30. Mai 2011

Griechenland, der Euro und die Neue Drachme Rebellion der Beschenkten

Arme Schweine und poor PIIGS in ähnlichen Nöten

Das aktuelle Szenario um Griechenland, den Euro und die Neue Drachme hat auf den ersten Blick etwas Surreales. Lange hatte man geglaubt, die sogenannten Geberländer innerhalb der EU würden sich als erste zu denjenigen entwickeln, die dem Spuk der Einheitswährung ein Ende bereiten. Denn wer wirft sein hart erarbeitetes Geld schon gerne in das oft zitierte Fass ohne Boden?

Doch nachdem die einschlägigen Kreise alle maßgeblichen Akteure und Steuerzahler in den Geberländern nach den exquisitesten Regeln der ideologischen Kunst dorthin manipuliert hatten, das Transferzahlen für gut und gesund zu halten, bricht die Umverteilungsstatik nun zuerst an ganz unvermuteter Stelle: Es sind die beschenkten Nehmer, die nicht mehr mitspielen wollen!

Griechenland kommt den vorgestellten Mitwirkungspflichten zum Transfererhalt nicht mehr nach – andere PIIGS in ähnlicher Lage dürften folgen. Die EU kann den Euro-Zug also im Ganzen makroökonomisch einbremsen so viel sie will: Nicht einmal bei seiner insgesamt verlangsamten Geschwindigkeit reichen die Kräfte der Schwächeren, den Anschluss zu halten. Der Wunsch zur befreienden Sezession erwächst ausgerechnet bei denen, die sich doch eigentlich in der komfortablen Rolle der Beschenkten glaubten, mehr noch, die sich diese vermeintlich günstige Lage durch listige Manipulation gezielt ergattert hatten.

Jene eigenwilligen Fliehkräfte aus dem Umverteilungstransfer zwischen den EU-Volkswirtschaften finden wiederum eine bemerkenswerte Parallele an ganz anderer, unvermuteter Stelle: Auch in der sozialstaatlichen Binnenumverteilung unter Deutschlands Bürgern ist der natürliche Impuls, permanente Steuer- und Abgabenerhöhungen für ungesund zu halten, durch jahrzehntelange Meinungsmache konsequent unterdrückt und den Menschen aberzogen worden. Wer dort zweifelt, ob das Hergebenmüssen von mehr als der Hälfte des eigenen Fleißes an das staatliche Kollektiv noch normal ist, der wird sogleich als eiskalter Sozialrambo niedermoralisiert. Steuersenkungen zu fordern, gilt hierzulande bekanntlich schon als unethisch. Gemeinsinn reduziert sich auf die einfache Formel: Schweige und zahle!

Doch just auch hier, im inländischen Mitteltransferieren, scheitert das Umverteilungssystem zunehmend an seiner Nehmerfront. Während sich die Steuergeber resigniert fiskalisch rupfen und zupfen lassen, wächst auf der gegenüberliegenden Seite der Unwille der Beschenkten, sich in ihre Mitwirkungslasten des Ausfüllens von exzessiven Formularen und des Nachweises von Leistungsvoraussetzungen zu fügen. Analphabeten verlaufen sich im Niemandsland zwischen Sozialhilfe, Sozialversicherung, Unterhaltssicherungsgesetz und Grundsicherung. Überforderte Verwaltungsangestellte straucheln im unertastbaren Dreieck aus Arbeitslosengeld eins, Arbeitslosengeld zwei und Hartz vier. Aufstiegswillige Handwerksburschen irren durch Berufsausbildungs- und Arbeitsförderung. Bauarbeiter stehen begossen in einem Regen aus Schlechtwetter-, Winterausfall- oder Saison-Kurzarbeitergeld.

Wen kann bei alledem wundern, wenn die notwendige Mittelbeschaffung durch die Benachteiligten und Zukurzgekommenen bisweilen auf dem Weg der schlanksten Selbstverwaltung vor sich geht? Statt des Bewilligungsformulars FAQ (mit den Anlagen QA und TQM, unter Beifügung einer beglaubigten Abschrift der letzten drei Ablehnungsbescheide und einer eidesstattlichen Versicherung über die getrennte Haushaltsführung mit X) ergreift manch‘ Langzeitarbeitsloser Y am Ende doch lieber einfach die fremde Handtasche der überalternden, doch relativ noch immer bessergestellten Bevölkerung und entnimmt ihr seinen Bedarf schlankweg unmittelbar. Das spart nicht nur lästige Behördengänge und macht frei von stundenlangem Warten auf Amtsfluren. Der Kunde muss insbesondere die kargen Öffnungszeiten seiner Wohltat-Agentur nicht beachten. Im Gegenteil: Gerade in der Dunkelheit nach Dienstschluss lassen sich jene unbürokratischen Ressourcen am ehesten heben.

Die Sezession der jeweiligen Nehmerseiten aus den inner- und zwischenstaatlichen Umverteilungsunionen mit ihren anstrengenden Rollenerwartungen auch an den Empfänger folgt somit in allen Erscheinungsformen schlicht der individuellen Handlungsoptimierung des Darbenden. Warum sollte ein Huhn kompliziert Körner beantragen, wenn sie sich augenscheinlich allerorten einfach picken lassen? Schließlich ist an allen Hühnerställen ohnehin plakatiert, dass jedem Huhn sein Korn doch zusteht!

In den dunklen Gassen neben den Bahnhöfen geschieht daher im Prinzip des Nachts nichts anderes als zwischen den nationalen Volkswirtschaften der Euro-Staaten: Die Verlierer rebellieren gegen ein System, das ihnen nicht wirklich nützt. Tragisch daran ist: Die Re-Bellion, also der Rückfall in den kriegerischen Habitus, ist just die Konsequenz von Handlungssystemen, die von sich selbst behaupten, befriedend zu wirken. Merke: Gut gemeint ist und bleibt das Gegenteil von gut.


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