21. April 2010

Aktuelle Nachricht – Linksruck streng nach Kursbuch bei „Cicero“ Ein Magazin wickelt sich selbst ab

Des einen Freud, des anderen Leid …

(ef-TN) Der Gründer, Chefredakteur und Herausgeber des Internet-Debattenmagazins „The European“, Alexander Görlach, war zuvor Online-Redaktionsleiter bei „Cicero“. Mit ihm äußert sich heute erstmals ein „Insider“ öffentlich nach dem Kurswechsel des Monatsmagazins zu Jahresbeginn, als der liberal-konservative Chefredakteur Wolfram Weimer „sein Kind“ Richtung „Focus“ verließ.

Seither gilt der einst angriffslustige „Cicero“, der etwa mit Eva Hermans Provokationen gegen den Feminismus oder Peter Sloterdijks radikaler Sozialstaatskritik mittels dessem „Bürgerlichen Manifest“ immer wieder aufsehenerregende Debatten wider die linkspolitische Korrektheit der Republik anstieß, als ein langweiliges halblinkes Magazin ohne Biss.

„Nahezu die gesamte alte Mannschaft hat sich aus der ‚Cicero’-Redaktion verabschiedet“, erklärt Görlach. Eindeutig die „Schuld geben die Weggehenden dem neuen Chefredakteur Michael Naumann: Er arbeite journalistisch nicht sauber und setze die Agenda der SPD um.“

In der Branche hat der bisherige „Zeit“-Mitherausgeber Naumann den Ruf einer faulen Nuss, so Görlach. Konkret: „Als erstes wurde“ von Naumann „in der Redaktion das gemeinsame Lesen und Redigieren des neuen Heftes am Sonntag der Produktionswoche abgeschafft. Er lese da lieber zuhause ein gutes Buch, wird als Begründung dafür von ihm kolportiert. Auch interessiere er sich nicht für die aktuellen Fragen. Der 68-Jährige soll regelmäßig auf neue Entwicklungen entgegnen, dass sich solche Ereignisse auch schon im Jahr soundso zugetragen hätten.“ Auch sei Naumann „verwundert“ gewesen „über die Tatsache, dass er keinen Dienstwagen erhalten würde.“

In der „Cicero“-Redaktion, so beschreibt Görlach die dortige Bombenstimmung, „steht kein Stein mehr auf dem anderen.“ Bis auf eine Ressortleiterin haben alle redaktionellen Mitarbeiter „fluchtartig“ das Blatt verlassen. Michael Naumann, so ist durch Görlach zu erfahren, habe „von seiner Truppe verlangt, Texte so auszurichten, dass sie in sein Weltbild passen.“ Der Plan: „Cicero soll ein linkes ‚Kursbuch’ werden.“

Doch wer steckt dahinter? Der Schweizer Verleger Michael Ringier? Der gilt als Champagner-Linker, der Weimers konservativen Kurs womöglich nur zum Aufbau des Blatts geduldet habe. Schließlich hat sich „Cicero“, auch wenn das aufwendig gemachte Magazin immer noch Verluste schreibt, „in den fünf Jahren unter Wolfram Weimer zu einem guten und wirtschaftlich ansprechenden Blatt entwickelt. Neben ‚Neon’ und ‚Landlust’ gehört es zu den Gewinnern der letzen Jahre am Zeitschriftenmarkt“, konstatiert Görlach: „Wenn man das Magazin nicht in seiner bisherigen Ausrichtung hätte weiterführen wollen, hätte man es in der Verfassung, in der es beim Weggang von Wolfram Weimer war, gut verkaufen können.“ Nicht nur der „Springer“-Verlag wäre als Käufer bereitgestanden, munkeln Branchenkenner in Berlin.

Doch verkaufen wollte niemand, der Verleger hatte andere Kurspläne, die nun sehr teuer werden können. Denn mit der kompletten Redaktion schwanden auch bereits zahlreiche Leser und Anzeigenkunden. Die Abokündigungen werden, so hört man, in virtuellen Waschkörben hereingetragen. Die da in Massen kündigen erhalten anschließend ein seltsames Schreiben, in dem angeblich Hans-Olaf Henkel für einen weiterhin ausgewogenen Kurs garantiert. Doch der ist in der Redaktion nirgends verantwortlich.

„Die leicht verschwörungstheoretische Version geht“ nach Alexander Görlach so: „Der Gazprom-Lobbyist und ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der sich links positionierende aber Champagner trinkende und in einer pompösen Villa lebende Publizist Frank A. Meyer seien sich einig gewesen, dass aus ‚Cicero’ ein linkes ‚Kursbuch’ werden soll. Schluss mit dem wertkonservativen Anstrich. Dann seien sie auf die Suche gegangen nach einem geeigneten Kandidaten für die Weimer-Nachfolge.“ Fündig geworden sind sie demnach in Michael Naumann.

Die Pointe der Geschichte nennt Görlach nicht: Das im damals typischen Soziologen-Kauderwelsch geschriebene Vorzeigeorgan der Studentenbewegung „Kursbuch“ wurde 1965 von der Achtundsechziger-Ikone Hans Magnus Enzensberger gegründet. Zuletzt wurde das Blatt von 2005 bis 2008 durch den „Zeit“-Verlag publiziert. Der dort verantwortlich zeichnende „Kursbuch“-Herausgeber hieß Michael Naumann. Ergebnis: Pleite nach drei Jahren. Im Juni 2008 wurde das traditionsreiche Linksmagazin eingestellt.  

eigentümlich frei-Herausgeber André F. Lichtschlag sieht die neue Entwicklung auf dem Zeitschriftenmarkt gelassen: „Im Hause Ringier macht man jetzt ‚Weltwoche’ andersherum“, spielt Lichtschlag auf den Kurswechsel des ehemals linken Schweizer Wochenblatts nach der zweifachen Übernahme durch den konservativen und politisch unkorrekten Roger Köppel hin. Der Unterschied sei: „Wo Köppel und Weimer ein Gespür dafür haben, wider den Stachel zu löcken, schwimmt Naumann seicht mit dem Strom.“ Beste Beispiele seien das nunmehrige Verteidigen von EU-Bürokratie und deutschem Sozialstaat sowie das Aufspringen des „Cicero“ auf die „Kampagne billigster Angriffe auf den Papst. Ausgerechnet den notorischen Katholiken-Hasser Alan Posener ließ Naumann sich im ‚Cicero’ ausleeren. Weimer wäre das nie passiert. Auch Köppel, der seine ‚Weltwoche’ immer sehr kirchenkritisch und zuweilen gar atheistisch positionierte, verteidigt in der jetzigen Situation instinktiv Benedikt XVI.“ Die Achtundsechziger, fügt Lichtschlag hinzu, „hatten schließlich ebenfalls ihre publizistische Blütezeit, als sie einst gegen den Strom schwammen“.

Doch Lichtschlag beobachtet die Szene nicht nur als interessierter Journalist, sondern auch als Verleger und Konkurrent: „Natürlich haben wir oft neidisch auf den ‚Cicero’ nach Berlin geschaut. Die hatten mit einem inhaltlich ähnlichen Konzept einen millionenschweren Schweizer Verlag im Rücken, während wir jeden Cent dreimal umdrehen müssen, dafür aber unabhängig sind. Viele unserer langjährigen Autoren wie Gerd Habermann, Carlos A. Gebauer oder Detmar Doering waren plötzlich auch in ‚Cicero’ zu finden.“ Übel nehmen konnte er das keinem, sagt Lichtschlag. Und leicht erklärbar sei es auch gewesen. Schließlich war Wolfram Weimar umgekehrt auch in vielerlei Richtungen stets interessiert. „Wir informierten uns gegenseitig. Zweimal druckte der ‚Cicero’ sogar Artikel aus ef nach.“ Warum er das erzähle? Lichtschlag gibt selbst die Antwort: „Der neue Mann dort ist offenbar tatsächlich ein eigenartig uninteressierter Journalist. Vor zwei Wochen erhielt ich einen extrem unfreundlichen Anruf aus der ‚Cicero’-Redaktion: Wir sollten doch, erklärte eine Dame im patzigen Ton, die Lieferung unseres ‚unmöglichen Magazins’ endlich einstellen.“ Lichtschlag berichtet, er musste grinsen: „Über das Fremdgehen unserer besten Autoren musste ich mir ab dem Moment weniger Sorgen machen.“

Das Gegenteil trifft womöglich eher zu. Lichtschlag in seiner Eigenschaft als Verleger: „Ja, so einige ‚Cicero’-Kündigungen kann ich bestätigen. Die bisherigen Abonnenten des ehemaligen liberal-konservativen Magazins informierten uns darüber, als sie eigentümlich frei abonnierten.“. ef, und das, so Lichtschlag „ist der Clou“, sei ihnen „von alten ‚Cicero’-Freunden wärmstens empfohlen worden.“ Da füge es sich gut, ergänzt Lichtschlag verschmitzt, „dass wir gerade unsere Aktivitäten und Reichweiten im Einzelverkauf erheblich ausbauen und für den Sommer eine Abo-Offensive planen.“ Der „Cicero“ habe bislang eine verbreitete Auflage von etwa 90.000 Stück, eigentümlich frei liegt bei 5.000. „Umgekehrt“, so Lichtschlag, „verlaufen jetzt die Ziellinien“.

Des einen Freud also, des anderen Leid: „Cicero“ sei „erledigt“, schließt auch Alexander Görlach.

Internet

The European heute über „Cicero“


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