19. April 2010

Vulkanasche und flächendeckendes Flugverbot Selbstherrlicher Staat verschlimmert die Lage

In einer echten Marktwirtschaft würden Versicherungen den Gesamtschaden möglichst gering halten

Vulkanasche kann für Flugzeuge zur tödlichen Gefahr werden. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Zwar hat es in der Geschichte der Luftfahrt noch keinen Flugzeugabsturz durch Vulkanasche gegeben, doch das sei wohl reine Glücksache, sagt Robert Machiol, früher oberster Wissenschaftler bei der US-Luftfahrtbehörde FAA: „Ich rechne damit nämlich jederzeit.“ Insofern ist die drastische Sperrung fast des gesamten Flugraums über Europa auf dem ersten Blick verständlich.

Dennoch sind Fragen erlaubt: Ab welcher Konzentration in welcher Höhe wird welche Form von Asche auf welche Weise für Flugzeuge gefährlich? Wie die jetzt vorgenommenen Testflüge einiger Gesellschaften zeigen, ist die Gefahr offenbar nicht gleichmäßig verteilt, was niemanden überraschen wird, der auch nur über minimale meteorologische Kenntnisse verfügt. Warum also das ununterbrochene, tagelange flächendeckende absolute Flugverbot über fast dem gesamten Kontinent?

Für Politiker muss es herrlich sein, wieder einmal demonstrieren zu können, wer das Sagen im Lande hat. Typisch auch, wie die Verantwortung möglichst weit weg geschoben wird. Er halte sich „strikt“ an „internationale Vorgaben“, behauptet Bundesverkehrsminister Ramsauer; die Sperrung des Luftraums sei eine „europäische Entscheidung“. Die Zivilluftfahrtorganisation ICAO, auf die sich Ramsauer beruft, ist eine den Vereinten Nationen angegliederte Körperschaft, sie kann also allenfalls Empfehlungen abgeben und keine Befehle erteilen – soweit sind wir mit der Weltregierung noch nicht. Deswegen hat Polit-Profi Ramsauer das Wieselwort „Vorgaben“ verwendet, das diese beiden Begriffe abdeckt. Ohne zu lügen hat er einen Eindruck vermittelt, der nicht der Wahrheit entspricht.

Die gleiche Verschlagenheit steht hinter dem Begriff „europäische Entscheidung“. Das Flugverbot war eine Entscheidung, die ausnahmsweise mal nicht auf europäischer Ebene getroffen wurde, sondern von den zuständigen Behörden der jeweiligen Nationalstaaten. Man kann nur insofern von einer „europäischen Entscheidung“ sprechen, weil sich die Aschenwolke zufällig über fast ganz Europa ausgebreitet hat.

Das Grundproblem hier ist, dass die Entscheidung von Institutionen gefällt wird, die daraus keine finanziellen Nachteile zu befürchten haben. Selbst wenn der Staat am Ende die Fluggesellschaften und die Flughafenbetreiber entschädigen müsste, wäre das nur ein Durchlaufposten für ihn: Neue Schulden oder frisch gedrucktes Geld von der Zentralbank würden die Ausgaben decken und später, wenn diesseits der Küsten Islands keiner mehr den Namen Eyjafjallajökull auswendig aufsagen kann, vom Steuerzahler abbezahlt.

Der heftige Streit zwischen Fluggesellschaften und Behörden – der nicht nur in Deutschland tobt – ist ein deutliches Zeichen dafür, dass zuvor marktwirtschaftliche Prinzipien ausgehebelt wurden. Wie würde eine marktwirtschaftliche Lösung im vorliegenden Fall aussehen – das heißt eine Lösung ohne Staat?  

In seinem Buch „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“, hat Professor Hans-Hermann Hoppe dargestellt, wie ein privatwirtschaftliches Gerichtssystem aussehen würde: Versicherungen würden demnach in Konfliktfällen die Vermittlerrolle übernehmen, gleichzeitig aber auch von den Versicherten ein Verhalten abverlangen, das das Risiko eines Konflikts mit anderen minimiert. Diese Doppelrolle – Vermittlung und Verhinderung – kann in einem Marktwirtschaftsszenario auch auf andere Versicherungssituationen übertragen werden.

Was bedeutet das Konkret für den vorliegenden Fall der Flugsicherung? Versicherungen würden die Rolle der Flugsicherungsbehörden übernehmen. Versicherungen haben ein inhärentes Interesse daran, dass keine Unfälle und dergleichen passieren. Gleichzeitig haben sie aber auch ein Interesse daran, dass es ihren Klienten wirtschaftlich gut geht. Die Interessenabwägung wäre also eine andere als die eines Verkehrsministers, der sich angeblich vor dem „Geschrei“ fürchtet, das ihn treffen würde, sollte etwas passieren. Auch das ist übrigens unaufrichtig: Sollte was passieren, würde er allenfalls seinen Posten verlieren, nicht aber seine Pension. In einem marktwirtschaftlichen Szenario würden Versicherer eine Fehleinschätzung ihrerseits jedoch sehr teuer bezahlen.

Ohne Staat hätten wir in den ersten Tagen wahrscheinlich ebenfalls ein fast kontinentweites Flugverbot bekommen, ausgesprochen von den Versicherern, die erstmal die Lage hätten peilen wollen. Aber sie hätten sofort alle möglichen Messungen vorgenommen, Satellitendaten ausgewertet und Probeflüge ohne Passagiere angeordnet. Sie hätten nach einigen Tagen in einigen Regionen ihren Klienten wieder Flüge unter Vorbehalte erlaubt – zum Beispiel unter der Vorgabe, den Reisenden klar zu machen, dass es noch gewisse Unwägbarkeiten gibt. In dem Fall hätten Fluggesellschaften und Reisende selber überlegen können, ob sie das Risiko auf sich nehmen wollen. Auf diese Weise wären zumindest Singles und Geschäftsreisende geflogen. Somit hätte die Versorgungslage an den Flughäfen etwas entlastet werden können.

In einem marktwirtschaftlichen Szenario, wo Eigentumsrechte etwas gelten und der Verlust von Arbeitszeit etwas zählt, hätten Versicherungen außerdem schon längst die Organisation von Ersatztransport für gestrandete Reisende unterstützt. Derzeit geschieht eher das Gegenteil. So wollte Dan Snow, ein innovativer britischer Moderator des Fernsehsenders „Sky“, inspiriert von der Evakuierung der britischen Armee bei Dünkirchen 1940, gestern mit fünf Schlauchbooten Touristen von Calais nach Dover transportieren. Doch die Hafenbehörden untersagten ihm dies, weil, so vermutet der „Guardian“, ihm die entsprechende – staatliche – Lizenz fehlt. Auch möglich, dass den Fährenbetreibern die Konkurrenz nicht gefiel und sie die Behörden einschalteten.

Ein weiterer Vorteil des Marktwirtschaftsszenarios: Versicherungen würden Geld in die Erforschung und Vermeidung von Risiken stecken. Im Hinblick auf den aktuellen Fall zum Beispiel in eine entsprechende Überwachung und Messung von Vulkanaschenwolken, in Labortests, in denen Düsenantriebe verschiedenen Schwebstoffen in verschiedener Dichte ausgesetzt werden und so weiter. Statt dessen sind ungezählte staatlich kanalisierte Steuermillionen weltweit in eine Forschung gesteckt worden, die herauszufinden trachtet, um wieviel Zentimeter genau der Meeresspiegel in 100 Jahren weniger gestiegen sein wird, wenn wir jährlich ein paar Tonnen weniger CO2 in die Luft setzen.

Spätestens seit 1982 ist das Risiko für Passagierflugzeuge durch Vulkaneruptionen bekannt. Seitdem haben sich Staaten untereinander verständigt, wie in solch einem Fall vorzugehen ist – auf der Grundlage ihrer Interessenlage selbstverständlich. Und auf was sie sich bei ihrer Entscheidung hauptsächlich verlassen, haben sie auch von den Klimaforschern gelernt: auf Computermodelle.

Internet

The Guardian: Iceland volcano - Dan Snow fails in Dunkirk-style mission to transport travellers

Buch: Hans-Hermann Hoppe - Demokratie. Der Gott, der keiner ist


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