08. Juli 2011

Cy Twombly Kunst ohne Können

Des Kaisers neue Schneider haben einen Stoffmacher verloren

Vor Jahren hatten Freunde den Autor dieser Zeilen überredet, in der Berliner Neuen Nationalgalerie eine Ausstellung von Werken Cy Twomblys zu besuchen. Während er etwas ratlos die angefärbten Stoffe betrachtete, kam eine Familie mit einem etwa fünfjährigen Knirps vorbei. Plötzlich stellte sich der Junge vor eine der Leinwände auf und verkündete ohne einen Anflug von Zweifel und für alle Anwesenden hörbar: „Das ist ja alles nur Krickelkrackel!“ Kindermund tat Wahrheit kund. Manchmal werden Märchen eben doch wahr. An diese kurze Episode musste der Autor denken, als am 5. Juli der Tod des in vielen Kreisen gefeierten Künstlers gemeldet wurde.

Helmut Schoeck, Verfasser des Bestsellers „Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft“, schrieb Mitte der achtziger Jahre das Spätwerk „Die zwölf Irrtümer unseres Jahrhunderts“. Darin setzte sich der Soziologe unter anderem mit dem Phänomen „Kunst ohne Können“ auseinander, wobei er sich auf das Beispiel Joseph Beuys konzentrierte. Seine Aussagen über die Rezeption des damaligen Stars der deutschen Kunstszene passen jedoch fast aufs Haar auf die schwärmerischen Aussagen über die Werke des soeben verstorbenen Meisters der Kritzeleien und Klecksereien.

Schoeck zufolge konnte Beuys sein Publikum nur deswegen „leimen“, „weil ein paar professionelle Kunstkritiker in bedeutenden Medien ihn ernst nehmen oder aus Feigheit so tun. Jeder Zweifel an ihrem Urteil wird mit der elitären Antwort erstickt: Sie sind kein Kunstkritiker. Sie haben nicht einmal Kunst studiert. Was Kunst ist, bestimmen wir, die berufstätigen Kunstkritiker!“ Dummerweise für sie wurde dieser überhebliche Standpunkt von ihrem Schützling selbst untergraben, der nämlich erklärte, dass jeder Mensch ein Kunsterzeuger sei. Wenn aber, so schloss Schoeck messerscharf, „grundsätzlich jeder Mensch mit dem eigenen Tun, sofern es ihm beliebt, es so zu nennen, Kunst erzeugt und als Künstler wirkt, dann kann sich auch grundsätzlich jeder Mensch als Kunstkritiker äußern.“

Der Erfolg von Beuys und Konsorten beruhe, so Schoeck, auf einen Kunst- und Kulturbetrieb, der in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren „süchtig auf die geistige Deformation geworden war, wie ja auch sonst viele um jene Zeit.“ Die als Kunst fehlbezeichneten Sperrmüllanhäufungen von Beuys „passten zu den sechziger und siebziger Jahren. Die Schlagwörter der Epoche machten, wenn zu einem Exponat heruntergeleiert, aus jedem Mist eine Offenbarung, und komme sie aus Fett und Filz oder aus einer verschmutzten Kinderbadewanne.“ Oder eben aus infantilen Kritzeleien und Schmiereien wie die Cy Twomblys.

Schoeck beschrieb ferner, welchen einfachen Trick die Apologeten Beuys einsetzten, „um aus jedem billigen Witz etwas Erhabenes zu machen“. Zunächst wurde „irgendein Name mit höchstem Bekanntheitsgrad“ erwähnt, zum Beispiel Dürer oder Leonardo da Vinci. Als nächstes wurde behauptet, „bei diesem Künstler habe sich etwas getan oder angedeutet, was seither verloren ging oder verschüttet wurde. Dabei macht es sich gut, wenn man diese Behauptung mit einem zivilisationspessimistischen Seufzer schmückt, der mit Namen wie Husserl oder Heidegger eingerahmt wird.“ Dann kam „der Sturz vom Erhabenen zum Lächerlichen, den auch nur wahrzunehmen fast keiner mehr wagt“: Es wurde behauptet, „die Größe, die Bedeutung von Beuys bestünde darin, dass er am Tiefpunkt unseres Menschseins um 1960 begonnen habe, mit den zu diesem Zeitpunkt einzig angemessenen Mitteln – wie Filz, Fett und Sperrmüll – das wieder aufzubauen, was seit Dürer oder Leonardo da Vinci verschüttet worden sei oder was selbst diese, weil bereits am Eingang zum heutigen Jammertal stehend, gar nicht mehr hätten vollbringen können.“

Ganz so durchtrieben gingen und gehen die Apologeten des zurückhaltenden und schüchternen Cy Twombly nicht vor. Aber Versuche, den Amerikaner unzulässig mit echten Künstlern in einem konzeptionellen Zusammenhang zu bringen, gibt es dennoch. So schreibt Hans-Joachim Müller in seinem Nachruf auf Twombly in der „Welt“: „Und der Blick versank in den milchstraßenartigen Farbwolken und Linienfluchten, die wie Leuchtspuren schlingernder Meteoriten durch den Bildraum stieben, und man kam sich vor wie das Mönchlein am Meer, über das Caspar David Friedrich aus Himmel und Abend eine große Kathedrale getürmt hat. Und keiner, der in solchen Augenblicken hätte wissen wollen, was das alles zu bedeuten habe. Selten einmal ist Malerei so sehr reine, sich selbst genügende Poesie gewesen.“

Manchmal machte es Twombly seinen Schneidermeistern leicht, ihn mit echten Künstlern auf eine Ebene zu setzen. Etwa wenn er ein Bild, das irgendwie an eine Höhle erinnert, „School of Athens“ nannte. Samuel Herzog nahm in seinem schwärmerischen Nachruf in der „NZZ“ diesen Köder gerne an: „Mit ausladenden Bleistift-Gesten hat Twombly hier vage eine Architektur skizziert, in der wir das zentrale Gewölbe aus Raffaels berühmter «Scuola di Atene» (1511) wiedererkennen können. Mit wenigen Strichen deutet er ausserdem eine Art Zentralperspektive an, wie sie das Fresko in den Stanzen des Raffael im Vatikan charakterisiert.“ Begeistert weist uns Herzog außerdem darauf hin, dass man unter dem „Bleistiftgewölbe“ zwei kleinere Ovale mit den Namen „Aristotele“ und „Platon“ erkennen kann. Immerhin gibt er wenigstens leicht verschämt zu, dass Twomblys Werke oft an Kritzeleien „erinnern“.

Oft durften wir von den modernen „Schneidern des Kaisers“ vernehmen, wie sehr sich Twombly von griechischer und römischer Mythologie, von der Geschichte und Geographie des Mittelmeers beeinflussen ließ – was beim Empfänger dieser Botschaft vielleicht innere Bilder von raffinierten Skulpturen, Vasen- und Mosaikbildern der Antike heraufbeschwört, oder auch von Gemälden aus der italienischen Renaissance, etwa die Geburt der Venus von Botticelli. Oder die Mona Lisa, womit wir wieder bei Leonardo da Vinci wären.

Neben „School of Athens“ tragen tatsächlich viele Werke Twomblys Titel, die auf einen „Mittelmeer-Einfluss“ hindeuten. Zum Beispiel sein „Lepanto“-Zyklus. Die Schlacht von Lepanto im Jahr 1571 ist von größter Bedeutung für die Geschichte Europas und Vorderasiens. Strategisch einerseits, aber auch psychologisch. Erstmals war hier die Galeerenflotte des Osmanischen Reiches besiegt worden. Diese laut Wikipedia „größte Galeerenschlacht der Geschichte“ ist also sozusagen historisch die nautische Entsprechung der Belagerung Wiens. Es gibt von diesem Ereignis einige zeitgenössische Bilder, die von einem Können zeugen, die der historischen Bedeutung des Ereignisses entspricht. Von Planung, Arbeit, Mühe und Geduld des Werkschöpfers. Von vermutlich Jahrzehnten vorangegangener Übung. Cy Twombly dagegen hat das Kunststück geschafft, Bilder von dieser Schlacht zu machen, die ein geübter Dreijähriger hätte zustande bringen können – und sich dafür in höchsten Tönen loben lassen.

Zum Beispiel von Nikolai B. Forstbauer in den „Stuttgarter Nachrichten“. Der zwölfteilige Lepanto-Reigen sei „gemaltes Hoffen und Verzweifeln, farbig lustvoll im Detail, zeichenhaft aber doch im Ganzen. Gedankennotizen zu einer Seeschlacht im Golf von Korinth. Mit wenigen Strichen angedeutete Schiffe fahren auf türkisfarbener See hinaus - und verwandeln sich bald in rot glühende Todesboten. Twombly zerstört den Mythos des Sieges der spanischen, venezianischen und päpstlichen Trupen über die osmanische Flotte nicht, er reiht das Drama vielmehr ein in den Jahrtausende währenden Kampf um die Vorherrschaft im und am Mittelmeer.“ Entfernt man den historisch-konkreten Anlass, passt diese Aussage auf jedes ausdrucksstarke Kinder-Kriegsbild. Man kann Twombly also immerhin zugestehen, dass er sich in die Gefühlswelt eines ausgebomten Kindes versetzen konnte.

Vor 26 Jahren schrieb Schoeck über unkritische Kunst-„Kritik“: „Bezeichnend ist nun, dass im Bereich der heutigen bildenden Kunst (ohne Können) so gut wie keiner gegen diesen offensichtlichen Unfug und die Verhöhnung seiner Intelligenz protestiert, während fast jeder sofort loslachen würde, wenn man den gleichen Trick mit Werken der Wortkunst versuchte.“ Als Beispiel führte der Soziologe einen Aufsatz in der „Süddeutschen Zeitung“ von Peter-Klaus Schuster an, damals Referent für deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Dieser hatte darin das Werk Dürers mit dem von Beuys verglichen und geschrieben: „Um dieses Gefühl einer ursprünglichen Einheit wiederzuerwecken, arbeitet Beuys mit betont armseligen Materialien wie etwa mit Filz, Fett, toten Tieren und Abfall, die bisher kaum kunstwürdig waren und die sich nicht unmittelbar rational definieren lassen. Diese Materialien haben vielmehr einen reichen Assoziationsüberschuss und werden von Beuys intuitiv, ja häufig mit gerdezu provozierender Absurdität verwendet zur Verdeutlichung höchst einfacher polarer Gegensätze wie Wärme und Kälte“.

Dazu Schoeck: „Wir sehen: Fast alles, was die offizielle Kunstkritik zum Ruhme von Beuys sagt, taugt auch wörtlich dazu, einem heutigen Philosophen oder Dichter, der nur Serien von da, da, da, da, drucken lässt, zu bescheinigen, dass er in direkter Linie zu Platon, Leibnitz oder Shakespeare stehe, aber eben nur mit armseligen und absurden Silbenhäufchen arbeiten könne, damit jeder Leser sich aus dem ‚reichen Assoziationsüberschuss‘ als Dichter und Philosoph selber betätigen kann.“ Für Schoeck war Beuys nicht der Revolutionär, als den er sich oft darzustellen versuchte, sondern „der billige Bluff einer in Galerien und Redaktionen etablierten Schickeria, die uns für dumm verkauft.“

Was ist der Grund für diesen Bluff, der sich im Fall Twomblys ja offenbar fortsetzt? Schoeck vermutete, dass der Schlüssel zum Phänomen „auch ohne Können ist es Kunst“ eine seit Mitte der sechziger Jahre zu beobachtende „gegenseitige Umarmung“ ist – eine Umarmung nämlich von Kunst wie sie damals „Beuys und andere anzubieten begannen“ einerseits und von „sozial-liberalem, egalitärem und permissivem Reformgeist“ andererseits. Es sei kaum ein Zufall, vermutet Schoeck, dass „die Kunst von Beuys und Genossen genau zu einer Epoche passt, die Verweigerung, Verhöhnung und Bestrafung von Leistung auf ihr Banner schrieb“.

Mit Twombly ist am 5. Juli 2011 im Alter von 83 Jahren ein nach allem, was zu hören ist, schüchterner, zurückhaltend-freundlicher Mann dahingeschieden, der keinem je etwas zuleide getan hat. Wer für seine Bilder Millionen ausgab, die heutigen „Kaiser“ also, ist selbst schuld. Schade nur, wenn es Steuergelder waren. Seine Familie verdient unser Mitgefühl. Der Hype um seine überbewertete Kunst jedoch ist Zeugnis einer Kultur, der die Bewunderung echter Leistung systematisch ausgetrieben worden ist. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder von heute uns weiterhin darauf aufmerksam machen, was der Monarch von heute wirklich trägt.

Internet:

Raffael: Die Schule von Athen

Cy Twombly: School of Athens

Die Schlacht von Lepanto, von einem zeitgenössischen, anonymen Maler

Cy Twomblys Lepanto-Zyklus

„Ein Nachruf auf den großen Maler Cy Twombly“ („Die Welt“)

„In den Vorstädten des Verstandes“ („NZZ“)

„Die Spur ist eine Gebärde“ („Stuttgarter Nachrichten“)


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