27. Juni 2010

Nach dem Sieg gegen Engeland Vier zu eins für persönliche Verantwortung und individuellen Mut

Über soziale Gerechtigkeiten in Fußball und Politik

Was wurde Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw vor der WM dafür kritisiert, an Lukas Podolski und Miroslav Klose festzuhalten. Beide hatten in ihren Vereinen eine katastrophale Saison gespielt – und die gesamte deutsche Sportjournaille war sich einig, dass sie nicht mit zur WM fahren sollten, ja dürften. Selbst nach dem ersten überzeugenden Spiel der beiden gegen Australien ätze noch gestern der „Spiegel“ über „Löws Scheu vor dem Schnitt“. Schließlich habe der „gegen Ghana gesperrte Miroslav Klose bisher mehr falsche als richtige Entscheidungen auf dem Spielfeld getroffen“. Und Podolski, klar, auch der solle sich fragen, „ob er wirklich jeden Ball, teilweise ohne jegliche Aussicht auf Erfolg, aufs Tor schießen sollte“.

Immerhin, die Kritik war leise geworden, nach all den persönlichen Beleidigungen gegen Löw, die nur stärker wurden, je „sturer“ Löw einsam dagegenhielt.

Die ganz großen Tiere von Franz Beckenbauer bis Felix Magath – und die kleinen deutschen Sportjournalisten in den Redaktionen von „Bild“ bis „Kicker“ und von „Welt“ bis „Spiegel“ sowieso – sie waren sich einig, dass doch eigentlich Kevin Kuranyi mit nach Südafrika müsse und Stefan Kießling in der ersten Elf stehen solle. Im übrigen, so die einhellige Kritik, würde Bundestrainer Joachim Löw auch mit den vielen jungen Spieler wie Mesut Özil und Thomas Müller ein außerordentlich hohes Risiko eingehen.

Nach dem historischen Sieg heute Nachmittag gegen England steht fest, dass sich wieder einmal Journalisten und Funktionäre kollektiv geirrt haben, während der einsame, gut gekleidete Mann an der Seitenlinie gegen alle Widerstände offenbar die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Eine Entwicklung, die für erfahrene Beobachter der Mainswamp-Presse nicht ganz überraschend kommt, gilt als Faustregel doch: Im Gegenteil der Journalisten-Forderungen darf meistens die Wahrheit vermutet werden. Es war bei den Gefahren Waldsterben, Erdabkühlung und Aids wie bei den heutigen Drangsalen Spekulanten oder Erderwärmung, und es ist bei unseren Göttern der Demokratie und des Sozialstaats nicht anders als bei den vergangenen politischen Moden – die träge Masse der bezahlten Kommentatoren liegt annähernd um 180 Grad verkehrt und wähnt sich dann mit ihrer Meinung auf der Höhe der Zeit, wenn die Welle der aktuellen Mode oder Gefahr für etwas feinfühligere Menschen bereits spürbar abgeebbt ist.

Oder denken wir an die taktischen Empfehlungen von Presse und Wissenschaft an die Parteien: Die CDU müsse „moderner werden“, „großstädtischer“, „sozialer“, sich Feminismus und Multikulti öffnen, dann, so waren sich alle einig, würde sie auf Jahre hin bei Wahlen unschlagbar sein. Die Rechnung dafür wird Angela Merkel und einer halbierten, ehemals bürgerlichen wie vergangenen Volkspartei in den nächsten Jahren präsentiert werden.

Jetzt empfehlen dieselben Fachjournalisten von „Spiegel“ bis „Welt“ der FDP, sie müsse „sozialer werden“… Nur hat Guido Westerwelle nicht das Format von Jogi Löw und Christian Lindner ist auch kein Hansi Flick. Charismatisch, charakterlich, bezüglich taktischem Geschick und programmatischer Kühnheit eher Berti Vogts und Erich Ribbeck ähnelnd, halten der bisherige und der künftige FDP-Chef die Richtungsweisungen deutscher Journalisten womöglich gar für originell – auch sie werden scheitern und mit ihnen nachhaltig ihre Partei.

Am Tag dieses legendären vier zu eins des jungen, herzerfrischend aufspielenden Teams von Jogi Löw wollte auch die „Welt am Sonntag“ einmal ganz besonders innovativ sein und stellte im politischen Teil heute eine Art „Mannschaft der Zukunft“ vor. Dabei für die CDU nicht etwa der mit seiner aufsehenerregenden „Eislinger Erklärung“ so böse inkorrekte Vorsitzende der CDU Göppingen, Steffen Meier, sondern Aygul Özkan oder Merkel-Intimus Julia Klöckner. Und für die FDP wird auch nicht „der deutsche Doktor No“ Frank Schäffler gebührend gewürdigt, sondern vielmehr verschwiegen, um Polit-Roboter wie Miriam Gruß (Ausbildung: Politologe) oder Johannes Vogel (Ausbildung: Politologe) zu preisen. Dass im „Welt“-Zukunfts-Dream-Team dann Andrea Nahles für die SPD nicht fehlen darf, wundert nur noch wenig.

Die deutsche Presse hat die Politik, die sie verdient. Wäre da nicht Joachim Löw, ein Mann mit Mut, Verantwortung und Prinzipien, dann sähen deutsche Sportjournalisten auch den Fußball, der ihnen gebührt. Danke Jogi, dass es Dich gibt!


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