24. Mai 2011

Frauenquoten Wirtschaft im Schatten der Keule

Gleichberechtigung ist out, es lebe die Gleichstellung

„Der Mann hatte von Anfang an keine Chance“, so der Partner einer großen Personalberatung über G. Die Headhunter hatten für einen deutschen Konzern nach einem neuen Personalvorstand gesucht. G. war der am besten qualifizierte Kandidat: Examen mit Prädikat, knapp zehn Jahre Personalverantwortung in verschiedenen Unternehmen und dabei beste Zeugnisse, drei Jahre in verantwortlicher Position in China und gleichzeitig noch den MBA gemacht. „Um eine Chance auf den Posten zu haben, hätte ich ihm eigentlich nur einen Rat geben können“, erklärt der Headhunter gegenüber der „Wirtschaftswoche“: „eine Geschlechtsumwandlung.“

Bei Behörden, bei den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, in Hochschulen und in Parteien sind seit langem festgelegte Quoten der Führungspositionen für Frauen reserviert. Männer werden dort bei Einstellungen und Beförderungen übergangen, wenn die Frauenbeauftragte das so will. Vor einigen Jahren begann die Politik europaweit, diese Praxis auch auf die „freie“ Wirtschaft auszudehnen. In Norwegen zwang der Staat bereits 2003 den Unternehmen eine Frauenquote für Aufsichtsräte auf – was dazu führte, dass nur 70 Frauen 300 Aufsichtsratsposten halten. In Frankreich bestimmte das Parlament kürzlich, dass in sechs Jahren zwei von fünf Vorstandsmitgliedern weiblich sein müssen. Doch bislang werden Frauenquoten nur national erzwungen und nicht flächendenkend in der EU. „Wenn bis Ende 2011 nichts geschieht, müssen wir über gesetzliche Quoten nachdenken“, drohte daher Viviane Reding, EU-Kommissarin für Justiz- und Gleichstellungsfragen, bereits im letzten Jahr.

In den Aufsichtsräten der 30 DAX-Konzerne sitzt zwar auf fast jedem siebten Sessel eine Frau. Das reicht der Politik jedoch nicht: Die meisten dieser Frauen sind über ihre Gewerkschaftszugehörigkeit zu diesen Posten gekommen. Und besonders in den Vorständen soll nach dem Willen der Politik ein höherer Anteil Frauen vertreten sein; bislang sind diese nur bei Siemens, Eon und SAP zu finden. Die Frauen der Unions-Fraktion im Bundestag hatten daher im Juli letzten Jahres ein Plansoll von 30 Frauen in den Vorständen der DAX-Unternehmen gefordert. Im Januar machte sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) diese Forderung zu eigen und stellte den Unternehmen ein Ultimatum: Wenn sie nicht „freiwillig“ innerhalb von fünf Jahren mindestens drei von zehn Vorstandsposten mit Frauen besetzt hätten, würden sie mit gesetzlichen Strafen dazu gezwungen. Erst als Bundeskanzlerin Angela Merkel durch ihren Koalitionspartner klargemacht wurde, dass es mit der FDP keine gesetzliche Quote geben werde, steuerte sie ihre Partei zurück: Stattdessen wurden die Konzerne verpflichtet, bis Ende des Jahres eigene, individuelle Quoten festzulegen. DGB-Vizepräsidentin Ingrid Sehrbrock ist das freilich zu wenig: „Es ist höchste Zeit für eine gesetzliche Frauenquote anstatt freiwilliger Selbstverpflichtungen“. Auch Sigmar Gabriel verurteilt die Zurückhaltung der Kanzlerin: „Statt endlich für eine verbindliche Quote und einen Rechtsanspruch auf gleichen Lohn zu sorgen, setzt Frau Merkel weiter auf freiwillige Vereinbarungen“, erklärt der SPD-Vorsitzende und fügt sein Verständnis der Rollenverteilung zwischen Politik und Wirtschaft hinzu: „Das ist so, als wolle man mit Gänsen über Weihnachten diskutieren.“

Die Drohungen sind bei den Gänsen nicht ohne Wirkung geblieben. In den deutschen Konzernen ist der Schatten der Quotenkeule deutlich auszumachen: Die Telekom hat sich bereits eine Frauenquote für den Vorstand auferlegt. Headhunter suchen für die Unternehmen intensiv nach wenigstens halbwegs geeigneten Frauen. „Heute fragen die meisten Unternehmen gezielt nach Kandidatinnen für Posten im Topmanagement“, so Barbara Hartmann, Geschäftsführerin der Personalberatung Heads gegenüber der „Zeit“. Die „Nachfrage nach Frauen im Top-Management ist in den letzten Monaten sehr stark gestiegen“, bestätigt Sylvia Tarves, Geschäftsführerin von Leading Women. Berit Bretthauer, Partnerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles, belegt im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ die bevorzugte Suche nach weiblichen Führungskräften: „Bei acht von zehn Suchaufträgen bitten die Auftraggeber darum, verstärkt nach einem weiblichen Kandidaten zu fahnden.“ Die Männer auf den Empfehlungslisten der Headhunter „haben mitunter nur noch Alibi-Funktion“, stellt Manfred Gentz, Aufsichtsratschef der Deutschen Börse und Mitglied der „Corporate-Governance-Kommission“ der Bundesregierung fest. „Selbst wenn sie besser qualifiziert sein sollten als ihre Konkurrentinnen, ist davon auszugehen, dass derzeit meistens Frauen den Vorzug erhalten.“

Junge erfolgreiche Frauen

Wie steht es mit jenen Frauen, die sich ohne Zwangsquote erfolgreiche Karrieren erarbeiteten? Marie-Christine Ostermann, geschäftsführende Gesellschafterin einer Lebensmittelgroßhandlung mit 150 Beschäftigten und Mitglied im Aufsichtsrat der Optikerkette Fielmann, äußerte sich gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Frauenquoten. So etwas, meint die 33jährige, sei „völlig kontraproduktiv“. Über die Losungen sowohl von der Leyens als auch von Familienministerin Schröder fällt sie ein knappes Urteil: „Ich finde die Forderungen beider Ministerinnen völlig daneben“, erklärte die junge Unternehmerin. Gegenüber dem „Stern“ wiederholt sie ihre Haltung: „Unternehmer müssen selbst entscheiden können, wen sie einstellen. Und das muss nach der Qualifikation geschehen und nicht nach dem Geschlecht. Deshalb lehne ich es ab, wenn die Politik jetzt uns mit der Gesetzeskeule kommt und uns Unternehmern einen bestimmten Anteil Frauen in der Führung aufzwingen will.“ Auch über die Ursachen der ungleichen Repräsentanz von Frauen in den Führungsetagen hat sie ein ganz anderes Urteil als ihre Geschlechtsgenossinnen aus der Politik: „Vor allem sollten die Frauen motiviert werden, Studiengänge wie Ingenieurwesen oder Naturwissenschaften zu belegen, die mehr Chancen auf einen Top-Platz in der Wirtschaft eröffnen. Mit Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft ist das dagegen nicht so leicht.“ – „Ich bin gegen starre, gesetzliche Regelungen“, meint auch die Geschäftsführerin der Vermögensberatung Svea Kuschel & Kolleginnen, Constanze Hintze, gegenüber „Das Investment“. Vielen Frauen „um die 30“ sei klar, dass „Teilzeitmütter“, die ihren Job nur als „Nebenerwerb“ begreifen, keine Karriere machen.

Solch harscher Kritik begegnet Ministerin von der Leyen mit mütterlicher Nachsicht. Die oft jungen Frauen, die Frauenquoten ablehnten, „haben noch nicht erleben müssen, dass es zwei Karrierewege gibt: für die Männer die gut ausgeschilderte Straße, für die Frauen die Piste, die das Navi nicht kennt“, so die Tochter Ernst Albrechts im „Spiegel“. „Die meisten Frauen, die es in Top-Positionen gebracht haben, sagen: Früher war ich auch gegen die Quote, heute glaube ich, wir kommen ohne Quote nicht aus“, behauptet sie weiter. „Mir ging es nicht anders“, ergänzt die Ministerin, die einst mit Hilfe persönlicher Gespräche ihres Vaters mit den Delegierten und nach einer Pressekampagne gegen den damaligen Abgeordneten den niedersächsischen Wahlkreis 39 gewann – den früheren Wahlkreis ihres Vaters. „Früher habe ich das Hohelied auf die Freiwilligkeit gesungen. Ich habe gelernt, dass man manchmal ein Gesetz als Katalysator benötigt, damit sich etwas ändert.“

Männer und Frauen: viele kleine Unterschiede

Die beliebtesten Studienfächer für Frauen sind Betriebswirtschaft, Germanistik, Medizin, Jura und Pädagogik. Auch Männer wählen am liebsten BWL, es ist das für eine Spitzenkarriere wichtigste Fach. Darauf folgen bei der Beliebtheit unter Männern allerdings ganz andere Richtungen: Maschinenbau, Informatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik. Neben Jura und anders als die übrigen von Frauen bevorzugten Fächer sind dies alles Richtungen, die für Spitzenpositionen besonders qualifizieren. Die Lösung der Politik? Es werden in diesen Fächern Studiengänge eingerichtet, für die nur Frauen zugelassen werden. „Frauen sollen sich frei von Rollenbildern entwickeln können“, erklärt Ulrike Schleier von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven gegenüber dem „Spiegel“. Sie leitet dort einen Frauenstudiengang, der 1997 als erster in Deutschland eingerichtet wurde.

Zu den unterschiedlichen Ausbildungswünschen von Männern und Frauen kommen Karrierepausen, wenn Paare Kinder bekommen: Fast siebenmal mehr Mütter als Väter stellen Anträge auf Elternzeit. Das hat auch finanzielle Gründe: Frauen wählen bevorzugt Partner mit größerem Einkommen als ihr eigenes. Das Familieneinkommen sinkt dann weniger, wenn bei Erfüllung ihres Kinderwunsches der geringer verdienende Partner in Eltern- oder Teilzeit geht. Wo dagegen die Mutter mehr verdient als der Vater, erhöht sich laut einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts die Wahrscheinlichkeit einer Elternzeit des Vaters um 150 Prozent.

So groß der Anteil von Männern in den Höhen der Wirtschaft, so groß ist ihr Anteil auch in den Schattenregionen der Gesellschaft: Wander- und Hilfsarbeiter, Arbeitslose und Obdachlose sind zum überwiegenden Teil männlich. Diese Art von Ungleichheit wird von der Politik jedoch nicht als Ungerechtigkeit betrachtet, die es per Zwang auszugleichen gelte. Im Gegenteil: „Mit speziellen Frauenfördermaßnahmen soll die berufliche Situation von Frauen verbessert und bestehende Ungleichgewichte im Nachhinein korrigiert werden“, verkündet die Bundesagentur für Arbeit trotz höherer Männerarbeitslosigkeit – die Arbeitslosenquote männlicher Jugendlicher ist beispielsweise um 20 Prozent größer als jene der jungen Frauen.

Zu dieser stärkeren Breite der Einkommensunterschiede bei Männern im Vergleich zu Frauen findet man in einem verwandten Bereich eine Parallele: Verschiedene Studien finden immer wieder, dass Männer und Frauen zwar auf den gleichen Mittelwert des Intelligenzquotienten kommen; allerdings ist bei Männern die Intelligenzverteilung breiter, bei Frauen enger gestreut. Das bedeutet, dass es sowohl mehr unterdurchschnittlich, aber eben auch mehr überdurchschnittlich intelligente Männer als Frauen gibt.

Das könnte sich bald ändern; den gleichen Sinn für „Gendergerechtigkeit“ wie Arbeitspolitiker beweisen Bildungspolitiker: Wie ein Bericht des Bundesbildungsministeriums zeigt, erhalten Jungen bei gleichen schulischen Kompetenzen zunehmend schlechtere Noten. Dazu werden sie bei gleichen Noten immer seltener an höhere weiterführende Schulen empfohlen als Mädchen. 47 Prozent der Mädchen besuchen ein Gymnasium, aber nur noch 41 Prozent der Jungen. Fast ein Drittel der Mädchen macht Abitur oder Fachabitur, aber nur ein knappes Viertel der Jungen. Diese sind im Schnitt eine Note schlechter als die Mädchen. Wie erklärt sich die Politik das? „Gleichberechtigung an den Schulen“ sei „Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind“, heißt es etwa auf der Internet-Seite direktzurkanzlerin.de. Dort beantwortet das Bundespresseamt im Namen von Kanzlerin Merkel Fragen der Bürger. „Eine gezielte Jungenförderung“ sei „allerdings keine Lösung“.

Die systematische Vernachlässigung männlicher Schüler durch die Bildungspolitik zeigt bereits Folgen: In den Ingenieurwissenschaften fiel von 1995 bis 2005 die Zahl männlicher Studienabschlüsse von 40.600 auf 25.375, also um über ein Drittel. Weil aber gleichzeitig die Zahl weiblicher Studienabschlüsse um 13 Prozent von 6.600 auf 7.461 anstieg, ist die Politik begeistert: „Besonders erfreulich ist, dass der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften in den letzten Jahren kontinuierlich steigt“, stellt beispielweise Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) im Gespräch mit der „Rheinischen Post“ fest.

Die wahren Profiteure der Gender-Politik: Genderpolitiker

Frauenquoten, die mit der Gewalt des Staates gegen Unternehmer durchgesetzt werden, sollen kollektive Ungleichheiten beseitigen. Auch wenn man einem Unternehmer das Recht abspricht, bei der Wahl seines Personals nach unsachlichen Kriterien zu diskriminieren: Frauenquoten könnten immer noch keine individuellen Ungerechtigkeiten verhindern. Im Gegenteil institutionalisiert die Politik solche Ungerechtigkeiten — nur eben nach eigenen unsachlichen Kriterien und gegen Männer wie Herrn G. Junge erfolgreiche Unternehmerinnen tun sich schwer damit, sich als Opfer und die Politik als ihre Rettung zu betrachten.

Selbst ohne den Glauben an feministische Dogmen wie männlicher Herrschaftssucht haben Politiker ein großes Interesse, Frauenquoten für führende Positionen zu bestimmen: Die Politik erschafft sich eine Kaste weiblicher Aufsichtsräte und Vorstände, die ihre Position dem Eingriff der Politik verdanken. Deswegen wird die staatliche Frauenquote für Vorstands- und Aufsichtsratsposten kommen; wenn nicht unter dieser Regierung, dann unter der nächsten. Es gab eine Zeit, da verstand man unter Chancengleichheit, einen Menschen allein nach seinen Verdiensten zu beurteilen. Diese Zeit ist vorbei. Heute haben sich Politik und Medien an die Sonderbehandlung bevorzugter Gruppen gewöhnt. Nun ist Chancengleichheit als Verbrechen zu bestrafen, wenn daraus nicht mindestens Ergebnisgleichheit folgt. Unterschiede in der Verteilung von Leistungsfähigkeit, Interessen oder verschiedene, selbst gewählte Lebensentwürfe gelten nicht. Was zählt, ist der Gesellschaftsentwurf der Politik. Und so wird das Wort „Gleichberechtigung“ in Politik und Medien nicht mehr verwendet; es wurde durch den Begriff „Gleichstellung“ abgelöst. Die „Umerziehung einer Nation“, wie der „Spiegel“ 2007 titelte, schreitet fort.

Politik ist für eine angebliche Frauenfeindlichkeit deutscher Aufsichtsräte keine Lösung. Politik ist selbst das Problem. Und das nicht nur, indem sie ihr Bildungsmonopol missbraucht, um Jungen und jungen Männern Steine in den Bildungsweg zu legen. Politik entzweit die Bürger, indem sie freie Zusammenarbeit durch erzwungene Bevorzugung ersetzt. Politik stellt Gruppe gegen Gruppe; so wie mit der Rentenpolitik Alte gegen Junge aufgehetzt werden, stellt die Gender-Politik Frauen gegen Männer. Und so hauen wir aufeinander ein und appellieren an die Politik, für unsere jeweilige Seite Partei zu ergreifen. Wir wissen, dass Politiker wie von der Leyen, Merkel und Gabriel sich die Gewalt angeeignet haben, uns alles zu geben. Sie haben dadurch auch die Macht, uns alles zu nehmen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. Mai erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 113


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