27. August 2010

Illusionen Der Mythos vom technischen Fortschritt

Seit 50 Jahren fast nur Detailverbesserungen

Bei den vielen absehbaren ökonomischen und sozialen Kalamitäten, vor denen uns die modernen Kassandras – also die Ökonomen der österreichischen Schule – warnen, ist manchem Zeitgenossen ein Gedanke immer tröstlich: Immerhin leben wir in einer Zeit des technischen Fortschritts, der das Leben, auch für die Ärmsten unter uns, allmählich immer angenehmer macht. Zwar macht uns der Staat mit seinen wahnsinnsgesteuerten Missmanagement-Programmen immer mittelloser, aber der technische Fortschritt in der Kommunikation, Medizin, dem Transport und so weiter gleicht den angerichteten Schaden einigermaßen aus. So die Theorie.

Scott Locklin ist anderer Meinung. In einem bereits vor einem Jahr geschriebenen Artikel gibt der Finanzexperte aus Kalifornien zu bedenken, dass der technische Fortschritt der vergangenen 50 Jahre nicht im geringsten mit dem des vorangegangenen halben Jahrhunderts mithalten kann.

„Im Jahr 1959“, so Locklin, „hatten wir Computer, internationale Ferngespräche, fortgeschrittene Programmiersprachen, kommerzielle routinemäßige Flüge mit Düsenflugzeugen, Kernkraft, Verbrennungsmotoren nicht unähnlich den heutigen, Überschallkampfflugzeuge, Fernseher und den Transistor.“

Seit 1959 sei hauptsächlich die Raumfahrt entstanden, „eine Technologie, die wir weitgehend aufgegeben haben“, und ihr Ableger, die Mikroelektronik. Computernetzwerke, ein oder zwei Jahre nach 1959 entwickelt, hätten „kaum etwas verändert, mit Ausnahme der Art, wie wir im Büro unsere Zeit verschwenden, und wem Anzeigenkunden ihr Geld geben.“ Alles andere, was wir seither gesehen haben, seien „Verfeinerungen und Demokratisierungen“ existierender Technologie gewesen: „Heutzutage haben selbst die kleinen Leute Zugang zu Computern und Düsenflügen, und mit Hilfe einer Technologie aus dem 19. Jahrhundert, der Telegraphie, können sie sich Pornographie ins Haus herunterladen.“

Hier zum Vergleich einige Erfindungen aus den Jahren 1909 bis 1959, die Locklin „spontan“ auflistet: Düsenflug, Überschallflug, Verbrennungsmotoren mit Treibstoffeinspritzung, die Atombombe, die Wasserstoffbombe, Raumfahrt, Gaskrieg, Kernkraft, Panzer, Antibiotika, die Polio-Impfung, das Radio. Nun gut, man könnte meinen, zwei Weltkriege haben hier die Innovationen mit aller Gewalt vorangetrieben. Aber Locklin zufolge haben auch die 50 Jahre davor, von 1859 bis 1909, eine „ähnliche Explosion von Kreativität und Fortschritt erlebt, ebenso die 50 Jahre davor, am Anfang der industriellen Revolution.“ Unter Berufung auf Charles Murrays Buch „Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950“ schlussfolgert der Autor: „Unser Tempo hat nachgelassen.“

Seither seien zwar existierende Techniken verbessert worden, Autos etwa oder in der Medizin, aber wahrhaft Neues sei nicht entstanden. Nicht etwa die Pille hat die sexuelle Revolution ausgelöst, meint Locklin, sondern Antibiotika. Effektive Schwangerschaftsverhütung habe es mit der Spirale schon vorher gegeben. Mit Antibiotika aber konnten sexuell übertragbare, verkrüppelnde oder tödlich verlaufende Krankheiten wirksam bekämpft werden. Psychopharmaka seien nur insofern ein Fortschritt, als dass viele Patienten nicht mehr stationär behandelt werden müssen. Für alle anderen, die mit den Psychotikern leben müssen und ständig hoffen müssen, dass sie nicht vergessen, ihre Medizin zu nehmen, sei dies eine eher zweifelhafte Verbesserung.

Insbesondere mit Hinblick auf die Raumfahrt erinnert diese Entwicklung an den historischen Fehler Chinas, dessen Kaiser im 15. Jahrhundert die riesige Expeditionsflotte aufgab, die zuvor bis nach Afrika vorgedrungen war. Ein halbes Jahrtausend lang kehrte sich das Reich der Mitte nach innen, während ein paar kleine Völker am anderen Ende der eurasischen Landmasse fast den ganzes Rest der Welt eroberten.

Über die Gründe für den relativen Stillstand denkt Locklin nicht lange nach, hat aber den richtigen Riecher: „Schlechte Bildungseinrichtungen, moderne Haftpflicht, endlose Bürokratie, der Tod des einsamen Erfinders“ fallen ihm als Ursachen ein und er zitiert Rudyard Kipling mit dem Vers: „None too learned, but nobly bold – Into the fight went our fathers of old.“ Etwa: „Nicht sehr gebildet, doch mit Edelmut schritten unsere Vorväter in den Kampf.“

Es ist nicht schwer, im Hintergrund aller genannten Symptome den Verursacher im eingangs erwähnten wahnsinnsgesteuerten Missmanagementstaat zu sehen. Doch damit macht man es sich zu einfach, denn die Staaten, in denen in den vergangenen Jahrhunderten die Explosion technischer und wissenschaftlicher Neuerungen stattfand, und in denen jetzt eher Flaute herrscht, sind mehr oder weniger demokratisch verfasst. Folglich geht der Wandel von den Menschen aus, die Regierungen gewählt und wiedergewählt haben, die wiederum mit allen möglichen Mitteln ein innovationsfeindliches Umfeld schaffen.

Das Datum 1959 führt uns auf die vielsagende Spur des historischen Kontextes. Kurz darauf wurde nämlich der Fortschrittsglaube vieler Menschen in den Industriestaaten durch zwei Ereignisse zutiefst erschüttert. Das eine war der Bau der Berliner Mauer 1961. Das war der Offenbarungseid des Kommunismus, der bis dahin für die „progressiven“, fortschrittsgläubigen Antitraditionalisten des Westens das bewusste oder unbewusste Endziel war. Walter Ulbrichts „nicht beabsichtigte“ betonisierte Grenzziehung war ein nicht mehr zu leugnendes Menetekel dafür, dass der anvisierte Himmel auf Erden in Wahrheit eine Hölle ist. Der zweite Tiefschlag war der Mord an US-Präsident John F. Kennedy im November 1963. Sein jugendlicher Charme und seine glamouröse Ehefrau hatten den naiven Zukunftsoptimismus ihrer Zeit geradezu verkörpert. Auch politisch verfolgte Kennedy ein progressives Programm, das von keinem Zweifel an seiner Machbarkeit getrübt wurde. Sein gewaltsamer Tod zerstörte auch diese Illusion.

Nach diesen Katastrophen stellten die Progessivisten nicht etwa ihr Endziel – einen Himmel auf Erden – in Frage, sondern die Mittel und die Ausgestaltung. Das ist in einer Glaubenskrise immer die einfachere, aber daher nur scheinbare „Lösung“. Fortan sollte es nicht mehr der technische Fortschritt sein, nicht die Atomkraft, die Raumfahrt, die Biotechnologie, die uns das Paradies bescheren würden. Das zu glauben zeugte nun von „Machbarkeitswahn“. Also drehten sich die sich fortschrittlich Dünkenden um 180 Grad und huldigten dem 1962 erschienenen Buch „Der stumme Frühling“ und allen nachfolgenden Werken derselben geistigen Richtung. Ihre neue Vision vom Paradies führte und führt versorgungstechnisch und moralisch, also materiell und spirituell, in die Steinzeit. Dennoch: Bis zum Ende der 60er Jahre hielten viele es noch für möglich, dass in drei bis vier Jahrzehnten künstliche Intelligenz, Weltraumhotels und bemannte Expeditionen zum Jupiter Realität sein würden, wie der Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ bezeugt. Dann aber folgte der Absturz. Der erste „Earth Day“ wurde am 22. April 1970 abgehalten, am 100sten Geburtstag Lenins. Etwa 20 Millionen Amerikaner beteiligten sich daran.

Das hochgesteckte Ziel Kennedys einer erfolgreichen bemannten Mondlandung wurde zwar noch erreicht, da befand sich der wissenschaftliche Nachwuchs aber bereits in Woodstock und ist, wie man an den Hysterieen um „Überbevölkerung“ bis „Klimakatastrophe“, diversen Tiergrippen und so weiter erkennt, spirituell bis heute in einem verschlammten Feld irgendwo in der Botanik hängengeblieben. Sie forschen nicht mehr mit dem Edelmut eines von seinen Fähigkeiten überzeugten Individualisten, sondern mit der Verzagtheit eines verwirrten Lemmings. Falls sie überhaupt auf naturwissenschaftlich-technischem Gebiet tätig sind und nicht in der staatlich aufgeblähten Abteilung Gehirnwaschanlage, die unsere Schulen, Hochschulen und Massenmedien geworden sind. Selbst die in der Privatwirtschaft tätigen Naturwissenschaftler sind, dank der Bürokratie, der Finanz- und der Geldpolitik des Staates und der Zentralbanken nicht mehr „einsame Erfinder“, sondern hauptsächlich Erfüllungsgehilfen großer, anonymer Konzerne. Mit dem heutigen Stand der Kommunikations- und Computertechnik wäre zwar die lose vernetzte Zusammenarbeit von Individuen problemlos möglich, aber statt dessen dient das Internet, hauptsächlich der Zeit- und Moralverschwendung. Immerhin hat das Netz eine Gegenöffentlichkeit entstehen lassen, die gerade in den vergangenen 12 Monaten dem Establishment spürbar Sand ins Getriebe streut – siehe Climategate und Wikileaks. Andererseits: Um wieviel mehr könnte dieses Potential ausgeschöpft werden, wenn sich kreative Geister weniger gezwungen sähen, einen immer weiter vordringenden Staat abzuwehren und sich statt dessen der Erfindung und Entdeckung lebensfördernder Geräte und Formeln widmen könnten?

Viele, die früher edelmütige Individualisten geworden wären, werden heute zynische Misanthropen. Wenn sie, und wir, Glück haben, werden sie Künstler. Am anderen Extrem werden sie Amokläufer, Terroristen, KZ-Kommandanten oder Schuldirektoren.

Die Hoffnung, China und Indien würden die Menschheit aus dieser Patsche helfen, trügt. Die beeindruckenden Wachstumsraten dieser und anderer Schwellenländer dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie die schwindende Innovationskraft des Westens solange nicht ersetzen können, wie ihre Gesellschaften hauptsächlich Gemengelagen aus traditionellem und neuem – sozialistischem – Kollektivismus sind. Ein erneuter Schub technischen Fortschritts mit echten Innovationen kann erst stattfinden, wenn der Glaube an ein Paradies auf Erden von einem anderen Glauben ersetzt wird. Und zwar von einem, der, wie bis vor 50 oder 100 Jahren noch, ein gesellschaftliches Umfeld erzeugt, der innovationsfreudige, edelmütige Individualisten hervorbringt.

Das Christentum, schreibt Ingo Langer in eigentümlich frei Nr. 105 vom September 2010, „zielt niemals auf die Masse, sondern auf den einzelnen Menschen.“ Der christliche Gott habe „den Menschen nicht als Klon, sondern als einmalige, als unverwechselbare Person geschaffen und kennt ihn bei seinem Namen.“ Zwar wird die Christenheit selbstkritisch beleuchten müssen, warum gerade in ihrem Gefilde mit dem Kommunismus die, wie Langner schreibt, „Perversionsform“ des Christentums Fuß fassen und die alteingesessene Glaubensgemeinschaft fast vollständig verdrängen konnte. Dennoch ist bisher keine andere Religion in Sicht, die als unverzichtbarer Bestandteil eines wirksamen Gegengifts gegen den spirituellen Rückkehr in die Steinzeit geeignet wäre.

Kurz: Politischer und ökonomischer Wandel reicht nicht aus, um den technischen Fortschritt wieder in Gang zu setzen. Ein religiöser Wandel weg vom Glauben an ein Paradies auf Erden ist – paradoxerweise – eine notwendige Voraussetzung für eine weitere Annäherung an paradiesische irdische Zustände.

Internet:

Takimag.com: The Myth of Technological Progress


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