14. Januar 2011

Vor zwanzig Jahren Vilniusser Blutsonntag

Das wahre Gesicht des Sowjetherrschers Gorbatschow

Mit Blaulicht und Sirene raste der Krankenwagen mit der jungen Loreta durch Vilnius. Es muss der Geruch geherrscht haben, den jeder Sanitäter fürchtet: Desinfektionsmittel und Blut. Trotz ihrer schweren inneren Verletzungen lebte Loreta Asanaviciute noch. Eine sowjetische Panzerbesatzung hatte das zwanzigjährige Mädchen kaltblütig überrollt.

Unser Gorbi

Eineinhalb Jahre vorher: Im Juni 1989 bereiten die Menschen auf dem Bonner Rathausplatz dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow einen begeisterten Empfang. "Gorbi, Gorbi!" rufen Tausende. Am nächsten Tag in Stuttgart säumen 50.000 Menschen die Straßen, um den Polit-Popstar zu bejubeln. 1990 verleiht ihm das vom norwegischen Parlament eingesetzte Komittee den Friedensnobelpreis. Gorbi, der ist ganz anders. Ganz anders als Lawrenti Berija, der 1953 den Aufstand in der DDR niederschlagen ließ, oder Nikita Chruschtschow jenen in Ungarn 1956 oder Leonid Breschnew 1968 den in der Tschechoslowakei.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde als Nachfolger Viktor Tschernenkos am 11. März 1985 Generalsekretär der kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Seine Sicht der Welt erläuterte er im Februar 1986, auf dem 27. Parteitag der KPdSU: "Marx verglich den Fortschritt in der Ausbeutergesellschaft mit jenem scheußlichen heidnischen Götzen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte. Die historische Weitsicht, Treffsicherheit und Tiefgründigkeit von Marx´ Analyse sind erstaunlich. In Bezug auf die bürgerliche Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts ist sie wohl noch aktueller als im 19. Jahrhundert!"

Gorbatschow versuchte bis zum Schluss, die kommunistische Sowjetunion zu erhalten. Alles was er tat, diente diesem Zweck: Zunächst bekämpfte er das "falsche Bewusstsein" der Menschen, indem er die wenigen geduldeten Inseln der Marktwirtschaft abschaffte. Dies verschlimmerte die Lage jedoch; also riss er das Ruder herum und versuchte, das kommunistische Imperium durch Reformen zu retten: "Perestroika" (Umbau) und "Glasnost" (Offenheit). Doch seine Reformen lösten Entwicklungen aus, die er nicht überblickte: 1988 bildeten litauische Schriftsteller, Wirtschaftswissenschaftler, Künstler wie Vytautas Landsbergis und sogar Parteimitglieder die "Bewegung für Perestroika in Litauen", Lietuvos Persitvarkymo Sajudis oder kurz: Sajudis.

Die vergessenen Völker des Baltikums und die Singende Revolution

Die kommunistische Partei Litauens behandelte Sajudis von Anfang an mit großem Misstrauen; auch, weil Sajudis eine Rolle fernab vom Staats- und Parteiapparat suchte. Gerade deswegen zogen ihre öffentlichen Auftritte, die zunächst nur unter kulturellen oder Umwelt-Themen standen, immer mehr Menschen an.

Unter den Sowjets war es in den annektierten baltischen Republiken gefährlich, patriotische Lieder zu singen. Berufsverbot oder sogar Deportation drohten dem, der es wagte. Viele baltische Sängertreffen fanden darum heimlich statt. Durch die Vorgänge im übrigen Osteuropa ermutigt, fanden sich jedoch im Sommer 1988 300.000 Esten auf dem Sängerfest Laulupidu in Tallinn zusammen und sangen gemeinsam ihre Nationalhymne. Das waren einfach zu viele, um alle zu deportieren. Der Bann war gebrochen. Die Menschen hielten sich nicht länger zurück. "Auf der Bühne gab es das Gefühl, wir müssen nichts mehr fürchten. Jetzt ist etwas losgegangen und man kann den Geist dieser Freiheit nicht wieder in die Flasche sperren! Man sah im Publikum die ersten Nationalflaggen. Das Gefühl war sehr befreiend," berichtet Riina Roose, musikalische Leiterin des Tallinner Stadttheaters.

Auch in Litauen sah sich die kommunistische Partei bald an die Seite gedrängt. Das änderte sich, als sie mit Algirdas Brazauskas einen neuen Vorsitzenden bekam. Brazauskas hatte jahrelang das Versagen des Sozialismus beobachten können und entschloss sich, mit Sajudis zusammenzuarbeiten. Der Konflikt der Balten mit dem Kreml spitzte sich über die Verfassungsfrage zu: Gorbatschow versuchte zur gleichen Zeit, den Republiken der Sowjetunion Autonomien wieder zu entziehen; die Litauer wie alle Balten wünschten dagegen mehr Unabhängigkeit. Sajudis hatte sich bislang stets auf Gorbatschow und dessen Perestroika berufen. Gorbatschow erklärte sie vor dem Präsidium des Obersten Sowjets zu "Parasiten der Perestroika" und gab damit das Startsignal einer Pressekampagne gegen die Balten. Gleichzeitig schürte der Kreml Konflikte zwischen den verschiedenen Ethnien Litauens – den Litauern auf der einen, dort lebende Polen und Russen auf der anderen Seite – und schob den Litauern die Schuld an diesen Konflikten zu (Senn 1995). Doch statt die gewünschten Wirkung zu erzielen, machte das Sajudis nur noch beliebter.

Das Führen der Nationalfarben und das Singen der Nationalhymne waren zwar immer noch illegal, doch keiner hatte mehr Angst. Schritt für Schritt nahm sich Sajudis einfach ihre Freiheiten: Sie organisierten Versammlungen, ohne um Erlaubnis zu bitten, dann veröffentlichte Sajudis ihre eigene Zeitschrift, Atgimimas. Die Bedeutung dieses Bruchs des staatlichen Meinungs- und Nachrichtenmonopols betonte der Herausgeber Romualdas Ozolas: "Das Stadium des litauischen Journalismus von Samizdat und Matrizendruck endete und ein neues begann". Dann, am 23. August 1989, auf den Tag 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, bildeten rund zwei Millionen Balten eine Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius. "Ich war hochschwanger und stand in der Nähe der Kathedrale in Vilnius, mit meinen Händen verbunden mit all den anderen Menschen," erinnert sich die Litauerin Dalia Vaicenaviciene. Auf die Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten 1989 hatten die Kommunisten keinen Einfluss mehr, und Sajudis gewann in Litauen haushoch – auch wenn zahlreiche Sajudis-Deputierte Mitglieder der litauischen KP waren.

Der Konflikt auch zwischen der litauischen KP und dem Kreml hatte sich inzwischen zugespitzt. Brazauskas entscheid sich daher für einen radikalen Schritt: Seine Partei erklärte sich für von der KPdSU unabhängig. Sofort wurde er nach Moskau zitiert und vor ein Tribunal des Zentralkomittees gestellt. Gorbatschow schien zu diesem Zeitpunkt die Situation immer noch nicht verstanden zu haben. Erst bei seinem Besuch in Vilnius im Januar 1990 wurde er mit der angstfreien Ablehnung der Litauer konfrontiert. Als im Februar 1990 die Litauer erstmals freie Wahlen des Litauischen Sowjets abhielten, siegten Sajudis und andere Parteien, die die Unabhängigkeit verlangten. Im März war Litauen die erste der drei baltischen Republiken, die ihre Unabhängigkeit erklärte. Lettland und Estland folgten im Mai. Doch nur Island erkannte sie an. Alle anderen westlichen Staaten sollten sich bis nach dem gescheiterten Moskauer Augustputsch 1991 Zeit lassen.

Wie reagierte Gorbatschow, der die Menschen der Freiheitsbewegungen im übrigen Osteuropa gewähren ließ? Freiheit für Polen, Tschechen, Ungarn und Deutsche? Vielleicht. Aber für die Völker, die erst Hitler und anschließend Roosevelt und Churchill seinen Vorgängern überlassen hatten? Wie sich zeigte, zog Gorbatschow an den Grenzen seines Reiches auch die Grenze seiner Toleranz. Als sie ihre Unabhängigkeit erklärten, verhängte Gorbatschow eine Blockade über die Balten: Besonders empfindlich wurden die Menschen dadurch getroffen, dass kein Öl mehr die Raffinerien erreichte und die Gasversorgung auf ein Viertel zusammenbrach. Das litauische Parlament sah sich im Juni gezwungen, einem "Moratorium" der litauischen Unabhängigkeit zuzustimmen. Doch statt die Situation zu entschärfen, wurden die russischen Kommunisten und insbesondere das Militär nun erst recht als Besatzer wahrgenommen. Der Kreml seinerseits meinte, den Konflikt siegreich beendet zu haben, sprach wieder von einer "Litauischen Sowjetrepublik" und verlangte, die Baltischen Republiken müssten sich wieder sowjetischen Gesetzen und sowjetischer Steuerung unterwerfen.

Die Öffentlichkeit Westeuropas bekam davon wenig mit. Im Zeitalter der "Gorbimania" schien es geradezu unziemlich, die Balten zu erwähnen. Nach dem Einmarsch der Truppen Saddam Husseins in Kuwait bereiteten sich die USA auf die Rückeroberung vor. Sie brauchten Gorbatschows wenigstens passive Unterstützung. Die deutschen Medien ihrerseits waren zu beschäftigt, die Lichterketten in unseren Fußgängerzonen zu filmen. "Kein Blut für Öl!" riefen wir alle damals. Was in Europa selbst geschah, fand keine Beachtung.

Die Erstürmung

Die neue Litausiche Regierung unter Landsbergis zeigte keinerlei Anstalten, sich der Sowjetordnung wieder zu unterwerfen. Die Menschen ließen die Kommunisten deren Besatzerrolle jeden Tag spüren. In den Augen des Kreml hatte diese Rebellion zwei wichtige Stützen: das litauische Parlament und die Medien, insbesondere der Rundfunk.

Anfang 1991 eskalierte der Kreml die wirtschaftliche Not und die ethnischen Konflikte Litauens. Am zehnten Januar forderte Gorbatschow die Wiederherstellung der sowjetischen Verfassung. Einen Tag später besetzten sowjetische Truppen mehrere öffentliche Gebäude und insbesondere Rundfunkzentralen. Bei der Erstürmung des Hauses der Presse wurden erstmals Zivilisten angegriffen und verletzt. Am folgenden Tag traf der stellvertretende sowjetische Verteidigungsminister ein und übernahm die Leitung der Einsätze. Gleichzeitig versammelten sich Zivilisten vor den verbleibenden öffentlichen Gebäuden und Medieneinrichtungen. Am Abend des zwölften Januar setzten sich sowjetische Panzer und Truppentransporter wieder in Bewegung. Ihr Ziel diesmal: Der Vilniusser Fernsehturm.

Arunas Ramanavicius, der in dieser Nacht am Fernsehturm war, berichtete in der Litauischen Publikation LiTnews, was er erlebte: "Ich war auf meinem Weg nach Hause, als ich die Armada von Panzern sah, die in Richtung Fernsehturm fuhren; also beschloss ich ihnen zu folgen statt nach Hause zu fahren," erinnert er sich. "Wir glaubten nicht, dass sie angreifen, geschweige denn auf uns schießen oder vorsätzlich jemanden töten würden." Doch die Soldaten hatten andere Befehle. "Den Panzern wurde von der Menge unbewaffneter Menschen der Weg verstellt und die Soldaten begannen, mit Knallmunition zu schießen." Doch die Leute ließen sich nicht einschüchtern.

Dann schossen die Soldaten scharf, und die Panzer rollten über Menschen hinweg. Ein überwältigender Schmerz traf Ramanavicius und sein Bein sackte unter ihm weg. Die Sowjetsoldaten schossen mit Zerlegungsmunition. Zwei Projektile drangen in Ramanavicius rechtes Bein ein, zerteilten sich, zerfetzten Fleisch und Blutgefäße und zertrümmerten seinen Knochen. Er wurde von anderen Demonstranten aus der Kampfzone geborgen, während die Soldaten den Sturm auf den Fernsehturm abschlossen. Hunderte von Menschen wurden in jener Nacht von Gorbatschows Soldaten verletzt und vierzehn getötet. Ramanavicius würde nach seiner Notoperation noch viele andere Behandlungen ertragen müssen, doch er sollte leben. Nicht weit von ihm muss in jener Nacht Loreta Asanaviciute gestanden haben. Die junge Strickerin in einer Textilfabrik hatte gerade ihre Ausbildung zur Buchhalterin beendet und sich verlobt. Sie hatte eine schöne Stimme, nahm an den Sängerfesten teil und war zu den Unabhängigkeits-Demonstrationen gekommen, wann immer sie konnte. "Ich habe Angst," sagte sie ihrer Freundin, die sie an der Hand hielt, als der Panzer auf sie zurollte.

Gorbatschows Rolle, als es darauf ankam

Während dieser sehr einseitigen Kämpfe versuchte Landsbergis unentwegt, Gorbatschow zu erreichen; doch dieser ließ sich verleugnen: Erst wäre er beim Abendessen, dann hätte er sich zur Ruhe gelegt. Am folgenden Tag zeigte sich, dass das litauische Parlamentsgebäude von einer derart dichten Menschenmenge umringt war, dass es ohne ein gewaltiges Massaker nicht erobert werden konnte. Gleichzeitig waren die litauischen Medien trotz aller Einsätze des sowjetischen Militärs in der Lage geblieben, über die Geschehnisse zu berichten. Die Regierung Norwegens wandte sich an die Vereinten Nationen, jene Polens erklärte den Litauern ihre Solidarität. Der Kreml war gescheitert.

Erst jetzt zeigte sich Gorbatschow wieder: Litauische Arbeiter und Intellektuelle hätten sich wegen antisowjetischer Sendungen an das Parlament wenden wollen, wären aber gewaltsam abgewiesen worden und hätten das Militär um Hilfe gebeten. Boris Pugo, Gorbatschows Innenminister, behauptete, die Demonstranten hätten zuerst geschossen. Gorbatschow selber erklärte, niemand in Moskau hätte die sowjetischen Truppen autorisiert, es sei alles die Verantwortung des örtlichen Garnisonschefs.

All dies will nicht zu unserem Bild Michail Gorbatschows passen. Wir sehen ihn gerne in unseren Nachrichten als charmanten älteren Herrn, dem wir Preise verleihen; etwa letztes Jahr bei der Baronin-Dönhoff-Stiftung oder als er von der Bürgergesellschaft Köln-Thielenbruch 2008 den “Orden für Zivilcourage und Charakter” erhielt. Wir mögen uns nicht an den Sowjetherrscher erinnern und an Nächte wie jene in Vilnius. Damals hatte ein Krankenwagen endlich sein Ziel erreicht. Loreta Asanaviciutes Zustand hatte sich bedenklich verschlimmert, als sie in die Klinik getragen wurde. "Doktor, werde ich leben?" flüsterte die junge Frau dem Arzt zu. Dann blieb ihr Herz stehen.

Literatur:

Alfred Erich Senn (1995): Gorbachev's failure in Lithuania. New York. St Martin's Press, 1995


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