26. März 2011

ef 111 Editorial

Fukushima über Tripolis

Das Beste zuerst: Unser Kolumnist Carlos A. Gebauer witterte kürzlich „zweierlei Maß in der sich ausweitenden Pöbelherrschaft“, als er mich neckisch fragte: „Warum ist Guttenberg wegen Schummelns eigentlich raus, wenn doch Griechenland trotz Schummelns immer noch drin ist?“

Die Zeiten werden unruhiger und vieles ist tatsächlich widersprüchlich, wenn etwa französische und amerikanische Kampfbomber plötzlich Fukushima über Tripolis abwerfen. Erinnern Sie sich an den Artikel unseres Autors Martin Johannes Grannenfeld über Muammar al-Gaddafi in der letzten Ausgabe?

Wurde je das – ansonsten unverständliche – Handeln des arabischen Despoten besser erklärt? Tatsächlich ist Gaddafi nicht nur der eiskalte Killer, sondern eben auch ein skurriler Dadaist. Dies bestätigte er eindrucksvoll, als in Libyen die Revolution ausbrach. Nach tagelangem Schweigen – erster Akt – meldete er sich in einer 22-sekündigen Videobotschaft zu Wort, aus einem alten Auto heraus, irgendwie stark an Inspektor Columbo erinnernd, bedeckt mit einer bizarren Fellmütze mit Ohrschutz, einen aufgespannten Regenschirm in der Hand, der am oberen Bildrand offenbar von einer Gießkanne beträufelt wird – und verschmitzt kundgebend, er habe ja so gerne mit den jungen Demonstranten reden wollen, aber leider Gottes habe es dann zu regnen angefangen. Er fügte hinzu: „Es ist unmöglich, mit einem geöffneten Regenschirm in ein Auto zu steigen. Aus diesem Grund schließe ich den Schirm. Macht es mir alle nach. Peace!“ Vorhang.

Der libysche Dadaist auf dem Königsthron bleibt sich auch in seinem wohl letzten großen Auftritt treu. Grannenfeld schreibt uns: „Gaddafi wäre nicht Gaddafi, wenn er nicht auch seinen Abgang ins Bizarre drehen würde.“ Noch am selben Tag nach dem Video lässt er eine Mammutrede – dritter Akt – folgen, in der er erklärt: „Al Kaida ist’s gewesen: Die Islamisten haben der libyschen Jugend nachts heimlich Drogen in ihren Nescafé gemischt – und von dieser schweizerisch-afghanischen Melange um den Verstand gebracht, ziehen die jungen Leute nun verwirrt gegen ihren Revolutionsführer auf die Straße.“ Unzweifelhaft, so Grannenfeld, sei „jedenfalls, dass Gaddafi aus anderem Holz geschnitzt ist als seine gestürzten Kollegen Ben Ali und Mubarak. Einen geruhsamen Lebensabend in Saudi-Arabien, Scharm El-Scheich oder Venezuela kann und möchte man sich bei ihm nimmermehr vorstellen. Trotz aller ironischen Brechung, trotz allen dadaistischen Verwirrspiels, ist Muammar al-Gaddafi mit seiner politischen Rolle eins geworden. Er gehört zu jenen Menschen, für die es keine Rente gibt – Künstler, Mönche, Weltverbesserer, Punks, Erfinder, Propheten und alle anderen, denen die Nachsilbe -ung das Wichtigste an ihrem Beruf ist. Von den von ihm selbst erwähnten Protagonisten seiner Vorläuferkette sind nur zwei – Perikles und Nixon – eines natürlichen Todes gestorben. Savonarola, Danton, Robespierre und Mussolini kamen durch fremde, Hannibal durch seine eigene Hand ums Leben. Ja, Hannibal. Ein Nordafrikaner wie Gaddafi – dessen Sohn vielleicht nicht zufällig den gleichen Namen trägt. Hannibal, Feldherr eines untergehenden Alten Orients, der einen zunehmend aussichtsloser werdenden Kampf gegen die übermächtige neue westliche Vormacht Rom führt – Gaddafi, Beduinensohn aus der libyschen Wüste, der einen nicht minder aussichtslosen Guerilla- und Windmühlenflügel-Kampf gegen die übermächtigen Konventionen und Regularien verordneter Langeweile in der ebenfalls westlich geprägten internationalen Politik ausficht.“ Es wäre konsequent, so Grannenfeld, „wenn Gaddafis Ende dem Ende Hannibals gliche. Warten wir auf den nächsten – vielleicht den letzten – Haken, den der Dada-Diktator, der Anarcho-Monarch Muammar al-Gaddafi schlagen wird. Das Schlusskapitel ist noch nicht geschrieben.“

Gaddafi nimmt sich selbst, sein Amt, seine Gegner im In- und Ausland sowie sein Volk nicht ernst. Er inszeniert die ganz große groteske Show. Darin gleicht ihm – allerdings unfreiwillig – unser Außenminister, der so sehr bemüht als „großer Staatsmann“ durch die Weltgeschichte stolziert und dabei doch stets nur eine kleine Bonner Karikatur bleibt. Wohl eher versehentlich lag Guido Westerwelle dann einmal richtig, als er sich beim nun bereits dritten großen Angriffskrieg des Westens nicht mehr beteiligen wollte und der Stimme enthielt. Da wahrt der „polnische Außenminister“, ansonsten die lebenspartnerbegleitete Clownsfigur des internationalen diplomatischen Parketts, tatsächlich einmal beinahe mannhaft die deutschen Interessen – und was macht die Springer-Presse („Bild“ und „Welt“)? Sie schreit: „Verrat!“ Und wahrt die Interessen anderer Staaten. Aber das gehört nun wieder zu den deutschen Kontinuitäten, nicht zu den weltweiten Brüchen unserer Tage.

Wer nichts wird, wird Wirt. Wem auch dieses nicht gelungen, der macht in Versicherungen. So lästert der Volksmund. Wir fragen: Was ist dran an der Kritik? Wo sind Versicherungen noch sinnvoll? Und wo nicht? Bei der Lektüre dieses Schwerpunktes wie mit dem gesamten Heft wünsche ich wie stets viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. Wir sehen uns wieder Ende April. Genießen Sie den Frühling und vergessen Sie dabei nicht: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Herren Länder! Mehr netto!

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 1. April erscheinenden Ausgabe eigentümlich frei Nr. 111


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