28. September 2010

Weltall Hubble und die Folgen

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen

Man blickt auf die phantastisch-befremdlichen Bilder, die uns seit nunmehr zwanzig Jahren das Weltraumteleskop Hubble auf die Erde schickt, sucht nach Vergleichbarem, um das Gesehene irgendwo einordnen zu können, wird aber nirgendwo fündig, sondern stößt allenfalls auf die bizarren Traumwelten, hervorgerufen aus den Abgründen psychedelischer Zustände, oder erinnert sich an die frühesten eigenen Phantasmagorien fiebernder Kindernächte, und fragt sich nicht ohne Faszination des Schaurigschönen: Was ist da draußen eigentlich los? Wir sehen heute buchstäblich weiter als alle Generationen vor uns, das heißt, wir haben Einblick gewonnen in Räume, deren Dimensionen wir niemals erfassen werden. Die Größe, Quantität und Dauer dessen, was uns umgibt, übersteigt bei weitem unser Vorstellungsvermögen. Wir haben gewissermaßen keinen „Sinn“ für das Verhältnis, in dem wir zum Ganzen stehen, was wiederum dazu führt, dass wir die Realität des Universums auch gedanklich kaum zu fassen vermögen. Dennoch versuchen wir, das Unbegreifliche in unser mathematisches System zu übersetzen, in der Hoffnung, es damit wenigstens abstrakt anschaulich machen zu können. Das Universum scheint nach unseren naturgesetzlichen Erkenntnissen tatsächlich berechenbar zu sein. Es lässt sich physikalisch in Zahlen fassen. Doch was fangen wir mit solchen Zahlen an? Alter: ca. 13,75 Milliarden Jahre, Ausdehnung: ca. 78 × 10Lichtjahre, usw.

Hubble schickt uns Bilder von Galaxien, die viele Millionen Lichtjahre von unserer entfernt liegen und deren Durchmesser wiederum mehrere hunderttausend Lichtjahre beträgt. Angesichts solcher Dimensionen kann von einer „narzisstischen Kränkung“ für den Menschen schon keine Rede mehr sein: Zu verschwindend „klein“ sind wir geworden, zu sehr winzigster Teil des Unbegreiflichen.

Hubble ist wie ein Auge Gottes, das uns Einblick in das unendliche Außerhalb gibt und dessen Bilder uns sagen: Kinder, denkt mich bitte doch nicht zu primitiv personal! Mein für euch erkennbares Reich erstreckt sich über eine Weite von vielen Millionen Lichtjahren, ihr habt’s ja inzwischen selbst berechnet. Glaubt ihr denn wirklich, das alles ist um euretwillen geschehen? Wenn ihr wüsstet, was es außer euch da draußen noch so alles an phantastischen Gebilden gibt, ihr würdet nicht nur vor Scham erröten... nein, ihr wolltet im Boden versinken, und alles Irdische, aber auch alles Religiöse, wie ihr es euch bislang dachtet, wäre euch nur eitel Geschwätz. Mancher freilich müsste darüber verrückt werden... Und wenn ihr erst wüsstet, worin sich euer riesiges Universum befindet, worin es sich ausdehnt... – doch wie solltet ihr’s begreifen können...?    

Dadurch, dass es uns möglich geworden ist, immerhin einen beachtlichen Teil der ungeheuren Weiten, die uns umgeben, optisch zu erschließen, werden wir langfristig die alten theologischen Vorstellungen revidieren (müssen) und neue Formen der Transzendenz werden an deren Stelle treten, gegen die jede Religion, selbst die ausgeklügeltste wie das Christentum, nur noch provinziell wirkt.

Das Unbegreifliche ist ins Bild gesetzt; das Erhabene, das uns früher vielleicht das Meer war, das Hochgebirge oder der mit bloßem Auge sichtbare Sternenhimmel, hat faszinierend-groteske Ausmaße angenommen. Und die alten verstörenden Fragen schleichen mit neuer Wucht an uns heran: Was soll das alles? Warum ist das alles? Welches Prinzip liegt all dem zugrunde? Worin befindet sich der Raum? Gibt es ein Außerhalb des Raumes? Und worin befindet sich dann dieses Außerhalb?

Man begnüge sich mit der Faszination des Fragens und genieße diesen Zustand, ohne über Antworten zu spekulieren, die es nicht gibt. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen...“ – Aber man siehe und staune!


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