30. August 2010

Perplexitäten der politischen Korrektheit Droht ein interner Richtungsstreit innerhalb der „WAZ“-Redaktion?

Im ganz Neuen Deutschland zwischen den Zeilen gelesen

(ef-CAG) Üblicherweise zeichnet sich die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)“ durch eine äußerst politisch korrekte Berichterstattung aus. Die heutige Ausgabe macht diesbezüglich auf den ersten Blick keinen Unterschied. Auf Seite 1 berichtet das Blatt über die Empörung der Bundeskanzlerin hinsichtlich der aktuellen Äußerungen des Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin. Auf Seite 2 desselben Blattes wird – neben einer Darstellung der Äußerungen von Sarrazin und dem Hinweis, dass die Berliner SPD seinen Parteiausschluss erwägt – eine Zeichnung des Karikaturisten Heiko Sakurai abgedruckt, in der dem sozialdemokratischen Finanzexperten sinngemäß empfohlen wird, zu einer „Tea Party“ in die USA zu reisen, wo er mutmaßlich willkommen sei, weil er erklären könne, warum „Obama schon rein genetisch ein schlechter Präsident sein“ müsse.

Im Lokalteil der Duisburger Ausgabe wird sodann über ein schon für sich gesehen wiederum bemerkenswertes Demonstrationsereignis vom 28. August 2010 vor dem Duisburger Rathaus berichtet. Dort hatten sich Anhänger der Partei „Pro NRW“ mit Vertretern des DGB, dem „Netzwerk gegen Rechts“ und anderen Einzelpersonen getroffen, um gemeinsam gegen Oberbürgermeister Sauerland zu protestieren, zugleich untereinander allerdings deutlich klarzustellen, nichts miteinander zu tun haben zu wollen. Unter der Überschrift „Einfallslose Masche“ kommentiert das Blatt die Aktion von „Pro NRW“: „Die Masche von Pro NRW ist so simpel wie einfallslos. Dort, wo tragische oder skandalöse Ereignisse die Menschen bewegen, versuchen sie, politisches Kapital aus den Aufreger-Themen zu ziehen. .... Letztendlich entlarvt sich Pro NRW genau durch dieses Vorgehen selber. Ihre Motive bleiben oberflächlich und durchschaubar.“

Dem genaueren Leser der entsprechenden Zeilen fällt auf, dass diese scheinbar isolierte Kritik an der Gruppierung „Pro NRW“ nahtlos auch auf sämtliche übrigen mit der politischen Ausbeutung des Duisburger Totentanzes befassten Parteien übertragen werden kann, insbesondere auch auf die etablierten. Dies allein könnte sicher schon die Frage rechtfertigen, ob nicht inzwischen erste Risse durch die politisch korrekte Einheitsfront der politisch korrekt schreibenden „WAZ“-Redaktion verlaufen. Parallelen drängen sich auf: Bekanntlich waren die lange unterdrückten Meinungsunterschiede von Redakteuren auch in der kollabierenden DDR zunächst erste leise, dann aber schwallartig ausgebrochen. Der Roman von Michael Klonovsky über das „Land der Wunder“ enthält hierüber bekanntlich geradezu archetypische Beschreibungen dieses sich schnell beschleunigenden, redaktionsinternen Erosionsprozesses.

Die „WAZ“ vom 30. August 2010 enthält jedoch noch weit massivere Hinweise darauf, dass wenigstens Teile des Blattes die zunehmende Ungleichbehandlung und Einseitigkeit bei der Bearbeitung aktueller Themen und Meinungen nicht länger tolerieren wollen. Denn exakt neben dem Bericht über die eigenartige Demonstrationsveranstaltung vor dem Duisburger Rathaus am 28. August 2010, die deutlich zwischen guten und schlechten Sauerland-Gegnern unterscheiden lasse, berichtet die Zeitung über einen Protest des Pressevereines Niederrhein-Ruhr des Deutschen Journalisten-Verbandes. In diesem offenen Brief werde der – so wörtlich – „erkennbar ungleiche Umgang des Stadtoberhauptes mit den verschiedenen Medien des Landes“ gerügt. Weiter heißt es dort: „Es ist nicht hinnehmbar, dass der Oberbürgermeister nach der Loveparade-Katastrophe keinerlei Interviewanfragen aus diversen Medienredaktionen des Landes annimmt, er dafür aber nach seinem persönlichen Ermessen von sich aus an ausgewählte Medien herantritt, um ihnen ein Interview anzubieten.“ Alle Behörden seien verpflichtet, sämtlichen Pressevertretern Auskünfte zu erteilen; der Oberbürgermeister solle sich nicht dem Vorwurf einer Behinderung der Informationsfreiheit aussetzen.

Bei langjährigen Lesern der „WAZ“ wird diese bemerkenswerte Zusammenstellung von Meldungen als erster möglicher Hinweis auf interne Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Redaktion gedeutet. Vielleicht ist in der Tat nicht auszuschließen, dass die jahrzehntelang politisch korrekte Berichterstattung des Blattes gegen die inzwischen weit vielfältigere Meinung in der Öffentlichkeit dort auch hausintern nicht mehr lange geduldet werden wird.


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