06. Juni 2011

Property and Freedom Society Radikale Gedanken im etablierten Salon

Ein Fixpunkt im libertären Jahreskalender

Vor sechs Jahren fand die erste Tagung der „Property and Freedom Society“ statt. Inzwischen hat der Präsident und Gründer der PFS, Professor Hans-Hermann Hoppe, für die dreitägige Veranstaltung, die Ende Mai wieder im türkischen Bodrum stattfand, ein dem intellektuellen Gedankenaustausch sehr förderliches Format entwickelt: Ein oder zwei jeweils halbstündige Reden, gefolgt von 15-minütigen Kaffeepausen; drei Reden Vormittags, drei Nachmittags, und zum Abschluss eines Tages eine ein- bis eineinhalbstündige gemeinsame Diskussionsrunde der Redner des Tages mit dem Publikum. So bleibt viel Raum für eigene Gedanken und viel Zeit für informelle Gespräche nebenher. Dieser entspannte Tagungsablauf im sehr angenehmen Ambiente des Karia Princess Hotels, für das die Eigentümerin, Hoppes Ehefrau Dr. Gülcin Imre, wie gewohnt meisterhaft sorgte, garantierte den gewohnt lebhaften Austausch von Ideen und diente dem gegenseitigen Kennenlernen von Gleichgesinnten weltweit. Neben den dominierenden Europäern und Nordamerikanern waren Mitglieder und Gäste aus Ostasien, Australien und Südamerika dabei. Hoppe kann zu Recht stolz sein: Sein ausdrücklicher Anspruch, einen exklusiven, „kompromisslos intellektuell radikalen“ Salon für Austro-Libertäre anzubieten, die in der Tradition Ludwig von Mises und Murray Rothbard stehen und Fürsprecher einer staatenlosen natürlichen Ordnung sind, hat sich erfüllt. Der ef-online-Kollege Andreas Tögel hat bereits vor einigen Tagen auf dieser Seite über einige Beiträge auf der diesjährigen Konferenz berichtet. Es folgen hier weitere Kurzdarstellungen anderer Reden.

Doug French, der Präsident des amerikanischen Mises Institute, wartete am ersten Tag der Versammlung mit der provokanten These auf, dass es ethisch vertretbar sei, die Zahlung von Hypothekenschulden einzustellen und wegzuziehen, wenn offenbar wird, dass der reale Wert des Eigentums die Summe der Hypothek dauerhaft unterschritten hat. Seit Beginn der Finanzkrise haben sich viele Familien in Amerika auf diese Weise der Zahlungsverpflichtung entzogen. French wies darauf hin, dass größere Unternehmen rechtlich keinerlei Probleme haben, sich auf diese Weise von ihren Hypothekenschulden zu lösen. Sie berufen sich einfach auf ihre „Treuepflichten“ gegenüber ihren Anteilseignern, Angestellten und so weiter. Doch auch Individuen hätten „Treuepflichten“, argumentiert French, nämlich gegenüber ihren Familien. Hinzu kommt, dass der Hypothekenmarkt alles andere als frei sei, sondern verzerrt von staatlich gestützten Großunternehmen wie Freddie Mac und Fannie Mae. Die Mittel, mit denen diese Unternehmen die Gebäude bezahlten, die sie später in Form von Hypotheken verkauften, waren Steuergelder, also ethisch fragwürdig. French verglich das „walk away“-Phänomen mit einem Beispiel in Rothbards Buch „Ethik der Freiheit“: Ein Schauspieler, der einer Veranstaltung fernbleibt, auf der er aufzutreten versprochen hatte, kann nicht verplichtet werden, zu einem späteren Zeitpunkt aufzutreten, denn das wäre Sklaverei. Er kann auch nicht gezwungen werden, die Ausgaben der Veranstaltungsorganisatoren zu begleichen, denn er hat lediglich etwas versprochen, was allein von seinem Willen abhängt. Der Schauspieler hat in diesem Beispiel noch keine Gage erhalten. Ebenso ziehen die Hypothekenverweigerer weg und überlassen das Eigentum dem Hypothekenempfänger.

Stephan Kinsella unterbreitete in seiner Rede eine Reihe von „Korrekturen einiger häufiger Irrtümer unter Libertären“. Zum Beispiel sei die Frage, ob bei Rechtsbruch Strafe oder Wiedergutmachung die angemessene Antwort sei, eine Scheinfrage, denn auch die Wiedergutmachung basiere auf der fundamentaleren Grundlage des Rechts auf Bestrafung.

John Derbyshire ist professioneller Pessimist – eines seiner Bücher trägt den Titel „We Are Doomed: Reclaiming Conservative Pessimism“. Der Autor hat mehrere Jahre in China und anderen Ländern des fernen Ostens verbracht und ist mit einer Chinesin verheiratet. China sei grundsätzlich „ohne Boden und ohne Fakten“, also „unwissbar“. Trotzdem scheute sich der gebürtige Brite mit amerikanischem Pass nicht, eine Reihe von Fakten über das Reich der Mitte zu unterbreiten. Der entscheidende Unterschied zwischen China und dem Westen sei, was nach ihren größten Zusammenbrüchen passierte. Im Westen siegte nach dem Fall des Römischen Reiches „die Gesellschaft über den Staat.“ In China, das im dritten vorchristlichen Jahrhundert eine ähnlich katastrophale Umwälzung erfuhr, erlebte der Staat dagegen eine erfolgreiche Wiederauferstehung.

Das wirkliche Wunder des modernen Chinas sei kein wirtschaftliches, sondern ein „Staatskunstwunder“. Doch wie lange kann es gutgehen? Derbyshire gab zu, sich mit einer Prognose im Hinblick auf China schon einmal geirrt zu haben. 1989 meinte er noch, die kommunistische Partei könne sich höchstens noch ein paar Jahre halten. Dennoch wagte der Kolumnist des „National Review“ vergangene Woche die Vorhersage, dass in nicht allzuferner Zukunft das Riesenreich im Osten auseinanderbrechen wird. Ein Viertel der Bevölkerung sei tibetisch, ein Sechstel turkisch, ein Zehntel mongolisch. Das Gebiet der Mongolen sei von den Chinesen stark kolonisiert, weshalb von dort keine nationalistische Regung zu erwarten sei. Die Tibeter und Turkvölker dagegen sind nicht nur weit weniger kolonisiert worden, sondern auch sehr nationalistisch eingestellt und somit eine echte Gefahr für den Zusammenhalt der chinesischen Volksrepublik. Zu den kommenden Spannungen wird beitragen, dass die Minderheiten von der Ein-Kind-Politik ausgenommen sind, referierte Derbyshire weiter. In den nächsten acht bis zehn Jahren werde das Bevölkerungswachstum Chinas zum Stillstand kommen und von da an rückläufig sein. Bereits jetzt sei die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter rückgängig. Ein Auseinanderbrechen wäre ein Segen für China, das sehr wohl eine offene und freie Gesellschaft werden könne, jedoch nur, wenn es sein Imperium aufgibt. Eine Auffassung, mit der Derbyshire nach eigenen Angaben in China nur auf Ablehnung stößt. Doch eine historische Parallele lasse sich im Land des Tagungsortes erblicken: Auch die Türkei konnte erst nach Aufgabe ihres Reiches eine relativ offene und freie Gesellschaft werden. Ob dies China mit weniger Blutvergießen gelinge, könne derzeit nur gehofft werden.

Zum Thema Osmanisches Reich und Übergang zur modernen Türkei referierte der türkische Journalist Mustafa Akyol. Der – westliche – Nationalismus habe das Osmanische Reich zerstört, in dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts alle Bürger, egal welcher Herkunft und Religion, gleichgestellt worden waren. Weil Großbritannien und Frankreich versucht hatten, die gesamte Türkei in Einflusssphären aufzuteilen, geriet unter Kemalisten tragischerweise der Liberalismus, und nicht etwa der Nationalismus, als „westliche Idee“ in Verruf. Spannend an der heutigen Türkei sei eine Modernisierung, die nicht automatisch Verwestlichung bedeutet. Akyol berichtete von einer jetzt neu entstehenden, urbanen, aber islamischen, kapitalistischen Mittelschicht. Deren Frauen wollen zwar Kopftücher tragen, aber nicht nur zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen, sondern sich ausbilden lassen und in gut bezahlten Jobs arbeiten. Sie trinken zwar keinen Wein, dafür aber Kaffee bei Starbucks. Im Hinblick auf das Nationalitätenproblem in der Türkei empfahl Akyol anstelle der Schaffung neuer Staaten eine Schwächung der Rolle des Staates. Hoffnungsvoll stimme ihn daher die aktuelle Forderung des türkischen Außenministers, durch Abschaffung des Visazwangs für Jordanien und Syrien den freien Handel und die Reisefreiheit zu stärken.

Sean Gabb überraschte die Versammlung mit einer ungewöhnlichen, aber schlüssigen Perspektive auf die Amerikanische Revolution von 1776. Wenn man davon ausgeht, dass menschliches Handeln von rationalen Überlegungen gesteuert wird, so der englische Historiker, dann müsse man untersuchen, ob die Weigerung der britischen Regierung, amerikanischen Kolonisten gleiches Mitspracherecht bei der Besteuerung zuzugestehen, mehr war als blinde „Tyrannei“, wie es oft in amerikanischen Texten über jene Zeit heißt. Die westatlantischen Kolonien wollten ihre eigenen, gleichrangigen Repräsentantenhäuser, die selbständig über die Besteuerung ihrer Wähler entscheiden sollten. Aufgrund der Besonderheiten der ungeschriebenen britischen Verfassung gab es jedoch laut Gabb einen rationalen Grund dafür, dass das Parlament in London die übergeordnete gesetzgebende Körperschaft bleiben wollte. Es wurde nämlich befürchtet, dass der Monarch irgendwann anfangen könnte, die Parlamente in den Kolonien gegeneinander und gegen das Londoner Parlament auszuspielen. Damit wären erst hundert Jahre zuvor teuer erkaufte Freiheiten in Gefahr geraten. Dies wurde den Amerikanern nicht klar genug erklärt, räumte Gabb ein. Man verhielt sich in London also unklug und undiplomatisch gegenüber den Kolonisten, nicht aber tyrannisch.

Der Philosoph Paul Gottfried erklärte in seinem Referat darüber, wie die Linke die Rechte eroberte, dass die Linke in den USA und der westlichen Welt inzwischen die dominante, ja die einzige Ideologie geworden sei. Die Linke sei in dem Maße erfolgreich, wie sie christliche Teleologie, den Glauben an ein paradiesisches Endziel, übernommen hat, erklärte Gottfried auf Nachfrage. Für ihn bedeutet „rechts“ zu sein, den Glauben an die Gleichheit aller Menschen abzulehnen. „Naturrecht“ reiche als ideologisches Gegenmittel gegen die linke Hegemonie nicht aus, da Natur vom Menschen änderbar ist. Pessimistisch fügte Gottfried hinzu, die Linke sei unaufhaltsam und werde es bleiben, bis der Westen von anderen Völkern besiedelt wird. Die „konservative Kulturrevolution“ in Amerika mit Reagan war in Wirklichkeit nur eine kurze Unterbrechung der Bewegung Amerikas nach links. Auch der gegenwärtige amerikanische Militarismus sei kein Zeichen eines konservativen Aufbruchs. Schon unter George W. Bush sei er ein linker Militarismus gewesen, da er sich der Ausbreitung der Demokratie, des Feminismus und des Multikulturalismus widme. Auffällig sei auch, dass die Antikriegsbewegung nur dann aktiv ist, wenn der Präsident ein Republikaner ist. Die Republikaner seien nur rhetorisch „rechts“. Für die Medien dagegen sei es zwar ganz nützlich, die Politik in Rechts und Links aufzuteilen. Doch wenn die Republikaner an der Macht sind, setzten diese die Bewegung nach links einfach fort, weil auch sie die Rolle des Staates in vielen Bereichen stärken wollen. Nur die thematische Schwerpunktsetzung sei eine andere als bei den Demokraten. Dieses Treiben nach links kann nur durch eine Zerstörung des Staates gestoppt werden, so Gottfried. Wenn dies geschieht, müsse der Zentralstaat von örtlichen Verwaltungen und dezentralisierten Machtstrukturen ersetzt werden. Und dies wiederum könne nur effektiv sein, wenn die dezentralisierten Regionen die Einwanderung selbstbestimmt kontrollieren können.

Das Stichwort von der Gleichheit griff Anthony Daniels in seiner Rede auf. Chancengleichheit habe sich genau deswegen zu einem Hauptziel des Staates entwickelt, weil sie im Grunde unerreichbar ist. Es sei genau diese Unerreichbarkeit, die eine Ewigkeitsgarantie für staatliche Eingriffe erzeuge.

Professor Hoppes Ziel ist es, dass die jährliche PFS-Versammlung als die „beste ihrer Art“ gilt und sich als fester Bestandteil des internationalen libertären Kalenders etabliert. Dass dieser Status inzwischen erreicht ist, lässt sich vielleicht am besten daran erkennen, dass nach Abschluss der Konferenz in diesem Jahr ein prominenter Gast, nämlich der erwähnte Doug French, und seine Partnerin Deanne Forbush es sich nicht nehmen ließen, alle Teilnehmer der PFS-Tagung zu ihrer rauschenden Hochzeitsfeier einzuladen – die, selbstverständlich ebenfalls auf dem Gelände des Karia Princess Hotels, bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Videos der erwähnten und weiterer Reden während der sechsten Tagung der Property and Freedom Society sind unter dem ersten unten stehenden Link zu finden.

Internet:

Videos: 2011 Conference of the Property and Freedom Society, filmed by Sean Gabb

Andreas Tögel: Im Zeichen der Krise – 6. Konferenz der “Property and Freedom Society”

Homepage der Property and Freedom Society


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