Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Österreichische Schule: Wirtschaftstheorie im „Großen Horizont“

von Andreas Tögel

Diskurs im Feuilleton der Wiener „Presse“

14. März 2011

Im Hinblick auf die Beurteilung der nach wie vor unbewältigten weltweiten Wirtschaftskrise herrscht im Meinungshauptstrom so etwas wie ein Grundkonsens: Gierige Spekulanten konnten, dank fehlender hoheitlicher Kontrollinstrumente und Sanktionsmöglichkeiten, die Welt an den Rand des Abgrunds manövrieren.

Die beherzt (wenn auch ein wenig spät) einschreitende politische Klasse hat durch den entschlossenen Einsatz der Notenpresse und das Aufspannen papierener „Rettungsschirme“ gerade noch das Schlimmste verhindert. Der dem wirtschaftlichen Staatsinterventionismus zugrundeliegende, „keynesianische Grundkonsens“ (Karl Aiginger vom WIFO) besagt, dass es die vornehmste und unbestrittene Aufgabe des Staates sei, die in Krisenzeiten fehlende private Nachfrage zu substituieren, um einer Rezession entgegenzuwirken. Die zu ergreifenden staatlichen Belebungsmaßnahmen reichen zu diesem Zweck vom künstlichen Absenken der Zinsen durch massive Geldproduktion bis zu schuldenfinanzierten Direktinvestitionen - etwa in Großbauprojekte.

Angesichts dieses vorherrschenden Meinungsklimas ist es ein erfreuliches Signal, wenn einmal ein quer zum Hauptsrom liegender Gedanke publiziert wird, was in der Wochenendbeilage „Spectrum“ der „Presse“ vom 5. März geschehen ist. Der Steuerberater Karl Grabner kritisiert da unter dem Titel „In Keynes’ Falle“ diesen Grundkonsens unter Berufung auf die von der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ – namentlich von Ludwig Mises – bereits „vor 80 Jahren“ gewonnen Erkenntnisse. Als kleine Korrektur sei angemerkt, dass die bis heute nicht widerlegten Ausführungen Mises´ zur Konjunkturtheorie bereits 1912 publiziert wurden – und zwar im Rahmen seiner Habilitationsschrift „Die Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“ – somit also bereits stolze 99 Jahre alt sind. Lange bevor der Brite Maynard Keynes die Hirne der politischen Klasse rund um den Erdball mit seinen verhängnisvollen Aufrufen zur staatlichen Schuldenpolitik vernebelte, beschrieb der aus Lemberg stammende Österreicher Mises im genannten Werk die fatalen Konsequenzen der von außerhalb des Marktes erfolgenden Eingriffe in den Kreislauf von Kapitalakkumulation, Investition und Konsum.

Real gebildete Ersparnisse sind demnach Ausdruck von Konsumverzicht und niedriger Zeitpräferenz, die in niedrigen Kapitalzinsen ihren Ausdruck finden. Die Unternehmen können im Vertrauen auf die Kapitalkraft der Konsumenten und dank „billigen“ Geldes investieren und damit rechnen, ihre Projekte erfolgreich abschließen und ins Verdienen bringen zu können. Wird der Staat nun, mit dem Ziel die Investitionstätigkeit zusätzlich zu stimulieren aktiv, indem er – in der Praxis durch Schöpfung von Liquidität – die Zinsen unter das Marktniveau drückt, werden falsche Signale an die Unternehmen gesandt. Es werden Ersparnisse vorgetäuscht, die realiter nicht vorhanden sind. Es kommt daher zunächst zu einem Investitionsboom, der – mangels adäquater Nachfrage (weil die Haushalte in Wahrheit eben nicht über jene Ersparnisse verfügen, die – mit Blick auf die niedrigen Zinsen – erwartet werden konnten) – von einer Rezession gefolgt wird. Die angeblich für den „Kapitalismus“ typischen zyklischen Krisen sind demnach ein Produkt verfehlter Staatsinterventionen und bilden sich unter den in ungestörten Märkten herrschenden Bedingungen erst gar nicht aus.

Die aus dieser Theorie resultierende Verhaltensanweisung für die politische Klasse lautet: strikte Enthaltung. Eine für die Machtelite begreiflicherweise unannehmbare Zumutung. Der weltweite Siegeszug Keynes´ „General Theory“, die eine wissenschaftliche Grundlage für den ungehemmten staatlichen Interventionismus und rücksichtslose Eingriffe der Politik in private Rechte bildet, ist daher alles andere als überraschend.

Natürlich ist klar, dass ein Text, der sich kritisch mit dem ökonomischen Mainstream auseinandersetzt, nicht einfach unwidersprochen stehenbleiben kann. Und so durfte der linke Ökonom Stephan Schulmeister in der folgenden Ausgabe vom 12. März den Status Quo ebenso wortreich wie faktenarm verteidigen. Wie immer bleibt der Mann brav an der Oberfläche, kritisiert böse Hedgefonds einerseits und die ihren theoretischen Idealen angeblich untreu gewordenen „Neoliberalen“ andererseits, die nun „die Hegemonie in Politik, Medien und Wissenschaft übernommen“ hätten. Ein zynischer Witz, angesichts der Tatsache, dass dem „keynesianischen Grundkonsens“ entgegentretende Protagonisten ungefähr so häufig anzutreffen sind wie schwarze Schwäne.

Dass das stärkste Argument Schulmeisters die angebliche Konfusion unter „Neoliberalen“ (wer oder was auch immer das sein mag) ist, die nun mit Staatsgeld jene Banken retten wollten, bei denen sie (allesamt „überdurchschnittlich vermögend“ – was sie offenbar absolut disqualifiziert!) spricht Bände. Grundsatztreue, auf dem Boden der „Österreichischen Schule“ stehende Liberale haben nämlich zu keiner Zeit jemals „Bankenrettungspakete“ gefordert, sondern stets darauf gepocht, die Marktkräfte wirken und moribunde Marktteilnehmer – also auch Banken – untergehen zu lassen. Die „too-big-to-fail-Ideologie“ ist nicht auf dem Boden der Liberalen gewachsen. Sie ist eine Konsequenz des Staatsinterventionismus´, der derartige Finanzmonster erst herangezüchtet hat. Immerhin werden Banklizenzen immer noch vom Staat vergeben und die Bankenaufsicht liegt ebenfalls in seinen – nicht etwa in privaten Händen. Das stereotyp ausgestoßene „haltet-den-Dieb“ – Geschrei der Feinde freier Märkte ist wahrhaft nur noch als peinlich zu bezeichnen. Schade, dass die „Presse“ nicht umhin konnte, den selten intelligenten Beitrag eines liberalen Dissidenten mit dem sattsam bekannten, herkömmlichen Ökonomengeschwafel zu konterkarieren.

 

Quellen:

„Die Presse“ (04.03.2011): In Keynes’ Falle

„Die Presse“ (11.03.2011): Zündeln mit schnellem Geld

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