13. Januar 2011

Attentat in Arizona Von Niedertracht und Heldenmut

Viele Amerikaner lehnen opportunistische Versuche weiterer Freiheitsbeschränkungen ab

Wir wissen noch zu wenig über Jared Lee Loughner, um uns ein vollständiges Bild über die Motivation für seine Schreckenstat vom 8. Januar zu machen. Doch viele Indizien deuten auf eine ernste Geisteskrankheit hin. Mehrere Fachleute vermuten bereits eine paranoide Schizophrenie. Das hinderte aber keineswegs große Teile der Politik und ihnen ergebenen Medien, den tragischen Vorfall für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. In der „New York Times“ machte Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman nur Stunden nach dem Attentat die „Rhetorik“ mancher Republikaner und der Tea-Party-Bewegung verantwortlich: „Wenn ein Klima des Hasses hergestellt wird, geschehen Gewaltakte.“ Ein Gedanke, der in den Tagen darauf endlos variiert von vielen anderen wiederholt wurde. Präsident Obama hat in seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats in Tucson die Wogen zu glätten versucht und indirekt seine eigenen Parteifreunde wegen „einfacher Erklärungen“ und Schuldzuweisungen kritisiert.  

Das ist zu begrüßen, ihm blieb aber auch keine andere Wahl: Zweifel an der Verknüpfung politischer Rhetorik und dem Attentat von Tucson sind mehr als berechtigt. Loughners erstes Opfer Gabrielle Giffords hatte zwar gewarnt, dass Sarah Palins inzwischen berüchtigte Zielscheiben-Landkarte „Konsequenzen“ haben könnte. Doch ernsthaft bedroht kann sich selbst die Abgeordnete nicht gefühlt haben, sonst hätte sie sich für öffentliche Auftritte wie den vom 8. Januar Schutzpersonal bestellt. So schlimm scheint es also mit dem angeblichen „Klima des Hasses“ nicht gewesen zu sein. Genauso gut beziehungsweise schlecht könnte übrigens auch linker Hass verantwortlich gemacht werden. Schließlich soll Loughner ja auch das Kommunistische Manifest gelesen und gemocht haben. Er wurde von seinen Klassenkameraden als „linker Kiffer“ beschrieben. Weil Giffords gegen ihre eigene Fraktionsvorsitzende Nancy Pelosi gestimmt hat, sei sie nun „für mich gestorben“, schrieb zwei Tage vor dem Attentat ein „BoyBlue“ im linken politischen Forum „Daily Kos“. Der Beitrag ist inzwischen ebenso entfernt worden wie die Zielscheiben Palins.

Schon vor Obama haben sich auf der Linken Nachdenklichere zu Wort gemeldet. So warnte „Matisyahu“ im selben Forum „Daily Kos“, dass man ein großes Risiko eingeht, wenn man auch nur den Anschein erweckt, aus einer Tragödie einen politischen Gewinn ziehen zu wollen. Die Zielscheiben-Landkarte von Palin habe auch ihn zornig gemacht. Aber: „Wissen wir überhaupt, dass Loughner diese Karte gesehen hat?“

Palin selbst versuchte sich zu verteidigen: „Abscheuliche kriminelle Akte stehen für sich. Sie beginnen und enden mit den Verbrechern, die sie verüben, nicht kollektiv mit sämtlichen Bürgern eines Staates.“ Damit hat sie zwar recht. Die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner würde aber glaubwürdiger klingen, wenn sie und andere auf der Rechten nicht oft eilfertig Kollektive wie „die Muslime“ für Greueltaten Einzelner verantwortlich machen würden.

Zurück zum Attentat in Tucson: In anekdotischen Berichten im Internet taucht wiederholt der Hinweis auf eine Veranstaltung mit Giffords vor drei Jahren auf, an der Loughner teilgenommen haben soll. Dort habe er eine Frage gestellt. Die Antwort der Politikerin habe ihn nicht zufriedengestellt und er soll Giffords später Bekannten gegenüber als „dumm“ bezeichnet haben. Wenn seine Frage ähnlich inkohärent war wie seine Videobotschaften auf YouTube, dann wird die Antwort vermutlich eine mehr oder weniger diplomatisch formulierte Abfuhr gewesen sein. Kann das der Ausgangspunkt der Wahnsinnstat gewesen sein?

Das kann zu diesem Zeitpunkt nur spekuliert werden, ebenso wie die Vermutung, dass Psychopharmaka eine Rolle gespielt haben könnten. Auch Hinweisen auf Schulmobbing sollte nachgegangen werden, das inzwischen als wesentlicher Faktor vieler Schulamokläufe bekannt ist. In seiner „Abschiedsbotschaft“ auf seiner inzwischen gesperrten MySpace-Seite soll der Attentäter von Tucson unter anderem, wie üblich ziemlich zusammenhanglos, den schlichten Satz geschrieben haben: „Ich hatte einen Mobber an der Schule.“ Sollte sich einer oder mehrere dieser Indizien erhärten, muss die Frage gestellt werden, weshalb die Warnzeichen übersehen wurden. Oder wenn sie erkannt wurden, weshalb sich keiner ernsthaft um Loughner kümmerte. Obwohl er wegen „Verhaltensproblemen“ aufgefordert wurde, die Schule nicht mehr zu besuchen, war er dem Gesundheitsamt Arizonas nicht bekannt.

Statt dessen machen viele wieder einmal die Waffe, nicht den Schützen, verantwortlich. Mehrere amerikanische Politiker haben in den letzten Tagen bereits striktere Waffengesetze gefordert. Darunter auch der republikanische Kongressabgeordnete Steve King. Seine Idee: Eine 300-Meter waffenfreie Zone um gewählte Politiker. Unterstützung erhielt er von Michael Bloomberg, dem Bürgermeister von New York. „Seit Jahren versucht die Machtelite erfolglos, Amerika zu entwaffnen“, findet der „Daily Bell“. Die aktuellen Versuche werden aber vermutlich weitgehend im Sande verlaufen, denn: Amerika ist in einer „Anti-Regulierungs-Stimmung“. Zwischen 1990 und 2010 ist zudem die Zustimmung für striktere Waffengesetze von 78 auf 44 gefallen. Dazwischen liegen katastrophale Amokläufe wie die von Columbine und Virginia Tech. Die Schießerei von Tucson wird an diesem Stimmungstrend nichts ändern. Im Gegenteil: Waffenverkäufe in den USA schnellen derzeit nach oben, meldet „Spiegel Online“ nach dem Attentat.

Zumindest einer der Männer, die Loughner niederrangen, war selber bewaffnet. „Ich trage immer eine Schusswaffe, so fühle ich mich sicherer, und denke, dass ich im Notfall Menschen helfen kann,“ sagte Joe Zamudio nach der Tat im Fernsehn. Der 24-jährige war nach eigenen Angaben in einem benachbarten Laden, als er Schüsse hörte. Während sich andere auf den Boden warfen oder wegliefen, entsicherte Zamudio seine Waffe und rannte auf den Unruheherd zu. Die Verblüffung der TV-Moderatoren angesichts dieser Schilderung ist mit den Händen zu greifen. Dort angekommen, erzählte Zamudio weiter, stürzte er sich auf den bereits entwaffneten Loughner und assistierte zwei anderen Männern und eine Frau, die ihn am Boden festhielten. Schon mit acht Jahren habe er eine Waffe besessen. Durch das Ereignis fühle er sich in seiner Entscheidung bestärkt, immer eine Waffe zu tragen: „Ich weiß noch nicht einmal, ob ich jemals wieder fliegen kann, weil ich immer eine Waffe tragen will“, meinte der Zamudio am Schluss des Interviews.

Auch der Vater des am gleichen Tag erschossenen Mädchens meldete sich zu Wort. Seine Aussage ist geeignet, jeden, der Lösungen für Probleme zuerst beim Staat sucht, zum Nachdenken zu zwingen. Es sei „ein seltenes Ereignis für Tucson, die eine wunderbare Stadt ist“, sagte John Green. Über seine neunjährige Tochter, die am 11.9.2001 geboren wurde, meinte er: „Sie hätte keine weiteren Einschränkungen der Freiheit gewollt. Ich habe gesehen, was nach den Anschlägen vom 11. September geschah, denn ich bin viel unterwegs. Nach den Anschlägen wurde Reisen zum Alptraum. Wir wollen keine weiteren Freiheitsbeschränkungen in unserer Gesellschaft. Wir leben in den USA und haben mehr Freiheiten als sonstwo. Dies ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen.“

Da es mit der Entwaffnung der Amerikaner offenbar wieder einmal nicht klappen wird, verschanzen sich die Gegner der Tea-Party hinter dem Vorwurf der aufhetzenden Rhetorik. Die Linke meint aber nicht Sprüche wie: „Wenn die ein Messer zum Kampf bringen, bringen wir eine Schusswaffe“, was Barack Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008 im Hinblick auf die Republikaner äußerte. Gemeint ist auch nicht: „Den sollten sie erschießen. Stellt ihn an die Wand und erschießt ihn!“ So im Oktober 2010 die Empfehlung des demokratischen Kongressabgeordneten Paul Kanjorski im Hinblick auf den republikanischen Kandidaten für den Gouverneursposten in Florida. Nein – die Linke ist zutiefst verletzt darüber, dass ihr Messias bei den Kongresswahlen im vergangenen November eine Niederlage historischen Ausmaßes erlitten und seine Partei die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren hat. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, sind alle, die nicht ihrer Meinung sind, automatisch „Hetzer“. Wer mit ihrem Programm der Gesellschaftskonditionierung nicht einverstanden ist, soll gefälligst Selbstzensur üben, so das Motto der Linken. Ihr derzeitiges Toben wirkt jedoch ungewohnt impotent.

Tea-Party-Aktivisten und Libertäre erinnern regelmäßig daran, dass der zweite Verfassungszusatz – das Recht auf Waffenbesitz – den ersten Verfassungszusatz – das Recht auf freie Meinungsäußerung – schützt. Der Spruch bewahrheitet sich in diesen Tagen. „Wenn Regierungen das Volk fürchten, haben wir Freiheit. Wenn das Volk die Regierung fürchtet, haben wir Tyrannei“, meinte Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA. Auch dieser Spruch wird von der Tea-Party gerne zitiert. Vor einer solchen Rhetorik hat die Elite naturgemäß Angst. Diese Angst ist der Grund für die hysterische Überreaktion auf den Amoklauf und für die Ausblendung plausibler Erklärungen für die Tragödie von Tucson.


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