10. August 2010

Einheitsschule Teil 2 Der Wiedergänger der Politik schlurft wieder um die Schulen

Was hinter den jüngsten Versuchen zur Einheitsschule steckt

Nachdem die Einheitsschule in vielen Bundesländern Deutschlands neben dem dreigliedrigen Schulsystems eingerichtet wurde, setzen ihre Verfechter neuerdings wieder zur Ablösung des dreigliedrigen Systems an. In Hamburg wurde diese Entwicklung verzögert, im Saarland und demnächst in Nordrhein-Westfalen wird die Politik es weiter versuchen. Im vorangehenden Beitrag dieser dreiteiligen Serie wurden die Wurzeln und die Früchte der staatlichen Einheitsschule beleuchtet, und zwar sowohl der Gesamtschule als auch der verlängerten Grundschule. Schon früh machten Studien klar, dass diese Experimente gescheitert waren. „Die Gesamtschule,“ so einer ihrer enttäuschten Verfechter, „schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle.“ (Fend 2008) Die Ergebnisse dieser Studien wurden jedoch zurückgehalten, bis sich die Einheitsschulen etabliert hatten. Im folgenden Artikel dieser dreiteiligen Serie soll der gegenwärtige Stand der Entwicklungen analysiert werden.

Die Einheitsschule: Fortsetzung trotz Scheiterns

Nur indem Hamburger Eltern eine Initiative mobilisierten, die zum erfolgreichen Volksentscheid am 18. Juli führte, konnten sie die Einheitsschule verhindern. Die Eltern hatten dabei die Gelegenheit, einen tiefen Blick hinter die Maske ihrer angeblichen Volksvertreter und -diener zu werfen: Bewusst setzte die Stadtregierung den Termin für die Abstimmung in die Sommerferien, damit möglichst wenige Eltern teilnahmen. Bürgermeister von Beust legte gar den Eltern das Motiv in den Mund, diese wollten bloß „nicht, dass (ihre) Kinder länger als notwendig mit Kindern mit Migrationshintergrund zur Schule gehen.“

Bildungsbürokraten und auch Presse, welche wochenlang gegen die Eltern und für die Politik Meinung gemacht hatten, erweisen sich als schlechte Verlierer: „Bisher wollte sich die Mittelschicht nicht so offen neoliberal geben,“ lässt beispielsweise der „Stern“ den Heidelberger Soziologen Carsten Wippermann zu Wort kommen. Die Anhänger der Elterninitiative reduziert der „Stern“ auf „Chefärzte, Architekten, Anwälte und Kaufleute.“ „In Hamburg versucht das Bürgertum seine Privilegien zu sichern,“ wird der Bildungsforscher Jürgen Oelkers zitiert. Sogar Musikunterricht diene der Abschottung: „Beim Klavier- oder Geigenunterricht kann man sicher sein, dass man keinem Kind aus der sozialen Unterschicht begegnet,“ darf Wippermann Hamburgs Eltern denunzieren. Kulturelles Kapital solle aufgebaut werden, um es in Jobs umzumünzen. „Allerdings nur, solange es nicht jedem zugänglich ist. Deshalb haben ambitionierte Eltern oft wenig Interesse an allem, was nach Gleichmacherei riecht. (…) Vor allem Eltern aus der gehobenen Mittelschicht sind die größten Bremser nahezu jeder Schulreform, die zu mehr Chancengleichheit führt, das zeigt auch das Beispiel Hamburg.“

„Sag mir wer Deine Eltern sind, und ich sage Dir wer Du wirst (...) Diese Ungerechtigkeit wächst,“ klagen die Autorinnen des „Stern“-Artikels. Und: „In der Mitte entsteht eine antisolidarische Haltung, das Recht des Stärkeren droht sich durchzusetzen," so darf der Soziologe Bertgold Vogel mahnen. Das Fazit lässt der „Stern“ den Historiker Nolte ziehen: Die Bildungspolitik, so Nolte, müsse „Nähe schaffen, gezielt für Begegnungen sorgen.“ Notfalls mit „Busing“, „dem gezielten Hin- und Herfahren von Schülern zu benachbarten Schulen, um Stadtteilgrenzen aufzubrechen.“ (Boldebuck und Eissele 2010)

Thüringen, wo wie in den übrigen neuen Bundesländern nach 1990 die sozialistische Einheitsschule zugunsten des dreigliedrigen Systems aufgegeben wurde, zeigte bislang in Vergleichen wie PISA gute Ergebnisse. Die Grenze zu Hessen überqueren täglich zahlreiche Bildungsflüchtlinge aus dem Einheitsschulvorreiter- und Problemland Hessen. Dennoch einigten sich dort CDU und SPD auf die Einführung der verlängerten Grundschule. Das Konzept der SPD sieht ein gemeinsames Lernen mindestens bis zur achten Klassenstufe vor. Anders als in Hamburg setzt man hier jedoch auf die freiwillige Entscheidung – der Kommunalverwaltungen, nicht der Eltern.

Nach dem Schock von Hamburg betont auch die neue NRW-Landesschulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die Koalitionspartner hätten dort „einen ganz anderen Weg geplant und können den auch so weitergehen, weil wir nicht auf einen Systemwechsel von oben setzen, sondern auf Freiwilligkeit. Wir zwingen keine Kommune.“ Dennoch steht im Koalitionsvertrag, bis zum Jahr 2015 sollten 30 Prozent aller weiterführenden Schulen zu „Gemeinschaftsschulen“ umgewandelt werden.

Auch im Saarland setzt die politische Klasse ihre Pläne mit den Kindern durch. Nach dem Hamburger Volksentscheid brachte es selbst der saarländische FDP-Fraktionsvize Christian Schmitt zu nicht mehr als zur Erklärung, die Koalition solle nun „die richtigen Schlüsse“ aus dem Referendum ziehen. Da die Einführung der Einheitsschule im Saarland eine Änderung der Landesverfassung nötig macht, sind CDU, Grüne und FDP auf die Unterstützung der Opposition angewiesen. Die SPD an der Saar hat bereits ihre Forderungen gestellt: volle Gleichwertigkeit von Gymnasium und Einheitsschule, kleinere Klassen, Lernmittelfreiheit und mehr Aufgaben für Sozialarbeiter.

Der Verband Deutscher Realschullehrer Saar dagegen verlangt, auch an der Saar „den grünen Unfug“ zu stoppen. Die Landeselternvertretungen aller Schulformen erklärten im Juni, dass sie die Verlängerung der Grundschule auf fünf Jahre ablehnen. Sie sind besorgt darüber, dass – wie zuvor in Hamburg durch die Politik geplant – die erweiterte Grundschule die Gymnasialzeit bis zum Abitur jetzt auch noch ein Jahr später beginnen lässt; und das, nachdem die Politik diese bereits zuvor auf nur noch acht Jahre verkürzte. Den von der Landesregierung behaupteten Lehrerüberhang auf den Gymnasien können sie nicht erkennen. Die Vereinigung der Oberstudienräte im Saarland (VOS) hatte dazu auf ihrer Homepage deutliche Worte gefunden. Die Folge: Ihr Vorsitzender wurde ins Bildungsministerium bestellt. Dort wird geprüft, ob man gegen ihn beamtenrechtlich vorgehen könne. Die Internet-Seite des VOS wurde danach für Tage abgeschaltet.

Einheitsschule für dich, aber nicht für mich

Grundsätzlich will die politische Klasse sich von Eltern nicht hineinreden lassen, was sie mit deren Kindern anstellt. Zumindest, wenn es um Kinder Anderer geht. „Gemeinsames Lernen“, „soziale Verantwortung“ der leistungsfähigeren Schüler sind bei den eigenen Kindern offenbar nicht so erstrebenswert. So schickt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die in NRW nur noch Einheitsschulen sehen will, die eigenen Kinder auf ein Gymnasium. Ebenso hält es Daniela Schneckenburger, bis zum Juni dieses Jahres NRW-Landesvorsitzende der Grünen und selber Gesamtschulehrerin. Unter den ersten zehn Plätzen der linken Landesliste sowie im Parteivorstand der Grünen gibt es kein einziges Mitglied, das Kinder auf der Gesamtschule hat oder früher hatte. Linkspartei-Vorstandssprecherin Katharina Schwabedissen schickt ihre Söhne gar auf eine Privatschule. Im grünen Fraktionsvorstand geben zwei der drei Eltern an, ihre Kinder auf dem Gymnasium lernen zu lassen, der dritte wollte keine Auskunft geben. Nur im Fraktionsvorstand der SPD findet man ein Mitglied, dessen Kinder auf eine Gesamtschule gehen (siehe Banse und Wiegelmann 2010).

SPD, Grüne und Linke wissen nur zu gut, dass ihr Konzept der Einheitsschule seine erklärten Zwecke nicht erfüllt. Es ist nicht das bessere Konzept, das sich nach Jahren endlich auch bei den Karrierepolitikern von CDU und FDP durchsetzt. Vielmehr retten diese ihre Karrieren nun in Koalitionsregierungen mit Grünen und SPD, weil sie ihre Wähler verlieren. Die Beseitigung des dreizügigen Schulsystems ist für sie ein annehmbarer Preis, den sie an die Verfechter der Einheitsschule zu zahlen bereit sind. Doch was treibt diese? Warum klammern sich die Verfechter der Einheitsschule an Ideen, deren Realitätsferne ihnen seit Jahrzehnten bekannt ist?
Dem Einheitsschul-Verfechter in den Kopf geschaut

Eine mögliche Antwort versuchen jene Gesamtschullehrer, die die Suppe der Ideologen auslöffeln müssen. In ihrem Papier „Wir klagen an“ zitieren sie eine Erklärung, die für die schleppende Veröffentlichung einheitsschulkritischer Studien gegeben wurde: „Wir mochten die Welt, die wir in den Köpfen hatten, nicht in Scherben gehen sehen,“ so ein Verfechter der Einheitsschule. Dass Kinder unterschiedliche kognitive Fähigkeiten besitzen, wird schlicht ausgeblendet, weil es nicht in die Wunschwelt passt. Jahrelang schlechte Erfahrungen mögen zeigen, in welche Richtung die Ideologen die Kinder nivellieren: nach unten. Jede neue Studie kann es belegen: Gesamtschulen sind – trotz jahrelanger wesentlich besserer finanzieller und personeller Ausstattung – eben nicht besser. Lernen durch Gedankenosmose funktioniert nicht. Rechnen und Schreiben sind kein Teamsport. Lernen ist etwas, das Individuen tun, nicht Kollektive. Solche Tatsachen passen jedoch nicht in das Weltbild der Einheitsschul-Verfechter.

Sie sehen im Gymnasium immer noch Brutstätten der Bessergestellten, die sich damit vom Rest der Gesellschaft absondern. Diese gelte es gleichzumachen – unbeschadet der Tatsache, dass Gymnasien schon immer nur nach Leistung in der Grundschule und nicht nach Einkommen der Eltern selektierten: Auch 1908 konnte der Bäckersohn – entsprechende Leistungen vorausgesetzt – mit dem Sohn des Medizinalrates in das Gymnasium eintreten. Eine Gymnasialempfehlung kann man heute so wenig kaufen wie damals. Zwar gibt es so etwas wie eine besondere finanzielle Last für Eltern von Gymnasiasten; doch das sind die Gelder, die sie sammeln müssen, weil die beamteten Verfechter der Einheitsschule diese Kinder systematisch zugunsten ihrer Einheitsschulen benachteiligen.

Und die Hauptschulen? Die Schüler auf diesen schneiden so schlecht ab, die muss man doch mit Realschulen zusammenlegen! Was bereits beim ersten Hören absurd klingt, erweist sich bei kurzem Nachdenken als geradezu dreist: Früher war die Hauptschule der Weg zur handwerklichen Ausbildung und die Realschule zur kaufmännischen. Alles, was die Verfechter der Einheitsschule erreichten, ist, dass das Gesamtschul-Abitur den Platz des Realschulabschlusses eingenommen hat und der Abschluss der Realschule jenen der Hauptschule. Die gleichen Verfechter der Einheitsschule beklagen jetzt den Zustand der Hauptschule. Doch statt die Ursache in ihren eigenen Verzerrungen zu suchen, machen sie dafür das dreigliedrige Schulsystem verantwortlich. Das Problem der Hauptschüler ist aber nicht die Hauptschule. Auf keinen Fall sind die Gymnasiasten drei Straßen weiter ihr Problem. Ihr Problem ist erstens, dass ihr Abschluss durch die Abitur-Inflation wertlos geworden ist; diese ist jedoch eine Folge der Gesamtschul-Schwemme. Ihr zweites Problem ist die Doppelfalle aus Lohnkartell und Wohlfahrtsstaat: Sie haben weder die Möglichkeit noch das Motiv, sich aus der Abhängigkeit von der erzwungenen wohlfahrtstaatlichen „Solidarität“ anderer zu lösen.

Es sind nicht die Interessen der Kinder, welche die Verfechter der Einheitsschule verfolgen. Das Versagen ihrer Idee, wie im vorangehenden Artikel dieser Serie beschrieben, ist ihnen seit Jahren bekannt. Die Kinder sind ihnen nur Instrumente für ihre Pläne zur Veränderung der Gesellschaft. Diese Veränderung begreifen sie als ihren eigentlichen Auftrag und sie fühlen sich im Recht, wenn sie diese Pläne gegen die Familien durchsetzen. Im nächsten Beitrag dieser Serie wird dem Leser eine Bewertung dieses Schulkampfes der Politik gegen die Familien vorgeschlagen sowie ein Blick auf Auswege gegeben werden.

Internet:


Einheitsschule Teil 1: Festhalten am Scheitern
Kommentar zur Hamburger Volksabstimmung bei eigentümlich frei

Literatur:

D. Banse, L. Wiegelmann (2010): Gemeinschaftsschule: die Bigotterie der Politik. In: Die Welt (6.5.2010)

Catrin Boldebuck, Ingrid Eissele (2010): Alles für mein Kind. In: Stern (22.7.2010): 47-55

Helmut Fend (2008): Schwerer Weg nach oben: Das Elternhaus entscheidet über den Bildungserfolg – unabhängig von der Schulform. In: Die Zeit (3.1.2008)


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