22. November 2010

Aktuelle Nachricht – Kultur Die höchstsubventionierte Branche …

… Deutschlands verteilt fleißig von unten nach oben um


(ef-LFP) Die heute erscheinende Ausgabe der WirtschaftsWoche widmet sich in einem interessanten Beitrag der ausführlichen kritischen Bestandsaufnahme des bundesdeutschen Kulturbetriebs. Insgesamt existieren in der Bundesrepublik Deutschland 144 öffentliche Häuser für darstellende Künste, darunter 85 Opernbühnen, die aktuell mit circa zwei Milliarden Euro Subventionen jährlich bezuschusst werden. Die Auswertung einfachster Basiskennziffern offenbart dabei unmittelbar den desolaten Zustand des gesamten Sektors. So betrug die Besucherauslastung der bedeutendsten Häuser in Metropolregionen für die vergangene Spielzeit zwar zwischen 63 (Komische Oper Berlin) und 97 Prozent (Bayerische Staatsoper München), die öffentlichen finanziellen Zuwendungen je Besucher und Darbietung lagen dabei aber zwischen 94 (Bayerische Staatsoper München) und 224 Euro (Komische Oper Berlin). Dies liegt vor allem an den zum Teil extrem niedrigen Kostendeckungsquoten, also den im Vergleich zu den Aufwendungen durch die Veranstalter selbst erwirtschafteten Erträge. Diese begannen bei 13 Prozent (Staatstheater am Gärtnerplatz München) und fanden mit den beiden bereits extremen Ausreißern Bayerische Staatsoper München (38 Prozent) und Semperoper Dresden (43 Prozent) ihren oberen Abschluss. Noch katastrophaler sieht die Bilanz im provinziellen Umfeld aus. Hier kommen die Bühnen lediglich auf eine Besucherauslastung zwischen 54 (Theater der Stadt Heidelberg) und 71 Prozent (Bühnen Krefeld/Mönchengladbach). Die Kostendeckungsquoten sacken dabei auf 6,6 (Opernhaus Halle/Saale) bis 11,2 Prozent (Staatstheater Kassel) ab, weshalb auch spiegelbildlich die Subventionierung je Zuschauer und Aufführung auf 141 (Anhaltinisches Theater Dessau) bis maximal 403 Euro (Volkstheater Rostock) steigt. Überspitzt formuliert erhält der wohlhabende hanseatische Bildungsbürger mit Theaterabonnement – lediglich ein Besuch pro Monat an der Rostocker Bühne unterstellt – höhere Transferleistungen als ein Hartz-IV-Empfänger im selben Zeitraum an Mitteln überwiesen bekommt. Die Ursache liegt zum einen im amateurhaften Management der meisten Häuser begründet, welches sich oftmals in selbstverliebter Kulturbeflissenheit jeder Erweiterung des angestammten Geschäftsmodells verweigert. Dies liegt natürlich auch in der Logik der öffentlichen Förderung begründet, die jegliche Steigerung auf der Einnahmenseite mit dem Entzug von Subventionsmitteln in der nächsten Spielzeit ausgleicht. Weshalb also auf die Bedürfnisse potenzieller Kunden eingehen? Dass allen Unkenrufen zum Trotz Kommerz und Kultur dennoch zueinander finden, beweist das Festspielhaus und Festspiele Baden-Baden GmbH. Die als gemeinnütziges Unternehmen firmierende Bühne kommt als einziger und professionell gemanagter Kulturbetrieb komplett ohne Subventionen aus. Zwei Drittel der Ausgaben werden durch Kartenverkäufe, ein Drittel durch Spenden, Förderer und Stifter gedeckt. Den Konterpart dazu bildete zuletzt das Ensemble der Kölner Oper. Die 315köpfige Reisegesellschaft war jüngst mit 30 Container Bühnentechnik im Schlepptau vier Wochen auf Tour durch die Volksrepublik China. Die Kosten von gut zwei Millionen Euro wurden unter anderem durch Auflösung von Rücklagen des Hauses für Betriebsmittel, also eigentlich für das heimische Publikum vorgesehene Ausgaben, beglichen. Intendant Uwe Eric Laufenberg findet das völlig normal: „Das ist doch unser Geld […] derartige Investitionen sind doch selbstverständlich.“

Quelle:
WirtschaftsWoche Nr. 47 vom 22.11.2010, Seite 74ff: Entführung aus dem Paradies


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