Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Fatale Anmaßung: Symposion in der Österreichischen Nationalbank zu Wien

von Andreas Tögel

“From Subprime to Banks to Sovereign Debt – Dealing with the Crisis”

22. Oktober 2010

Von einem erfolgreichen Kampf gegen die Krise, wie es die politische Klasse und der staatlich subventionierte Meinungsjournalismus suggerieren, kann keine Rede sein. Wen wunderts´?! Wer versucht, einen Brand mit Benzin zu löschen, wird zwangsläufig scheitern. Folglich jagt eine Konferenz zum Thema Krise die nächste. Am 21.10.2010 bot der Kassensaal der OeNB der Polit- und Bankenelite sowie deren Propagandisten den pompösen Rahmen für ein einschlägiges Stelldichein.

Vergleicht man den ebenfalls der globalen Wirtschaftskrise gewidmeten, kurz zurückliegenden Wiener „Business Summit“, der im Zeichen der „Austrian Economics“ stand, mit dieser der Huldigung des Interventionismus geweihten Veranstaltung in der Nationalbank, könnte der Unterschied gar nicht größer sein. Ersterer wurde von einem Selfmademan und erfolgreichen Unternehmer auf die Beine gestellt, atmete den Geist des Liberalismus und übte eine entsprechende Anziehungskraft auf erfolgreich tätige Entrepreneure aus. Letztere dagegen war ein von Staatsprofiteuren für Staatsprofiteure organisiertes Spektakel, bei dem es von Politikern, Bürokraten und Bankern wimmelte, die keinen Tag ihres Lebens in der Realwirtschaft – also produktiv – tätig waren. Selten konnte man so viele Menschen treffen, die ihr Einkommen, ihre Macht und ihr Prestige einzig dem einst von Franz Oppenheimer („Der Staat“) so trefflich beschriebenen „politischen Mittel“ verdanken.

Nach der von einem der Direktoren der OeNB, Peter Zöllner, gehaltenen Grußadresse (der Hausherr selbst, Gouverneur Nowotny, weilte anlässlich eines internationalen Meetings in Frankfurt) hielt Wolfgang Münchau, Co-Herausgeber der Deutschen „Financial Times“, das Einführungsreferat.

Er eröffnete mit der Frage nach den Ursachen der aktuellen Krise, nannte einige der oft genannten davon, und unterzog sie in der Folge einer Bewertung. Häufig werde die mangelnde Regulierung des Finanzsektors an die erste Stelle gereiht. Diesem Urteil wollte Münchau sich deshalb nicht anschließen, weil von allen wirtschaftsrelevanten Sektoren jener der Finanzwirtschaft der – weltweit – am dichtesten regulierte sei. Da das schon seit geraumer Zeit der Fall wäre, komme diese Erklärung – trotz vereinzelt berechtigter Kritik an der Art und Weise der Regulative, wie etwa Basel II – für den rezenten Krisenfall nicht in Frage. Auch eine rigidere Kontrolle des „Shadow Banking“, namentlich der vielfach gescholtenen Hedgefonds, hätte ebenfalls kaum präventive Wirkung entfaltet.

Das massenhafte Angebot von „Easy Money“ [wie es von vielen „Austrians“ scharf kritisiert wird, Anm.] komme – als zweite mögliche Ursache – seiner Meinung nach auch nicht als Krisenauslöser in Betracht. Zwar seien die Zinsen vor dem 2007er-Immobiliencrash in der Tat – besonders von der FED – künstlich niedrig gehalten worden; ein zur Vermeidung der Blase notweniger Zinssatz von etwa 5 Prozent wäre jedoch (wegen der auch in Europa und Japan betriebenen Niedrigzinspolitik) völlig unrealistisch gewesen. Ein sich ohne Interventionen einstellender Zinssatz von etwa 2 Prozent in den Jahren vor der Krise hätte jedoch nicht ausgereicht, um die Blasenbildung zu unterbinden.

„Unverantwortliche Politiker“ wären ein dritter gerne genannter Grund. Münchau: „Nachdem es sich beim „verantwortlichen Politiker“ um ein Oxymoron handelt, ist „unverantwortlicher Politiker“ notwendigerweise ein tautologischer Begriff, der nicht für eine Erklärung taugt.“ Zum einen würden von der Politik gemeinhin Leistungen erwartet, die diese einfach nicht zu erbringen imstande sei; zum anderen wäre es auch erschreckend, wenn Wohl und Wehe der Wirtschaft von den Entscheidungen der Politiker abhinge. „Die Politik“ sei ebenfalls nicht an der gegenwärtigen Krise schuld.

Wenn all diese Begründungen nicht, oder zumindest nicht hinreichend, zur Erklärung der Ursachen reichten, welche wären es dann? Münchau nennt folgende Punkte:

- Ökonomische Ungleichgewichte – global, aber auch innerhalb der EU
- Währungsungleichgewichte zwischen den USA der EU und China
- Ungleichgewichte globaler Währungsströme – in Verbindung mit lokal begrenzten Regeln    („backstop responsibilities“)
- Daraus erwachse das Problem kollektiver Maßnahmen [wie von Mancur Olson in „The Logic of Collective Action“ beschrieben, Anm.]

Als zweiter Redner widmete sich Daniel Gros, Direktor des „Europäischen Zentrums für Politische Studien“ dem Vergleich der Lage in den USA und jener Europas. Eingangs wurden Übereinstimmungen beleuchtet. Die Immobilienblase sei – entgegen vielfachen Annahmen – kein typisch amerikanisches Phänomen gewesen. In Japan und Europa habe es diese Blasenbildungen gleichfalls gegeben – wenn auch nicht so offensichtlich. In den USA habe die Wertsteigerung der Immobilien (bedingt durch die dadurch möglich gewordene Erweiterung der Kreditlinien) einen Konsumboom entfacht. Ein kreditgetriebener Boom könne jedoch nicht dauerhaft bestehen. So bald sein Ende erreicht sei, könne es zu einer gegebenenfalls auch drastischen Rezession kommen. Vergleiche man die statistischen Zahlen von EU und USA im Gefolge der Krise, so falle ins Auge, dass zwar die Erholung der USA im Hinblick auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts gegenwärtig bereits erfolge, dass jedoch die Arbeitslosigkeit daselbst krisenbedingt eine etwa doppelt so hohe Steigerung erfahren habe wie in der EU. Die „gefühlte Pein“ sei daher in den USA größer als in der Alten Welt.

Die „Subprime“-Problematik in den USA habe die Spitze des Eisbergs gebildet, sei aber keineswegs Auslöser der Verwerfungen, sondern lediglich ein Symptom gewesen. Ursächlich wäre ein globaler Realitätenboom gewesen, der mit einer „Explosion finanzieller Aktivitäten“ möglich geworden sei. Eine „Housing-Bubble“ ohne Credit-Boom sei undenkbar. Es sei falsch, die exzessive Hypothekenpolitik in den USA für die Krise verantwortlich zu machen. Dieselbe Politik sei weltweit gemacht worden. Die zwischen den USA und Europa verschiedenen Rechtslagen seien allerdings verantwortlich für die unterschiedlichen Entwicklungen im Gefolge des Immobiliencrashs. So gelte in den USA „no recourse“ – der insolvente Hypothekarschuldner könne der Gläubigerbank seinen Hausschlüssel senden und sei damit aller Verbindlichkeiten ledig. Das wäre in Europa anders – hier erlösche die Verbindlichkeit des Schuldners mit dem Verlust dessen Hauses nämlich nicht.

Ein Zahlenvergleich belege, dass in der Zeit vor dem Crash das kumulierte Kreditvolumen in der EU stärker gewachsen sei als in den USA – allerdings mit einer anderen Gewichtung. In den USA hätten sich die Privathaushalte vergleichsweise stärker verschuldet als in Europa. Die krisenbedingten Langzeitprobleme der EU bewerte er, Gros, schwerwiegender als jene der USA.

Hauptsächliche Differenzen im Gefolge der Krise erkannte der Politikwissenschaftler in der Frage des „Quantitative Easing“, das in den USA wesentlich aggressiver betrieben werde. Diese Politik zeige zwar deutliche Wirkung im Hinblick auf die Entwicklung des BIP, habe aber bislang keinen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit im Lande. Er erwarte sich durch künftige Regulierungen im Bereich der Kreditvergabe und der Vergabe von Baurechten die größtmögliche Wirkung im Hinblick auf die Ausbildung von Krisen. Diese nähmen stets vom Immobiliensektor ihren Ausgang. Viel mehr könnte von der Politik auch nicht erwartet werden. Die Politiker müssten lernen, das Unvermeidliche zu akzeptieren…

Adam S. Posen von der Bank of England, Senior Fellow des „Peterson Institute for International Economics“, legte den Schwerpunkt seiner Betrachtungen auf die EU und stellte seinen Vortrag unter den Titel „The Role for Activist Rules“. Eingangs stellte er klar, dass er mit der Punze, ein Keynesianer zu sein, recht gut leben könne. „Was also kann die Politik angesichts der Krise tun und was nicht?“ Die häufig erhobene Forderung nach Disziplin dürfe nicht heißen, nichts zu tun. Vielmehr komme es darauf an, das Richtige zu tun. „Antizyklizität“ sei der Schlüssel. Die Geldpolitik sollte dem Zyklus entgegengesetzt, die Steuerpolitik „automatisiert“ sein. Die Finanzpolitik solle „Verhalten limitieren“. Die USA brauchten definitiv mehr Regulative, während die EU „mehr Aktivität“ in bestehende Regulative bringen müsse.

Was die antizyklische Politik angeht, müsse zunächst festgestellt werden, welche Probleme struktureller Natur seien und welche nicht. Darüber könne man zwar debattieren, aber zu einem Ergebnis kommen. Während es in den USA einen Bias in Richtung eines angebotseitigen Optimismus´ gebe, wäre in Europa ein Bias in Richtung Pessimismus erkennbar – und der sei noch schädlicher. Wirtschaftliche Potentiale zu unterschätzen habe einen negativeren Effekt, als sie zu überschätzen.

Bei Betrachtung von Statistiken gelte es, misstrauisch zu sein, wenn sie innerhalb kurzer Zeit massive Verschiebungen zeigten. Zahlen müssten stets vorsichtig interpretiert werden. Vor und während der Krise hätten die USA, EU und Japan ähnlich agiert und reagiert. Nach der Krise jedoch zeigten sich erhebliche Differenzen. Die Bank of England betreibe eine Politik der „Rechtfertigung eines vorausschauenden Policymaking“.

Sowohl in den USA als auch in Europa sei die Geldmengenausweitung im Gefolge der Krise drastisch reduziert worden. Das könne problematisch sein, weil man sich nicht nur auf die Budgetkonsolidierung fixieren sollte, sondern die Stimulierung der Wirtschaft keinesfalls aus dem Auge verlieren dürfe. Die Beurteilung künftiger Chancen sei wichtiger als die fortwährende Beschäftigung mit bereits erfolgten Blasenbildungen. Die Fiskalpolitik böte viel Raum für „automatische Stabilisatoren“. Die Bankenlandschaft in Europa stehe heute – im Hinblick auf ihre Kapitalisierung - wieder da, wo sie vor der Krise war (mit Eigenkapitalquoten zwischen 4 und 10 Prozent), was ihn nicht unbedingt beruhige. Es wäre nun an der Zeit für, „big simple blunt restrictions“ durch die Finanzpolitik.

Leider konnte der Autor dem zweiten Teil der Veranstaltung, der dem Ausblick auf künftige Maßnahmenpakete gewidmet war, nicht beiwohnen. Allein das Gehörte war aber schon heftig genug. Was allerdings wäre von ausschließlich in Aggregaten und mathematischen Formeln denkenden Technokraten und Gesellschaftsingenieuren auch anderes zu erwarten gewesen, als ein Hohelied auf interventionistische Konzepte? Bezeichnend, dass in keiner der zitierten Ausführungen ein menschliches Individuum oder dessen Wünsche, Präferenzen und Ziele vorkam; Stets standen Statistiken und mehr oder minder irrelevante Zahlenvergleiche im Mittelpunkt. Der hochmütige Glaube an die Möglichkeit, mittels entsprechender „Feinsteuerung“ ein System von der Komplexität der Weltwirtschaft von grünen Tischen in Zentralbanken und Staatskanzleien aus führen zu können, ist der geradezu archetypischer Fall einer von F. A. Hayek so trefflich beschriebenen „fatalen Anmaßung“.

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