller Regel ausgeblendet oder verschwiegen. Um sie in den Augen der von den eigenen Religionsbeständen selbst fast gänzlich entwurzelten Menschen des Westens vollständig zu diskreditieren, ja zu dämonisieren, scheut man auch nicht davor zurück, diese 1.400 Jahre alte, in abrahamitischer Tradition stehende Religion in die Nähe der ohne die Aufklärung nicht erklärbaren und gottersetzenden Ideologie des Faschismus zu rücken. Manche Kreise gehen so weit, dieser dem Glauben an einen einzigen und absoluten Gott geweihten Weltanschauung ihr Wesen als Religion vollständig abzusprechen. Dieser groteske Mangel an Differenzierung führt natürlich in der Folge nicht nur zu anwachsendem Groll auf islamischer Seite, sondern auch zu grandiosen Fehleinschätzungen westlicher Strategen.

Betrachtet man die überwiegende Mehrheit der islamischen Staaten und Organisationen, kann eine konkrete Gefahr für unser Leib und Leben oder für die Souveränität unserer Staaten nicht in dem Ausmaße festgestellt werden, das ein solch schrankenloses und weltweites Intervenieren rechtfertigen würde. Mit Ausnahme der sunnitischen Kampforganisation Al-Qaida und einiger weniger Kleingruppen in ihrem Windschatten agieren alle anderen besagten Gruppierungen im Grunde in einem örtlich beschränkten Rahmen, der die Staatsgebiete Europas nur dann betrifft, wenn die Heimat der Organisation sich ebenfalls auf europäischem Boden befindet. Als Beispiel für Letzteres wären die Widerstandsbewegungen im Kosovo und in Tschetschenien zu nennen. Im Kontrast dazu handeln aber weder die palästinensischen, libanesischen, irakischen, afghanischen oder pakistanischen Kampfgruppen in Form einer weltweiten Ausübung von offener Kriegsführung oder verdeckten Terroranschlägen. Sie sind meist auf das Gebiet ihres eigenen Staates beschränkt, in Grenzfällen auch übergreifend auf das Staatsgebiet benachbarter Länder. Letzteres ist sicherlich nicht selten darin begründet, dass die Grenzziehung der alten imperialistischen westlichen Mächte viele Volksgruppen oder Konfessionen auf die Staatsgebiete mehrerer Länder verteilt hat. Ihre eigene Legitimation beziehen besagte Kampfgruppen keineswegs nur auf der Grundlage der Verbreitung der islamischen Religion, sie sind nicht selten auch genuin patriotische Organisationen.

Begibt man sich auf die Suche nach einer wirklich weltweit agierenden Kampforganisation, die auch vor Anschlägen auf europäischen Staatsgebieten nicht zurückschreckt, bleibt eigentlich nur die merkwürdigste aller Organisationen übrig, die sogenannte Al-Qaida. Sie erfüllt alle Kriterien, die für ein perfektes Feindbild des Westens benötigt werden. Sie kämpft weltweit und für offensichtlich so unhaltbare wie fanatische Ziele, sie attackiert nicht nur bevorzugt, sondern oft auch grundlos die Zivilbevölkerung. Ihre geschätzt 2.000 bis 3.000 aktiven Kämpfer und ihre in unzugänglichen und uneinnehmbaren Bergfesten hausenden Anführer scheinen für die mit allmächtigen technischen Mitteln ausgestattete westliche Militärmacht nicht nur ungreifbar, sondern auch unauffindbar. Der nach zehnjährigem „Bemühen“ nunmehr, mitten in der schwierigsten Phase der Amtszeit des derzeitigen US-Präsidenten geglückte Mord an Osama bin Laden wirft dabei mehr Fragen auf, als er Antworten geben kann. In jedem Fall wurde der meistgesuchte Terrorist der Welt um die Möglichkeit gebracht, den amerikanischen Gerichten Rede und Antwort zu stehen, und einen Teil des Schleiers um dieses angeblich weltumspannende Netzwerk zu lüften. So bleibt uns weiterhin nur die Erkenntnis, dass […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 113.


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