02. Januar 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Die Reagan-Koalition: Portrait einer politischen Bewegung

ef-Beitrag von Gérard Bökenkamp aus dem aktuellen Heft

Hinter jedem Mann, „der Geschichte macht“, steht ein politisches und soziales Bündnis, das ihn Geschichte machen lässt. Diese Bewegung mit ihren Widersprüchen, inneren Querelen, ihren Funktionären und Ideologen verliert im Rückblick an Konturen und verschwimmt in der Erinnerung, während das Bild des großen politischen Führers mit seinen Reden, seinem Charisma und seinem öffentlichen Auftreten präsent bleibt. Dabei besteht die Leistung einer politischen Führungsfigur wie Ronald Reagan genau darin, eine solche Allianz zusammengehalten, ihre Widersprüche überdeckt und für unterschiedliche Anhängerschaften eine positive Identifikationsfigur abgegeben zu haben. Ronald Reagan hat einer Vielzahl von Stimmen eine Stimme gegeben. Und ein Gesicht. Hinter einer politischen Einheit verbirgt sich in der Regel eine große Vielheit. Es ist die politische Ikone an der Spitze, die den Eindruck eines großen Ganzen vermittelt, das bei genauem Hinsehen sich in viele Einzelgruppen und Einzelinteressen aufsplittert.

Die Politik der USA wird seit jeher von heterogenen Bündnissen geprägt, in denen neben den wirtschaftlichen und politischen Interessen ethnische Zugehörigkeit und Religion eine außerordentlich große Rolle spielen. Ein anderer großer Kommunikator der US-amerikanischen Geschichte war Franklin D. Roosevelt, dessen politische Hinterlassenschaft Reagan ein Stück weit überwand. Roosevelt schuf die sogenannte New-Deal-Koalition. Sie beherrschte die USA für Jahrzehnte. Ihm gelang es, die schwarzen Amerikaner den Republikanern abspenstig zu machen. Das war eine außerordentliche Leistung. Denn schließlich waren die  Demokraten die Partei der alten Südstaaten und die Republikaner als Partei der Sklavenbefreiung gegründet worden. Sie hatten mit Lincoln einen Bürgerkrieg unter dem Banner der Sklavenbefreiung geführt, auch wenn die eigentlichen Ursachen des Krieges tiefer lagen. Weiße Südstaatendemokraten und schwarze Wählerschichten, gläubige Katholiken und nationalistische Gewerkschaften  hinter sich zu scharen, das war eine außerordentliche Integrationsleistung von Franklin D. Roosevelt, die erst von der jener Koalition Reagans in den Schatten gestellt wurde. Reagans konservative Mehrheit löste in den 80er Jahren das Roosevelt-Bündnis ab. Bis zum Wahlsieg von Barack Obama blieb sie dominant.

Der Mann, der als erster Präsident ernsthaft das Fundament der von Roosevelt geschaffenen Konstellation in Frage gestellt hatte, war Richard M. Nixon. Der hatte die Vision einer „neuen Mehrheit“ rechts der Mitte, welche die Dominanz der  Demokraten brechen sollte. Der Vietnamkrieg spaltete 1968 die amerikanische Nation. Antikriegsproteste eskalierten zu gewalttätigen Konflikten, wie sie die USA seit dem Bürgerkrieg nicht mehr erlebt hatten. Nixon versprach einen „ehrenhaften Frieden“ und versuchte hinter dieser Idee eine neue konservative Wählerallianz zu sammeln. Der traditionellen republikanischen Stammwählerschaft sollten neue Wählergruppen hinzugefügt werden: der alte, von Rassenunruhen gebeutelte Süden, patriotische Gewerkschaftsmitglieder, gläubige Katholiken und Angehörige weißer Minderheiten wie die Italo-Amerikaner und Polen. Nixon beschloss, diese „vergessenen Amerikaner“ – den normalen Arbeiter und Steuerzahler – aus der Wählerallianz der Demokraten zu lösen und gegen die Protestbewegung von links zu mobilisieren. In einer berühmt gewordenen Wahlkampfrede brachte Nixon dieses Ansinnen offen zum Ausdruck: „Wenn wir Amerika betrachten, sehen wir Städte in Flammen. Wir hören Sirenen in der Nacht. Wir sehen Amerikaner auf fernen Schlachtfeldern sterben. Wir sehen Amerikaner in der Heimat einander hassen, einander bekämpfen,  einander töten. Da ist auch eine andere Stimme. Es ist die Stimme der großen Mehrheit der Amerikaner, der vergessenen Amerikaner, der Nichtschreier, der Nichtdemonstranten. Es sind gute Leute, es sind bescheidene Leute, sie arbeiten und sparen und zahlen ihre Steuern, und sie sind besorgt.“ Während der schweren Unruhen in Folge der Bombardierung Kambodschas appellierte Nixon später einmal in einer Fernsehansprache direkt an die „schweigende Mehrheit“.

Verwirklicht werden sollte die neue Allianz aber unter anderen Vorzeichen und mit anderen Bündnispartnern durch Ronald Reagan. Mit der „Reagan Coalition“ wurde Nixons Vision einer neuen Mehrheit, die das Land dauerhaft politisch und kulturell dominieren sollte, Wirklichkeit. Es war ein  heterogenes Bündnis, das von evangelikalen Christen über die außenpolitischen Falken, überzeugte Antikommunisten und etablierte konservative Realpolitiker wie Georg Bush sen. und James Baker bis zu den Wirtschaftsliberalen um Arthur Laffer und Milton Friedman reichte. Allianzen sind immer geprägt von inneren Widersprüchen. Der linksliberale Historiker Arthur Schlesinger brachte die unvermeidlich widersprüchliche Agenda aus Moralismus und Marktliberalismus in der Reagan-Koalition mit einer spitzen Bemerkung auf den Punkt: „Der eine Flügel möchte die Regierung aus unserer Geldbörse verbannen, der andere möchte sie uns in die Betten legen.“ In dieser Symbiose aus Kapitalismus und Christentum wurde von den konservativen Protestanten grundsätzlich kein innerer Widerspruch gesehen. So als wolle der Prediger Jerry Falwell die These Max Webers bestätigen […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 109.


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