02. Januar 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe WikiLeaks: Wenn Diskretion verschwindet

ef-Beitrag von Theodore Dalrymple aus dem aktuellen Heft

Es hätte WikiLeaks kaum bedurft, um zu erfahren, dass etwa Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ein vulgärer Mann mit autoritären Neigungen oder Italiens Premier Silvio Berlusconi an Sex interessiert ist. Es ist auch kein besonderer Erkenntnisgewinn, wenn man seine eigene Meinung durch US-amerikanische Depeschen bestätigt bekommt, denn hätten diese etwas Gegenteiliges ausgesagt, hätten wir ihnen sowieso keinen Glauben geschenkt.

Nachdem sich die ersten wohligen Schauer angesichts der peinlichen Lage mächtiger Leute und Autoritäten gelegt haben – ein Vergnügen, das man auch empfindet, wenn ein mit Würde aufgeblasener Mann auf einer Bananenschale ausrutscht – wird erst die wahre Bedeutung der größten Enthüllung offizieller Dokumente in der Weltgeschichte ersichtlich, einer Enthüllung, die ansonsten allenfalls infolge der militärischen Einnahme einer Hauptstadt vorkommen kann. Sicherlich ist es nicht so, dass ein Aufdecken von Geheimnissen immerzu unwillkommen oder ethisch nicht gerechtfertigt wäre. Für uns ist es nichts Neues, dass Macht leicht missbraucht werden und nur durch eine Gegenmacht, oft sogar durch eine öffentliche Zurschaustellung, in Schach gehalten werden kann. Doch WikiLeaks geht weit über das Aufzeigen von tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Verfehlungen hinaus: Ohne es zu wollen, spielt WikiLeaks dem Totalitarismus zu.

Die Idee hinter WikiLeaks ist, dass unser Leben ein aufgeschlagenes Buch sein sollte, dass alles, was gesagt und getan wird, unmittelbar jedermann offenbart werden solle. Dass es keine geheimen Vereinbarungen, Taten oder Gespräche geben dürfe. In der auf fanatische Weise puritanischen Sicht von WikiLeaks sollte kein Mensch und keine Organisation auch nur das Geringste zu verbergen haben. Es lohnt sich kaum, gegen eine solch kindische Lebenssicht zu argumentieren.

WikiLeaks zeitigt tatsächlich sehr tiefgreifende Wirkungen, und zwar genau das Gegenteil des vorgeblich Beabsichtigten. Statt eine offenere Welt zu schaffen, könnte […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 109.


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