Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Schuldebatte in Österreich: Schrecken ohne Ende

von Andreas Tögel

Gute und Schlechte ins Einheitskröpfchen

09. Januar 2011

Seit der Veröffentlichung der Ergebnisse des letzten PISA-Tests vergeht kein Tag, an dem nicht neue Meldungen über erforderliche oder bereits geplante Schulreformen kolportiert werden. Das erwartungsgemäß schlechte Ergebnis der Untersuchung hat die Sozialisten aus allen Parteien – namentlich deren „Bildungsexperten“ – einmal mehr zu von Ideologie triefenden, propagandistischen und zumeist sinnfreien Höchstleistungen auflaufen lassen. Dabei ist beinahe überflüssig zu erwähnen, dass all diese “Experten“, in welcher Rolle auch immer, Protagonisten des Bildungssystems sind, ihr Einkommen nicht dem Markt, sondern der Politik verdanken, von Steuergeldern leben und – wie auch gemeine, normalsterbliche Menschen – zuallererst ihre eigenen Interessen verfolgen. Keineswegs geht es ihnen, wie viele hoffnungslos naive Zeitgenossen vermuten, um jene der „Kunden“ des Bildungssystems, nämlich die der Schüler. Es geht um die Umsetzung ewiggestriger Gleichheitsideologie einerseits und um die Bewahrung und den Ausbau der Pfründe von Profiteuren des staatlichen Systems der Zwangsbeschulung andererseits.

Die Fronten sind klar: Linke Kräfte (Rote und Grüne) fordern seit Jahrzehnten die Einführung einer „integrierten Gesamtschule“ und behaupten allen Ernstes, der erzwungene gemeinsame Unterricht für Gescheite und Blöde würde beiden Vorteile bringen. Ein für außerhalb dieses weltfremden Systems stehende Menschen geradezu haarsträubend törichter Gedanke! Dem Autor dieser Zeilen – dem möglicherweise einzigen Nicht-Schulexperten des Landes – fällt dazu folgendes ein: Wer würde – auf welche Weise – davon profitieren, musikalische und unmusikalische Menschen zusammen in einem Chor zu vergattern? Die einen litten darunter, dass manche keinen einzigen Ton treffen, während die anderen weder Freude am Singen noch am Zuhören hätten. Liegt das nicht auf der Hand? Warum aber sollte es im schulischen Mathematik- oder Physikunterricht anders sein? Die Annahme, dass gute Schüler die schlechten zu besonderen Anstrengungen animieren und ihrerseits durch die von ihnen zu leistende „Nachhilfearbeit“ profitieren würden, erscheint verrückt und steht im diametralen Widerspruch zu aller Erfahrungen, die vom Autor dieser Zeilen selbst und sämtlichen seiner dazu befragten Freunde und Bekannten stehen.

In Wahrheit kommt es – wer hat es während der eigenen Schulzeit nicht selbst erlebt? - klarerweise zu einer Segregation. Die Streber auf der einen und die Klassenesel auf der anderen Seite finden sich mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammen. Von „wechselweise voneinander profitieren“ kann in der wirklichen Welt keine Rede sein. Da das aber selbst in jener weit zurückliegenden Zeit schon der Fall war, als die Gleichheitsideologie noch keinen vollständigen Triumph über die Vernunft errungen hatte und daher – horribile dictu – Aufnahmeprüfungen an den Gymnasien sicherstellten, dass dort nur die Schlaueren Einlass finden – welche Resultate sind dann von einem System zu erwarten, das ohne Rücksicht auf individuelle Begabungen alle Schüler unbekümmert in denselben Topf wirft?

Natürlich ist es für gute Schüler besser, unter sich zu bleiben. Unter den Besten nämlich entwickelt sich tatsächlich ein Wettbewerb, der allen zum Vorteil gereicht. Und um einer für (g)eifernde Egalitaristen unbequemen Wahrheit die Ehre zu geben: Auf die – und nur auf die – kommt es im Hinblick auf die langfristige (Wohlstands-)Entwicklung unserer Gesellschaft an. Von ihnen nämlich hängt es ab, wie innovativ und wettbewerbsfähig der produktive Sektor des Landes dereinst arbeiten wird.

Daher ist es auch sinnvoll, das Hauptaugenmerk auf alles zu richten, was der Förderung und Entwicklung dieser künftigen Elite dient. Für die Schwachen indessen wäre es schon hilfreich, ihnen in neun Schuljahren wenigstens sinnerfassendes Lesen beizubringen – was derzeit keineswegs durchgängig der Fall ist!

Bemerkenswerterweise interessieren sich die Damen und Herren „BildungsexpertInnen“ – trotz aller gebetsmühlenartig wiederholten Beschwörungsformeln, wie wichtig doch das hohe Gut Bildung sei – nicht im Geringsten dafür, wie es in den Berufsschulen zugeht, oder was Lehrherren über den ihnen von den Hauptschulen zugemuteten Nachwuchs zu sagen haben. Offensichtlich beginnt der Mensch für all diese Experten erst beim Abiturienten. Lehrlinge dagegen bewegen sich außerhalb – oder besser: unterhalb – der Wahrnehmungsschwelle all dieser beflissenen Herrschaften. Dass es so gut wie keine Automechaniker mehr gibt, die sich einigermaßen verständlich in der Landessprache ausdrücken können, und dass ehrwürdige Gewerbe, wie etwa das der Schneiderei, faktisch aussterben, kümmert keinen. Die Gründe für den Niedergang der Lehrberufe sind übrigens in Thilo Sarrazins aktuellem Bestseller nachzulesen, der jedem „Bildungsexperten“ zur Pflichtlektüre verordnet werden sollte. Mit einem neuen Etikett (Umbenennung der Haupt- in „Mittelschule“ – wie vom Vizekanzler eben angeregt) wird es nicht getan sein.

Nichts Neues unter der Sonne also: Das Ziel der Linken war und ist es, rücksichtslos Gleichmacherei zu betreiben, „bürgerliche Bildungsideale“ zu zertrümmern und in Erkenntnis der Tatsache, dass man auch mit dem allergrößtem Einsatz von Mitteln aus einem Hohlkopf keinen Nobelpreisträger machen kann, zumindest zu verhindern, dass es ein Gescheiter am Ende noch zu etwas bringt. Und da diese Gescheiten eben eher aus den Reihen des Klassenfeindes als aus denen der den Sozis treu ergebenen Unterschicht stammen, macht diese Politik auch noch richtig Spaß.

Die Front der „Konservativen“ in dieser Schlacht wird indessen von der Beamtengewerkschaft gehalten, die – anders als alle anderen Teilgewerkschaften, die sich fest in der Hand der Sozialisten befinden – von den Schwarzen beherrscht wird. Hier gibt man es noch etwas billiger als bei den Roten: Da geht es nicht mehr um Ideologie sondern schlicht und ergreifend um Dienstposten und Pfründe. Der Chef der Beamtengewerkschaft, Fritz Neugebauer, selbst eine gelernter Lehrer, führt – wie weiland der sowjetische Außenminister Molotow – den Beinamen „Mr. Njet“. Keine notwendige Reform, die dieser in jeder Hinsicht schwergewichtige Mann nicht zu torpedieren wüsste.

Und so bilden die einander scheinbar gegenüberstehenden Fronten in Wahrheit nur eine einzige: Eine der beamteten Systemprofiteure – seien sie ideologisch oder durch puren Eigennutz motiviert – gegen die Schüler und Steuerzahler. So lange das Mantra lebt, man müsse das (Bildungs-)Problem nur lange genug mit riesigen Summen Geldes ungefragter Leute bewerfen, um es zum Verschwinden zu bringen, kann und wird sich nichts ändern. Immerhin ist das österreichische Bildungssystem trotz miserabler Ergebnisse schon jetzt eines der Teuersten der Welt! Ohne radikales Umdenken kann sich nichts ändern!


Der Autor dieser Zeilen hat bereits weiter oben bekannt, kein Experte in Schulfragen zu sein. Allerdings kann er 2 + 2 zusammenzählen: So wie es nicht möglich ist, Arme wohlhabend zu machen, indem man Reiche enteignet, so wenig leistet man schlechten Schülern einen Dienst, indem man die Guten am Lernen hindert. Genau darauf aber laufen sämtliche derzeit debattierten „Verbesserungsinitiativen“ hinaus.

Eine Änderung innerhalb des bestehenden, ineffektiven, dafür aber kostenintensiven staatlichen Zwangssystem ist daher keinesfalls zu erwarten. Dafür sorgen Hand in Hand marschierende „Bildungsexperten“ und Beamtengewerkschafter mit eiserner Konsequenz!

Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman regte Mitte der Fünfziger Jahre die Einführung von „Bildungsgutscheinen“ an – eine Idee, über die es sich lohnt, nachzudenken. Allerdings nur in einem von politischem Kalkül – und damit staatlichem Zwang – befreiten System. In einer vom Politbüro diktierten Beschulungskolchose würden auch „Bildungsschecks“ keine Vorteile bringen. Das Zauberwort heißt daher Entstaatlichung! Die Privatisierung des Telekombereichs brachte für alle Kunden unübersehbare Vorteile mit sich. Ebenso würde es sich im Bildungsbereich verhalten. Freier Wettbewerb unter den Schulen, die dadurch motiviert wären, endlich geeignete Lehrkräfte zu engagieren, und eine freie Schulwahl durch Schüler und Eltern – das wäre der Schüssel zur Lösung der Bildungsmisere. Ein solches System würde – welch erfreuliche Nebenwirkung - einer offenen, freisinnigen Gesellschaft auch sehr gut zu Gesicht stehen.

Dagegen passen die nun ins Werk gesetzte Kindesverstaatlichung ab fünf – einige „Experten“ verlangen sogar nach einem noch früher erfolgenden Zugriff des Leviathans auf den Nachwuchs – und die linksideologisch fundamentierte „Gesamtschule“ weit eher zu einer totalitären Diktatur. Wird eine solche von der geheiligten politischen Mehrheit wirklich gewünscht? Und – falls ja – ginge dieser Wunsch dann auch tatsächlich in Ordnung?!

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