Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Österreichische Pensionen: Lebenslang arbeiten!

von Andreas Tögel

Vortrag von Bernd Marin

24. September 2010

Im Rahmen eines vom Go-Ahead-Netzwerk für Führungskräfte veranstalteten „Power Breakfasts“ sprach der Sozialexperte Bernd Marin vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung über Situation und Ausblick des umlagefinanzierten österreichischen Pensionssystems.

Marin begann mit einem Hinweis auf ein hochaktuelles Ereignis. Der gegenwärtig in Frankreich tobende Kampf gegen die Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf 62 Jahre mache es deutlich: die Tatsache, dass eine drastisch steigende Lebenserwartung Konsequenzen für die Gestaltung des Pensionssystems haben müsse, wäre in den Köpfen vieler Bürger noch nicht angekommen. Frankreich sei das einzige OECD-Land, in dem das Regelpensionsalter nicht bei 65 Jahren, sondern darunter liege. In Österreich allerdings verfügten Frauen über das Privileg eines früheren Pensionsantritts – das allerdings schon demnächst, nämlich 2034 (!) – enden würde.

In Österreich sei gegenwärtig schon jede dritte Alterspension nicht mehr durch Beiträge gedeckt und müsse durch Budgetmittel finanziert werden – Tendenz steigend. Seit der Abschaffung der Frühpension sei der Gesundheitszustand der Österreicher drastisch verfallen. Rund 40 Prozent der Männer gingen als „Invalide“ in Pension – nachdem zuvor allerdings rund 50 Prozent der Anträge abgelehnt worden seien. Österreich, so könnte man meinen, sei – in Zeiten von Frieden und kollektivem Wohlstand – ein von siechen Massen bevölkertes Land.

Als der kühl kalkulierende Pragmatiker Bismarck einst – um den stärker werdenden Sozialisten den Wind aus den Segeln zu nehmen – das Modell einer Pensionsversicherung einführte, das in der Folge weltweit kopiert wurde, hätte er ein verhältnismäßig leichtes Spiel gehabt. Nur sehr wenige Begünstigte hätten zu dieser Zeit überhaupt den Tag ihrer Pensionierung erlebt. Heute jedoch erlebten rund 90 Prozent der Werktätigen ihre Pensionierung und deren Rentnerdasein bemesse sich nach Jahrzehnten. Seit 1970 habe die Rentenbezugsdauer der Männer von 11 auf 22 Jahre und bei Frauen von 16 auf 27 Jahre zugenommen.

Tatsache sei, dass wir gegenwärtig in jedem Jahr unseres Lebens rund 109 Tage an zusätzlicher Lebenserwartung gewännen. Es läge auf der Hand, dass nicht 100 Prozent dieser Zugewinne allein als Freizeit genossen werden könnten. Es gelte, einen Kollaps des Pensionssystems zu vermeiden. Dieser sei spätestens mit der bevorstehenden Pensionierungswelle der Generation der Babyboomer zu erwarten. Das zahlenmäßige Verhältnis der „Leistungsklassen“ zu den „Versorgungsklassen“ (von denen Karl Renner einst sprach) komme dann endgültig aus dem Gleichgewicht. Immer weniger Schultern hätten immer größere Lasten zu tragen – das ginge auf Dauer nicht gut.

„Ich habe immer gesagt, ich möchte nicht nach 1970 geboren sein!“ Meint Marin im Hinblick auf die „Generationengerechtigkeit“. Wäre das Pensionssystem privatrechtlich organisiert, dann könnten die heute Jungen eine „Verkürzung über die Hälfte“ (Laesio enormis, § 934 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches) einwenden. Sie hätten nämlich weniger als die Hälfte der von ihnen ins System einzuzahlenden Mittel einst als Pensionsleistung zu erwarten. Ein solcher Vertag sei nach bürgerlichem Recht null und nichtig. Heute bereits ihre Pension beziehende Mitbürger dagegen könnten sich zum Teil märchenhafter Renditen auf ihre geleisteten Beiträge erfreuen.

Ein österreichisches Sonderproblem sei der geringe Anteil an Erwerbstätigen – gemessen an der Gesamtzahl der Einwohner. Dieser Anteil liege bei unter 50 Prozent, während er etwa in Dänemark bei 70 Prozent liege. Man könne zwar durchaus mit mediterranen Erwerbsquoten leben – allerdings nicht zu skandinavischen Standards. Daß 90 Prozent aller Werktätigen vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters in den Ruhestand flüchteten, habe nicht nur „Balanceprobleme“ zur Folge, sondern würde auch einen schweren Verlust an Know How bedeuten. Über ein ganzes Ausbildungs- und Berufsleben hinweg erworbenes „Wissenskapital“ dürfe in einer Gesellschaft, die sich in einem so drastischen demographischen Wandel befinde wie die unsere, nicht einfach von einem Tag auf den anderen weggeworfen werden.

Immigration, die immer wieder gerne als Allheilmittel beschworen wird, könne keine Linderung bringen, weil die strukturellen Probleme damit nicht behoben würden. Es wäre naiv zu glauben, mittels Masseneinwanderung um eine tiefgreifende Pensionsreform herumzukommen. Am Ende komme es auf das richtige Verhältnis zwischen Leistungsträgern und Transferbeziehern an – und dafür sei die absolute Zahl der im Lande lebenden Bürger grundsätzlich unerheblich.

In einem von Marin und seinem Team entwickelten Reformvorschlag wird eine „Flexipension“ präsentiert, die auf Basis individueller Pensionskonten dem Beitragszahler jederzeit transparent macht, mit welchen Leistungen er zu welchem Zeitpunkt seines Pensionsantritts rechnen kann. Der Pensionsexperte verspricht sich davon einerseits mehr Systemgerechtigkeit und anderseits die nachhaltige Finanzierbarkeit des Umlagesystems, an dem er festhalten möchte.

Internet:

„Die Presse“: Manager präsentieren Flexipension

Weitere Informationen zur Flexipension

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