04. November 2010

Aktuelle Nachricht – Lush Mach Dich nackig!

Mitarbeiterskandal holt Öko-Vorzeigeunternehmen ein

(ef-LFP) Lidl, Telekom, Schlecker, Deutsche Bahn – hierbei dürfte es sich um die vier bekanntesten Vertreter jener Unternehmen handeln, die jüngst in Skandale bezüglich ihrer Praktiken im Umgang mit Mitarbeiter verwickelt waren. Zumindest die bekannten Fälle konzentrierten sich bisher zum Glück für alle „Gutmenschen“ auf „kapitalistische Großbetriebe“. Doch nun scheint erstmals ein ökologisch, ethisch und sozial „korrektes“ Vorzeigeunternehmen seine personalpolitische Unschuld zu verlieren. Die Kosmetikkette Lush, 1995 in England gegründet und heute mit 678 Filialen und über 5.000 Mitarbeitern in 43 Ländern vertreten, sieht sich in Deutschland, wo das Unternehmen immerhin 25 Filialen und eine Belegschaft von 500 Mitarbeitern unterhält, mit mannigfaltigen Vorwürfen konfrontiert. Diese wurden nun durch zahlreiche ehemalige Angestellte, von der Verkaufskraft bis zum Manager, schlagzeilenträchtig publik gemacht: Hoher Verkaufsdruck in Kombination mit erniedrigenden Verkaufspraktiken, Einschüchterungen und Gruppenzwang sowie ein sektenähnliches Umfeld bis weit in das Privatleben hinein. So soll beispielsweise die überwiegend weibliche Verkaufsbelegschaft genötigt worden sein, mit eindeutigen Zweideutigkeiten zu kokettieren. Diese Form der intern als „Öko-Prostitution“ bezeichneten Akquise soll demnach auch beförderungsrelevant gewesen sein, ebenso wie die Einspannung der Mitarbeiter in Unternehmensprojekte jenseits der Arbeitszeit. Teambildende Maßnahmen und Putzeinsätze scheinen dabei noch die harmlosen Varianten der fremdgesteuerten Freizeitgestaltung gewesen sein.  Tatsächlich soll das Unternehmen, das nach Selbstauskunft auch „politische Aufklärung“ betrieben möchte, im Jahr 2007 in Zürich und 2008 in München Mitarbeiter genötigt haben, nur mit einer knappen Schürze bekleidet am „Go Naked Day“ teilzunehmen und so gegen ein Zuviel an Verpackung zu demonstrieren. Auch für die Essgewohnheiten der Mitarbeiter scheint sich Lush zu interessieren, insbesondere den Anteil der Kalorienaufnahme aus tierischen Produkten, den das Unternehmen durch „vegane Wochen“ zu senken gedenkt. Formaljuristisch hat sich Lush – das alle Vorwürfe abstreitet – aller Wahrscheinlichkeit nach nichts zu Schulden kommen lassen, sieht sich  jedoch als „Ethical Brand“, als Unternehmen, welches Umweltbewusstsein, Naturschutz und höhere Ideale propagiert, zumindest mit dem Vorwurf moralisch fragwürdiger Formen der Mitarbeiterbehandlung ausgesetzt. Sollten sich die Vorwürfe erhärten wäre dies eines der ersten Beispiele für die unternehmensinterne Umsetzung einer ökologischen Opferideologie. So ließe sich denn auch die Einleitung des betriebseigenen Handbuches nachvollziehen: „A Lush Life. Daran musst du glauben, das musst du verstehen.“ Zumindest die Teilnahme an einem entwürdigenden „Go Naked Day“ blieb den Mitarbeiterinnen von Lidl & Co. erspart …

Quelle:

FTD vom 03.11.2010: Dubiose Praktiken einer Öko-Kosmetikkette


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