19. Januar 2011

Schulmobbing Zwischen den Zeilen

Nachlese zu „Kinderseelen-KZ“ von Frieda Norka

An manche Lehrer erinnert man sich ein Leben lang. So ist mir die oft wiederholte Mahnung einer Deutschlehrerin am Gymnasium im Gedächtnis geblieben: „Leute, ihr müsst zwischen den Zeilen lesen lernen!“ In unserem pubertären Unverstand taten wir das als Marotte der literaturbesessenen Pädagogin ab. Die Äußerung „Das steht zwischen den Zeilen!“ wurde zum geflügelten Satz, der allgemeine Heiterkeit erzeugte, sobald ein Mitschüler versuchte, unter dem Hinweis auf das „Unsichtbare“ eine gehaltlose Texteigenproduktion inhaltlich aufzubessern.

Und doch: die Sprache verrät den Menschen, sein Jargon und semantischer Duktus lassen Neigungen, Ansichten und Absichten erkennen. Die Entschlüsselung des Idioms also ist es, was wir als Zwischen-den-Zeilen-lesen bezeichnen – eine Kunst, die im Laufe des Lebens erlernt wird. Jeder Text besitzt eine unverwechselbare Aura. Der Leser empfängt sozusagen atmosphärisch Auskunft über die Person des Verfassers. Als authentisch wird ein Text wahrgenommen, wenn Aussage und Wortwahl übereinstimmen, wenn der Autor sich nicht von aktuellen Schlagworten überwältigen lässt beziehungsweise dialektische Leerformeln benutzt, um in jedem Falle Recht zu behalten. Authentisch wirkt, um es auf einen Nenner zu bringen, eine Sprache, die auf Augenhöhe mit dem Leser Verständigung sucht. Intellektuelles Dominanzstreben hingegen verrät sich durch das Idiom der jeweiligen Herrscherclique.

Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten

Der Aphorismus von Friedrich Schiller ist nur auf den ersten Blick paradox. Lautstarkes Brandmarken gesellschaftlicher Fehlentwicklungen trägt in Wahrheit zur Stabilisierung des Systems bei. Das gemeinsame Klagelied schweißt die Betroffenen im (mit)geteilten Leid zusammen: Wir sind nicht allein, wir sind zu zweit, zu dritt, zu vielen! Damit ist der atavistischen Sehnsucht nach Nestwärme Genüge getan, und man findet sich leichten Herzens mit der unbequemen Lage ab. Gemeinschaftlich empfundene Empörung über „unhaltbare“ Zustände spendet Trost und vermittelt das gute Gefühl, etwas „getan“ zu haben, womit die Verantwortung auf andere geschoben werden kann. Brennstoff für die öffentliche Empörungskultur zu liefern ist denn auch ein lukratives Geschäft und dürfte unausgesprochen auch die Basis für den Verkaufserfolg des Buches von Frieda Norka bilden. Der reißerische Titel wurde offensichtlich mit Bedacht gewählt. „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“ riecht nach Skandal. Die Empörungsgemeinde jubelt: der Mitgliederkreis erfährt eine zahlenmäßige Erweiterung. Masse verspricht Macht.

Frieda Norka wirft gewissen gesellschaftlichen Interessengruppen Heuchelei vor. Aber: ist ihr eigenes Interesse am Los gemobbter Schulkinder denn echt? Lassen wir das. Ich habe das Buch nicht gelesen, ich werde es auch nicht lesen. Und das, obwohl alles, was mit Pädagogik zusammenhängt, für mich von Interesse ist. Schon Norkas Äußerungen im online-Interview („Gesellschaft und Schulmobbing“) müssen den wahrheitssuchenden Geist irritieren. Man fragt sich, ob die Mitdreißigerin (noch?) keinen festen Meinungsstandpunkt gefunden habe, von dem aus das soziale und gesellschaftspolitische Geschehen in einen größeren historischen und sittlichen Rahmen einzuordnen wäre. Doppeltsehen oder Schielen erzeugt Vexierbilder und widersprüchliche Botschaften. Die Autorin wirft dem Leser eine Menge gescheiter Vokabeln an die Brille, jongliert geschickt mit modischen Schlagworten aus Politik und Soziologie, bemüht brisante Politfloskeln. Das rhetorische Feuerwerk erfreut durch beträchtliches Geknatter nebst abrundendem Schwefelduft, bringt aber kaum Erkenntnisgewinn. Eventuell dient das Interview der Tarnung, und das Buch wäre womöglich doch ein intellektueller Genuss, den ich mir aus hochmütiger Voreingenommenheit entgehen lasse, wer weiß?

Eine verräterische Vokabel

Vor einigen Tagen hielt ich die Printversion von eigentümlich frei in Händen und las das zweite Gespräch, das die Redaktion von eigentümlich frei mit der Frieda Norka geführt hat: „Gewalterfahrung in der Schule: Amoklauf als Lernziel?“; Heft Nr. 109, Seite 35. Eingedenk des guten Rates meiner ehemaligen Deutschlehrerin las ich gehorsam zwischen den Zeilen: „Es ist immer wieder amüsant zu beobachten, wie pseudolinke Erscheinungsformen jahrelang den Multikulti-Irrtum predigen, aber den Kiez in Windeseile verlassen, sobald die eigenen Kinder ins schulpflichtige Alter kommen.“

Haben Sie die eigentliche Botschaft dieses Satzes herausgehört? Nicht um den „Multikulti-Irrtum“ geht es, der ist ohnehin in aller Munde. Nein, die Autorin gibt ungewollt etwas anderes preis. Es wird ihr beim Schreiben kaum bewusst gewesen sein. Nach weitverbreitetem Verständnis ist die Idee des Sozialismus – also das, was wir gemeinhin als „linkes Gedankengut“ bezeichnen – von tiefer Menschenfreundlichkeit und Altruismus geprägt. Diese Sichtweise ist so eingängig wie sie falsch ist: eine fausse idée claire. Frau Norka beklagt in dem inkriminierten Satz die Heuchelei der Befürworter des Multi-Kulti-Gedankens. Sie nennt das „pseudolinke“ Erscheinungsformen. Mit anderen Worten: was sich als „links“ gibt, könne nicht wirklich links sein, sondern ist womöglich dessen Gegenteil. Das „echte“ Linke – also nicht das „Pseudolinke“, wäre dann im Umkehrschluss weder verlogen noch schlecht. Verlogen und schlecht sind nach dieser Lesart Leute, die bloß vorgeben, links zu sein. Ist es zu weit hergeholt, in diesem Lapsus eine gewisse Sympathie der Autorin für linkes Ideengut herauslesen zu können, so zwischen den Zeilen?

Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt ...

Ernst Jandl sagte es auf seine witzige Art: Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Man kann denken, wohin und soweit man will. Man sollte nur die Grenzen zwischen geistiger und realer Welt erkennen. Da hapert es in manchen Gehirnen gewaltig. Das Phänomen linker Sentimentalität ist bekannt. An Naivität ist diese Weltsicht kaum zu übertreffen, doch die unbestechliche Realität holt deren Anhänger regelmäßig ein. Um den Schein wahren zu können, verstricken sich – menschlich, menschlich! – die Linken mehr oder weniger ungewollt in ein Geflecht von Lüge und Heuchelei. Janusgesicht und Doppelzüngigkeit sind nicht, wie Frau Norka meint, moralische Entgleisungen einiger Individuen, also der „Pseudo“-Linken. Sie sind ganz im Gegenteil das unvermeidliche Resultat realitätsblinder Wunschvorstellungen. Heuchelei und Lüge sind charakteristische Wesenszüge eines in die Praxis umgesetzten Sozialismus. Während man in Gedanken paradiesische Reiche errichten und sie wortreich auszuschmücken vermag, ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit schmerzhaft. Es entspricht genau dieser Logik, wenn Multi-Kulti-Jünger und -Jüngerinnen, um an dieser Stelle passend einen gendergerechten Stil zu bemühen, für die eigenen Kinder Schulen in bürgerlicher Umgebung bevorzugen, anstatt sie, ihren Lippenbekenntnissen gemäß, zu Ali und Ümmügülsüm in eine Klasse zu stecken. Wenn Frau Norka dieses scheinheilige Verhalten als „pseudolinks“ einstuft, dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: sie hat das Wesen des Sozialismus nicht erfasst.

Diagnose genial, Therapie tödlich

Tue ich der Autorin unrecht? Ich befürchte, nein. Allzugut fügen sich die Aussagen ins Bild, die sie zur „Genderpolitik“ macht – sowohl in ihrem Buch also auch im online-Interview ohne distanzierende Gänsefüßchen. Schon die kritiklose Übernahme des Sozialklempnerjargons zeigt grundsätzliches Einvernehmen mit dem System an. Und dessen Früchte können nun einmal keine anderen sein als jene, die Frieda Norka als ungenießbar geißelt.

Hingegen ist die scharfe Kritik der Autorin an der Organisation der staatlichen Schulen mehr als angebracht, die Bestandsaufnahme trifft den Kern. Viele Linke besitzen eine ausgesprochen gute Beobachtungsgabe. Sie diagnostizieren gesellschaftliche Fehlentwicklungen mit ausgesprochenem Scharfsinn. Das Phänomen der körperlichen und seelisch ausgeübten Gewalt – das Mobbing – ist traurige Realität an den großen Schulsystemen. Schon rein optisch erinnern die Gebäude eher an Gefängnisse denn an Stätten der freundlichen Begegnung und des Lernens. Zur Beschreibung der skandalösen Bedingungen, unter denen Kinder heute einen Teil ihres Lebens verbringen (müssen), sind bereits Millionen von Worten gesprochen und Tonnen von Papier bedruckt worden, ohne dass sich etwas gebessert hätte – wie sollte dies auch? Zwar zeigt sich der Wille zu Veränderungen allenthalben in unablässig verordneten Reformen, was einen gequälten Zeitgenossen zu folgendem Ausruf veranlasste: Reform, Reform! Sind die Dinge noch nicht schlecht genug?

Nichts wird sich an der Malaise ändern, so lange nicht das Schulmonopol des Staates gebrochen und der pädagogisch-industrielle Komplex zerschlagen wird. Es verdienen inzwischen zu viele Menschen durch die Bedienung dieser kalten Maschine ihren Lebensunterhalt. Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind enorm. Was will vor dieser Realität eine Anschuldigungsorgie bewirken, die den haarsträubenden Vergleich mit historischen Vernichtungsstätten bemüht? Heilige Protestgemeinde! Zündet ruhig eure Kerzen bei Betroffenheitsritualen an, reicht euch die Hände zum tränengeschwängerten Ringelreihen! Wer von euch aber macht denn den ersten Schritt zur tatsächlichen Veränderung der Zustände? Wer nimmt den brodelnden Topf vom Feuer? Sind euch die Henkel zu heiß? Moralisierung ist nicht die Lösung des Problems, die gebetsmühlenhaft wiederholten gemeinschaftlichen Klagen dienen lediglich der Selbstberuhigung. Was nottut, ist eine unparteiliche, nüchterne Analyse. Die Wurzel des Unheils kann nur mit klarem Verstand bloßgelegt werden.

Mobbing – ein Symptom der Leistungsphobie

Auch wenn es vielen von uns durch lebenslange Gewohnheit nicht mehr zu Bewusstsein kommen dürfte: Die Zwangskollektivierung gleichaltriger Kinder und Jugendlicher ist Unrecht, denn sie beruht auf Zwang. Von den Rechten der Kinder ist viel die Rede, das Recht auf eine schöpfungsgewollte Umgebung, in der sie unbehelligt vom Mob aufwachsen dürfen, gesteht man ihnen nicht zu. Mobbing ist das Resultat einer den Naturgesetzen widersprechenden Massenbetreuung in einer Institution, die lediglich vorgibt, der Bildung zu dienen. In Wahrheit wird das Entstehen einer inhaltlich definierten Leistungshierarchie behindert; eine solche wäre logische Folge des angewandten Leistungsprinzips. Unter dem gleichwohl gefühlsbetonten wie verlogenen Hinweis auf pädagogisches Wohlwollen, Chancengleichheit und soziale Fürsorge ist der Leistungsgedanke aus dem Schulunterricht verbannt worden. Viel ist heute die Rede von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Kinder. Aus der Psychologie wissen wir, dass ein Gut oder ein Zustand in der Regel erst dann wertgeschätzt wird, wenn Verlust droht oder bereits eingetreten ist. Wir lenken unseren Blick auf die Dinge, die wir nicht haben. Die vollmundigen Heilsverkündigungen der Pädagogik darf man deshalb getrost in ihr Gegenteil übersetzen.

Allein die organisatorischen Notwendigkeiten der anonymen Massenschule hemmen die Entwicklung individueller Fähigkeiten und Eigenschaften des einzelnen Kindes. Der Mangel ist also nicht von „unmoralischen“ Lehrern und Erziehern gewollt, er ist systembedingt. Das Kind wird nur als Teil der Masse wahrgenommen. In seiner schöpfungsgewollten Einzigartigkeit geschieht ihm durch die Kollektivierung Unrecht und dadurch großes Leid: Eigentum an sich selbst ist ein Grundrecht des Menschen und mithin die Basis der Zivilisation. Wo es kein Ich mehr gibt, ist auch das Du verloren. Die moderne Massenschule macht aus Kindern Objekte.

Wo keine Aufgabe, da kein Sinn

Individuelle Anstrengungen bleiben an einem solchen System ohne erkennbaren Vorteile für den, der sie erbringt. Leistungen zählen nicht, listiges oder brutales Durchsetzungsvermögen hingegen um so mehr. Es ist aber nun einmal so, dass hauptsächlich die persönlich erbrachte Anstrengung den Menschen zu bilden und seine Persönlichkeit zu formen vermag. Der selbsterbrachten und -verantworteten Leistung des Einzelnen wohnt eine Kraft inne, die rang- und hierarchienbildende Wirkung besitzt – eine notwendige Voraussetzung für die gesellschaftliche Ordnung. Pädagogisches Ungeschick oder Charaktermängel der Lehrperson wirken sich heute vergleichsweise dramatischer aus als zu früheren Zeiten, als Schulen klein und überschaubar waren.

Schulunterricht kann mehr oder weniger zur planlosen Irrfahrt in den Nebel der Zwecklosigkeit werden. Rücksicht auf persönliche Neigungen, Begabungen und emotionale Befindlichkeiten kann schon aus organisatorischen Gründen kaum geübt werden, weshalb sensible Kinder besonders unter der Kollektivierung leiden. Kinder und Jugendliche brauchen zur Entwicklung eines gesunden Selbstwerts eine ECHTE AUFGABE, die sie in Begleitung liebevoll zugetaner Erwachsenen unter Aufsicht lernend und übend erfüllen können. Wer ein „Wozu“ im Leben hat, kann fast jedes „Wie“ ertragen, das sagte der Psychologe Viktor Frankl und erbrachte selbst den beweis für die Richtigkeit dieses Satzes: Er überlebte das Konzentrationslager, weil er seinem Schicksal einen Sinn zu geben vermochte und sein Lebensziel nicht aus den Augen verlor.

Der kanadische Entwicklungspsychologe Dr. Gordon Neufeld bemüht sich seit Jahren um Aufklärung über die Notwendigkeit der festen Bindung zwischen Kind und Eltern, deren Zertrümmerung Lebensläufe vernichtet und die Gesellschaft als ganzes bedroht. In seinen Büchern kann man mehr über Mobbing erfahren als aus einer reißerischen Lektüre, deren Kitzel hauptsächlich in der unterschwellig wahrgenommenen Ausdünstung des Nie-mehrwieder besteht. Somit erweist der unauffällig, aber emsig tätige Dr. Neufeld der Sache selbst einen unvergleichlich größeren Dienst als Frieda Norka.

Grausame Peer-Group

Die mangelnde Bindung an Erwachsene schweißt Gleichaltrige ersatzweise zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen – eine Verbindung, die nicht nur emotionale Wärme spendet, sondern deren atavistische Gruppenseele zu ausgesprochen grausamen Handlungen führen kann. Der Kindermob ist die Verkörperung einer primitiven Reiz-Reaktions-Kultur, die wir längst hinter uns gelassen glaubten. Der englische Schriftsteller William Golding hat die Folgen der durch Abwesenheit von Erwachsenen ungehemmten Gewaltbereitschaft in einer Kinderschar literarisch brillant aufgearbeitet. In seinem weltberühmten Roman „Herr der Fliegen“ schildert er den vergeblichen Versuch von Internatsschülern, sich demokratisch zu organisieren. Beim Flugzeugabsturz auf eine Insel kommen die Erwachsenen zu Tode. Am Ende des missglückten Experiments stehen Sadismus, Grausamkeit und Mord. Die „Vorbilder“ der heutigen Jugend sind die Gleichaltrigen, ihre „Ersatzfamilie“ ist die Peer-Group. Insofern sollte sich niemand über wiederkehrende Gewaltausbrüche an unseren Schulen wundern. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis wieder einmal irgendwo ein Schüler Amok läuft. Kein Waffenverbot, keine ausgeklügelten Absperrungsmaßnahmen in Schulen werden dies verhindern.

Für das körperliche Wohl ist gesorgt

Die Schulzeit erwies sich schon immer als kritischer Lebensabschnitt, doch war der Unterricht einem einsichtigen Zweck gewidmet: dem Lernen. Das vermittelte sich auch den Schülern. Die Erwachsenen boten sich als Autoritäten an, sie hatten keine Furcht davor, wenn Kinder sich an ihnen rieben. Die meisten wollten nicht geliebt, sondern respektiert und geachtet werden. Der Unterricht war nicht überfrachtet mit Gefühlsaspekten jeglicher Art. Die Mehrheit der Lehrpersonen betrachtete es als ihre Aufgabe, den Schülern die kulturellen Grundfertigkeiten zu zeigen und diese beharrlich einüben zu lassen. Mit dem Rückzug des Lehrers aus dem Unterrichtsgeschehen wird das Lernen nachgerade entzweckt, denn – wie schon Goethe es trefflich formulierte – lernen wir nur von Menschen, die wir lieben. Leistungsfeindlichkeit und utopisches Menschenbild haben Schule zu einem Ort der Sinnleere verkommen lassen. Der Mensch, gleich welchen Alters, ist jedoch ständig auf Sinnsuche, und nichts macht ihn unglücklicher, als wenn er sein Leben nicht einer Aufgabe widmen kann. Die Aufgabe der Schulkinder bestand in der Einübung kultureller Grundfertigkeiten. Erstmals in der Geschichte der Menschheit weigert sich die Generation der Erwachsenen, ihre von Natur aus vorgesehene Rolle als Vorbilder und Erzieher zu übernehmen: sie versagen darin, kulturelle Fertigkeiten und traditionelle Werte an die nachwachsende Generation weiterzugeben. Man überantwortet statt dessen die Kinder einer technokratisch organisierten Aufsicht im Massenbetrieb, der sich beschönigend „Schule“ nennt. Die Kantine ist deren Herzstück. Für das körperliche Wohl ist gesorgt.

Fassen wir noch einmal zusammen: Strenge Leistungsanforderungen haben in der Schule alten Schlags für einen geordneten Ablauf des Unterrichts gesorgt. Es wurden genau definierte Leistungen verlangt, die mit Fleiß und Selbstdisziplin von den meisten Schülern erbracht werden konnten. Das verlieh dem Schulbesuch einen festen Rahmen und damit einen Sinn. Leistungsbezogenes Lernen absorbierte die Energien der Schulkinder und hielt damit Rangeleien und Gewalt in Grenzen. Erst der Einzug von Leistungsfeindlichkeit, Demontage der vertikalen Hierarchie, der Abbau von Autorität und Erwachsenenvorbild in die Schulen haben das Vakuum entstehen lassen, welches durch Lärm und Gewalt gefüllt wurde. Mobbing ist das Ventil, durch das sich der erzwungene Nihilismus Luft verschafft. Mobbing ist die Frucht der künstlich herbeigeführten, unnatürlichen, weil nivellierenden Gesellschaftsform. Mobbing finden wir nicht nur an Schulen, sondern überall dort, wo das sozialistische Weltbild keine wie auch immer gearteten qualitativen Unterschiede mehr duldet und dadurch des Menschen größten Besitz raubt: seine Einzigartigkeit, das Eigentum an sich selbst. Die fortschreitende Entropie ist am Zerfall traditioneller Ordnungen zu erkennen. Immer noch werden alte Wegweiser entfernt, aber keine neuen aufgestellt. Die Linken wollen heute sogar den Menschen selbst „neu erfinden“.

Mit solcherlei Gedankengut hätte Frau Norka eine fruchtbare Diskussion anstoßen können. Der provokative Titel ihrer Publikation ist nicht das schlimmste Übel – Wahrheiten müssen zuweilen schrill verpackt werden, damit sie öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Allerdings sollte dann auch zwischen den Buchdeckeln des Skandaltitels mehr zu finden sein als bloß inkonsistentes Wortgeklingel von eher „pseudoliberaler“ Qualität.


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Karin Pfeiffer-Stolz

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