16. Juni 2010

Veranstaltungsbericht Bodrum 2010 Krankenversicherung als Mittel zur schleichenden Freiheitsberaubung

Jahreskonferenz der Property and Freedom Society (PFS), Teil 5

Auf der diesjährigen Konferenz der Property and Freedom Society im türkischen Bodrum referierte Anthony Daniels über das Gesundheitssystem als Mittel der schleichenden Freiheitsberaubung.

Die Weltgesundheitsorganisation definiere „Gesundheit“ als „Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich die Abwesenheit einer Krankheit oder eines Gebrechens“, berichtete der britische Gefängnisarzt und Psychiater im Ruhestand zu Beginn seines Vortrags.

Es sei offensichtlich, meinte der unter dem Pseudonym Theodore Dalrymple bekannte Autor zahlreicher Bücher und Artikel, dass es auf der Grundlage einer solchen Definition von Krankheit kaum eine Ausweitung der Tyrannei gebe, die nicht mit der Begründung öffentlicher Gesundheitsfürsorge gerechtfertigt werden könnte.

Dass Mäßigung, Bewegung und eine Ernährung mit viel Gemüse gute gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen sind, habe man schon im 18. Jahrhundert gewusst und entsprechende Empfehlungen herausgegeben. Heute dagegen „leben wir in einer Zeit, wo offizieller Zwang zu unserem eigenen Nutzen als normal angesehen wird, wo der Philosophenkönig sich eng mit dem Buchhalter verbündet hat“, sowie in einer Zeit, beklagt der sich selbst als nichtgläubig beschreibende Schriftsteller, „wo Intellektuelle wie Richard Dawkins ernsthaft die Idee äußern können, dass eine religiöse Erziehung von Kindern dem sexuellen und körperlichen Missbrauch von Kindern gleicht und vermutlich mit einer Art öffentlicher Inquisition auszurotten sei.“

In den 1850er Jahren habe die britische Regierung eine Pflicht zur Kinderimpfung gegen Pocken eingeführt und Bußgelder gegen Eltern verhängt, die ihre Kinder nicht impfen ließen, referierte der Mediziner. Dagegen habe sich starker Protest geregt. Neben medizinischen Gründen wurden damals auch philosophisch-prinzipielle genannt, die, so betonte Daniels, besonders von Vertretern der Arbeiterklasse geäußert wurden: Selbst wenn sich die Zwangsimpfung als effektiv erweisen sollte, wäre sie nicht gerechtfertigt. Denn damit würde der Staat und nicht die Eltern zum Entscheider darüber, wie die Kinder zu betreuen seien, so die Argumentation, und dies wäre ein gefährlicher Dammbruch.

Der Kompromiss, der im Jahr 1898 erreicht wurde, institutionalisierte eine Ausstiegsklausel, nach der Kinder von der Impfung ausgeschlossen werden konnten, wenn die Eltern einem Richter gegenüber eine Ablehnung aus Gewissensgründen darlegten. Diese Regelung diente im übrigen in Großbritannien als Vorlage für die Handhabung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen im Ersten Weltkrieg.

Daniels ist überzeugt, dass der Erfolg der Immunisierungskampagnen bei der Ausrottung oder der Beherrschung verschiedener ansteckender Krankheiten seither die Epidemiologen und Amtsärzte geblendet habe. Die Entdeckung schädlicher Wirkungen des Rauchens habe sie ebenfalls beflügelt. „Sie hoffen, diese Erfolge auch bei Krankheiten wiederholen zu können, die derzeit im Westen sowohl hinsichtlich der Sterberate wie auch wirtschaftlich von großer Bedeutung sind: Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, Osteoartritis und verschiedene Krebsformen, die stark vom Lebensstil beeinflusst zu sein scheinen.“ In den meisten derartigen Fällen sei die Kausalität aber weit weniger eindeutig oder belegt als es im Fall der gewöhnlichen Infektionskrankheiten war und ist oder auch im Fall der vom Rauchen verursachten vielfältigen Krankheiten.

Dessen ungeachtet, so Daniels, werden Maßnahmen mit verschiedenen Graden des Zwangs vorgeschlagen, um die aus diesen Zuständen resultierenden Belastungen zu verringern – von der Kontrolle der Zutaten von Fertiggerichten bis zur Verweigerung medizinischer Behandlung jener, die mit ihrem Lebensstil ihren Zustand herbeigeführt haben.

In einem Zwangs-Sozialversicherungssystem hofften viele Beitragszahler, mehr aus dem System herauszubekommen als sie einzahlen. Auch wenn diese Hoffnung für die meisten trügerisch ist, sei der Anreiz groß, sich hinsichtlich des Lebensstils riskanter zu verhalten als in einem System freiwilliger Versicherungen. „Die Freiheit, sich riskantem Verhalten hingeben zu können, ist langfristig nicht mit dem Zwang zu vereinbaren, mit der andere für die daraus resultierenden Kosten aufkommen sollen“, meinte Daniels. Damit seien die Voraussetzungen für „diktatorische Eingriffe“ in die Entscheidungen der Menschen geschaffen. Diktatorische Eingriffe zumal, die sich in einem demokratischen Zeitalter auf alle erstrecken müssen, „und wahrscheinlich schikanös aber ineffektiv sein werden.“

Wenn man die Logik der Verhaltenssteuerung konsequent weiterdenkt, schloss Daniels seinen Vortrag ab, dann müsste der Sport „kriminalisiert“ werden. Im Jahr 1991 wurden fünf Prozent der britischen Bevölkerung beim Sport so sehr verletzt, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden mussten. Unter jungen Menschen, die sich weit häufiger sportlich betätigen als andere, sei der Prozentsatz naturgemäß viel höher.


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