28. Juni 2010

WM-Spiel Deutschland gegen England In der Höhle des zahmen Löwen

Private Feldstudie in einem englischen Pub

Gestern beschloss der Autor dieser Zeilen, von seiner Gewohnheit, englische Pubs zu meiden eine Ausnahme zu machen und in einer Art Feldstudie den Typus des kneipenbesuchenden englischen Fußballfans zu untersuchen. Anlass war die Tatsache, dass er sich das Spiel Deutschland gegen England in dieser Weltmeisterschaft nicht entgehen lassen wollte, als ehrlicher Nichtrundfunkgebührenzahler aber über keinen Fernsehempfang verfügt – die kulturmarxistische und dekonstruktivistische „BBC“ mag sich ihr Geld, mit dem sie ihren Strick für den letzten Rest des Kapitalismus dreht, von anderen holen. Zwar könnte man meinen, als genetisch und kulturell halber Engländer seien seine Loyalitäten gespalten, wann immer diese beiden Mannschaften aufeinandertreffen. Aber als in Deutschland Aufgewachsener, dessen erste bewusst miterlebte WM die von 1974 war, kann er bei internationalen Fußballturnieren nicht anders als für die Mannschaft in Schwarz-Weiß die Daumen drücken.

Er beschloss jedoch, sich nicht als Deutschland-Fan zu erkennen zu geben. Als Pub-Meider – siehe oben – wollte er sein Glück in unbekanntem Terrain nicht allzu sehr strapazieren. Die Engländer sind ja für ihren Hang zu alkoholinduzierter „recreational violence“ bekannt, so jedenfalls das in den Medien vermittelte Bild. Und im Vorfeld dieses Spiels kochte die Boulevardpresse mal wieder die alten Weltkriegsklischees auf. Doch er hätte sich, wie sich herausstellte, keine Sorgen machen müssen. Es waren nämlich überraschenderweise auch andere Deutsche anwesend, etwa ein halbes Dutzend Touristen, die sich spätestens beim zweiten Tor lautstark zu erkennen gaben. Die anwesenden Engländer, deutlich in der Überzahl, drehten sich nur kurz um und blicken dann ungerührt weiter gespannt auf die Großbildleinwand.

Sie waren laut, diese Engländer, haben geflucht, besonders natürlich beim erstaunlichen „Rache-für-Wembley“-Nicht-Tor. Aber aggressiv wurde keiner der etwa 30 Anwesenden. Es flogen keine Biergläser, keine Faust wurde erhoben, nicht mal einen bösen Blick gab es. Einer ging raus, um sich per Handy bei irgendwem über die Fehlentscheidung des Schiedsrichters zu beschweren. Sauer waren sie schon, aber die Atmosphäre im Schankraum blieb insgesamt so gut wie das Wetter, das so sehr vom angeblichen Klimawandel gezeichnet war, dass man auf eine baldige Wiederaufnahme des seit römischen Zeiten brachliegenen Weinexports hoffen konnte. Vielleicht lag es an der Lage des Pubs, am Rande einer mittelgroßen Stadt, das Viertel weder wohlhabend noch arm. Vielleicht lag es an der Anwesenheit von Frauen, sowohl unter den Engländern wie auch den Deutschen. Vielleicht auch nur daran, dass es keine Verlängerung gab und somit zeitbedingt weniger Gelegenheit, die Alkoholtoleranzgrenze auszuloten. Vielleicht auch daran, dass die englischen Spieler allzu eindeutig die Underdogs waren. Man mag für Verlierertypen Mitleid haben – doch wer will schon für sie ein blaues Auge riskieren? Statt dessen stimmten beim 4-1 einige englische Fans aus lauter Verzweiflung „God Save the Queen“ an.

Gegen Ende zeigte sich, dass im Heimatland des Fußballs und des klassischen Liberalismus die von letzterem geförderte bürgerliche Zivilisiertheit noch nicht ganz ausgestorben ist. Ein englischer Gast gab den Deutschen einen Likör aus, ein anderer gratulierte ihnen beim Schlusspfiff per Handschlag. Beim Autor dieser Zeilen, der bis zuletzt inkognito blieb, entschuldigte sich merkwürdigerweise ein Engländer für sein Gebrüll zuvor. Vielleicht, weil er die äußerliche Ruhe seines halbdeutschen Nachbarn – mit dem er sich zuvor noch völlig einig über die „Schändlichkeit“ des nicht gegebenen zweiten englischen Tores war – fälschlicherweise für exemplarische englische Reserviertheit hielt.

Auch in Südafrika selbst freute man sich über das unerwartet gute Benehmen der englischen Fans. Wobei die recht rustikalen Methoden der örtlichen Sicherheitskräfte ebenso eine Rolle gespielt haben können wie auch die Tatsache, dass ein Hin- und Rückflug über mehrere Tausend Kilometer sowie weite Reisen zwischen verschiedenen Stadien im Gastgeberland Kosten in einer Höhe verursachen, die im Hinblick auf die Qualität der Schlachtenbummler eine gewisse Filterwirkung erzeugt.

Der englische Humor erwies sich mal wieder als in jeder Situation unschlagbar. „Don’t mention the war“, jenes beim Umgang mit Deutschen oft bemühte Zitat, inzwischen ein geflügeltes englisches Wort, aus einem berühmten 70er-Jahre Fawlty-Towers-Sketch, in dem der von John Cleese gespielte Hotelier seine deutschen Gäste mit spießiger Schadenfreude über den Zweiten Weltkrieg malträtiert, wurde heute morgen von „News of the World“ flugs in „Don’t mention the score“ umgewandelt.


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