29. April 2010

Wahlkampf in GB Preminerminister verursacht PR-Massenkarambolage

Zeichen einer Demokratie im Zerfall

Manchmal möchte man fast an persönliches Karma glauben. Denn das, was gestern in England dem Premierminister Gordon Brown widerfuhr, hätte nicht effektiver sein können, wenn von langer Hand geplant. War es aber nicht. 

Die Rentnerin, die Brown auf Wahlkampftour kurz nach ihrem gemeinsamen Gespräch auf der Straße von Rochdale vor offenem Mikrophon „engstirnig“ nannte, war eine Stammwählerin erster Güte: „Schon mein Vater hat als Jugendlicher sozialistische Lieder gesungen“, hatte Gillian Duffy an einer Stelle eingeworfen.

Sie sei besorgt, sagte sie am Anfang des Gesprächs, denn jetzt müsse man sich ja fast schämen, wenn man sich zu Labour bekennt. Sie hatte ein paar kritische Fragen: Was ist mit dem Defizit, wie will Brown es abbezahlen? Nachdem der Regierungschef etwas von Schuldenabbauplänen aufzählte, unterbrach Duffy ihn mit: „Heute gibt es zu viele Menschen die nicht Schwach sind aber Stütze bekommen – und Menschen die Schwach sind und keine Stütze bekommen.“ Nach weiteren Erklärungsversuchen des Mannes von der Downing Street kam der nächste Einwurf: „Man darf heute nichts über Einwanderer sagen, weil man sonst ... all diese Osteuropäer kommen hier rein, wo kommen die alle her?“

Diese zwei Verletzungen linker Zeitgeist-Tabus waren wohl zuviel für den angeschlagenen Labour-Mann. Alles wäre jedoch gut gewesen, hätte Brown nicht vergessen, dass er ein kleines Mikrophon am Revers klemmen hatte, das direkt und live mit den Sendern „Sky“ und „BBC“ verbunden war. Übrigens war das eine Idee des Labour-Wahlkampfteams, um ins Bild hängende Mikrophone zu vermeiden. Und so hörten viele Zuschauer mit, wie der nach einem herzlichen Abschied von der Dame ins Auto entschwundene führende Kopf der Arbeiterpartei eine verdiente Rentnerin – die in der Pflege behinderter Kinder gearbeitet hat – als „engstirnig“ abtat und das ganze Gespräch als „Desaster“ bezeichnete.

Ins Fettnäpfchen getreten ist dafür kein angemessener Ausdruck. Das war kein Unfall, sondern eine Massenkarambolage. Er hat eine Stammwählerin beleidigt. Vor aller Öffentlichkeit. In einem stark umkämpften Wahlkreis. Im Nordwesten, eine wichtige Region für Labour. 8 Tage vor der Wahl. Außerdem wollte er offenbar nicht glauben, dass Frau Duffy zufällig anwesend war: „Wer hat mich mit dieser Frau zusammengebracht?“ entfuhr es ihm noch. Da war er wieder, der natürliche Politikerinstinkt: Wer ist Verantwortlich? Ich doch nicht! In einem kurz darauf erfolgten Fernsehinterview der nächste Unfall: Der Versuch, sich zu entschuldigen, ging daneben: „Ich entschuldige mich, wenn ich das gesagt habe. ... Ich entschuldige mich, wenn ich irgendetwas Verletzendes gesagt habe und ich werde mich persönlich bei ihr entschuldigen.“ Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’, wär Gordon Brown jetzt Wahlsieger. Damit noch nicht genug. Als ihm dann vor laufender Kamera sein mitgeschnittener Wutausbruch im Auto vorgespielt wurde, senkte Brown den Kopf und stützte ihn mit der Hand ab: Das Bild des Tages war perfekt. Es folgten jedoch noch ein paar Unfälle mehr. Irgendwer hatte die großartige Idee, Brown müsse zu Duffys Haus fahren, um sich persönlich bei ihr zu entschuldigen. Die Medienmeute folgte ihm. Und wartete vor dem Haus. Und wartete. Eine halbe Stunde lang und mehr. Also fingen die Journalisten an, sich gegenseitig zu interviewen. Die sich selbst fütternde Story wuchs und wuchs und war am Ende größer als das sich entfaltende Euro-Desaster jenseits des Kanals. Dann kam Gordon raus. Ohne Mrs. Duffy. Leichenblass und mit einem Lächeln, das so künstlich war, das es jeden Betrachter schmerzen musste, erklärte er, dass er sich entschuldigt habe und alle Missverständnisse ausgeräumt seien.

Sieger sehen anders aus. Die Stammwähler Labours werden jetzt in Scharen zu Hause bleiben.

Die Frage ist, wie konnte jemand, dessen Gespür für die Empfindungen der eigenen Stammwählerschaft dermaßen unter dem Nullpunkt ist, jemals Premierminister eines bedeutenden, demokratischen Industrielandes werden? Für diesen speziellen Fall trägt die Labour-Partei als Ganzes, zumindest aber ihre gegenwärtige Fraktion im Parlament, die Verantwortung. Sie ließ zu, dass Brown vor drei Jahren ohne Wahl die Amtsnachfolge Tony Blairs übernahm. Sie war es auch, die nicht die Kraft aufbrachte, ihn aus dem Amt zu jagen, als seine Untauglichkeit immer offensichtlicher wurde. Sie war es, die wusste, dass Brown teilweise unzurechnungsfähig ist oder, wie der Star-Blogger Guido Fawkes heute schreibt, „ein gefährlich paranoider politischer Psychopath“. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass Brown seine Mitarbeiter gelegentlich mit Gegenständen bewirft, wenn sie schlechte Botschaften überbringen.

Allgemeiner jedoch ist dieser Vorfall im Mutterland des Parlamentarismus ein weiteres Symptom für den fortgesetzten Zerfall der Demokratie. Massendemokratien haben die Tendenz, Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften nach oben zu spülen. Diejenigen nämlich, die es verstehen, öffentlich viel und überzeugend zu versprechen, im Hinterzimmer jedoch die größten Scheusale zu sein. Das geht eine Weile lang gut, bis die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Schein und Sein zu groß sind, um ohne Mühe überkleistert werden zu können.

Die Unmittelbarkeit, mit der die Medien heute alles sofort in die Welt tragen können, hilft natürlich dabei, diesen Prozess zu beschleunigen.

Internet:

BBC: Der Ablauf der PR-Massenkarambolage  

Guido Fawkes: Bonkers Brown Leading Labour’s Lemmings Over the Electoral Edge


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