Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Österreich und die Welt: Staatsschuld, Geldwert und Inflation

von Andreas Tögel

Gold versus Papier

29. April 2011

Pacta sunt servanda - das galt früher einmal. Die längst vergessenen oder planmäßig verletzten Konvergenzkriterien, die 1992 im Vertrag vom Maastricht festgelegt wurden, limitieren den Staatsverschuldungsgrad nämlich auf 60 Prozent des BIP. Wer von meinen österreichischen Landsleuten einen Nervenkitzel der besonderen Art sucht, sollte einen Blick auf die Seite www.staatsschulden.at werfen. Zum Zeitpunkt, da dieser Beitrag entsteht, belaufen sich die dort ausgewiesenen, expliziten Schulden der Republik Österreich auf rund 209,5 Milliarden Euro – das entspricht für das Jahr 2010 exakt 72,3 Prozent des BIP. Schlimmer noch als dieser Wert muten indessen die anderen Daten an, die man der genannten Seite entnehmen kann. Etwa die Pro-Kopf-Verschuldung von 28.000 Euro je Einwohner, oder der für die Staatsschuld zu leistende Zinsendienst (ohne Tilgung) in Höhe von jährlich sage und schreibe 1.924 Euro, den jeder Erwerbstätige im Lande zu schultern hat. Auf 7,85 Milliarden Euro jährlich belaufen sich die – derzeit sehr niedrigen – Zinsen. Nicht auszudenken, wohin dieser Wert sich bewegte, sollte die Bonität der Republik heruntergestuft werden. So oder so: allein die Zinslast bedeutet eine schwerwiegende Einschränkung des Handlungsspielraums der Bundesregierung.

Auch der Entwicklungstrend der Staatsschulden ist besorgniserregend. Zum Zeitpunkt, als die Regierung der damals noch bürgerlichen ÖVP unter Josef Klaus („Ein echter Österreicher“) anno 1970 abgewählt und durch ein sozialistisches Regime unter Bruno Kreisky ersetzt wurde, lag dieser Wert bei umgerechnet 3,4 Milliarden Euro – das entsprach rund 15 Prozent des BIP. Den seither nahezu unterbrechungsfrei regierenden Sozialisten ist in 40 Jahren also eine Versechzigfachung der Verbindlichkeiten gelungen – und selbst das ist noch nicht die volle Wahrheit. Zwar machen neue Bewertungskriterien die Einrechnung bestimmter „impliziter“ Schulden (wie etwa aus dem Budget ausgelagerte Verbindlichkeiten der ÖBB) erforderlich, woraus sich deren sprunghafter Anstieg gegenüber dem Vorjahr erklärt. Die wahren Zeitbomben an unbesicherten Zahlungsverpflichtungen aber liegen im Bereich der Zusagen im Hinblick auf Pensionen und Gesundheitsdienstleistungen des Staates – ein Problem, das Österreich mit allen anderen Staaten teilt, die auf umlagefinanzierte „Sozialsysteme“ setzen. Unter Einrechnung dieser durch Beitragsleistungen der Versicherten erworbenen Anwartschaften dürfte sich die oben genannte Schuldensumme vervielfachen und bei bis zu 400 Prozent des BIP liegen. Wer meint, dass dieser Schuldenberg ohne teilweise oder vollständige Enteignung der Gläubiger abgetragen werden kann, glaubt vermutlich auch an das fliegende Spaghettimonster.

Zudem ist die Bemessung der Staatsschuld am BIP deshalb fragwürdig, weil der Staat ja „nur“ über rund die Hälfte dieses Wertes gebietet („Staatsquote“). Noch enteignet unser großer Bruder ja nicht jeden im Land geschaffenen Wert zu 100 Prozent – wiewohl wir uns auf bestem Wege dahin befinden. Es ist also so, als ob der verschuldete Besitzer einer Doppelhaushälfte auch das Einkommen seines Nachbarn zur Bewertung seiner Kreditwürdigkeit heranziehen würde – eine dubiose Vorgangsweise, die dadurch nicht besser wird, dass man sie international pflegt.

Eine Beschäftigung mit Entwicklungen in der zum Teil weit zurückliegenden Vergangenheit eröffnet interessante Perspektiven bei der Betrachtung der gegenwärtigen Probleme:

So fallen im 20 Jahrhundert zwei geldpolitische Meilensteine ins Auge, die einen entscheidenden Einfluss auf die explodierenden Staatsschulden unserer Tage haben. Beide sind mit der Deckung der Währung durch reale Güter verknüpft. Der erste davon war die Abkehr vom Goldstandard im Zuge des Ersten Weltkriegs. Ohne diesen Schritt wäre es keiner der daran beteiligten europäischen Mächte möglich gewesen, diese Massenschlächterei länger als ein halbes Jahr lang zu finanzieren. Die Ausgabe ab 1918 wertloser „Kriegsanleihen“ – die künstliche Schöpfung von Geld – war das fiskalische Zaubermittel zur Verlängerung des Krieges. Die Hyperinflation im Deutschland der Nachkriegszeit (1922/23) war eine indirekte Folge davon. Die Möglichkeit zur Ausweitung der ungedeckten Geldmenge stellt eine Versuchung dar, der keine Regierung, sofern sie über ein Währungsmonopol verfügt, widerstehen kann. Gold dagegen ist, im Gegensatz zu Papier, nicht beliebig vermehrbar – kann nicht inflationiert werden, was seine jahrtausendelange „Karriere“ als weltweit begehrtes und akzeptiertes Zahlungsmittel erklärt.

Der zweite Schritt war die Lösung der einzigen noch ans Gold gebundenen Währung der Welt – des Dollars – im Jahr 1971. Angesichts der immensen Kosten des Vietnamkrieges (der rund 4 Prozent des BIB der USA verschlang) und einer vor allem von der französischen Regierung unter De Gaulle betriebenen, gegen den Dollar gerichteten Goldspekulation, erklärte Präsident Nixon das Ende der bis dahin bestehende Einlösegarantie von Dollar gegen Gold. Der seit dem 1944 geschlossenen Abkommen von Bretton Woods garantierte Fixkurs lag bei 35 Dollar pro Feinunze (die kostet derzeit bereits rund 1.500 Dollar). Es ist erstaunlich, dass alle Welt damals stillhielt und diese Maßnahme nicht als das erkannte, was sie offensichtlich war: Eine Enteignung aller Halter von Dollars – und, da der Dollar jene weltumspannende Leitwährung war, an der sich alle übrigen bemaßen – auch aller übrigen Papiergeldbesitzer.

Seit dieser schwerwiegenden Maßnahme schwimmt die Welt auf einem Meer von absolut ungedecktem „Fiat money“, das von den Regierungen über die von ihnen beherrschten Notenbanken in jeder beliebigen Menge produziert werden kann. Kein realer Wert, lediglich der (religiöse?) Glaube an seine weiterhin bestehende Kaufkraft ist dem Geld unserer Tage unterlegt. Die Goldpreisentwicklung bildet einen scharf abbildenden Spiegel der galoppierenden Geldinflation.

Die Hauptstromökonomie sagte für den Fall einer Beendigung der Bindung des Dollars an das Gold seinerzeit übrigens einen Absturz des Goldpreises voraus – was ein mehr als bezeichnendes Licht auf ihre Prognosefähigkeit wirft.

Die von so vielen Nationalökonomen bis vor kurzem beschworene Gefahr einer Deflation ist weit und breit nicht in Sicht. Vielmehr macht sich die Inflation bei jedem Einkauf immer deutlicher bemerkbar: Die Kaufkraft unseres Geldes sinkt derzeit dramatisch.

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