03. Januar 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Gewalttrend im Fernsehen: Das Opfer ist immer ein Kind

ef-Beitrag von André F. Lichtschlag aus dem aktuellen Heft

„Tatort ist der Schulfunk für Erwachsene“, urteilte Autor Klaus Rainer Röhl einmal in dieser Zeitschrift. Schon aus pädagogischen Gründen sei der Mörder immer der Reiche oder der Rechte, kaum je der Arme oder Linke. Der Ausländer schon gar nicht. Diese Täter-Tendenz werde „so dick aufgetragen, dass es eigentlich schon frech“ sei, so Röhl. Doch was ist mit den Opfern? Röhl erwähnt sie nicht.

„Heile Familien? Gibt es die überhaupt noch“, fragt Max Ballauf kürzlich Kommissarkollegen Freddy Schenk in Köln. Da verlassen reife Frauen drehbuchgerecht ihre Ehemänner und Kinder, um mit der lesbischen Liebe glücklich zu werden. Oder die Kleinen werden auf ungleich direktere Weise zum Leiden gebracht. Dieser Trend bei den Tatort-Toten ist erst in allerjüngster Zeit, dafür aber immer deutlicherer feststellbar: Das Opfer ist immer ein Kind. Die Häufung im vergangenen Jahr war auffällig, erste Zuschauer beschwerten sich bereits genervt bei der ARD. eigentümlich frei rechnete nach. 785 Tatort-Folgen wurden von 1970 bis einschließlich 2010 gesendet. Wir werteten eine Stichprobe von 89 Einsätzen aus – und zwar alle Folgen der fünf runden Jahrgänge 1970, 1980, 1990, 2000 und 2010. Das Ergebnis ist eindeutig: War das (Haupt-) Opfer in den ersten drei Jubiläumsjahren nur jeweils einmal ein Kind unter 14 Jahren, so wurden im Jahr 2000 zwei und 2010 plötzlich sieben Kinderopfer gezählt. Andererseits werden heute mehr Tatort-Folgen gedreht als früher. Doch auch der prozentuale Anteil der toten Kinder ist stark gestiegen. 1970 waren nur zwei Tatort-Episoden statistisch nicht relevant (1 von 2), 1980 (1 von 12), 1990 (1 von 11) und 2000 (2 von 29) schwankte der Anteil zwischen sieben und neun Prozent. Im Jahr 2010 aber (7 von 35) machten die Kleinsten plötzlich 20 Prozent aller Opfer aus. Wie ist diese Häufung toter Kinder in den Drehbüchern des Schulfunks für Erwachsene zu erklären?

Vier Überlegungen bieten sich an. „Mit Kinderopfern“, schrieb Katharina Rutschky in der Zeitschrift „Novo“, „betreten wir das Terrain der Religion“. Wir schlagen nach: „Moloch ist die biblische Bezeichnung für phönizisch-kanaanäische Opferriten, die nach der biblischen Überlieferung die Opferung von Kindern durch Feuer vorsahen.“ In vorchristlichen Religionen waren Kinderopfer eine oft zitierte Praxis. Kehren nun mit der Entchristlichung unserer modernen säkularen Gesellschaft die archaischen Riten zurück, wenn auch zunächst nur im Erwachsenenschulfunk?

Zweitens: Deutschland hat sich nicht nur von der religiösen Vergangenheit abgewandt. Unsere zunehmend kinderlose Gesellschaft begeht, was ihre Zukunft betrifft, demographischen Selbstmord auf Raten. Ökonomen wissen: Knappe Güter steigen im Preis. Weniger Nachwuchs wird wertvoller. Die Sorge und Angst um Kinder steigen ins Unermessliche, je weniger von ihnen vorhanden sind. So gesehen drückt der dramaturgische Horror um die Kleinen am Sonntagabend das Empfinden einer zu recht immer bangeren Gesellschaft aus.

Ein dritter Erklärungsansatz: Journalisten und Künstler stehen politisch weit links des Durchschnittsbürgers ganz bewusst im „fortschrittlichen Lager“. Vorneweg, oder besser: ganz linksaußen, marschieren die Dramaturgen des Regietheaters ebenso wie die Drehbuchautoren im Erziehungsprogramm dem Morgenrot-Utopia entgegen. In solchen Kreisen ist Kinderlosigkeit kein bedauernswerter demographischer Trend, sondern eine bewusste ideologische Entscheidung. Tradition, Religion und Familie gelten als zu überwindende Zwangsordnung – und Kinder sind Symbole der alten Zeit, die im Zweifel der Suche nach dem individuellen diesseitigen Glück im Wege stehen. Das Kinderopfer im Fernsehen verkörpert dann den nihilistischen Untergangstrieb dieser Filmemacher.

Die behandelten Kriminalfälle selbst führen uns auf eine vierte Fährte. Ideologisch motivierte Taten kommen nämlich eher selten vor. Im TV-Krimi wie an realen Tatorten dominieren die viel einfacheren menschlichen Motive: (enttäuschte) Liebe, Gier, Hass, Rache, Neid. Wenn eine Hälfte der Gesellschaft heute bereits kinderlos ist oder einen Wunsch auf Nachwuchs nicht mehr verspürt, wie hoch muss dann der entsprechende Anteil unter ARD-Filmemachern und Schulfunk-Autorinnen sein? „Auf den Zügen der kinderlos gebliebenen Endvierzigerin liegt eine Melancholie, die auch durch den ausschließlichen Konsum launiger Gender-Studies nicht zu tilgen ist“, schreibt der Aphoristiker und ef-Autor Michael Klonovsky. Melancholie in der Studie? Oder Hass, Rache und Neidgefühle im Drehbuch gegen all jene, die noch Kinder haben? Soll diesen nun am Sonntagabend das Fürchten gelehrt werden um ihre Kleinen?

Es ist nicht nur der Tatort. Kaum eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung, ob im Fernsehen oder Radio, wird mehr gesendet ohne […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 109.


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