01. Juli 2010

ef-intern, Vertrieb: Nachlese zur Ausgabe 103 Nur noch 14 Restexemplare eines besonders gut verkauften Hefts

Interviews mit Oliver Uschmann, Andreas Molau und Martin Mosebach

(ef-AFL)Die neue Ausgabe ist bereits online vorangekündigt und sollte heute oder morgen bei den Abonnenten sowie im Einzelhandel ankommen, da entzünden sich erneut Diskussionen zur Ausgabe 103. Das vergangene Juni-Heft ist tatsächlich dasjenige, welches wie kaum eine Ausgabe zuvor nachbestellt wurde.

Vor allem die drei Interviews erfreuten sich breiter Aufmerksamkeit. Worum ging es? Hier drei kurze Appetithappen für diejenigen, die Heft 103 verpasst haben:

Aus: Wortguru fürs Kleine

Der VfL Bochum der schreibenden Zunft

Interview mit Oliver Uschmann

ef: Sie sind mit einigen deutschen Musikern wie etwa Bela B. von den Ärzten bekannt oder befreundet. Wie reagiert ein solches Umfeld auf die neuen politischen Provokationen in Ihren Romanen, die nicht unbedingt von links kommen?

Uschmann: Links, rechts, drauf gehupt. Sagen wir doch lieber: antiautoritär, in einem neuen Sinn des Wortes. Ich habe Bela B. mit der Bitte, einen lobenden Klappentext zu schreiben, genau die bitterbösen Auszüge gesendet, die in der letzten Ausgabe dieses Magazins standen und seine Stammleser sicherlich zum Jauchzen bringen. Ich dachte mir: Wenn er das mag und unterschreiben kann, dann kann er den ganzen Roman unterschreiben. Er konnte. Ich stelle ohnehin fest, dass viele das können. Es müssen eben nur die Schubladen weg, die Lagerbegriffe. Dass ich bei ef interviewt werde, bekommt die alte Szene nicht mit und würde sie mir sicher übelnehmen, weil es ja aus „linker“ Sicht ein zutiefst „rechtes“ Heft ist. Sobald die Kategorien ins Spiel kommen, ist es aus. Kommen nur die Inhalte ins Spiel, der Text des Romans selbst, erreiche ich viele Menschen und treffe viele Nerven.

ef: Der eben erschienene neue HUI-Roman „Feindesland“ – wir druckten in ef im letzten Monat den erwähnten Vorabausschnitt – beschreibt das Bild einer endgültig  ökototalitären Bundesrepublik in nicht allzuferner Zukunft. Viele Stellen scheinen nur leicht übertrieben, beinahe sind sie schon real, und dennoch wirken sie in der HUI-Welt auf den Leser seltsam surreal gebrochen. Haben Sie den Anspruch, genau mit diesem rhetorischen Trick Ihre Sicht der Dinge zu verbreiten?

Uschmann: Natürlich, da ich Romane schreibe und keine Pamphlete und da das Surreale seit jeher Teil meines Programms ist. Es macht alles eindringlicher und amüsanter, zugleich finsterer und markanter. Die Wirklichkeit selbst ist surreal und absurd, ich sitze gerade unter einer Energiesparlampe, die mit Hilfe der EU-Kommissare die Glühbirne verdrängt hat und von der man dieser Tage erfuhr, dass sie wohl mehr Strahlung aussendet als drei WLAN-Router, ein Radio und vier Handys zusammen. Ich sehe seit Tagen nur noch gigantische Stahlkuppeln und winzige Absaugpiekser in der schwarzen Tiefe von 1.500 Metern vor mir, mit denen BP sein Loch stopfen will, und wünschte mir, es wäre nur ein Drama von Frank Schätzing. Es ist übrigens eine Schande, dass der radikale Liberalismus zu so einem Dreck wie Bohrlizenzen für staatengroße Ölkonzerne, die in Katastrophen münden, nichts zu sagen hat. Oder zu dem ganzen Spekulationsmist, der mit echtem Markt nichts zu tun hat. Das erinnert mich an den blinden Sippenschutz in allen anderen ideologischen Kreisen und ist doch nicht nötig. Man muss doch wohl die Zerstörer von BP genauso hassen dürfen wie die Beamten der EU, oder?

ef: Aber selbstverständlich, ja! Big Business und Big Government gehören zusammen und unterstützen sich ja auch gegenseitig. Was empfinden Sie eigentlich, wenn Sie heute Nachrichten im Radio oder Fernsehen hören oder sehen? Verzweiflung? Gleichgültigkeit? Oder Heiterkeit?

Uschmann: Alles gleichzeitig, je nach Nachricht. Im Grunde werde ich verrückt, ich kann das alles gar nicht an mich ranlassen. Es gibt Situationen im Auto, wo ich einzig Nachrichten höre, da breche ich entweder an der Ampel urplötzlich in ein irres Gelächter aus, so dass meine Augen hervorstechen und der Ampelnachbar krampfhaft geradeaus schaut, weil ich womöglich einer derjenigen bin, der eine Pump Action auf dem Beifahrersitz hat und nur auf einen Grund wartet. Manchmal könnte ich allerdings nur heulen, manchmal werfe ich Gangsta Rap-CDs von Ice Cube oder Dr. Dre an, weil es nichts gibt, was politisch unkorrekter und latent aggressiver ist. Das passiert meistens, wenn ich höre, was sich die Herren und Damen Weltbeglücker in den Ämtern heute wieder ausgedacht haben.  

Aus: Politische Biographie

Der etwas andere Nazi-Aussteiger

Interview mit Andreas Molau

ef: Gibt es Erfahrungen als Waldorflehrer, die für Sie besonders wichtig waren?

Molau: Unendlich viele, und keine davon war politisch. Jedenfalls nur mittelbar. Zwei Dinge möchte ich erwähnen. Nach Abschluss des Hauptunterrichtes, man unterrichtet als Klassenlehrer jeden Tag zwei Stunden zu Beginn des Schultages, gibt es einen Erzählteil, in dem man frei die großen Erzählungen der Menschheit vorträgt: Homer, die Bibel und vieles mehr. Ich habe damit schwer gerungen: Nicht ablesen, sondern lebendig und frei nacherzählen. Ich habe mir selbst durch diesen Kursus unseren Kulturkreis noch einmal ganz neu erschlossen. Mein Begleiter dabei war Egon Friedell.

ef: Ein jüdischer Kulturphilosoph, dessen Werke in der Nazizeit verboten waren.

Molau: Richtig. Mit diesem großen Egon Friedell habe ich mir in meinen acht Jahren praktizierter Waldorfzeit unsere Geschichte noch einmal angeeignet – neben dem Wissen, das mir aus dem Studium zur Verfügung stand. Allein, dass solche großen Leute in dieser Zeit geächtet wurden, reicht schon aus, um diese Weltanschauung abzulehnen. Dass Erich Kästner, den ich verehre, nicht publizieren durfte, Nolde nicht malen – man könnte die Reihe weiterführen. Nein, das Dritte Reich kann kein Vorbild sein.

ef: Und die andere Sache?

Molau: In der Oberstufe durfte ich die Erarbeitung von Theaterstücken mit begleiten, die traditionell in der 12. Klasse aufgeführt werden. In einem Jahr war das die Hexenjagd von Arthur Miller. Ich habe lange mit den Schülern um die Grundaussage gerungen: Hexenjagd findet dann statt, wenn ich in meinem Gegenüber nicht mehr den Menschen sehe. Nachdem ich meine Schulkarriere beendet hatte und über mir und meiner Familie die politisch korrekte Verdammnis hereingebrochen war, traf ich mich mit einer Schülerin, die in dem Stück mitgespielt hatte. Sie sagte mir, sie wisse nun, was Hexenjagd sei. Ich hatte es zu diesem Zeitpunkt auch das erste Mal wirklich begriffen.

ef: Der Hexenjagd war 2004 der Einzug der sächsischen NPD in den Landtag vorausgegangen. Sie reichten kurz danach einen Antrag in der Schule auf Beurlaubung ein, um bei der NPD-Fraktion als wissenschaftlicher Mitarbeiter anzuheuern. Wie reagierte Ihr Schulleiter?

Molau: In der Waldorfschule gibt es keinen Schulleiter, nur die Gesamtkonferenz und übergeordnete Gremien, in denen ich lange mitgearbeitet hatte. Ich hatte natürlich geahnt, dass es freundlicher gewesen wäre, wenn ich zu den Grünen oder zur PDS gegangen wäre. Dann hätte man sich wahrscheinlich um Gastunterricht bemüht, damit die Schüler aus erster Hand mitbekommen, wie Politik funktioniert. Also, dass das nicht harmonisch wird, hatten meine Frau und ich geahnt.

ef: Tatsächlich war die Reaktion geradezu hysterisch.

Molau: Ja, anders kann man es nicht nennen. Ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit, meinen Schülern, die ich sechs Jahre lang unterrichtet hatte, Lebewohl zu sagen. Mir wurde die Auflage gemacht, dass ich mit Begleitung zehn Minuten in die Klasse gehen dürfe, um mich zu verabschieden. In den folgenden Jahren wurden mobile Berater gegen Rechtsextremismus in diese Klasse geschickt, die wohl herausfinden wollten, ob ich den Kindern einen weltanschaulichen Sender eingepflanzt hatte. Dann waren meine Kinder dran, die auch auf diese Schule gingen: neun und zwölf Jahre alt damals. Die wurden nach kurzer Zeit aus der Schule rausgeschmissen, weil es den anderen Schülern nicht zuzumuten sei, mit „Nazikindern“ auf eine Schule zu gehen. Außerdem wisse man ja nicht, ob sie nicht in einigen Jahren auf der Schule agitieren würden. Gestandene Erwachsene haben unsere Kleinen auf dem Schulhof angebrüllt, sie würden wohl auch Juden vergasen. Erwachsene wohlgemerkt! Der Kontakt zu Schulfreunden wurde von vielen Eltern untersagt. Fahrgemeinschaften haben uns auf offener Straße stehenlassen mit dem Hinweis, „Nazikinder“ würde man nicht im Auto mitnehmen.

Aus: Literatur und Religion

„Katholischsein ist mein Naturzustand“

Interview mit Martin Mosebach

ef: Derzeit ist viel vom „Feindbild Islam“ die Rede. Ist der Muslim Ihr Feind?

Mosebach: Ein gläubiger Muslim steht mir unendlich viel näher als ein deutscher Atheist. Aber natürlich stehen mir die Christen näher als die Muslime, vor allem auch die Christen, die es in muslimischen Ländern wahrlich nicht leicht haben. Dass in der Hagia Sophia in Istanbul nicht die Liturgie gefeiert werden darf, für die sie errichtet worden ist, gibt mir immer, wenn ich daran denke, einen Stich.

ef: Wir beobachten zugleich eine Ausbreitung des Islam in die schwindend christlichen Länder Europas. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Mosebach: Eine Gefahr für das Christentum in Europa liegt vor allem darin, dass zu wenige Christen noch Christen sein wollen. Die Gefahren, die der säkularen liberalistischen Kultur vom Islam her drohen mögen, interessieren mich nicht besonders, weil mich die säkulare Kultur nicht besonders interessiert.

ef: Glauben Sie an den „Clash of civilizations“? Oder was stößt zusammen?

Mosebach: Ich glaube nicht an den „Clash of civilizations“, ich glaube an Konflikte aus sehr genau begründbaren politischen und wirtschaftlichen Ursachen. Die „Clash of civilizations“-These ist eine verschleiernde, keineswegs aufklärende Mythisierung der Konflikte zwischen den von den USA geführten Ländern und den islamischen Nationen.

ef: Gibt es etwas, was der Westen vom Islam lernen kann oder sollte?

Mosebach: Der Westen war immer sehr stark darin, vom Osten zu lernen, von frühesten Zeiten an. Gegenwärtig sind die islamischen Gesellschaften allerdings in einem traurigen Zustand, von großer kultureller Schwäche. Deswegen glaube ich nicht, dass sie eine besondere Strahlkraft auf den Westen entwickeln könnten – de facto ist es eher umgekehrt. Aber ich kann mir meine Bewunderung und Liebe für Menschen nicht verhehlen, die sich jeden Tag fünf Mal vor ihrem Schöpfer auf den Boden werfen.

ef: Waren Sie im Fall Sarrazin irgendwie Partei?

Mosebach: Es war von Sarrazin eigentlich ungerecht, bei seiner Parteimitgliedschaft von der gesellschaftlichen Nutzlosigkeit vieler Migranten zu sprechen, wenn sie doch gerade das getan hatten, was von seiner Partei als das Wichtigste angesehen wurde: nämlich sie zu wählen. Im Übrigen möchte ich zur Frage der Integration und Assimilation der Migranten auch einmal einen anderen Gedanken zur Diskussion stellen. Wo immer wir in der näheren Vergangenheit mit Gewalt, Massakern, Bürgerkrieg zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu tun hatten, handelte es sich um Gruppen, die manchmal schon seit Jahrhunderten in einem Zustand höchster Assimilation nebeneinander lebten. Ist es wirklich vergessen, dass der Judenhass Hitlers nicht durch galizische chassidische Schneider, sondern perfekt assimilierte Rechtsanwälte und Kaufleute ausgelöst wurde? Vielleicht sorgt gerade Nicht-Assimilation, eine Stärkung der Kommunitäten in ihrem kulturellen Anderssein, auf Dauer für eine größere Sicherheit des Friedens zwischen Majoritäten und den Minoritäten?

Sie möchten alle drei Interviews in kompletter Länge lesen?

Es sind von Ausgabe 103 nur noch sehr wenige Restexemplare erhältlich. Abzüglich der Archivexemplare können nur noch genau 14 Stück verkauft werden.

Interessenten müssen sich also beeilen. Sollten heute oder morgen mehr als 14 Bestellungen eingehen, werden Jahresabos (versehen mit dem Wunsch, rückwirkend ab Nr. 103 zu starten) bevorzugt behandelt, danach Schnupperabos (mit Wunsch auf rückwirkenden Start), danach ggf. Einzelheftbestellungen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige