29. April 2010

„Cicero”-Chef Michael Naumann positioniert sich im Richtungsstreit „Es gibt kein links und rechts“

Über Schuld und Sühne einer Täter-Generation vor dem Abgang

Vorige Woche warf Alexander Görlach, der Herausgeber des Internet-Debattenmagazins „The European“, der Monatszeitschrift „Cicero“ einen klaren Kurswechsel nach links vor, ef-online berichtete. Die Anschuldigungen waren deshalb besonders pikant, weil sich mit Görlach erstmals ein „Insider“ öffentlich nach dem Austausch fast der gesamten Redaktion bei „Cicero“ zu Wort meldete. Zum Hintergrund: Am 1. Februar hatte der ausgewiesene Sozialdemokrat Michael Naumann den Posten des Chefredakteurs von Wolfram Weimer übernommen, der als liberal-konservativ gilt.

Unter Weimer war der „Cicero“ angriffslustig, etwa als er Eva Hermans Provokationen gegen den Feminismus oder Peter Sloterdijks radikale Sozialstaatskritik mittels dessen „Bürgerlichen Manifest“ publizierte und damit aufsehenerregende Debatten anstieß, die für reichlich Zitierungen in anderen Medien sorgten – das übliche Presse-Erfolgsbarometer zeigte hier Spitzenwerte an. Seit dem Wechsel ist es still geworden um den „Cicero“: Ellenlange Interviews mit Altstars wie Joschka Fischer oder Artikel von Parteiapparatschicks wie Karl Lauterbach gelten allenfalls noch bei Anne Will als Aufreger.

Doch jetzt ist das Magazin aus Berlin wieder da und sorgt für Gesprächsstoff, wenn auch nur in eigener Sache. Nachdem Naumann mit dem millionenschweren Verlag Ringier im Rücken juristisch gegen die Anschuldigungen Görlachs vorgegangen war, sind diese inzwischen auf der Webseite des „European“ verschwunden. Görlach habe sich, wie die „Frankfurter Rundschau“ heute meldet, „eine Unterlassungserklärung und hohe Anwaltskosten“ eingehandelt. „Geht man gegen solche Artikel nicht juristisch vor, bleiben sie ewig an einem hängen“, begründet Naumann laut „FR“ die harsche Reaktion des Print-Goliath gegen den Online-David.

Bemerkenswerter ist eine andere Meldung, ebenfalls vom heutigen Tage: Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ bezog Naumann selbst „Position im Richtungsstreit“. Der „Stadt-Anzeiger“ – er gehört wie die „Frankfurter Rundschau“ zu den ausgewiesenen sozialdemokratischen Klüngelblättern der Republik – bestätigt indirekt Görlachs Thesen: „Für einen Linksruck“ spreche, so der „Stadt-Anzeiger“, dass „der ‚Cicero’ schwerlich weiter nach rechts zu bewegen wäre. Dort ließ Naumanns Vorgänger Wolfram Weimer wenig Platz.“

Also doch ein offener Linkskurs? „Naumann schüttelt den Kopf“, berichtet das Blatt der Kölner Fründe. Der 68-Jährige kann aber auch sprechen: „Es gibt kein links und rechts. Es gibt nur ein paar FDP-Wähler, die eine andere Republik wollen.“ Pulleralarm!

Ich habe als Herausgeber von eigentümlich frei in einem Interview gegenüber dem „Smart Investor“ kürzlich ähnlich auf die Frage geantwortet, wo im Links-Rechts-Spektrum denn ef stehe: „Wenn Sie mich vor zwei Jahren gefragt hätten, wäre meine Antwort gewesen: weder links noch rechts, sondern quer in der Landschaft. Inzwischen gefällt mir jedoch die Links-Rechts-Definition von Ritter Erik von Kuehnelt-Leddihn besser: demnach wären wir rechts. Er hat eine Liste mit etwa 40 Kriterien aufgestellt, woraus hervorgeht, was alles links ist. Demnach ist jeder Sozialdemokrat, aber auch jeder CDUler und fast jeder FDPler heute klar ein Linker, aber ebenso klar auch zum Beispiel Adolf Hitler. Übrig bleiben ein paar klassisch Liberale, Individualisten, Reaktionäre, Marktradikale und vielleicht ein paar Monarchisten.“

Offenbar meinen also Naumann und ich dasselbe: Klassisch links und klassisch rechts waren gestern, und dennoch gibt es eine neue politische Trennlinie. Es ist müßig, hier um Worte zu streiten, ob man die Linie besser als zwischen links und korrigiert rechts verlaufend bezeichnet oder zwischen diese und eine andere Republik anstrebend. Bedeutsamer ist, dass es die Scheidung tatsächlich gibt, zwischen „ein paar klassisch Liberalen, Individualisten, Reaktionären, Marktradikalen und Monarchisten“ – oder kürzer: „ein paar FDP-Wählern, die eine andere Republik wollen“ – und allen anderen.

Das dürfte Naumanns Vorgänger Weimer im Übrigen auch ähnlich gesehen haben, als er Sloterdijk, Bolz und andere in sein Heft holte, um zum Sturm auf die sozialdemokratischen Besitzstandswahrer dieser Republik zu blasen. Der Unterschied zwischen neuem und altem „Cicero“ ist dann schlicht der, dass dieses Magazin die Fronten gewechselt hat.

Etwas anderes wäre auch von Michael Naumann kaum zu erwarten gewesen, verkörpert der 68-jährige als ehemaliger Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder und SPD-Spitzenkandidat für das Amt des Hamburger Bürgermeisters doch geradezu die linke Nomenklatura dieser Republik, deren erschütternde Bilanz nun – wenn auch nicht mehr im „Cicero“ – unter zunehmendem Beschuss steht.

Die Mutter der Zeitschrift, der Verlag Ringier, war als größtes privates Medienunternehmen der Schweiz ohnehin wenig verdächtig, an Besitzständen wirklich etwas ändern zu wollen. Wir erinnern uns an den „Fall Cicero“, der im September 2005 zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung des damals neuen Blattes entscheidend beitrug. eigentümlich frei berichtete damals so über den Skandal: „Durch eine von der Regierung Schröder kurz vor ihrem Ende angeordnete Hausdurchsuchung errang die Zeitschrift ‚Cicero’ bundesweite Bekanntheit und vermutlich Tausende neuer Abonnenten sowie viel Geld durch zusätzliche Anzeigenaufträge. Anschließend erhielt Gerhard Schröder vom Schweizer ‚Cicero’-Verlag Ringier einen gut dotierten Beratervertrag.“ Ein Geschmäckle? Das noch intensiver in dem Wissen mundet, dass Schröders Kulturstaatsminister Naumann nun selbst auf der Ringier-Gehaltsliste und gar auf der Kommandobrücke steht? Nein, das wäre zu weit hergeholt, und wir wollen es aus mancherlei Gründen hier auch nicht behaupten.

Und aus „Karrieregründen“, wiegelt jetzt auch der „Stadt-Anzeiger“ ab, sei einer wie der Alt-Achtundsechziger Naumann ohnehin nicht Journalist geworden: „Es war etwas anderes: Der Wille dieser Generation, die Schuld der Väter offenzulegen.“

Bingo: Es sind diese ewig gleichen, selbstgerechten Abrechnungsgeschichten der 68er-Opas mit den 33er-Uropas, die niemand mehr so recht lesen mag und an denen der „Cicero“ jetzt scheitern könnte, wo es daran geht, die Schuld der Apo-Opas offenzulegen, die dieses einst blühende Land von Grund auf heruntergewirtschaftet haben.


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