23. Juni 2010

Aktuelle Nachricht – Lohndynamik Ost schlägt West

Droht den neuen Bundesländern eine Wirtschaftssklerose?

(ef-LFP) Vor 20 Jahren wurden die Bewohner der ehemaligen DDR nicht nur durch den westdeutschen Bürokratismus erfolgreich um die Individualisierung ihres „volkseigenen Vermögens“ gebracht. Auch der Korporatismus, insbesondere getragen durch Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände der alten Bundesrepublik, sorgte durch ein üppiges Lohnniveau der ostdeutschen Arbeitsbevölkerung dafür, dass hier den etablierten Institutionen möglichst wenige Wettbewerber heranwachsen konnten. Die Folgen sind bekannt: Die wenigen prosperierenden Ausnahmen wurden zu Leuchtturmregionen hochstilisiert, der ökonomische Anschluss lässt auf sich warten und der Osten blutet nach wie vor personell aus. Dieser Trend könnte sich demnächst verfestigen, wenn nicht gar beschleunigen, glaubt man einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. Der Grund: „Die ‚demografische Falle', die bisher zulasten der (vor allem jungen) Arbeitnehmer weit geöffnet war, schließt sich nunmehr sehr schnell", um sich im Anschluss wieder zügig zu öffnen, "diesmal jedoch zulasten der Betriebe". Die Folge: Erstmals sollen sich die Löhne für Fachkräfte in Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung tatsächlich angleichen. „Unter dem Einfluss der neuen Knappheits- und Ungleichheitsverhältnisse wird sich in sehr vielen Betrieben der ostdeutschen Industrie ein zunehmender, von den Betroffenen als unausweichlicher Sachzwang wahrgenommener Druck dahingehend aufbauen, die bei einer Neueinstellung angebotenen Verdienste stark und deutlich über das Verdienstniveau der Stammbelegschaft hinaus zu erhöhen", schreibt die Studie. Nur: Das wird sich nicht jeder Betrieb leisten können. Was sich also hier als selbstverstärkende Entwicklung einen Weg bahnt, könnte sich schlimmstenfalls zu einer nochmaligen Welle der Deindustrialisierung aufbauen. „Gegenwärtig bahnt sich – allenfalls durch die Finanz- und Wirtschaftskrise verzögert – ein Umschwung in den Knappheitsverhältnissen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt an, der die meisten Betriebe zu schnellen und tief greifenden Reaktionen zwingen wird, wenn sie überleben wollen. Hierbei werden viele Betriebe in Bedrängnis geraten, da sie auf diesen Reaktionszwang, der gegenwärtig bereits sichtbar wird, weitgehend unvorbereitet sind.“ An diesem Punkt öffnet sich bereits in epischer Breite das nächste wirtschafts- und sozialpolitische Aktionsfeld, denn ein „Gutteil der Folgewirkungen dieser mit erheblicher Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Szenarien und Risikokonstellationen wird in absehbarer Zukunft eine große Zahl ostdeutscher Betriebe treffen, kann allerdings von der großen Mehrzahl der so betroffenen ostdeutschen Industriebetriebe nicht allein aus eigener Kraft überwunden werden.“ Fazit: Wie sich die Zeiten wandeln. Jetzt, wo das ja selbst im Einigungsvertrag fixierte Ziel einer Angleichung der Löhne und Gehälter von Ost an West, an dem auch die Auftraggeberin dieser Studie seinerzeit aktiv mitgewirkt hatte, in greifbare Nähe rückt, wird dessen Erreichung plötzlich als Bedrohung und nicht als geeignet zur Stärkung der Binnennachfrage wahr genommen. Genau dieser Trugschluss aber wurde nicht nur seinerzeit, im Jahr 1990, als argumentative Hauptwaffe bei den Tarifverhandlungen ins Feld geführt.

Weitere Informationen:

Die komplette Studie „Fachkräftemangel in Ostdeutschland – Konsequenzen für Beschäftigung und Interessenvertretung“ der Otto-Brenner-Stiftung zum Download


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