12. September 2010

Vor genau 2500 Jahren Weltmacht bei Marathon in Schranken gewiesen

Die zeitlos gültige Lektion der freien Bürger Athens

In diesen Tagen jährt sich zum genau 2500sten Mal die Schlacht bei Marathon. Manche meinen, die historische Bedeutung dieses Ereignisses könne gar nicht überschätzt werden. Der Britische Philosoph John Stuart Mill etwa sagte, Marathon sei für die Geschichte Großbritanniens von größerer Bedeutung als die Schlacht bei Hastings im Jahr 1066, als der Normanne Wilhelm der Eroberer siegreich gegen die Angelsachsen vorging und somit den Grundstein zum späteren Empire legte. Hätten die Griechen bei Marathon, oder zehn Jahre später bei Salamis, die Expansionsgelüste des aktuellen Weltreichs Persien nicht erfolgreich abwehren können, würde unsere Kultur heute möglicherweise keine einzige Spur der unverzichtbaren hellenistischen Elemente aufweisen, so die Meinung mancher Historiker. Unsere Sprachstruktur wäre eine gänzlich andere, rationales Denken hätte kaum einen Stellenwert, es gäbe weder Philosophie noch Naturwissenschaft im heutigen Sinne. Möglicherweise würde sich sogar die Hochkultur heute technisch, politisch und künstlerisch kaum von der persischen unter Darius I. unterscheiden – selbst nach zweieinhalb Jahrtausenden.

Andererseits: Vielleicht wären die Perser an der Westküste der Ägäis aber ohnehin an die natürliche Grenze ihrer Expansionsfähigkeit gestoßen und die griechische Kultur hätte eine persische Phase überlebt. Auf jeden Fall aber fasste ihr östlicher Nachbar eine dauerhafte Eroberung ernsthaft ins Auge. Dafür spricht der abgebrochene Versuch zwei Jahre vor Marathon und sein fast erfolgreicher Feldzug zehn Jahre später unter Darius’ Nachfolger Xerxes I. Doch unabhängig von der historischen Einschätzung ist der Ausgang der Schlacht am Randgebiet einer antiken Weltmacht aus anderer Hinsicht von zeitloser Bedeutung.

Das ganz genaue Datum dieser ersten ernsthaften Kraftprobe in den griechisch-persischen Kriegen ist nicht gesichert. „Die traditionelle Rekonstruktion geht vom 12. September 490 v. Chr. aus”, heißt es bei Wikipedia, wo jedoch auch neuere Forschungen erwähnt werden, wonach die Schlacht auch schon im August stattgefunden haben kann.

Darius hatte von den Griechen, wie schon zuvor von den Lydiern und Ioniern in der heutigen Westtürkei, absolute Unterwerfung gefordert. Wie diese hatten sich auch die Hellenen geweigert. Während die Lydier und Ionier niedergewalzt wurden, bot die Ägäis als natürliche Barriere den Griechen einen vorübergehenden Schutz. Ein erster Aufmarsch der Perser wurde im Jahr 492 v. Chr. abgebrochen, nachdem ein Unwetter die Flotte des Großreichs mitsamt Mann und Maus vernichtet hatte. Im Spätsommer 490 v. Chr. jedoch ging ein zwanzig- bis hunderttausend Mann starkes Heer bei Marathon an der Ostküste der attischen Halbinsel an Land, gerade mal 42 Kilometer von Athen entfernt.

Damals wie heute brauchte der Angreifer offenbar eine plausibel klingende Begründung für seine Expansionsgelüste. Der offizielle Grund für die Expedition nach Griechenland war die Bestrafung der Athener für ihre Unterstützung der Ionier in einem – niedergeschlagenen – Aufstand gegen die imperiale Macht sowie die Inthronisierung eines ihnen genehmen Vasallen namens Hippias.

Da das Verhältnis der Athener zu den meisten anderen griechischen Völkern und Stadtstaaten zu diesem Zeitpunkt, wie üblich, nicht gerade herzlich war, sahen sie sich trotz Bemühungen um Verbündete gezwungen, sich fast allein dem Eindringling auf ihrem Hinterhof entgegenzustellen. Nur eintausend bewaffnete Männer aus Plataiai, deren Polis damals möglicherweise ohnehin zum Staatenverband gehörte, unterstützten das athenische Kontingent. Jedenfalls standen den Persern insgesamt nur zehntausend Mann gegenüber. Die Griechen waren also um den Faktor zwei bis zehn in der Unterzahl.

Doch die Infanterie der Verteidiger war mit Speeren und Panzerung weit besser gerüstet, während das persische Kontingent hauptsächlich aus Bogenschützen bestanden haben soll. Möglicherweise hatte die persische Führung mit Zulauf von Rivalen der aktuellen Herrscherclique in Athen gerechnet. So ist es gut möglich, dass die griechische Militärführung trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit einen Vorteil in einer zügigen Offensive sahen. Sie griffen ihre Gegner mit der bis dahin wenig erprobten Phalanx-Formation im Laufschritt an und wirbelten deren Aufstellung völlig durcheinander. Den Rest besorgten dann Flankenangriffe der Kavallerie.

Dass danach ein einzelner Soldat die Strecke vom Schlachtfeld bis zur Heimatstadt lief, um den Athenern den Sieg zu verkünden und sie vor nahenden persischen Flotte zu warnen, ist wohl nur eine Legende. Ein Teil des wahren Kerns dieser Erzählung ist der Lauf eines athenischen Boten nach Sparta, um die dortigen Herrscher zum schnellen Beistand im Verteidigungskampf zu bewegen. Der zweite Teil des Kerns ist folgender: Laut Herodot rannte kein einzelner Soldat, sondern zog fast das ganze griechische Heer in einem Gewaltmarsch zurück nach Athen und kam der eben noch in die Flucht geschlagenen persischen Flotte zuvor, die nach der Niederlage um Kap Sunion segelte, um die Stadt zu plündern, die die Eindringlinge noch ungeschützt wähnten.

Eine andere Legende übrigens im Zusammenhang mit der Schlacht an der Ostküste Attikas betrifft den Gott Pan. Herodot zufolge erschien der Hirtengott dem erwähnten Boten auf dem Weg nach Sparta und fragte ihn, warum die Athener ihn nicht anbeteten. Der Bote versprach, dass sie dies von nun an tun würden. Der Gott nahm ihm das Versprechen ab, so die Legende weiter, und unterstützte die Griechen bei Marathon, indem er den Persern eine besondere Form von Angst einflößte, nämlich jene blinde, wahnsinnige Angst, die bis heute seinen Namen trägt: Panik.

Trotz scheinbarer relativer Schwäche konnten die Athener gewinnen, weil Miltiades, bei Marathon der kommandierende Offizier, sich für einen frontalen Überraschungsangriff entschied. Darin liegt die zeitlose Bedeutung und die Lehre dieser Schlacht, die über die militärische Besonderheit und historische Gegebenheit hinausragt: Mut und Entschlossenheit, gepaart mit taktischem Geschick, können zahlenmäßige oder anderweitige Unterlegenheit locker aufwiegen. Der philosophische Altmeister der Militärstrategie Sunzi hätte an Marathon seine wahre Freude gehabt.

Zum ersten Mal seit Menschengedenken war die bis dahin als unbesiegbar geltende persische Armee im Feld geschlagen worden. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit war gebrochen. Das sollte sich zehn Jahre später beim dritten und letzten Versuch eines persischen Großkönigs, Griechenland einzuverleiben, auszahlen.

Eine heterogene, streitlustige Gemeinschaft kann also durchaus gegen einen gewaltigen, monolithischen Block bestehen. Gerade die Vielfalt Griechenlands war die Grundlage seiner besonderen Stärke, meint Paul Marks. Ein einheitliches System unter einem Großkönig war für Griechen undenkbar, weil bei ihnen „in enger Nachbarschaft zueinander unter unterschiedlichen Umständen unterschiedliche Ideen entstanden“.

Diese Stärke war anhand des entscheidenden Unterschieds in der Zusammensetzung der beiden gegnerischen Heere erkennbar. Während die persische Armee aus Wehrpflichtigen bestand, setzte die damals aktuell führende Herrschergruppe Athens auf die Eigenverantwortung der Krieger, der sogenannten Hopliten. Sie glaubten, schreibt Marks, an eine Bürgerwehr aus Händlern und Bauern, die einen bedeutenden Teil ihres Geldes in Waffen und Rüstung stecken würden, und einen bedeutenden Teil ihrer Zeit damit verbringen würden, den Gebrauch davon in Formation mit ihren Nachbarn zu erlernen. Mit anderen Worten: Schlecht bezahlte Söldner auf der persischen Seite trafen auf eine gut motivierte Freiwilligen-Miliz. Marathon, so Marks, stehe somit beispielhaft für eine der fundamentalen Ideen des Westens, nämlich den „freien bewaffneten Bürger“.

Internet:

Paul Marks: The Battle of Marathon and the Spirit of the West (PDF)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige