Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Economic fiction: Das Deflationsmonster lebt

von Andreas Tögel

... zumindest in den Hirnen der Etatisten!

In einer heute publizierten Finanzanalyse einer großen österreichischen Bank wird der Sorge um eine möglicherweise dräuende Deflation Ausdruck verliehen. Angesichts der wöchentlich auf uns einstürzenden Meldungen von rund um den Globus in der Höhe vieler Fantastillionen aufgelegter Stimuluspakete erstaunt das den mit einer durchschnittlichen Portion Hausverstand ausgestatteten Laien. Es scheint, als liege es in der Natur fixer Ideen, unsterblich zu sein. Ob es sich um die Vorstellung von Erleuchteten handelt, die sich hinter Polstertüren konspirierend anschicken, die Weltherrschaft zu übernehmen; um die Angst vor dem Kometen, der demnächst auf der Erde einschlagen wird oder um das Mantra vom Wohlstand, der ausschließlich von der kollektiven Konsumneigung abhängt – sie sind nicht umzubringen. Die redundant beschworene Sorge um eine drohende „Unterkomsumption“ gehört ebenfalls in diese Kategorie. Die Vorstellung, Konsum könne Wohlstand begründen (die „Unterkonsumptionstheorie“ geht auf den Briten J. Atkinson-Hobson zurück, erfreut sich aber erst seit Keynes´ 1936 veröffentlichter „General Theory“ breiter Rezeption), feiert in der neoklassischen Mainstream-Ökonomie nach wie vor fröhliche Urständ. In unmittelbarem Zusammenhang damit steht das Phänomen der Deflation, worunter im allgemeinen Sprachgebrauch auf breiter Front fallende Preise gemeint sind.

Deflation, so die Mehrzahl der Finanzexperten, sei deshalb so gefährlich, weil sie uns in unserer Rolle als Konsumenten dazu veranlassen würde, Konsumentscheidungen in der Hoffnung aufzuschieben, demnächst billiger einkaufen zu können. Dies habe zur Folge, dass es zu einer Minderauslastung der produzierenden Betriebe und einer Konjunkturflaute käme, was eine wirtschaftliche Abwärtsspirale in Gang setze und in einer anhaltenden Depression münde. Den Währungshütern in den Zentralbanken käme daher die noble Aufgabe zu, mittels geldpolitischer Instrumente eine von allwissenden Bürokraten beschlossene „Mindestinflation“ zu generieren, vermittels derer das gefährliche Deflationsmonster zuverlässig in Schach gehalten und ungebrochener Konsum sichergestellt werden könne. Erst die Existenz von für die feingesteuerte Geldentwertung sorgenden Zentralbanken könne demnach Konjunktur und Vollbeschäftigung nachhaltig sicherstellen.

Dieser Gedanke mag zunächst plausibel klingen – hält er aber auch einer kritischen Überprüfung stand? Nun, Wert und Erklärungskapazität jeder wissenschaftlichen Theorie lassen sich mithilfe der Empirie überprüfen. Wie steht es also mit der stereotyp und unwidersprochen behaupteten Verschiebung von Kaufentscheidungen in einem Umfeld fallender Preise?

Angesichts einer weltweit seit bald 100 Jahren hoheitlich betriebenen Geldentwertung (schließlich galt und gilt es, kostspielige Kriege – wofür oder wogegen auch immer – mit der Notenpresse zu finanzieren), fällt es nicht leicht, „deflationäre“ Szenarien aufzuspüren. Die gewaltige Aufblähung der Menge liquider Mittel zeigt – das muss man den Geldfälschern in Dienste Leviathans lassen – tatsächlich Wirkung. Kaufkraftbereinigt fallen trotzdem Produktsegmente wie Unterhaltungselektronik, Bekleidung und EDV ins Auge. Wie ist es um die Konsumzurückhaltung der Menschen in diesen Sektoren bestellt? Warten Millionen verhinderter Videoamateure auf ein weiteres Sinken der Preise für immer leistungsfähige Camcorder?

Laufen Massen von durch die Hoffnung auf billigere T-Shirts und Sweater aus Fernost gesteuerte, zerlumpte Gestalten durch die Straßen? Erstellen Buchhalter ihre Betriebsabrechnungsbögen nach wie vor auf liniertem Papier – berauscht von der Aussicht der ihren vorgesetzten Finanzchefs, demnächst günstigere Computer anschaffen zu können?

All das ist natürlich nicht der Fall. Der Nachbar zur linken nennt schon die dritte Videokamera sein eigen und der zur rechten hat soeben sein zweites Flachbildfernsehgerät angeschafft. Beide kaufen Textilien, wann immer ihnen danach ist. Die Buchhaltung sämtlicher Betriebe, die das Format einer Frittenbude überschreiten, wird seit Jahrzehnten mittels EDV erledigt – künftige Gelegenheiten, billigere Hard- und Software einzukaufen hin oder her. Keiner wartet auf billigere Angebote.

Und wie steht es in anderen Bereichen? Was ist zum Beispiel mit dem Aufwand für Urlaubsreisen? Würden Sie deshalb heuer auf den Urlaub verzichten, weil der im nächsten Jahr möglicherweise billiger kommen könnte? Eher wohl nicht. Wie verhält es sich mit der Bedeutung von Preistrends bei Nahrungsmitteln? Wer verzichtet heute aufs Essen oder Trinken, weil es morgen billiger ist? Ganz gleich, ob wir es mit einem steigenden oder fallenden Preisniveau zu tun haben – Lebensmittel werden immer gekauft. Eine Aufschiebung des Konsums ist bei diesen (wie auch bei vielen anderen Produkten) gar nicht, oder nur in sehr begrenztem Unfang möglich. Schließlich ist der Nährwert von Parolen beamteter Nationalökonomen stark begrenzt. Die Behauptung, dass „Deflation“ einen bremsenden Einfluss auf den Konsum hat, lässt sich also empirisch widerlegen.

An dieser Stelle ein Einschub: Deflation als Antagonist der Inflation bedeutet in Wahrheit eine Reduktion der Geldmenge. Fallende Preise haben also nicht notwendigerweise mit einer Deflation zu tun, sondern können auch eine Folge fallender Produktionskosten (einer gestiegenen Produktivität) und/oder zunehmenden Konkurrenzdrucks sein. Allgemein sinkende Preise sind daher – bei gleichbleibendem Warenangebot – die Folge einer Deflation. Wenn keine den Konsum beeinträchtigenden Folgen allgemein fallender Preise erkennbar sind – was soll dann der Aktionismus der Zentralbanker? Anders gefragt: Was wäre so übel an einer zunehmenden Kaufkraft je Währungseinheit? (Eine Erörterung der Tatsache, dass Konsum den Abschluss und das Ende der Wertschöpfungskette bildet und daher keinen den Wohlstand mehrenden Effekt haben kann, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Es bleibt daher bei der bloßen Erwähnung dieses Umstands.)

Dass die Klasse der staatsnahen Systemprofiteure das Hohelied der politischen Intervention singt – besonders in Fragen der Währung – nimmt nicht Wunder. Macht, Einkommen und Prestige von Politikern, Beamten und Bankern hängen schließlich von der fortwährenden Ausbeutung der Bürger ab. Für deren gründliche Desinformation in Grundfragen wirtschaftlicher Zusammenhänge tragen das staatliche Bildungssystem und eine politisch korrekte Berichterstattung durch die Massenmedien Sorge. Folglich kann man Meldungen, Kommentare oder Analysen, die sich aus dem Einheitsbrei aus trivialer Kapitalismuskritik und Schuldenverherrlichung abheben, mit der Lupe suchen. Résumé: Das Deflationsmonster lebt – wenn auch nur in der Phantasie von Systemprofiteuren.

23. September 2010

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