31. Mai 2010

Klassiker David Leans Doktor Schiwago

Der beste Spielfilm über das zwanzigste Jahrhundert

Angeregt vom ef-online-Beitrag des Kollegen Alexander Ulfig anlässlich des 50. Todestages des „Doktor Schiwago“-Autors Boris Pasternak folgt an dieser Stelle eine Besprechung der ersten Verfilmung dieses Romans.

Vergleicht man den Film von 1965 mit seiner Romanvorlage, bleibt einem nur die Feststellung: Der oscargekrönte Streifen ist deutlich besser als der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Roman. Der Stil des Buches ist konvolutisch und wenig flüssig. Aber auch der Gesamtaufbau des Werkes ist schwer zugänglich.

Ein verfilmter Roman verliert meist einen Teil seiner Güte. Dass eine gegenüber der literarischen Vorlage verdichtete cineastische Version eine deutliche Verbesserung sein konnte und regelrechten Kultstatus erhielt, muss also einen Grund haben. Zum einen kann es sein, dass der Regisseur David Lean, verglichen mit Pasternak, einfach der bessere Künstler und Erzähler war. Seine Charaktere sind besser entwickelt und porträtiert als die des Russen. Die Handlung ist stringenter. Hilfreich ist auch, dass alle Hauptrollen ausnahmslos von gediegenen Filmstars besetzt sind. Die Kameraführung ist grandios. Und dann ist da noch die einzigartige, atmosphärische Musik von Maurice Jarre.

Aber es kommt noch ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor hinzu: Während Pasternak oft um den heißen Brei herumredet, erlaubt sich der Produzent des im Westen hergestellten Film offener zu reden. Während Pasternak durchaus auch entsetzliche Szenen präsentiert, lässt er auch grundsätzliche Sympathien für den Kommunismus erkennen. Man wird bei ihm das Gefühl nicht los, er wolle eigentlich an das Regime appellieren, doch bitte nicht so brutal zu sein. Solche unterschwelligen Appelle fehlen bei Lean, der eine für einen westlichen Künstler der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ungewöhnlich gesunde Distanz zum Kommunismus hält und seine Hauptfiguren viel konfrontativer agieren lässt als Pasternak. Etwa wenn Schiwago den weit verbreiteten Hunger in Moskau trotz unverkennbarer Feindseligkeit seines Hauskommissars zu erwähnen wagt. Lean hat darüber hinaus im Gegensatz Pasternak begriffen, dass die Gewalt des Kommunismus nicht etwa in Verfehlungen Einzelner, in der „falschen Verwirklichung“ oder in der bedauerlichen Unachtsamkeit eines Vorgesetzten wurzelt, sondern im System und in der Ideologie selbst. Etwa wenn Rotarmisten-General Strelnikow im Bürgerkrieg eine Stadt beschießen lässt, obwohl er weiß, dass sich dort seine Frau und Tochter befinden.

Der Film fügt sogar eine Szene hinzu, die bei Pasternak auffällig fehlt: Die tiefe Bestürzung in allen Bevölkerungsschichten, repräsentiert durch den Boten und den ehemals großbürgerlichen Alexander Gromeko, bei der Nachricht über den Mord an den Zaren und seine ganze Familie. 1965 waren noch viele Menschen am Leben, die eigene Erinnerungen an die Zeit vor und während der Revolution hatten. Lean hat sich vermutlich gedacht, dass sein Filmpublikum auf jenes einschneidende, das Weltbild erschütternde Ereignis warten würde – er hätte es nicht einfach übergehen können, so wie es der Romanautor vermutlich absichtlich tat, um nicht noch mehr Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, als er ohnehin schon erwartete.

Diese Szene ist übrigens typisch für den ganzen Film, der ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Authentizität aufweist. Ausnahmen wie die 60er-Jahre Frisuren der Hauptdarstellerinnen und das zu hoch geratene Film-Uralgebirge bestätigen die Regel.

Die Attraktivität dieses Films liegt auch darin begründet, dass er den Betrachter auf mehreren Ebenen gleichzeitig anspricht: Neben der erwähnten künstlerisch-technischen Erstklassigkeit tritt die anspruchsvolle Verknüpfung einer nicht allzu oberflächlichen Romanze mit der größten politischen Umwälzung unserer Zeit. Das ist vielleicht der größte Kunstgriff Leans in diesem Film: Unpolitik als Antithese zur Politik, die stolze Selbstbehauptung des „bürgerlich-romantischen Bewusstseins“ angesichts der Verachtung, die ihm die neue Zeit entgegenschleudert. Beispielsweise der Dichter-Arzt Schiwago, der dem Partei-Appartschik Strelnikow unverblümt sagt: „Ich will einfach nur Leben“.

Überhaupt das Leben: In der Rahmenhandlung – auch diese ist eine Innovation Leans gegenüber Pasternak – die uns in die Gegenwart der Romanniederschrift bringt, also ungefähr ins Jahr 1956, hat der unpolitische Lebensdrang bereits über die Ideologie des Todes gesiegt, womit der Regisseur sich als Prophet des Untergangs des Kommunismus ausweist. Leans „Doktor Schiwago“ ist somit nicht nur einer der besten Filme des vergangenen Jahrhunderts. Er ist gleichzeitig einer der besten Spielfilme über das zwanzigste Jahrhundert. In der Welt des Unterhaltungskinos gelingt nur Terry Gilliams „Brazil“ aus dem Jahr 1985 eine ebenso tiefe Durchdringung der totalitären Mentalität – jedoch ohne einen Ansatz zu finden, diese zu überwinden, weshalb er nur im Rahmen eines bizarr-albtraumhaften, düster-dystopischen Umfeldes schwärzesten Humors und absoluter Hoffnungslosigkeit verbleibt.

Apropos Hoffnung: Nicht unerwähnt bleiben soll die Entstehung des berühmtesten musikalischen Themas des älteren Streifens. Nach vielen Versuchen, die allesamt dem Regisseur nicht so recht gefallen wollten, schlug Lean dem Komponisten vor, doch mal einen Urlaub mit seiner Freundin in den Bergen zu verbringen und dort ein Musikstück über sie zu schreiben. Resultat dieser bürgerlich-romantischen Weltflucht war der bis heute auf Anhieb erkennbare Lara-Ohrwurm, der Jarre einen der fünf Oscars dieses Film-Klassiker einbrachte. So mag der Eindruck der Authentizität nicht zuletzt auch in der Echtheit der in die Musik investierten Gefühle begründet sein.

Internet:

Alexander Ulfig: Mut und Feigheit der Intellektuellen

Doktor Schiwago, Film-Vorspann (Musik: Maurice Jarre)

Filmausschnitt aus „Brazil“ von Terry Gilliam: „Have you got a 27B-6?“


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