24. Mai 2011

ef 113 Editorial

Eine verpasste Jahrhundertchance

Anfang Mai kann sich der „Spiegel“ vor Erleichterung kaum halten und titelt: „Kapitalisten-Porno floppt in US-Kinos“. Das ist ja noch mal gut gegangen, hört man es aus den Zeilen zischen von Marc Pitzke, einem linken Amerika-Korrespondenten, der offenbar eine Menge schwerer Unbill befürchtet hatte. Schließlich, so der sozialpolitische Keuschheitswart vom Hamburger Nachrichtenmagazin, wurde da nicht weniger als die „Bibel der Konservativen“, das „ideologische Hauptwerk der US-Autorin Ayn Rand nach fünf Jahrzehnten verfilmt“.

Doch, so entwarnt der Korrespondent aus Übersee gleich vorweg: „Die Kinos bleiben leer – trotz massiver Unterstützung durch die Tea Party.“ Dabei hätte es doch „ein Fanal werden sollen“, ein „Schlachtruf für Amerikas Konservative, für Wall-Street-Haie, Tea-Party-Fanatiker, Palin-Jünger, Obama-Hasser“, wenn da „einer der wichtigsten US-Schlüsselromane des 20. Jahrhunderts, die Bibel der Kapitalisten“ fürs Kino in Szene gesetzt wurde.

Die Rede sei von „Atlas Shrugged“, raunt das rote Wochenblatt, „der Verfilmung des gleichnamigen Mammutromans von Ayn Rand, der ultraliberalen Ikone der US-Rechten“, die „eine ganze Generation Konservativer prägte“ mit ihrer „Saga von Geld, Gier und Ego“.

Die „Motive, die sich durch den Schinken ziehen“, seien „im aktuellen Politklima wieder en vogue: Misstrauen gegen die Zentralregierung, Eigennutz statt Altruismus, Widerstand gegen Gewerkschaften, Linke und Sozialisten.“

Was ist es genau, was Meister Pitzke so gewichtig im Magen liegt? Ultraliberal oder rechts? Fanatismus oder Geldgier? Eine Bibel, ja klar, aber eine der Konservativen oder der Kapitalisten? Wall Street oder Tea Party? Kann man in wenigen Zeilen mehr Schlagworte aneinanderreihen? Wie sehr muss sich da jemand im fernen New York Sorgen gemacht haben auch um die so säuberlich politkorrekt gehegte Stimmung in der Heimat seiner Leser? Doch, pffffffff, „Atlas Shrugged entpuppte sich als Kassengift“, der Film „spielte in zwei Wochen nur müde 3,6 Millionen Dollar ein, verrissen selbst von konservativen Kritikern“. Warum? „Atlas“ sei „schwer verdaulich, schon auf dem Papier“, analysiert Pitzke, und bezeugt doch nur, wo und wie sehr der Stoff ihn schmerzt.

Der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, Jörg Häntzschel, berichtet ein wenig beschwingter über „die letzten Helden des Unternehmertums“ und ein „radikales Antistaatstraktat“. Das Buch gehöre „in Amerika ebenso zum Jungsein wie Leichtbier, Kiffen und Baseball“, es „pflanzte in Millionen sensible Hirne eine Neigung zur Glorifizierung des Individuums und eine Abneigung gegen alles Herdenhaft-Kollektive ein.“ Der Film aber sei „ein eilig zusammengeschustertes B-Movie, das nur zehn Millionen Dollar kostete und ohne einen einzigen Star auskommt.“ Herausgekommen, so Häntzschel, sei ein „liebloses Propagandavehikel“, es erreiche „mit seinen Regieschlampereien, seinen hölzernen Schauspielern und ihren papierenen Dialogen nicht einmal Vorabendniveau.“

Weitere Ursachen einer verpassten Jahrhundertchance, 54 Jahre nach dem Erscheinen des bis heute einflussreichsten Romans Amerikas (deutsch „Atlas wirft die Welt ab“ 1959 und „Wer ist John Galt?“ 1997, beide restlos vergriffen, bei Amazon werden Einzelexemplare für 330 Euro gehandelt), nennen wir eigentümlich frei im Schwerpunkt dieser Ausgabe.

Bei der Lektüre dieses Themas wie mit dem gesamten Heft wünsche ich wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn! Vergessen Sie bei der Freiluftlektüre wie im Heimkino nie: Kein Fußbreit den neosozialistischen Medien aller Branchen! Mehr netto!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. Mai erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 113


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