02. November 2010

Höhenluft Berge lügen nicht

Abstieg in die Künast-Senke

Nach drei Wochen Medienabstinenz im Schweizer Anderswo zwischen Bergen, Wiesen und Seen, bedeutet Heimkehr Rückfall. Rückfall in die abgeschliffene Wirklichkeit der norddeutschen Tiefebene, in die hinein vielleicht nicht zufällig unsere deutsche Hauptstadt gebaut ist... Und es rückt die Frage an, wie lange wird es dauern, bis das letzte kulinarische Mitbringsel verspeist ist, sich der Biorhythmus umgestellt hat, die Erwartungen den hiesigen Gepflogenheiten wieder angepasst sind und die landesübliche Blässe auch ins eigene sonnen- und kälteerfrischte Gesicht zurückkehrt.

Sollte man inzwischen fast vergessen haben, woher man stammt: Ein Blick in die angesammelten Zeitungen genügt, und die Erinnerung kommt rasch zurück. Richtig, hier weht ein anderer Wind, und immer aus der gleichen Richtung; das heißt, das Klima hier ist viel verlässlicher als in den Bergen, und weit weniger abwechslungsreich. Wer es lange genug erträgt, reagiert vielleicht nicht mehr so empfindlich darauf.

Auf der Rückfahrt die „Weltwoche“ gelesen und den Inhalt genossen wie jemand, der Erdbeeren essend in ein Land fährt, in dem es nur Rhabarber gibt. Doch was tun, wenn man keinen Rhabarber mag?

Die Zeitungen sagen: in der bunten Republik hast du die Wahl – willst du roten oder grünen Rhabarber? Wer sich weder für das eine noch für das andere begeistern kann, bleibt hungrig. Und die mageren Jahren wollen nicht enden, es dürfte in Zukunft für Hungrige und Genießer sogar noch weniger schmackhafte Kost geben. Denn die Künast, heißt es, will auf Bürgermeister machen.

Wo sind die Berge? Wo ist das Fluchtloch aus der systemimmanenten Mangelwirtschaft des Geistes und der Meinungsvielfalt? Über 80 Millionen Leute, und kein einziger Roger Köppel öffentlich sichtbar... Seltsam. Klar, auch in der Schweiz kann man Rhabarber essen, muss aber nicht. Lieber eine Kuh streicheln, als der politischen Klasse beim Schachern zusehen. Fast zweitausend Meter Höhenunterschied zwischen Kuh und Künast... und doch: es bleibt ein Abstieg.

Im „Tagesspiegel“ steht, die „Junge Freiheit“ wolle sich vergrößern. Derzeit betrage die verkaufte Auflage rund 18.300 Stück. Die „Zeit“ verkaufe wöchentlich 502.000 Exemplare – „Zahlen, die Steins Auffassung von einem wachsenden ‚Überdruss an einer fast ausschließlich links- bis linksliberal ausgerichteten Medienlandschaft’ nicht bestätigen“, sagt die Zeitung. Stimmt. Die SED hatte vielleicht zwei Millionen Mitglieder, die Bürgerbewegungen nur einige hundert – Zahlen, die deren Auffassung von einem wachsenden Überdruss an der DDR-Führung nicht bestätigen. Willkommen zuhause. Auf der nächsten Seite ist zu lesen, Astronomen haben „Gliese 58lg“ entdeckt, den ersten bewohnbaren Platen neben der Erde. Na dann...

Drei Wochen lang nur Berge, Himmel, Weite, Wälder und hochwertige Lektüre. Ist nun vorbei. Und schon wird das Gesicht jeden Tag wieder ein wenig blasser...


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Frank Lisson

Über Frank Lisson

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige