29. September 2010

ef 106 Editorial

Die Herrschaft der Jakobiner ist gebrochen

Der Fall Sarrazin wurde zum Fanal, die Herrschaft der Jakobiner ist gebrochen, zumindest angeknackst. Geächtet geglaubte Worte wie „Autobahn“ oder „innerer Reichsparteitag“ waren selten so hipp wie heute. Wir alle sind jetzt Thilo – der politisch korrekte Medienjournalist Hajo Schumacher aber ist fassungslos: „Noch nie zuvor haben die Reaktionen soviel Druck vom Publikum gekriegt, überwiegend elektronisch: Freiheit für Sarrazin – dieser Schlachtruf dröhnte dermaßen laut durch die Redaktionen, dass mancher Kommentator noch rasch seine Argumentation auf leserfreundlich umstrickte. Der Volkssturm 2.0 versetzte die chronisch auflagenbesorgten Verlage in helle Panik. Wohl nie hat das Volk seine Medien dermaßen vor sich hergetrieben.“ Bei „Politikern wie Journalisten“ sei „eine Verunsicherung darüber zu spüren, wie heftig die Reaktionen der Wähler und Leser ausgefallen sind.“ Thilo Sarrazin hatte es gewagt, ein politisch nicht korrektes Buch zu schreiben. Er sollte nach allen Regeln der Kunst von Schumacher und seiner Gang kaltgestellt werden. Und so stimmten sie alle mit ein. Alleine: Diesmal misslang das Stück, das Publikum buhte mit jeder neuen Hatz gegen Sarrazin nur noch lauter. Am Ende wurden die Dissidenten von der Leine gelassen und selbst die bislang größten Hetzmedien druckten erstaunliches: Texte wie Meilensteine unter Titeln wie „Gegenwut“ und „Körperzellenrock“.

Erstere beschrieb Matthias Matussek ausgerechnet im „Spiegel“ so: „Nichts ist mehr wie es war. Es ist die Saison des Volkszorns, längst wächst der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Im Fall Sarrazin geht es um den Fall Merkel, um den Fall SPD, um das politische und publizistische Establishment in Deutschland. Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren.“ Wir aber, fährt Matussek fort, „lernen beglückt, dass der Opportunismus der Politik derselben gerade bleischwer auf die Füße gefallen ist. Und was die politisch korrekten Medientribunale angeht, auch die funktionieren so einfach nicht mehr. Bisher wurden diese von zwei nur in Deutschland denkbaren Archetypen bestimmt: Vom bevormundenden Gouvernanten-Typ, der das Publikum für unwissend hält und es ungefragt vor Vergiftungen und Verführungen beschützen möchte. Und vom eifrigen Denunzianten-Typ, der das Publikum ebenso für bekloppt hält und Geheimbotschaften enttarnt, nach dem Motto: Herr Lehrer, ich hab’ da ‘ne braune Kleckerei entdeckt, man sieht sie nicht mit unbewaffnetem Auge, aber ich bin so irre smart und hab’ sie aufgespürt.“ Fest stehe nun jedoch „seit Sarrazin, dass Einschüchterungen nicht mehr funktionieren.“

Kollege Volker Zastrow rockt in der „FAZ“ die Körperzellen: Die politisch Korrekten führten „Wortkriege in Schleimsprache: Man kann nicht ‚ertragen’, dass einer was sagt oder mit am Tisch sitzt, es ist ‚nicht hilfreich’, wenn einer ein Buch schreibt. Nicht hilfreich, nicht zu ertragen, so lauten soziale Todesurteile unter den Nacktschnecken, die auf der eigenen Schleimspur Karriere machen, nach oben, ganz oben. Wie wunderbar schneckisch diese Erklärung des Merkel-Sprechers. Der Bundespräsident höchstselbst presst einen Bundesbankvorstand aus dem Amt, Rechtsgrundlagen: nicht nötig, zum Schluss wird geschmiert. Es ist nur noch widerlich, würdelos, pflichtvergessen.“ Unser aller Kanzlerin und Präsident als „widerlich, würdelos, pflichtvergessen“ – wann hat man so etwas je in der „FAZ“ gelesen? Der kluge Kopf hält den Atem an. Zastrow aber fährt fort: „Die Gesellschaft ist froh, jede ihrer Körperzellen ist glücklich, sie scheint toleranter als je, jedenfalls gegen Verletzungen der Scham, übles Benehmen, Rücksichtslosigkeiten aller Art, aggressive Egonauten, offensiven Sex, Verrohen und Verderben der Kinder – aber wenn einer mal nicht ‚ficken’ sagt, sondern ‚Kopftuchmädchen’, will man ihn am liebsten vom Antlitz der Erde tilgen.“ Wobei „freilich ein wachsender Teil der Gesellschaft ins Schweigen oder Grummeln driftet, Nichtwähler und Nichtschnecken, Stumpfe und Stolze.“

In diesem Sinne, Ihr stolzen Nichtschnecken, sprüht es an jede Wand: „Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr netto!“

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 106


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