07. Mai 2010

Kindesmissbrauch in der extremen Linken Die Akte Röhl

Kainsmale der Mediengesellschaft

Es gehört zu den weniger schönen Momenten im Leben des Herausgebers einer Zeitschrift zu erfahren, dass einer seiner Autoren verdächtigt wird, die eigene Tochter missbraucht zu haben. Ich habe Klaus Rainer Röhl und seine charmante langjährige Lebensgefährtin Danae Coulmas nur einmal bei einem Besuch in deren Hause in Köln persönlich kennengelernt. Ein humorvoller, sehr gebildeter und immer noch umtriebiger, engagierter älterer Herr ist mir dort begegnet, ein angenehmer Besuch, den ich in guter Erinnerung behalten habe. Habe ich einem Kinderschänder gegenübergesessen?

Klaus Rainer Röhl streitet alle Vorwürfe, die seine Tochter Anja gegen ihn publik machte, vehement ab. In einem liberalen Rechtsstaat besteht die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils. Für Prominente gilt in einer Mediengesellschaft zuweilen aber eine andere Regel: Vorverurteilung. ARD-Wettfrosch Jörg Kachelmann, von Hause aus Schweizer, weiß in U-Haft ein garstig Lied davon zu singen. In seiner Heimat berichtete die Zürcher „Weltwoche“: Unmittelbar nach der Verhaftung „setzte die gigantische Kachelmann-Flut im Rest der Medienlandschaft ein, und obwohl zu diesem Zeitpunkt kein Mensch wissen konnte, ob der Vergewaltigungsvorwurf stimmt oder nicht, stand eines schon fest: Dieses Label, das Kainsmal der Mediengesellschaft, klebt erst einmal fest.“

Der deutsche Autor Reinhard Mohr fragt deshalb: „Wie weit darf die Sensationslust der Medien gehen, ohne einen Verdächtigen mit Recht auf Unschuldsvermutung einer Vorverurteilung auszusetzen?“ Die deutsche Rechtsprechung sei hier „ziemlich eindeutig: Stets muss es zu einer Güterabwägung zwischen dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht und dem öffentlichen Interesse kommen. Grundsätzlich gilt: Keine volle Namensnennung bei Ermittlungsverfahren. Andererseits ist bei schweren Tatvorwürfen und der Prominenz des Angeschuldigten eine weitgehende Verdachtsberichterstattung zulässig.“ Allerdings müsse, so Mohr in der „Weltwoche“, „auch über entlastende Tatsachen informiert werden.“

„Im Falle prominenter Zeitgenossen“ sei die Gefahr der Vorverurteilung nicht auszuschließen. Das, so Mohr, „mussten vor Kachelmann schon andere erfahren. Zum Beispiel der Moderator Andreas Türck, gegen den 2004 Anklage erhoben wurde, weil er auf einer Brücke in Frankfurt am Main eine junge Frau vergewaltigt haben soll. Im September 2005 wurde er freigesprochen – die Glaubwürdigkeit des vermeintlichen Opfers und anderer ‚Tatzeugen’ war im Prozess stark erschüttert worden. Dennoch fand der 42-Jährige nie wieder zurück ins Rampenlicht.“ Und „auch der weltberühmte Zauberkünstler David Copperfield wurde 2007 mit einem Vergewaltigungsvorwurf konfrontiert. Zwei Tage lang, so die Anklage, habe er die 21-jährige Lacey L. Carroll auf seiner Privatinsel bei den Bahamas zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Copperfield bestritt vehement, und trotz intensiver Untersuchungen des FBI kam es nie zum Prozess. Anfang 2010 wurde die Anklage endgültig fallen gelassen. Inzwischen befindet sich Carroll selbst in Haft: Wegen Prostitution und Falschaussage.“

Vergewaltigung war gestern, Kindesmissbrauch ist – zynisch gesagt – dieser Tage „in“. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis der erste Prominente verdächtigt werden würde. Nun ist er gefunden. Klaus Rainer Röhl ist 81 Jahre alt, die entsprechende Vorverurteilung in den Medien hat am Donnerstag begonnen.

Anja Röhl, seine Tochter aus erster Ehe, erzählt in einem erschütternden Bericht im „Stern“, ihr Vater habe sie jahrelang missbraucht. „Einen der wichtigsten Männer, die offen Pädophilie propagiert haben, habe ich in der eigenen Familie gehabt, er heißt Klaus Rainer Röhl und war mein Vater. Er lebt noch, aber der Satz ‚Er ist mein Vater’ will mir nicht über die Lippen“, sagt die 55-Jährige. „Mich ergriff die Angst schon, als ich nur seine Schritte auf der Treppe hörte“, beschreibt Röhl ihre Gefühle. Als Fünfjährige habe Klaus Rainer Röhl sie bereits „begehrt“, er habe sie seine „einzige Frau, meine Liebste“ genannt. Röhl führt aus, wie ihr Vater „unter dem Vorwand des Nachmittagsschlafs“ zu ihr ins Bett gekommen sei, und er sich, „erst als ich beinahe schlief, von hinten an mich herandrängte. Es war unangenehm, ich spürte etwas Hartes, und er stöhnte und schluchzte dabei“. Und: „Er tat es schweigend, er streichelte meinen Bauch, meine Hüften. Ich lag da wie tot.“

Wer ist dieser Mann? Klaus Rainer Röhl gründete in den 50ern die Zeitschrift „Konkret“, das spätere Zentralorgan der linken Studentenbewegung. 1961 heiratete er – was nicht nur seinen Promistatus erhöhte, sondern auch in diesen Tagen wieder eine Rolle spielt – in zweiter Ehe Ulrike Meinhof, mit der er zwei weitere Töchter, Zwillinge hat. Meinhof wurde seine einflussreichste Kolumnistin, bevor sie nach dem Bruch mit Röhl und „Konkret“ 1968 als RAF-Terroristin in den Untergrund ging und damit bis heute tragische Berühmtheit erlangte. Ihr Ende 1977 in Stammheim ist Legende. Erst nach Meinhofs Abtauchen erreichte das kommunistische Blatt „Konkret“ unter Röhl seine höchste Auflage mit 176.000 verkauften Exemplaren. Dafür verantwortlich war weniger der wenn auch im Trend der damaligen Zeit liegende radikal-linke politische Anspruch als das berüchtigte röhlsche „Konzept Mao und Möpse“. Der damalige Kommunist Klaus Rainer Röhl setze konsequent auf schlüpfrige Themen und barbusige Cover. Das war der Renner in einer Zeit, als nicht nur die komplette linke Prominenz der Republik gerne bei Röhl neben Pornobildern schrieb. Börne-Preisträger Henryk M. Broder etwa und der spätere „Spiegel“-Chef Stefan Aust schrieben damals auch für die „St. Pauli-Nachrichten“, die Röhls steiles Konzept mit „Rotlicht plus rote Fahne“ auf die Spitze trieben. Röhl verließ nach Querelen 1973 „Konkret“ und gründete erfolglos einige andere Zeitschriften. Langsam vollzog er politisch eine Wendung und promovierte 1993 bei Ernst Nolte. 1994 erschein seine Abrechnung mit seiner bisherigen politischen Heimat: „Linke Lebenslügen“. 1995 trat er der FDP bei, heute schreibt er unter anderem regelmäßig für die „Preußische Allgemeine Zeitung“ und eben in seiner Kolumne „Oldie“ für eigentümlich frei.

Und Anja Röhl, wer ist diese Frau, die nach 50 Jahren in riesigen Lettern im „Stern“ feststellt: „Die Zeit ist reif“? Röhl politisiert als Sprecherin von Initiativen der Partei Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie insbesondere in einer feministischen Arbeitsgemeinschaft aktiv ist. Anja Röhl ist darüber hinaus Gewerkschafterin, Kommunistin, Psychotherapeutin, Gründerin einer „Frauen-Lesben-Beratungsstelle“, Pädagogin und freie Autorin. Sie ist wie ihr Vater politisch und publizistisch sehr aktiv, steht aber inzwischen in nahezu allen Fragen dessen heute liberalkonservativen Auffassungen radikal gegenüber.

Der „Stern“ druckte nun ihre Geschichte, sechs Seiten lang, perspektivisch einseitig. Am Ende kommt in wenigen Zeilen Klaus Rainer Röhl zu Wort, dem man kurz vor dessen Abreise nach Griechenland, wo er sich derzeit und lange geplant aufhält, vor dessen Haus in Köln aufsucht und mit den Vorwürfen spontan konfrontiert: „Absurd sei das“ alles, „da ist nichts dran“, zitiert ihn das Blatt. Aussage gegen Aussage – doch der „Stern“ hat entschieden, wem er glauben mag.

Falls die schreckliche Wahrheit der erschütternden Erzählung nicht irgendwo im grauen Mittelbereich liegt, die Geschichte also einen wahren Kern hat, der aber übertrieben dargestellt wird, dann muss einer von beiden, Anja oder Klaus Rainer Röhl, lügen. Was soll Klaus Rainer Röhl auch sonst machen, vermuten jene, die Anja Röhl vorbehaltlos glauben. Journalistische Fairness aber würde gebieten auch nach Hinweisen zu fragen, die Anja Röhls schwere Anschuldigungen in Zweifel ziehen können.

Ist ähnlich wie in den Fällen Türck und Copperfield auch bei Kindesmissbrauch eine Lügengeschichte überhaupt vorstellbar? Tatsächlich gehören Missbrauchs-Anschuldigungen in sogennanten „Hochkonfliktfällen“ bei Scheidungs- und Sorgerechtsprozessen zum traurigen Standardrepertoire. Es gibt, da sind sich Fachjuristen einig, nicht nur Missbrauch, sondern häufig eben auch Missbrauch mit dem Missbrauchsvorwurf. Der ehemalige Familienrichter und Vorsitzende des Familiengerichtstages Professor Siegfried Willutzki schätzte bereits 1994, dass der Anteil von Missbrauchsanschuldigungen bei etwa 40 Prozent der Verfahren in Hochkonfliktfällen lag, wobei die Gefahr von Fehldeutungen und falschen Vorwürfen sehr groß sei. Prozentsätze über falsche Anschuldigungen sind stark umstritten. Der psychologische Sachverständige Professor Schade berichtet 1995, dass nach seiner eigenen Statistik auf der Basis von etwa 250 Sachverständigengutachten wegen sexuellem Missbrauchs in familiengerichtlichen Verfahren am Ende keine 10 Prozent bleiben, in denen sich der Verdacht erhärtet.

Der „Stern“ hätte also durchaus Grund, vorsichtig zu sein, wenn Aussage gegen Aussage steht. Doch eine Missbrauchsgeschichte verkauft sich gut dieser Tage. Und die Indizien? Was spräche gegen Klaus Rainer Röhl? Im „Stern“ abgebildete Ausschnitte aus „Konkret“ zeigen, dass der Chefredakteur Röhl gerne junge Mädchen abbildete und pädophile Geschichten druckte. Dass seine Töchter es nicht einfach mit ihm, den linken Lebemann hatten, gibt Röhl zu. Aus seiner Sicht allerdings hat er sich der Vernachlässigung und nicht der Belästigung schuldig gemacht. Gegen Klaus Rainer Röhl sprechen auch zwei eidesstaatliche Erklärungen aus dem damaligen Umfeld, die dem „Stern“ ohne bislang nähere Erläuterung vorliegen sollen.

Nehmen wir dennoch einmal für einen Moment in einem Gedankenexperiment an, die Geschichte Anja Röhls wäre weitgehend frei erfunden. Als Psychotherapeutin wüsste sie, wie so etwas erzählt wird. Sie macht ihrem Vater zwei große Vorwürfe: Er habe sie verbal missbraucht und körperlich an ihr, wenn auch nicht mit ihr verkehrt. Das wäre, wenn es wahr ist, widerwärtig und in der Tat ein Skandal.

Auffällig ist jedoch ein seltsam herausfallender Absatz in Anja Röhls langer und sonst sehr persönlicher Geschichte. Plötzlich unterbricht sie den Rückblick auf ihre Erlebnisse und berichtet von einem ganz anderen Vorgang: „In einem Buch zum Thema Missbrauch wird der Fall einer erwachsenen Frau dokumentiert, deren Vater ein sehr liebenswerter Mensch war und deren gemeinsames Verhältnis“ –anders als das zwischen der Scheidungstochter Anja und dem Lebemann Klaus Rainer bei dessen gelegentlichen Besuchen – „von einer ungeheuren Vertraulichkeit geprägt war. Als er sie mit zwölf Jahren deflorierte, ging das durchaus zärtlich für beide Seiten zu. Auf den ersten Freund mit 17 reagierte der Vater dann zwar eifersüchtig, integrierte ihn schließlich aber als Ehemann in die Familienidylle, lediglich verlangte er ständige Besuche und Treuebeweise. Als der Ehemann das ganze herausbekam und den Vater anzuzeigen drohte, ging die brave Tochter in den Keller, holte ein Beil und erschlug damit nicht etwa den Vater, sondern den Ehemann.“

Die Rhetorik dieses Einschubs wirkt seltsam konstruiert diesseits linksextremer Lektürekreise, wo sie in ganz anderen Zusammenhängen Usus ist, etwa wenn in einem Artikel über Konservative wie Klaus Rainer Röhl plötzlich ein Absatz über mordende Neonazis eingebaut wird. Genau in einem solchen publizistischen Umfeld bewegt sich aber Anja Röhl. Und ihr Vater personifiziert nach dessen politischer Wende tatsächlich geradezu jenes linke Lieblingsfeindbild, gegen das derartige rhetorische Finessen in entsprechenden Publikationen gerne und oft gebraucht werden. Doch Rechts-Röhl ist für Links-Röhl mehr als nur das zum Abschuss freigegebene politische Zielobjekt. Und hier kommen wir auf Ulrike Meinhof zurück.

Anja Röhl gilt seit vielen Jahren als glühende Verehrerin der zur Linksterroristin gewordenen Journalistin. Seit Mitte der siebziger Jahre bemüht sie sich um die Rehabilitierung der RAF. Sie kämpft für die verlorene Ehre der Ulrike Meinhof, als deren ideologische Nachlassverwalterin sie sich wähnen mag. Klaus Rainer Röhl erklärt: „Anja hat diese Frau immer bewundert, rückhaltlos verklärt und nach eigenem Bekunden keinen einzigen Tag an einen Selbstmord geglaubt. Anja war aktiv in der RAF-Sympathisantenszene. Bei Auftritten dieser Gruppe gab sie sich gern als Ulrikes Pflegetochter aus. Auch bei der Beerdigung vom Ulrike Meinhof trat sie als deren Tochter auf, obwohl ihre leibliche Mutter bis heute lebt.“ Mit ihrem Vater brach nach dessen Aussage Anja Röhl „nach dem Erscheinen meines Buches ‚Linke Lebenslügen’ mit dem Argument, ich hätte darin die Linke verraten“.

Auf der extremistischen Internetseite „Anderslautern.de“ ist ein Artikel von Anja Röhl zu finden, der im Titel seltsam an ihre „Stern“-Geschichte erinnert: „Alle Zeit der Welt“. Ihr Text endet so: „Warum werden in den Zeiten des sozialen Massenelends gerade die Taten der RAFler derart verteufelt, dass schon das Sprechen über sie, das Nachdenken über sie, der Wille, ihnen Achtung entgegenzubringen, als Verbrechen gilt? Tabuisiert wird die Einstellung der RAFler, die eine andere, gerechtere Welt nicht nur wollten, sondern bereit waren, dafür auch konsequent einzutreten, dass sie unbestechlich waren, als man ihnen sonst was versprach, dass sie kämpften, als man versuchte, sie zu brechen, dass sie standhielten, als man sie mürbe zu machen versuchte. Das macht Menschen, die am Boden liegen, Mut.“

Was hat das alles mit den Missbrauchsvorwürfen zu tun? Die linke „taz“ hat durch offenbar exklusive Vorabinformation des „Stern“ den „Fall Röhl“ mit publik gemacht. Nina Apin schreibt dort, „vor dem Hintergrund von Röhls Enthüllungen“ müsse „die Geschichte der bundesrepublikanischen Linken neu bewertet werden.“ Das gelte „mindestens für die Geschichte der Zeitschrift ‚Konkret’“ Der Verleger Röhl, so Apin, „war nicht der Einzige, der das libertäre Meinungsklima der damaligen Zeit für die Verbreitung pädophiler Positionen nutzte.“ Offenbar ist die sexuelle Revolution der studentischen Linken ein wenig aus den Fugen geraten, was aus Sicht der heute zuweilen feministisch geprägten „taz“ bedauerlich ist. Sollte der Fall Röhl zu einer Aufarbeitung und Bewältigung der dunklen Flecken linker Geschichte führen? Die Zeit auch dafür wäre wohl reif.

Die „taz“ könnte gleich eine Passage aus Klaus Reiner Röhls „Linken Lebenslügen“ heranziehen: „Dass die befreite Sexualität des Kindes auch auf heiklere Weise geweckt werden konnte als nur durch das obligatorische Zuschauen beim Geschlechtsakt, zum Beispiel durch pädophile Spiele mit fünfjährigen Mädchen, davon zeugt das höchst offenherzige Protokoll der Kommune 2 (K2), die sich speziell mit Fragen der Kindererziehung beschäftigte, bevor sie, zum Glück für die betroffenen fünf Kinder, wenige Monate später auseinanderlief“, schreibt Röhl. Dann zitiert er aus Texten der Kommune 2: „Grischa sagt, sie braucht keine Decke zum Einschlafen … Wir unterhalten uns über die Brust von Mädchen, wenn sie älter sind. Dann will sie meinen Popo streicheln. Ich muss mich umdrehen. Sie zieht mir die Unterhose runter und streichelt meinen Popo. Als ich mich wieder umdrehe, um den ihren wie gewünscht zu streicheln, konzentriert sich ihr Interesse sofort auf den Penis. Sie streichelt ihn und will ihn ,zumachen’ (Vorhaut über die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt und streichelt ein paar Minuten … Ich versuche ein paarmal, sie auf ihre Vagina anzusprechen, sage, dass ich sie auch gern streicheln würde.“

Diesem Milieu entstammt Klaus Rainer Röhl ebenso wie seine heutigen Ankläger in der „taz“. Selbstkritische Fragen sind überfällig und die „taz“ scheint nun auch bereit zu sein, sie zuzulassen. Anja Röhl allerdings beschwichtigt im „Stern“ damit, dass der „Zusammenhang von Pädophilie mit der sexuellen Befreiung“ allenfalls „begleitend“ zu werten sei: „Ich glaube, dass andere Ursachen eine wesentlich größere Rolle spielten und spielen.“ Röhl meint – der Kenner mag es ahnen, das Nazometer schlägt Alarm – den in Deutschland immer irgendwo lauernden Faschismus vulgo „die Kruppstahlhärte“ der Generation ihres Vaters.

Weiterführender ist der zweite politische Zusammenhang, den die „taz“ bemüht: „Dass Röhl seine Neigung mit mindestens einer seiner Töchter auch auslebte, mögen viele geahnt haben. Gesprochen wurde darüber nicht. So wie auch Anja Röhl mit niemandem darüber sprach. Nur ihrer Stiefmutter Ulrike Meinhof schrieb sie 1969 einen Brief aus dem Internat. Darin erklärte sie, warum sie nicht mit der Familie in Berlin leben wolle. Offenbar verwendete Meinhof den Originalbrief später vor Gericht: 1970 kontaktierte die mittlerweile steckbrieflich gesuchte Terroristin ihren Anwalt und übergab ihm den Brief. Damit wollte sie aus dem Untergrund heraus verhindern, dass die Töchter beim pädophilen Vater untergebracht werden, mit dem sie im Sorgerechtsstreit war.“ Vor diesem Hintergrund, so Apin, erscheine „die Sizilien-Entführung der Röhl-Zwillinge durch RAF-Mitglieder in einem anderen Licht. Ließ Meinhof die Kinder 1970 aus Sorge für vier Monate nach Sizilien bringen, von wo aus sie zu Meinhofs Schwester oder in ein palästinensisches Waisenhaus gebracht werden sollten? Tat der ehemalige ‚Konkret’-Redakteur Stefan Aust, der Wind vom Aufenthaltsort der Zwillinge bekommen hatte, den Kindern mit der Befreiung und der Rückführung zum Vater damit wirklich einen Gefallen?“

Gegenüber eigentümlich frei erklärt Klaus Rainer Röhl den Zusammenhang so: „Bereits vor drei Jahren wurde in einer verklärenden Meinhof-Biografie aus der Feder der Ultralinken Jutta Ditfuhrt spekuliert, Ulrike habe wohl gar nicht vorgehabt, ihre Zwillingsmädchen in ein Palästinenserlager bringen zu lassen. Sie sollten lediglich ihrem Vater aus Furcht vor möglichem Missbrauch entzogen werden. Eine These, die vom RAF-Kenner Stefan Aust, der die Meinhof-Zwillinge persönlich aus dem Nahen Osten heimholte, widerlegt wurde.“ Klaus Rainer Röhl, der selbst die RAF bereits zu „Konkret“-Zeiten immer bekämpft hat, fügt hinzu: „Missbrauchs-Verdächtigungen sind in den harten juristischen Auseinandersetzungen um das Sorgerecht für die Zwillinge von Seiten der Anwälte Ulrike Meinhofs nie auch nur angedeutet worden.“ Die Kinderentführung sei, so Röhl, „aus Sicht der Meinhof-Fans, von denen es in der heutigen linksextremen Szene nach wie vor viele gibt, der einzige Fleck auf Ulrike ansonsten vermeintlich makelloser antiimperialistischer Weste.“ Ein Fleck, so Klaus Rainer Röhls Erklärung, „der jetzt, auf dem Höhepunkt der Missbrauchsdebatte, mit nachgeschobenen Anwürfen gegen mich getilgt werden soll.“

Anja Röhl, die selbst nach Klaus Rainer Röhls Angaben derzeit ein Buch schreibt und sich „durch die aktuelle Missbrauchsdebatte sicher auch für dieses Projekt Aufmerksamkeit erhofft“, ist mit Jutta Ditfurth nicht nur auf ihrer Homepage bestens verlinkt. Und diese nimmt es mit der Wahrheit auch gerne mal nicht ganz so genau, wenn es nur dem politischen Zweck dienlich ist: Ihr Buch „Rudi und Ulrike“ über Dutschke und Meinhof gilt mehr als Fantasy-Roman denn als Biographie. Oder in den süffisanten Worten des „Spiegel“: „Der Droemer-Verlag führt ‚Rudi und Ulrike’ auf seiner Website zwar einerseits als Sachbuch, aber andererseits mit dem Hinweis ‚Belletristik/ Romanhafte Biografie’.“ Und Anja Röhl selbst? Wer terroristische Morde im Sinne der vermeintlich guten linken Sache nicht nachhaltig verurteilen will, schreckt der vor einer Lüge zurück? Wäre es das erste Mal, dass Kommunisten nicht die Wahrheit sagen?

Mehr als 100 Millionen Tote hat die Ideologie unter den roten Fahnen auf dem Gewissen. Von Beginn an – und nicht erst seit den Sexideologen Wilhelm Reich und Herbert Marcuse – zählten Kinder zu ihren Opfern. Sie sollen nach Marx und Engels frühestmöglich der Familie entnommen werden, die Erziehung bereits der Kleinsten und Wehrlosesten wird in allen realen wie utopischen sozialistischen Experimenten der Kommune oder anonymen Bürokraten in riesigen Kinderverwahranstalten anvertraut. Jutta Ditfurth erklärt im Interview der „taz“ am Tag Zwei des „Falls Röhl“ nicht nur, warum Ulrike Meinhof jetzt neu bewertet werden müsse. Auf die Frage, ob die Linke nun auch ihre „frühere Indifferenz gegenüber dem Thema Pädophilie aufarbeiten“ müsse, bleibt Ditfurth sich und ihren Ideen unverdrossen treu: „Diese angebliche Indifferenz ist ein neuer Mythos von rechts. Die Linken, die ich kannte und kenne, konnten immer gut zwischen kindlicher Sexualität und verabscheuungswürdigen Herrschaftsbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern einerseits unterscheiden und andererseits freier, selbstbestimmter Sexualität.“  Eine kindgerechte, fürsorgliche Antwort? Haben solche Frauen aus der Geschichte gelernt?

Der Fall Röhl ist also auch ein hoch politischer inmitten einer linken Bewegung, die mancherlei schwere Schuld an Kindern aufzuarbeiten hat. In erster Linie handelt es sich aber um eine Familientragödie. Gegen Klaus Rainer Röhl spricht, dass bis heute weder die eine noch die andere seiner beiden weiteren Töchter öffentlich Stellung beziehen wollte. Und sein Bruder und langjähriger früher Mitstreiter bei „Konkret“ ist festangestellter Journalist beim „Stern“. Auch das vergaß das Magazin zu erwähnen – auch das spricht aber ob des Bruders bisherigem öffentlichen Schweigen nicht für Klaus Rainer Röhl. Selbst wenn nicht alles wahr an Anja Röhls Kindheitserinnerung wäre, und falls sie wahrhaftig wäre, dann umso mehr, wurde Anja Röhl offenbar von Klein auf stark belastet und beschädigt. Daran ist so oder so ihr Vater nicht unschuldig. Wessen Tochter öffentlich derart schwere Anschuldigungen erhebt, der hat als Vater versagt.

Was die Straftat des Kindesmissbrauchs betrifft, hat auch Klaus Rainer Röhl dennoch das Recht auf Unschuldsvermutung und faire Berichterstattung.

Wichtiger Nachtrag

Inzwischen haben sich doch Bettina Röhl und Bruder Wolgang Röhl geäußert. Beide entlasten Klaus Rainer Röhl erheblich und bestätigen auch hier vermutete politische Zusammenhänge:

Wolfgang Röhl: In halb eigener Sache

Bettina Röhl: RAF war keine Kinderhilfsorganisation


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