19. Juli 2010

20. Juli 1944 Es lebe das geheime Deutschland

Preußisches Soldatenethos als Grundlage in Stauffenbergs Handeln

“Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierskorps.” (Nicolás Gómez Dávila)

Claus Schenk Graf von Stauffenberg – nur wenige Namen der jüngeren deutschen Geschichte lösen derlei heterogene und kontroverse Assoziationen aus. Die dem „Attentäter“ Stauffenberg gewidmete Medienpräsenz in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit verkennt hierbei mit einer geradezu paranoid anmutenden Verve den geistigen und mythischen Gehalt in dessen Handeln. Verwundernswert erscheint dies keineswegs angesichts der politisch korrekten Historienbildung in der heutigen Geschichtswissenschaft, die Stauffenberg als den Vorreiter einer demokratisch- pluralistischen Gesellschaftsordnung stilisiert. Denn eine Betrachtung der intellektuellen, geistes- und ideengeschichtlichen sowie sozialhistorischen Hintergründe Stauffenbergs konterkarieren das Bild einer pseudo- und populärwissenschaftlich anmutenden Darstellung á la Guido Knopp.

Gleichwohl verfiel der Verfasser dieser Zeilen – konträr zu oben geschildertem Ansatz – in ein auf das „Geheime Deutschland“ fixiertes Erklärungsmuster und legte dieses in vergangenen Veröffentlichungen als primären Deutungsversuch der Beweggründe und Handlungen Stauffenbergs zugrunde. An der zentralen Bedeutung des „Staates“ beim neuromantischen Dichter Stefan George und dem mythologisch-tautologischen „geheimen Deutschland“ im Denken des Mannes des 20. Juli 1944 ändert dies nichts, doch bedarf eine differenzierte und um Objektivität bemühte Geschichtsschreibung gleichsam der Integration sekundärer Deutungsmuster, die für die Sozialisation des (herkunftsbezogen zwar schwäbischen, aber sowohl im Herzen als auch im Blute) preußischen Offiziers par excellence entscheidende Bedeutung erlangten und den Charakter formten, der am Abend des 20. Juli im Angesicht des Todes noch das beschwor, das sein Leben, Handeln und Fühlen bestimmte: „Es lebe das geheime Deutschland!“

Gegenstand dieser Abhandlung soll das Aufzeigen eines in populären Darstellungen mehrheitlich vernachlässigenden beziehungsweise als rudimentär erachteten Aspektes in Stauffenbergs Vita sein: der Verbindung von preußischem Offiziersgeist und soldatischem Ethos als eine essentielle Voraussetzung für das Denken und vor allem Handeln Stauffenbergs.

Der im Bekanntenkreis der Stauffenbergs verkehrende Verleger Robert Kröner stellte den Kontakt zu Stefan George her, in dessen Kreis die jungen Brüder Stauffenberg den ghibellinischen Reichsmythos und die Idee des „Geheimen Deutschlands“ aufnahmen. Die hiermit verbundene Verehrung deutscher Heroen (Ottonen, Salier, Staufer, aber auch der Deutschen Ordensritter, Friedrich dem Großen) und Geistesgrößen (Holbein, Hebbel, Heine, Goethe, Herder, Nietzsche, Lagarde, Langbehn und insbesondere Hölderlin) sowie die Inanspruchnahme Platons und Dantes als frühe Verkünder eines idealen Staates, den eben das „Geheime Deutschland“ – durch die Dichtung des Meisters, George, initiiert – repräsentiere, bildeten auch für den späteren Offizier und Widerständler Stauffenberg zentrale Konstanten seines Denkens. In Verbindung mit einem real-, aber auch geschichtspolitischen Staatsideal Preußen sowie einem hieran ausgerichteten soldatischen Ethos erwuchs Stauffenbergs Wille zur Tat.

Gleichwohl implizierte die Gedankenwelt Georges eine Affinität zum Nationalsozialismus, weniger zu dessen Praxis als der verkündeten Wiedererlangung „nationaler Größe“ im Rahmen der theoretischen Grundlagen des Nationalsozialismus. In diesem Sinne bejahten auch Berthold und Claus Stauffenberg anfangs die Politik der neuen Machthaber und teilten „so die Gedanken des Führerprinzips, der gesunden Rangordnung und der Volksgemeinschaft, den Kampf gegen Korruption, die Förderung der Bauern, die Ablehnung des Geistes der Großstädte, den Rassegedanken, eine deutsch bestimmte Rechtsordnung“. Diese von einem Großteil nationalkonservativer Politiker, Soldaten, Beamter und Bürger geteilte Geisteshaltung bedeutete für Stauffenberg aber nicht eine unkritische Rezeption nationalsozialistischer Politik; die Absetzung des Oberbefehlshabers des Heeres Generaloberst v. Fritsch und des Kriegsministers Generalfeldmarschall v. Blomberg im Jahr 1938 veranlasste ihn zu offener Kritik im Kreise der Kameraden und gegenüber seinem Divisionskommandeur.

In Stauffenbergs Handeln, der konkreten Tat, erfüllte der adlige Offizier die ihm innewohnende Verantwortung vor Gott, Vaterland und Volk am sichtbarsten. Er handelte nach der Verantwortung des preußischen Offiziersgeistes, vor der Geschichte, vor seinem Gewissen und der Tradition seiner Familie. Stauffenbergs Wirken im Widerstandskreis orientierte sich nicht an den in diesem vorfindbaren politischen Strömungen und Richtungskämpfen; auch wenn er – geprägt durch das Ideal des „Geheimen Deutschlands“ eines Stefan George – im Bekanntenkreis über eigene Staatsvorstellungen philosophierte, repräsentierte er in diesem Kreis die geistige und ethische Substanz des Widerstandes. Stauffenberg stellte sich in den Dienst der Sache – erhob durch seine Tat das Recht zum Widerstand auf den Schild und ließ dieses Recht hierdurch für nachkommende Generationen zur Pflicht werden.

Stauffenbergs Weg zum 20. Juli 1944 führte neben den ihn stets begleitenden geistigen Wurzeln im „Geheimen Deutschland“ aber vor allem über die ihm innewohnende Überzeugung, das Soldatentum und das dieses tragende Offizierskorps als sittliche Grundlage der Nation und des Staates zu bewahren.

„Begeisterung für den Offizierberuf und für den höchsten Einsatz im Dienst des Vaterlandes überwogen alle Bedenken“ (S. 13) und so trat Stauffenberg – der dem Soldatentum verpflichteten Familientradition folgend – Mitte der 1920er Jahre mit Überzeugung und Herzblut in die Reichswehr ein. Im Bamberger 17. Reiter-Regiment begann Stauffenbergs militärische Laufbahn, hier kam er als Offizieranwärter im zweiten und dritten Ausbildungsjahr zehn Monate auf die Infanterieschule in Dresden und anschließend an die Kavallerieschule in Hannover, kehrte Anfang 1929 nach Bamberg zurück und erhielt zum 1. Januar 1930 die Beförderung zum Leutnant. Nach erfolgreicher Absolvierung von Schulen und Lehrgängen für Infanterie-, Kavallerie-, Kraftfahr-, Artillerie- und Pionierausbildung tat Stauffenberg seit 1934 als Bereiter-Offizier und ab 1935 als Adjutant an der Kavallerieschule in Hannover Dienst. Das 100.000- Mann- Heer der Weimarer Republik sah eine jährliche Wehrkreisprüfung für 1.000 Kandidaten vor, deren erfolgreiche Absolvierung als Voraussetzung für die Zulassung zur Generalstabsausbildung diente. Hieraus erfolgte wiederum die Auswahl von jährlich rund 100 Kriegsschülern für die renommierte Kriegsakademie in Berlin-Moabit, die – 1935 wiedereröffnet – Stauffenberg ab Oktober 1936 besuchte. Stauffenberg ragte „durch seine Begabung für alle operativen, taktischen und organisatorischen Aufgaben des Generalstabsdienstes, durch Geist, Temperament und Redegewandtheit hervor“

Stauffenberg erwarb im Laufe seiner militärischen Sozialisation umfassende Kenntnisse im Bereich der Taktik, Wehrtechnik und Kriegswirtschaft, legte aber auch großes Interesse für Militärpolitik an den Tag. Nach Beendigung der Kriegsakademie erhielt Stauffenberg seine erste Verwendung in einem Divisionsstab (zweite Stabstelle, die Quartiermeisterstelle (I b) in der 1. Leichten Division in Wuppertal) zum 1. August 1938, wobei ihm in der in Aufbau befindlichen Panzer-Division (nach dem Polenfeldzug 6. Panzer-Division) die Einrichtung der Stabstelle oblag. Im Rahmen dieser Aufgabe baute Stauffenberg sein Organisations- und Logistiktalent (Versorgung der Division mit Treibstoff, Munition, Waffen, Ersatz, Nahrung, Kleidung, etc.) weiter aus, das sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges als der zentrale Faktor für die Schnelligkeit sowie den Erfolg militärischer Operationen erweisen sollte. Mit der endgültigen Versetzung in den Generalstab (Herbst 1939) erhielt Stauffenberg die Beurteilung als über dem Durchschnitt der Generalstabsoffiziere befähigt und für die „höchsten militärischen Stellen“ geeignet.

Der unter seinen Kameraden beliebte Stauffenberg widmete sich daneben weniger den von Soldaten geschätzten geselligen Seiten des Lebens als vielmehr den musischen Künsten; er spielte leidenschaftlich gern Cello, las von klassischen Werken der Weltliteratur über Schriften zu Architektur und Malerei bis hin zu militärtaktischen Abhandlungen ein weites inhaltliches Spektrum an Themen. Stauffenbergs soldatisches Ethos lag in zwei geistigen Bezugspunkten begründet: dem staatspolitisch ausgerichteten Preußentum und dem mythisch aufgeladenen, mittelalterlich-christlichen Reichsideal, die sich mit dem „Streben nach großer Tat“, der Vorbildfunktion des Deutschen Ordens und dem vom Meister verkündeten „Geheimen Deutschland“ verbanden und verschmolzen. Stauffenbergs Bereitschaft zum Opfertod für das Vaterland in Ausübung seiner Pflicht als Soldat bekundete dieser immer wieder in Briefen und Gesprächen, den „höchsten Einsatz“ an der Front zu beweisen, galt ihm als glühendes Ideal preußischer Gesinnung.

Diese tiefe Überzeugung preußisch-deutschen Soldatentums musste den jungen Offizier geradezu in Gegensatz zur nationalsozialistischen Heerespolitik bringen, die unter Inkaufnahme qualitativer Mängel eine radikale Vermehrung des Heeres forcierte. In einem an Generalmajor von Sodenstern gerichteten Brief Stauffenbergs, worin dieser Sodensterns im Aufsatz „Vom Wesen des Soldatentums“ vertretene Ansichten zustimmend behandelt, wehrt sich Stauffenberg gegen die „Trivialisierung des Soldatentums durch die rasche Heeresvermehrung und die Verkennung des im Krieg geforderten soldatischen Opfers“. In der „Vermassung“ des Heeres erblickte Stauffenberg die Gefahr des Verlustes „des aristokratischen Grundgesetzes soldatischer Staats- und Lebensauffassung“ (Stauffenberg), also den Idealen preußischen Offiziersgeistes.
„Soldat sein, und insbesondere soldatischer Führer, Offizier sein heißt, Diener des Staats, Teil des Staats sein mit all der darin inbegriffenen Gesamtverantwortung“ (Stauffenberg).

Stauffenberg folgerte hieraus weiter:
„Wir müssen nicht nur um die Armee im engeren Sinne zu kämpfen wissen, nein, wir müssen um unser Volk, um den Staat selbst kämpfen, im Bewusstsein, dass das Soldatentum und damit sein Träger, das Offizierskorps, den wesentlichsten Träger des Staates und die eigentliche Verkörperung der Nation darstellt.“

Im „völkischen Entscheidungskampf“ (Stauffenberg) falle allein dem Soldatentum die Verantwortung und entscheidende Rolle im Schicksalskampf der Nation zu. Das Verhältnis von Politik und Soldatentum beschäftigte Stauffenberg zeitlebens; den Primat des soldatischen und preußischen Ethos in der Politik einzufordern, musste ihn zwangsläufig in Konfrontation mit den realpolitischen Maßnahmen und militärischen Operationen der nationalsozialistischen Führung bringen. Die anfänglichen Kriegserfolge erweckten zwar auch im jungen Offizier eine Euphorie und „Neigung, das erlernte ‚Handwerk‘ der Kriegskunst auf dem Höhepunkt seines Könnens auszuüben“ (S. 38), doch besann sich Stauffenberg selbst im Moment des Sieges – trotz aller von ihm geteilten Begeisterung – auf seine Verantwortungsfunktion als Soldat und Offizier. In einem Erfahrungsbericht über den Polenfeldzug analysierte er messerscharf die technischen und logistischen Defizite (Treibstoff- und Ersatzteilversorgung, Transportmittel, Funkverbindungen, Depotbestände, etc.) der zwar erfolgreichen, aber bei stärkeren Feindarmeen riskanten Militäroperationen. Diese Erfahrungen setzte Stauffenberg im Frankreichfeldzug beeindruckend um: „Sein Organisationstalent und seine Tatkraft (…) hatten zu dem raschen Siegeszug seiner Division und damit zum Ausgang des Feldzuges entscheidend beigetragen“.

Der als Militärstratege und Offizier nun hoch geschätzte Stauffenberg erhielt in Anerkennung seiner außerordentlichen Dienste, Leistungen und Fähigkeiten nach Beendigung der Operationen in Frankreich den Versetzungsbescheid in die Organisationsabteilung des Generalstabes des Heeres, wo er – „mitten aus dem Krieg und den ruhmvollsten Operationen“ (Stauffenberg) herausgerissen und mit der Reorganisation des Heeres betraut – mit der desillusionierenden Realität der militärischen und politischen Führungsstruktur konfrontiert wurde. Doch grundsätzlich handelte Stauffenberg bis 1941 primär vom Standpunkt der soldatischen Praxis aus, deren oberste Führung er in guten Händen wähnte:

„Trotz seiner Nüchternheit und Skepsis gegenüber dem Fortgang des Krieges war Stauffenberg kein Grübler und Zauderer. Stand er einmal im Kampf, so schlug sein Soldatenherz.“

Ein Wandel in Stauffenbergs Denken trat mit den strategischen und taktischen, vor allem aber organisatorischen und logistischen Fehlentwicklungen im Rahmen des Russlandfeldzuges ein. Als Zäsur erscheint die Weisung Hitlers vom 23. Juli 1942 (Aufteilung der Kaukasus- Offensive in zwei gleichzeitige Operationen trotz Defiziten an Soldaten, Waffen und Munition), die im Offizier Stauffenberg den Argwohn gegen die militärische Führung Hitlers aufkeimen ließ und die bisher wohlwollende Haltung zur nationalsozialistischen Außen- und Kriegspolitik zu revidieren begann.
Diese das Leben tausender Soldaten inkaufnehmende Entscheidung, aber auch innenpolitische Fehlentwicklungen brüskierten Stauffenbergs preußischen Offiziersethos und ließen in ihm immer mehr den Gedanken zum Staatsstreich reifen – „die Übernahme der Führung des Reiches durch die höchsten Heerführer“, die notfalls auch mittels Errichtung einer Militärdiktatur gefestigt werden sollte.

Nach Stauffenbergs Einsatz als Führungsoffizier der 10. Panzer-Division in Tunesien (seit Februar 1943), in dessen Verlauf er im Rahmen der Operation „Frühlingswind“ sein ganzes in der Kriegsakademie theoretisch gelerntes Repertoire an militärischen Führungsaufgaben anwenden konnte und seinen Verband erfolgreich als Frontoffizier befehligte, zwang ihn die am 7. April 1943 erlittene Schwerstverwundung zur Rückkehr nach Deutschland, wo er im Münchner Lazarett die endgültige Entscheidung für das Attentat auf Hitler fällte – für sein Land, sein Volk und das in ihm verwurzelte preußische Offiziers- und Soldatenethos.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Sebastian Pella

Autor

Sebastian Pella

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige