Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Österreich steht Kopf: Botschafterinterview, Goldstandard und Teilreservesystem

von Andreas Tögel

Von wichtigen und weniger wichtigen Themen

Österreich steht Kopf. Etwas Unglaubliches ist geschehen: Der türkische Botschafter in Wien hat der „Presse“ ein Interview gegeben, in dem er durch erstaunlich undiplomatische und zum Teil geradezu saudumme Aussagen für Aufsehen sorgte (es ging im Wesentlichen um die in der Alpenrepublik praktizierte Integrationspolitik). Dass er damit der zuwanderungskritischen Opposition unter H. C. Strache einen unschätzbaren Dienst erwies, dürfte dem wackeren Levantiner erst nachträglich klargeworden sein – beabsichtigt hatte er es wohl nicht. Dass Herrn Tezcan für dieses Eigentor dasselbe Los zuteil wird, wie weiland 1683 dem unseligen Warlord Kara Mustafa Pascha, der nach seiner gescheiterten Mission zu Wien auf Geheiß des Sultans finale Bekanntschaft mit der seidenen Schnur machte, ist allerdings nicht zu erwarten. Charmantes Brauchtum dieser Art droht ja selbst in den rückständigsten Gegenden dieser Welt auszusterben…

Dass das offizielle Österreich die ihm von einem hier lebenden Gast erteilten Prügel – wie immer – brav einstecken und den Botschafter in Reaktion auf dessen Suada nicht zur „unerwünschten Person“ erklären wird, ist indessen klar. Wie konzedierte es der konservative Medienmann (ja, auch so was gab es hierzulande einmal!) Gerd Bacher seiner Heimat einst unverblümt: „Österreich ist der Dünnschiss Europas.“

Die Aussagen eines türkischen Maulhelden schaffen es hierzulande spielend, weitaus bedeutendere Themen vollständig zu überlagern. Dass etwa Gold erstmals die Hürde von 1.400 Dollar pro Feinunze knackt und Silber auf einem 30-Jahres-Hoch steht – eine Kursrallye, die prompt erfolgte, nachdem der Hohepriester der Geldverschlechterung, Ben Bernanke, angekündigt hatte, weitere 600 Milliarden Dollar drucken zu lassen – wird kaum thematisiert. Dass die USA, trotz immenser Geldmengenexpansion eine doppelt so hohe Zunahme der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen haben wie die EU – die Taktik der „quantitativen Lockerung“ im Hinblick auf die Lage auf dem Arbeitsmarkt also offensichtlich völlig wirkungslos verpufft, ficht weder Bernanke selbst noch die veröffentlichte Meinung in Österreich an. Folglich ist auch davon, dass allein diese Ankündigung Inflationsängste schürt, die von institutionellen Anlegern und Privaten geteilt werden, die zum Schutz ihrer Vermögen verstärkt in Rohstoffe investieren, kaum die Rede. Dass die Kursentwicklung der Edelmetalle (namentlich jener des traditionellen Inflationsschutzwertes Gold) und vieler Rohstoffe das schwindende Vertrauen in staatliches Papiergeld in unmissverständlicher Weise widerspiegeln, bleibt unerwähnt.

Versuchten sich die Alchemisten des Mittelalters noch in der Kunst, Blei in Gold zu verwandeln, gehen die neuzeitlichen Herren des Universums, – Politiker und Banker – noch einen Schritt weiter. Sie benötigen erst gar keinen minderwertigen Ausgangsstoff für ihr Treiben. Sie schaffen etwas – nämlich Geld – aus dem Nichts und maßen sich so die Rolle Gottes an, wie Roland Baader in seinem in unseren Tagen wieder lesenswerten Klassiker „Geld Gold und Gottspieler“ (aus dem Jahr 2004) ausführt.

Doch das Kursfeuerwerk an den Rohstoffbörsen war keineswegs das einzige bemerkenswerte Ereignis der zurückliegenden Tage, das von den heimischen Medien nicht angemessen gewürdigt wurde. Darüber, dass Weltbankpräsident Robert Zoellick das aus dem Munde eines Gottspielers nahezu Undenkbare aussprach und warme Worte für eine Wiederbelebung des Goldstandards fand, wurde ebenfalls nicht berichtet. Dass er sich, kaum dass eine Welle der Kritik an dieser Aussage über ihn hinwegrollte, bemühte, zurückzurudern, und eilig betonte, man habe ihn da wohl missverstanden, spielt keine Rolle. Das Signal kam beim sachkundigen Teil des Publikums an und wurde verstanden: Nur eine feste Bindung des Geldes an ein begehrtes, nicht willkürlich vermehrbares Gut ist imstande, dem hemmungslosen Papiergeldmengenwachstum (und damit der Gefahr einer Enteignung durch Hyperinflation) einen wirksamen Riegel vorzuschieben.

Und es gab noch eine zweite unglaubliche Aussage eines Vertreters der Gottspielerkaste, die den interessierten Beobachter verblüffte und die in den österreichischen Medien kein Echo fand: Jene des Gouverneurs der Bank of England, Mervyn King, zur Bedeutung des „Fractional Reserve Banking“. Als nicht weniger als die „schlechteste aller Möglichkeiten, ein Banksystem zu organisieren“, bezeichnete der Mann, der es wohl wissen muss, das herrschende Teilreservesystem, das es den Geschäftsbanken – abhängig vom politisch vorgegebenen Reservesatz – gestattet, Geld und Kredit aus dünner Luft zu generieren. Die Teilreservehaltung ermöglicht es, Geld zugleich besitzen und verleihen zu können; Teilreservehaltung erlaubt es scheinbar, einen Kuchen gleichzeitig behalten und aufessen zu können – eine nur allzu gefällige Illusion. Sämtliche „Blasenbildungen“, Spekulations- und Schuldenexzesse die wir seit Jahrzehnten erleben, wären unter dem Regime eines harten (zum Beispiel mittels Gold gedeckten) Geldes undenkbar. Erst die Loslösung der Geldproduktion von real verfügbaren Werten lieferte die Voraussetzungen für nahezu sämtliche Wirtschaftskrisen der zurückliegenden 150 Jahre.

Von alldem – kein Wort.

Gerieten die für eine liederliche Staatsführung unverzichtbaren Eckpfeiler Fiat Money und Teilreservesystem ernsthaft in die Kritik, ginge es für die hohe Politik und deren Symbionten im Bankenwesen ans Eingemachte. Denn ohne die Möglichkeit zur unbegrenzten Geldproduktion würde die Politik ihres Mittels zum Stimmenkauf beraubt und die Geschäftsbanken wären wieder auf jene Rolle reduziert, die sie seit ihrem ersten Auftreten in der Zeit der Renaissance bis zur Erfindung der Teilreservehaltung innehatten: jene von Instituten zum Zweck der Aufbewahrung von Werten und zum verzinsten Verleih derselben nach Autorisierung und auf Auftrag deren Eigentümer an kreditwürdige Debitoren. Das Mittel zur Erhebung von Zinsen auf aus dem Nichts geschaffenen „Werten“ wäre mit einem Schlag dahin. Die Möglichkeit, sich leistungsfrei auf Kosten Dritter zu bereichern, wäre damit Geschichte. Das ist wohl auch der Grund, warum in der EU keine ernsthafte Debatte zu diesem Thema aufkommt. Die in Europa – und besonders in Österreich – herrschende Obrigkeitshörigkeit und Staatsgläubigkeit sind dafür einfach zu stark. In den USA gehen die Uhren indessen anders. Die regierungskritische Tea-Party hat es dort geschafft, immerhin einen auch in der veröffentlichten Meinung angekommenen Nachdenkprozess zu diesem Thema anzustoßen…

Wie weiter oben schon ausgeführt, gibt es in Österreich weitaus wichtigere Themen. Hier lassen Presse und Stammtisch gleichermaßen ihrem heiligen Zorn über die Schmähungen eines Nachfolgers Kara Mustafas freien Lauf…

Internet

http://www.bankingportal24.de/finanzredaktion/703/weltbank-chef-will-goldstandard-zurueck/

http://www.istockanalyst.com/article/viewarticle/articleid/4644012

14. November 2010

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