Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Entwarnung: Krise abgesagt!

von Andreas Tögel

Alles wieder bestens?

Die OECD gibt die sehnsüchtig erwartete Entwarnung: Die Wirtschaftkrise gilt ab sofort als beendet! Dass Japan in radioaktiven Niederschlägen zu versinken droht, und in einer der dank ihres Rohstoffreichtums sensibelsten Regionen der Welt eine Revolte nach der anderen ausbricht, spielt keine Rolle, denn: „die Wirtschaft“ wächst wieder – zumindest nominell, gemessen in hemmungslos inflationierten Währungen. Wenn die profunden Planwirtschaftler von der OECD den Aufschwung wittern, dann ist ja wirklich alles wieder bestens, oder?

Allerdings wird die kollektive Freude ein wenig durch den Umstand gedämpft, dass der Optimismus mit dem Quadrat der Entfernung von jenen Elfenbeintürmen und geschützten Werkstätten abnimmt, in denen beamtete Makroökonomen gemeinhin zu sitzen pflegen. Die Zukunftsaussichten werden von auf der freien Wildbahn des gnadenlosen globalen Wettbewerbs agierenden Zeitgenossen in deutlich weniger rosigen Farben gesehen. Das derzeit hohe Konsumniveau etwa, das allenthalben bejubelt wird, kann sich nämlich als trügerisches Signal erweisen. Es könnte sich dabei eher um einen Indikator für zunehmende Inflationsängste handeln denn als Beweis für ein Ende der Krise.

Sobald nämlich die Konsumenten auf breiter Front festzustellen beginnen, dass ihr Geld zunehmend an Wert verliert, reduzieren sie ihre Sparneigung und gehen auf Einkaufstour – solange sie eben noch etwas dafür bekommen. Bei sonst gleichen Bedingungen bedeuten steigende Konsumausgaben – und das ist die Kehrseite der Medaille – also weniger Mittel, die in Investitionen fließen. Die langfristige Wohlstandsentwicklung hängt aber von letzterer – vom zur Verfügung stehenden, produktiven Kapital – ganz entscheidend ab. Was einmal konsumiert ist, ist eben futsch. Von einer Urlaubsreise oder von einem neuen Flachbildfernseher wird man künftig nicht profitieren, wohl aber von einer strategisch klugen Investition in Unternehmen oder Rohstoffe. Eine zunehmende Zeitpräferenzrate, die sich in einer hohen Konsumneigung manifestiert, ist daher stets ein Indiz für einen erodierenden Kapitalstock.

Selbstverständlich bestimmt der Standpunkt des Analysten maßgeblich dessen Zukunftsprognose. Da die Reihen der Wirtschaftsforscher und -Publizisten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von Keynesianern und Monetaristen dicht geschlossen sind, ist der feste Glaube, die Weltwirtschaft gesundbeten zu können, nicht weiter verwunderlich. Denn während es zwar für jeden mit einem Minimum an Hausverstand ausgestatteten Hauptschüler einsehbar ist, dass Wohlstand vom vorhandenen Kapitalstock abhängt – das heißt von realen Werten wie Immobilien, Maschinen und Anlagen – und dass durch das Drucken von Geld kein Reichtum entsteht, sind 95 von 100 Ökonomen durchaus anderer Ansicht. Sie sind fest davon überzeugt, durch einen trickreichen Einsatz ihres geldpolitischen Instrumentariums strukturelle Krisen (die ohne zuvor erfolgte Manipulationen des Geldsystems niemals eingetreten sein würden) beheben zu können. Eine soeben angesichts der Fahrt aufnehmenden Teuerung vorgenommene erste Erhöhung der Leitzinsen durch die EZB stellt ein solches Instrument dar. Das Drehen an der Zinsschraube durch die Notenbanker ist typischer Ausdruck der planwirtschaftlichen Überzeugung, dass von zentralen Kommandozentralen aus die Geschicke der Menschheit perfekt gesteuert werden können.


Von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes hält die Kaste der öffentlich bediensteten Ökonomen gar nichts. Angebot und Nachfrage, also den Ausdruck des freien Willens mündiger Bürger, wirken zu lassen, kommt für sie nicht in Frage. Zu unvollständig, so das Mantra, seien die den Marktakteuren zur Verfügung stehenden Informationen, zu ungleich die Ergebnisse aufgrund individueller Präferenzen getroffener Entscheidungen. Das Wohl der Bürger, so ihr Credo, bedürfe daher der lenkenden Hand der politischen Klasse, der sie willfährig und keineswegs frei von Eigennutz die Entscheidungsgrundlagen liefern. Sie misstrauen der Urteilkraft des Einzelnen und setzen lieber auf mathematische Modelle und Aggregate – so ganz und gar untauglich die sich in der Vergangenheit auch immer erwiesen haben mögen.

Ständig wechselnde Präferenzen und Handlungen der Menschen lassen sich aber leider nicht durch Formeln abbilden, wie der eklatante Mangel an Prognosefähigkeit der Hauptstromökonomie eindrucksvoll beweist! Ein Blick auf die Edelmetallkurse gibt da schon eine wesentlich zuverlässigere Auskunft über die tatsächliche Lage als die Kaffeesudleserei beamteter „Experten“. Die Höhenflüge der Gold- und Silberkurse sind wohl alles andere als ein Indiz für einen bevorstehenden Aufschwung!

Optimismus resultiert in den meisten Fällen aus einem Mangel an Informationen – und dieser Mangel ist nirgendwo deutlicher als in Fragen der Weltwirtschaft:

– Wer kann sagen, welchen Ausgang die Havarie des AKW in Fukushima nimmt?
– Wer weiß, welche Konsequenzen eine nachhaltig erhöhte Strahlenbelastung des Großraum Tokio nach sich zöge?
– Wie wird der Ölpreis reagieren, wenn die bei den Nachbarn von Saudi-Arabien, dem wichtigsten Rohölproduzenten der Welt, tobenden Unruhen weitergehen und am Ende selbst das Regime in Riad gefährden?
– Wie werden die Finanzmärkte auf einen unter den herrschenden Umständen keineswegs mehr undenkbar erscheinenden Staatsbankrott eines Mitgliedsstaates der EU reagieren?
– Was, wenn der Schuldentsunami auch eines der Schwergewichte unter den Wirtschaftmächten innerhalb oder außerhalb der EU überrollt?

Fassen wir zusammen: Die politische und wirtschaftliche Lage ist gegenwärtig in einem Maße unübersichtlich, wie selten zuvor. Gleichzeitig befindet sich die Weltwirtschaft – nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA und mitten in der anschließenden Schuldenkrise in Europa – keineswegs schon wieder in ruhigen Gewässern. Wer schwindelfrei genug ist, auf dem Boden eines derart unsicheren Fundaments im Brustton der Überzeugung auf Zehntelprozentpunkte genaue Prognosen der Wirtschaftsentwicklung für die kommenden Jahre abzugeben, hat damit schon bewiesen, was er im günstigsten Fall ist: ein Scharlatan.

09. April 2011

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