Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Das Prinzip Hoffnung: Schuldenkrise aussitzen!

von Andreas Tögel

Der Weg nach unten

Irgendwie wird sich die Lage schon wieder einrenken – so scheinen viele mit der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise befasste Politbürokraten zu glauben. Ein konsistenter Plan, der einen Zeithorizont von wenigen Monaten übersteigt, ist bei bestem Willen nicht zu erkennen. Bereits verbranntem Geld weiteres hinterherzuwerfen und das Beste zu hoffen, geht klar am Kern des Problems vorbei.

Kein Überschuldungsproblem kann dadurch gelöst werden, dass man dem dubiosen Debitor weitere Verbindlichkeiten aufhalst. Der dieser Tage häufig bemühte Begriff „Solidarität“ ist in diesem Zusammenhang daher unangebracht. Wer es mit einem Drogensüchtigen gut meint, wird ihm kein weiteres Kokain besorgen. Und strukturelle Probleme einer Volkswirtschaft können eben nicht monetär gelöst werden, wie viele Anhänger keynesianischer oder monetaristischer Wirtschaftstheorien nach wie vor behaupten.

Auch eine Volkswirtschaft kann, wie ein privater Haushalt oder ein Unternehmen, auf Dauer nicht bestehen, wenn sie laufend über ihre Verhältnisse lebt und beharrlich mehr ausgibt als sie einnimmt. An dieser Tatsache führen auch Steuerhoheit und Gewaltmonopol des Staates nicht vorbei. Selbst vom Konzept des nachfrageinduzierten Wachstums mittels Staatsverschuldung überzeugte Theoretiker kommen nicht um eine Antwort auf die Frage herum, woher die dafür erforderlichen Mittel kommen sollen, wem man sie – mit welcher Begründung – abzunehmen und wie und wann man sie zurückzuzahlen gedenkt.

Die Vorstellung, der Staat werde in wirtschaftlich guten Zeiten jene Schulden wieder abbauen, die er zur Kompensation des Nachfrageausfalls in der Krise aufgenommen hat (so die naive, reine Lehre Maynard Keynes´), erweist sich als eine durch die Geschichte erwiesene Illusion. Keine an ihrer Wiederwahl interessierte Regierung einer Massendemokratie mit allgemeinem Wahlrecht kann vor ihre Wähler treten und ungestraft ein striktes Austeritätsprogramm ankündigen. Die Jahrzehntelange Pflege des gefährlichen Wahnbilds, der Staat könne – kostenlos – das Paradies auf Erden schaffen, macht es zum politischen Selbstmordkommando, das Unvermeidliche anzupacken. Die Streiks in Griechenland und in Spanien (dort steigt man eben wild entschlossen gegen die Jugendarbeitslosigkeit auf die Barrikaden) sind eindrucksvolle Belege für die weithin herrschende Ignoranz. Über mittels Streiks geschaffene – produktive – Arbeitsplätze wurde bislang noch nichts bekannt:

Vor dem Beginn einer erfolgversprechenden Therapie ist es notwendig, eine valide Diagnose zu stellen. Und die bedarf zunächst einer eingehenden Anamnese. Das verhält sich in der Ökonomie nicht anders als in der Medizin. Die heute zur „Heilung“ der Schuldenkrise debattierten Konzepte laufen jedoch allesamt auf eine Symptombehandlung unter völliger Ausblendung der Frage nach deren Ursachen hinaus. Die Gewährung weiterer Kredite, ein (teilweiser) Schuldenerlass oder eine Erstreckung von Rückzahlungsfristen entsprechen der Verabreichung von Schmerz- und Beruhigungsmitteln an einen moribunden Patienten (und dessen Verwandte). Sie ändern aber nichts an der bestehenden Grunderkrankung.

Am Beispiel Griechenlands, so scheint es, werden derzeit jene Probleme offenbar, mit denen im Grunde die gesamte westliche Welt konfrontiert ist.

Die aus Sambia stammende, wider den Stachel der Hauptstromökonomie löckende Volkswirtin Dambisa Moyo, die bereits für die Weltbank und Goldman Sachs tätig war, hat diese Gründe in ihrem 2010 publizierten, viel diskutierten Buch mit dem vielsagenden Titel „How the West Was Lost“ zusammengefasst.

Nach Moyos Überzeugung ist der Westen im Begriff, seine fünf Jahrhunderte lang innegehabte Position als technologischer Vorreiter und Wohlstandsgenerator an Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien zu verlieren. Seit den frühen Sechziger Jahren (bald nach dem Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre) hätten massive Fehlallokationen – sowohl im Hinblick auf das eingesetzte Kapital, wie auch was die besten Köpfe betrifft – den allmählichen Niedergang der alten und neuen Welt eingeleitet:

► Die Bindung gewaltiger Mittel für den Erwerb von Eigentum an Wohnraum (anstatt diese für Erträge liefernde Investitionen in der produzierenden Wirtschaft einzusetzen) und eine damit einhergehende „Kultur“ der unbekümmerten Verschuldung öffentlicher wie privater Haushalte;

► Die Abkehr der besten Köpfe von Karrieren in naturwissenschaftlich-technischen Berufen und deren Hinwendung in boomende (aber unproduktive) Branchen wie das Investmentbanking oder die Juristerei;

► Der daraus resultierende Verlust der Fähigkeit, den langfristigen Wohlstand sichernde technologische Innovationen voranzutreiben;

► Ein damit verbundener, relativer Verlust an Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit;

► Eine primär konsumorientierte Lebenseinstellung, die jede Frage nach den Voraussetzungen für dauerhaften Wohlstand ausblendet;

► Schließlich die tickende Zeitbombe uneinlösbarer Pensionszusagen (die aufgrund des in allen Staaten des Westens gepflegten „Ponzi-Systems“ umlagefinanzierter Renten bald hochgehen wird) sind Probleme, die ganz Europa und Nordamerika mit dem jetzt akut gewordenen Sanierungsfall Griechenland teilen.

Fragt man fünf Ökonomen nach deren Konzepten zur Bewältigung der rezenten griechischen Tragödie, erhält man fünf verschiedene Antworten (wäre Lord Keynes noch am Leben und einer der fünf Befragten, wären es wohl sechs). Es wird vermutlich auf einen für Gläubiger wie Schuldner schmerzhaften Einsatz verschiedener Folterinstrumente – insbesondere auf die radikale Kürzung von Staatsausgaben (und zwar nicht nur in Griechenland!) – hinauslaufen.

Mit der Beilegung der Krise Griechenlands wird unser „strategisches“ Problem indessen nicht gelöst sein. Die westliche Welt wird um eine fundamentale Kurskorrektur nicht herumkommen, will sie nicht langfristig zur verlängerten Werkbank oder zum Disneyland des aufstrebenden Fernen Ostens verkommen. Exzessiver Konsum auf Pump bildet keine Basis für den Aufbau von Kapital und die nachhaltige Entwicklung des Wohlstands einer Gesellschaft.

19. Mai 2011

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