Dirk Friedrich

Jahrgang 1976, Jurist und Blogger.

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Wenn schon Kulturkampf, dann wenigstens die rechten Mittel: Wider die Inquisition und militärische Kreuzzüge im Namen der Wahrheit

von Dirk Friedrich

Eine Replik auf Edgar Gärtner

Edgar Gärtners auf ef-online erschienener Beitrag „Kulturkampf: Wir brauchen die Inquisition“ hat in der zugehörigen Kommentarspalte ein großes, nicht nur freundliches Echo ausgelöst. Gärtner antwortet mit seinem Essay auf einen bei „Spiegel Online“ erschienenen Beitrag von Reinhard Mohr, in welchem der katholischen Kirche totalitäre Züge unterstellt werden, ja die katholische Kirche sogar mit den Parteien des Kommunismus auf eine Stufe gestellt wird. Die beim „Spiegel“ zu findende, besser: zu suchende, Argumentation überzeugt nicht, um es höflich auszudrücken. Ich teile insoweit die Meinung Gärtners. Um die völlige Abwegigkeit der Mohrschen Aussagen zu erkennen, muss man kein Katholik sein.

Widerspruch müssen indes die weiteren Aussagen Gärtners erregen. Da ist zunächst die Forderung in der Beitragsüberschrift, wir bräuchten die Inquisition. Ich bin weder Historiker noch Katholik. Mein Wissen um das Wesen der Inquisition beschränkt sich im Wesentlichen auf Allgemeinwissen. Nach meinem Verständnis von Inquisition ist der Ruf nach einer neuen niederschmetternd. Wie mir ging es offenbar zahlreichen Kommentatoren und nicht wenige der ablehnenden Äußerungen sind darauf zurückzuführen, dass der Leser etwas anderes unter Inquisition versteht als Gärtner. Dankenswerterweise macht dieser später genauere Ausführungen zu seinem Begriffsverständnis. Mit dem Hinweis auf das Wirken der Inquisition in der Sache Galilei habe er bereits angedeutet, dass er Inquisition nicht wie in den Hexenprozessen des Mittelalters verstehe, sondern als eine autoritäre Instanz, die nur diejenigen betreffe, „die sich freiwillig der römisch-katholischen Kirche angeschlossen“ hätten.

Gegen eine mit der Befugnis zur Gewaltausübung und mit anderen Machtmitteln ausgestatte Institution, die nur diejenigen betrifft, die sich ihr freiwillig unterworfen haben, ist freilich nichts einzuwenden. Historisch gesehen sieht die Inquisition jedoch völlig anders aus als im hier von Gärtner recht vorteilhaft gezeichneten Bild. Erinnert werden muss nur an einzelne, sicher nicht jederzeit gültig gewesene Gepflogenheiten, die Zweifel an der historischen Freiwilligkeit einer Kirchenmitgliedschaft aufkommen lassen müssen. Spontan ist daran zu erinnern, dass die Mitgliedschaft häufig durch Dritte begründet worden ist und wird. Bei der Taufe im Säuglingsalter trifft nicht der Betroffene die Entscheidung über seine Kirchenzugehörigkeit, da er zweifellos unmündig ist. Vielfach wurden die Taufbücher als Grundlage der Besteuerung genutzt, wodurch wiederum der Grad der Verzahnung von Kirche und Staat belegt wird. Ein soziales Leben ohne Kirchenmitgliedschaft war schlichtweg nahezu unmöglich, so wie ein Leben ohne Staatsbürgerschaft heutzutage aus praktischen Gründen ausgeschlossen ist, will man nicht eremitisch sein Dasein fristen. Es ist daher unrichtig, im historischen Rückblick von einer freiwilligen Kirchenmitgliedschaft und freiwilliger Unterwerfung unter die Inquisition zu sprechen.

Die Unfreiwilligkeit zeigt sich auch durch die Möglichkeit der Begründung der Mitgliedschaft durch Dekret des weltlichen Oberhaupts, die als Rechtssatz „cuius regio, eius religio“ bekannt ist. Die Mitgliedschaft in der Kirche war nicht Gegenstand freier Entscheidung. Auch der Austritt war mit Strafe bedroht. Die Apostasie war mit schweren Sanktionen, zuweilen mit Strafe verbunden. Das gibt auch Gärtner indirekt zu, wenn er vom Vorgehen gegen bestimmte Gruppen von Häretikern spricht. Diese hatten sich offensichtlich von der Kirche abgewandt, wenn auch eher konkludent denn formal. Gleichwohl und gerade deswegen sind sie inquisitorisch verfolgt worden. Der Austritt schützt also offensichtlich nicht vor Strafe, sondern ist Grund für die Bestrafung. In meinen Augen hat ein solches Vorgehen nichts mehr mit einer Einwilligung des Betroffenen, die für eine freiwillige Mitgliedschaft unverzichtbar ist, zu tun.

Zweifelhaft sind auch die von Gärtner genannten Gründe, die Anlass zu einer Verfolgung durch die Inquisition geben können sollen. So soll die Behauptung, die Wahrheit gefunden zu haben, egal ob durch Galilei oder durch Wiedertäufer, bereits für die Einleitung der Verfolgung genügen. Derartige Behauptungen sind nichts weiter als Meinungsäußerungen. Diese sollten weder damals noch heute mit Strafe bedroht sein, nicht durch den Staat und nicht durch die Kirche. Nicht minder fragwürdig ist der Einsatz der Inquisition gegen selbstmörderische Lehren. Selbstmörderische Propaganda schadet niemandem außer denen, die sie glauben wollen. Die von Gärtner gesehene Gefährlichkeit solcher Lehren betrifft nur ihre Anhänger. Warum und inwiefern Dritte ein Recht haben sollten, sich gegen selbstmörderische Meinungsäußerungen zu stellen oder darüber entscheiden können sollten, wie Dritte ihren Körper verwenden, ist jedenfalls mir nicht klar.

Danach sind es die von Gärtner gewählten Begrifflichkeiten, die den Widerspruch heraufbeschwören. Wer für Publikum schreibt, weiß, dass die Leser nicht immer das verstehen, was man als Autor intendiert hat. Jeder versteht Aussagen vor seinem individuellen Erfahrungsschatz und aus seinem spezifischen Bildungshintergrund heraus. Bei einer so brisanten Forderung wie dem Ruf nach einen Inquisition ist dringend damit zu rechnen, dass Widerspruch herausgefordert wird. Klarstellende Worte und Ausführungen hätten vorab bereits Schaden verhindern können und könnten auch im Nachhinein versöhnend wirken.

Deutlich weniger Widerspruch erntete in den Kommentaren die Behauptung, ohne „gelegentliche militärische Kreuzzüge gäbe es das Abendland und mit ihm die Idee der Freiheit“ nicht. Mich persönlich stößt diese mehr an als das Hickhack um Inquisition und die repetierend bis zur Erschöpfung geführte Diskussion um Rolle und Wichtigkeit eines wie auch immer gearteten Glaubens im Allgemeinen, beziehungsweise an Gott oder die Demokratie im Besonderen. Alternative Geschichtsschreibung ist immer ein Fall für sich. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang jedoch die Historie des Christentums. Den größten Zulauf erhielt der christliche Glauben, wenn sich seine Anhänger in der Rolle der Unterdrückten wiederfanden. Das Christentum ist unter römischem Joch als eine Religion der Armen, der Ausgepressten und Verzweifelten entstanden. Von dieser Basis der Schwäche aus erstarkte es, bis es aus machtpolitischen Gründen zur römischen Staatsreligion gemacht wurde. Eine ähnliche Geschichte können die Christen in China erzählen. Unter Mao verfolgt und trotz langjähriger staatlicher Unterdrückung zählen die Christen im Reich der Mitte mittlerweile über 100 Millionen Köpfe. Dort befindet sich nach enormem Mitgliederzuwachs die größte Kirche der Welt.

Schon deswegen ist es höchst fraglich, ob ein militärischer Kreuzzug der christlichen Sache dienlich wäre. Dieser könnte nur aus einer Position der Stärke geführt werden oder Seite an Seite mit dem politischen Establishment. Das erkennt auch Gärtner, der ausführt, dass es zur Durchführung eines Krieges mit dem Ziel der Verbreitung römisch-katholischer Werte an militärischer Macht fehle. In der Kommentarsektion führt er aus, dass es keine weltliche Macht gebe, die dem Vatikan mit Truppen beistehen könne. Tatsächlich feierten Christen ihre größten Erfolge, wenn sie ihr Glück nicht auf der Seite des Establishments suchten, wo sie sich durch die Macht korrumpieren ließen. Der Aufstieg des amerikanischen Christentums etwa ist zu einem wesentlichen Anteil auf die Freiheit von weltlicher und kirchlicher Macht zurückzuführen.

Heute ist dies anders, da der Neo-Konservatismus großen Rückhalt unter bestimmten amerikanischen Christen findet. Viele Mitglieder der Southern Baptist Convention sind der Meinung, Christen müssten den Staat instrumentalisieren, um den Glauben an den christlichen Gott zu verbreiten. Sie sind erfolgreich an die Schaltstellen politischer Macht gelangt. Die Kriege gegen die Ungläubigen im Irak oder in anderen islamischen Ländern werden in diesen Kreisen nicht nur als Krieg gegen potentielle Terroristen, sondern auch als Kriege zur Verbreitung des wahren Glaubens geführt. Seite an Seite mit Israel gelte es, die überlegenen judäo-christlichen Werte ferrum ignique zu unterstützen.

Gärtners „unvoreingenommene Analyse“, die eine militärische Verteidigung des Abendlandes für nützlich und notwendig hält, ist nichts anderes als die neo-konservative Idee, man müsse die Freiheiten des Westens verteidigen, indem man Soldaten in islamische Länder entsendet, bevor diese Terror in den Westen bringen. Freilich bezieht sich das Sendungsbedürfnis der Neo-Konservativen nicht auf Freiheit im liberalen Sinne oder die Werte des Vatikans, sondern auf die Errichtung demokratischer politischer Systeme.

Die von den Neo-Konservativen für richtig gehaltenen Werte sollen verbreitet werden. Die Staatsform der Demokratie wird von diesen als der Weisheit letzter Schluss gesehen, wenn man so will, als die zu verbreitende Wahrheit. Von einem Kreuzzug unterscheidet sich das neo-konservative Unterfangen daher nur inhaltlich, nicht aber in der Methode. Es geht um die Verbreitung anderer, demokratischer statt vatikanischer Werte. Der ewige Zweifel an der Richtigkeit dessen, was man für wahr hält, betrifft jedoch beide gleichermaßen. Weder Christen auf Kreuzzug noch Neo-Konservative beim Kampf gegen die Achse des Bösen sind vor Irrtum gefeit.

Wenn jedoch im Angesicht des Irrtums unter Anwendung von Gewalt gehandelt wird, dann wird vorhandener Zweifel bedeutungslos. Dann unterscheidet sich die neo-konservative Lehre nicht mehr von dem Auftrag an Muslime, den Islam mit allen Mitteln zu verbreiten. Wenn jeder meint, mit Gewalt vorgehen zu dürfen, solange dies im Glauben an die Wahrheit geschieht, ist Zivilisation nicht möglich. Das gilt um so mehr, wenn man zu der Einsicht gekommen ist, dass die Ergründung der Wahrheit mit Schwierigkeiten verbunden und der Irrtum unausweichlich ist. Es stellt sich daher die Frage, zu welchen Konsequenzen die Vorläufigkeit von Erkenntnis führt. Nach meiner Ansicht muss das Wissen darum zur Vorsicht bei der Wahl der Mittel mahnen, derer man sich zur Erfüllung seiner Ziele bedient. Eine – wenn auch „milde“ – Inquisition, Gewalt oder „militärische Kreuzzüge“ gehören meiner Meinung nach nicht zu den Mitteln, die aus liberaler, zivilisatorischer oder christlicher Sicht akzeptabel sind.

Edgar L. Gärtner bei ef:


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09. April 2010

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Kommentare

Viscount, am 09. April 2010 um 12:25 ( Link )

Respekt Herr Friedrich,

man mochte es ja schon fast nicht mehr für möglich halten, aber offenbar existiert innerhalb dieses Magazins tatsächlich mehr als eine Meinung zum Thema.

Chapeau!

Daniel Hartmann, am 09. April 2010 um 12:36 ( Link )

Mit dem Hinweis auf das Wirken der Inquisition in der Sache Galilei habe er bereits angedeutet, dass er Inquisition nicht wie in den Hexenprozessen des Mittelalters verstehe, sondern als eine autoritäre Instanz, die nur diejenigen betreffe, „die sich freiwillig der römisch-katholischen Kirche angeschlossen“ hätten.

Schade, daß Sie, Herr Friedrich, in diesem sonst zustimmenswerten Beitrag einmal mehr die historisch fragwürdige Verbindung von Inquisition und Hexenwahn herstellen. Dabei unterläuft Ihnen ärgerlicherweise auch noch der Fehler, die europäischen Hexenprozesse dem Mittelalter zuzuordnen. Der Hexenwahn war eine gesamtgesellschaftliche Hysterie, die vor allem im Zuge der Verunsicherungen durch den Dreißigjährigen Krieg um sich griff, also deutlich nachmittelalterlich zu verorten ist. Aber selbstverständlich sind Sie entschuldigt, denn:

Ich bin weder Historiker noch Katholik.

df, am 09. April 2010 um 14:31 ( Link )

"Ein soziales Leben ohne Kirchenmitgliedschaft war schlichtweg nahezu unmöglich," --Ein soziales Leben ohne eigene Körperpflege ist noch heute unmöglich. Sollte deswegen die Antidiskriminierungsstelle einschreiten? Nein, wir sind Gott sei Dank nicht verpflichtet, jedem ein "soziales Leben" zu garantieren.

Lion Edler, am 09. April 2010 um 16:52 ( Link )

Bei einer so brisanten Forderung wie dem Ruf nach einen Inquisition ist dringend damit zu rechnen, dass Widerspruch herausgefordert wird. Klarstellende Worte und Ausführungen hätten vorab bereits Schaden verhindern können und könnten auch im Nachhinein versöhnend wirken.

Sie hätten aber auch als Geßlerhut-Gruß wirken können, weil ein politisch korrekter Rückzieher gemacht, nur um ein paar Katholiken-Hasser nicht auf die Palme zu bringen, die einen Text unbedingt mißverstehen wollen.

Der_Michael, am 09. April 2010 um 17:14 ( Link )

Dieser gelungene Beitrag macht Lust auf mehr Kontroversen auf dieser Seite. Bitte mehr davon!

CrisisMaven, am 09. April 2010 um 17:46 ( Link )

Lieber Autor,


Gegen eine mit der Befugnis zur Gewaltausübung und mit anderen Machtmitteln ausgestatte Institution, die nur diejenigen betrifft, die sich ihr freiwillig unterworfen haben, ist freilich nichts einzuwenden.

Das ist problematisch: was, wenn Kinder nicht mit ihren Eltern einig sind?

Fast jede Sekte zehrt davon, dass man seine Wurzeln fast nur noch in ihr hat, und dass ein Widersetzen, gar ein Ausstieg viel mehr aufs Spiel setzt, als nur eine unorthodoxe Meinung. Und wenn unorthodox "von oben" definiert wird, gibt es keinen Fortschritt (siehe auch Tomas Kuhn oder die jetzige Klimadebatte). Da halte ich es lieber mit der Aufklaerung im Kantischen Sinne.

CrisisMaven, am 09. April 2010 um 17:49 ( Link )

Oder vielleicht auch konkret formuliert: wie haette im angestrebten religions-intrinsischen Inquisitionsparadigma Gaertner erst Marxist werden koennen, nur um dann umso im Glauben gestaerkter in den Schoss der Kirche zurueckzufinden?

Reiner Vogels Fördermitglied, am 09. April 2010 um 18:31 ( Link )

Vielen Dank für Herrn Friedrichs ausgewogenen und richtigen Artikel.

Ich möchte noch einmal wie schon in dem Blog zu Gärtners Artikel darauf hinweisen, dass Inquisition nicht nur grundsätzlich abzulehnen ist, sondern dass sie auch untauglich ist, geistige Dinge zu bewegen. Mit Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung kann man das Denken der Menschen nicht bewegen, sondern nur durch die besseren Argumente oder die überlegenen Botschaften und Ideen.

So ist es z.B. nicht nur verwerwerflich, sondern auch unmöglich, den Islam mit Waffengewalt bekämpfen zu wollen (was bestimmt einige Neokonservative in den USA beim Irakkrieg gewollt haben), sondern es ist auch ein vollkommen untaugliches Unterfangen. Der Islam kann nur mit der Verkündigung der Wahrheit, nach meiner Überzeugung der Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus, bekämpft werden, also durch das Wort und nicht durch das Schwert.

Kurt_G Fördermitglied, am 09. April 2010 um 21:04 ( Link )

Es gibt keinen Gott: Wieso ist die Unfreiheit das einnehmende Thema auf Eifrei?

Wozu eine Inquisition die mich zwingt an Gott zu glauben?

So ein Stuss! Und dann das ellenlange Gespucke um nichts.

simplicissimus, am 09. April 2010 um 23:36 ( Link )

So soll die Behauptung, die Wahrheit gefunden zu haben, egal ob durch Galilei oder durch Wiedertäufer, bereits für die Einleitung der Verfolgung genügen.
Derartige Behauptungen sind nichts weiter als Meinungsäußerungen.

Lieber Herr Friedrich,
herzlichen Dank für die Zurechtweisung der militanten Religiösen, die sich hier ebenfalls Gehör verschaffen.

Wie kommt es aber, daß einerseits solche zwanghaften Kreuzritter wie Herr E. Gärtner hier zu Felde ziehen und andererseits andere, wie Kurt_G (s.o.),als Vogelfreie den Eindruck haben "So ein Stuss! Und dann das ellenlange Gespucke um nichts".

Ich denke es liegt an einer grundlegenden, vielen Autoren und Besuchern dieser Seite zueigenen Unentschiedenheit, die in meinem o.g. Zitat aus Ihrem Artikel zum Ausdruck kommt und begründet liegt, wo Sie die Aussagen eines rationalen Wissenschaftlers, der mit dazu beigetragen hat, das z.B. Ihr Auto-Navi sie täglich metergenau ans Ziel führt, mit denen von Mystikeren, die nichts als Irrsinn, Leid und Tot für ihre Zeitgenossen gebracht haben, als "Meinungsäußerungen" gleichsetzten.

Statt den Neo-Mystikern mit Zurechtweisungen im Raum der historischen Fakten zu antworten, wäre die klare Abgrenzung gegenüber der rationalen, individualitsichen, objektivistischen, kapitalistischen und deshalb freiheitlichen Postition wünschenswert gewesen.

CrisisMaven, am 10. April 2010 um 0:03 ( Link )

Kurt_G und simplicissimus: Wenn das wahr waere, dass mein "Auto-Navi [mich] täglich metergenau ans Ziel führt" gaebe es weniger Grund ellenlang zu spucken, wenn es mich auf dem Weg von Frankfurt nach Bamberg zielsicher in ein Stuttgarter Parkhaus lotst und mich dann ausfordert, kehrt zu machen ... da kann man verstehen, wenn die Mystiker sagen "Gott befohlen". Und Kurt_G "Es gibt keinen Gott" - doch, hier.

Jürgen Hodler, am 10. April 2010 um 0:16 ( Link )

@CrisisMaven

Das ist problematisch: was, wenn Kinder nicht mit ihren Eltern einig sind?

Dann wird man gewiß nicht die Neolibertären um Rat fragen.:)

Und wenn unorthodox "von oben" definiert wird, gibt es keinen Fortschritt (siehe auch Tomas Kuhn oder die jetzige Klimadebatte). Da halte ich es lieber mit der Aufklaerung im Kantischen Sinne.

An der kann sich der Alarmist aber auch ganz problemlos orientieren. Auch der Kommunist hat hier keinerlei Probleme. Irgend etwas erscheint hier schwammig. Also wenn eine „Aufklärung“ im kantischen Sinne alles zu integrieren vermag, dann verliert sie schlußendlich auch ihr Profil.

Jürgen Hodler, am 10. April 2010 um 0:24 ( Link )

wo Sie die Aussagen eines rationalen Wissenschaftlers, der mit dazu beigetragen hat, das z.B. Ihr Auto-Navi sie täglich metergenau ans Ziel führt, mit denen von Mystikeren, die nichts als Irrsinn, Leid und Tot für ihre Zeitgenossen gebracht haben, als "Meinungsäußerungen" gleichsetzten.

In Los Alamos saßen auch ganz "rationale" Wissenschaftler. Das einfache Killen war ja nicht mehr ausreichend und so bevorzugte man ganz "rational" den Overkill. Doppelt gemoppelt hält bekanntlich besser. Muß man Ihr Geschwurbel nun mit einer "Meinungsäußerung" gleichsetzen?

Viscount, am 10. April 2010 um 1:53 ( Link )

@Jürgen Hodler

An der kann sich der Alarmist aber auch ganz problemlos orientieren. Auch der Kommunist hat hier keinerlei Probleme. Irgend etwas erscheint hier schwammig. Also wenn eine „Aufklärung“ im kantischen Sinne alles zu integrieren vermag, dann verliert sie schlußendlich auch ihr Profil.

Denselben Vorwurf könnte man freilich auch in Richtung der christlichen Theologie erheben, waren doch nicht wenige zu Beginn der Öko-Bewegung der Meinung, die "Schöpfung" des Herrn gegen die rationalistisch-mechanistischen Auswüchse des Menschen verteidigen zu müssen. Und ist es nicht problemlos mit dieser Sicht vereinbar, daß es seine Sünde sei, dem urwüchsigen Grünwerk mit Schadstoffwolken zu Leibe zu rücken?

In den 60-ern und 70-ern waren es daher auch die Thologen, die sich plötzlich eines angemaßten oder tatsächlichen christlichen Befreiungsauftrags entsonnen haben. Freilich werden Sie nun einwenden, daß es sich dabei um ein reichlich depraviertes Chistentum handelt, das aus allzu viel häretischer Sentenzklauberei entsprungen ist. Dann wären wir freilich bei einem andern Thema, das Sie den neuzeitlichen Ideologen vor kurzem vorgehalten haben: Wenn das kein "wahres" Christentum sein soll, wenn also alle Irrwege nur mit fehlgeleiteten Positionen begründet werden, die daher rühren, daß der "wahre" Charakter nicht zum Tragen käme, worin unterscheidet sich dann Ihr Christentum von den Ideologien, die Sie stets heftig unter die Räder nahmen?

Bis heute ist kein normativer Begriff es Christentums bekannt, der abschließend und valide wäre. Selbstverständlich behauptet jede Richtung, den "wahren" und ursprünglichen christlichen Gedanken auszubreiten. Aber was genau ist nun Christentum? Die Nestorianer? Die Monophysiten? Der römische Katholizismus? Der Protestantismus?

simplicissimus, am 10. April 2010 um 7:47 ( Link )

@Jürgen Holder, @Viscount

Genau darum geht es doch:
"shamful words, leads to shamful actions." (Aristoteles,zitiert nach B.Russell)und umgekehrt.

Die Wortführer im Hinblick auf die Taten und die Konsequenzen des Projektes von Los Alamos auf das Sie anspielen, waren Christen und die mit den Atombomben beladenen Flugzeuge starteten unmittelbar nachdem sie den kirchlichen Segen von "hohen" kirchlichen Würdenträgern erhalten hatten.

Es ist uninteressant ob es Nestorianer oder Römisch -Katholische oder sonst andere Mystiker waren: es waren Mystiker, die allein dadurch Macht bekommen, daß sich Wissenschaflter in ihren Dienst stellen, d.h. zu den von Mystikern gesetzten Zielen die Mittel liefern und Wege weisen.

Die Alternative dazu wäre die Harmonie des rationalen Selbstinteresses wie es etwa von Ayn Rand und den kapitalistischen Ökonomen dargelegt wurde.

Haiduk, am 11. April 2010 um 1:53 ( Link )

Einen Artikel zu Verteidigung der Inquisition gibt es hier. Das ist eine teilweise Übersetzung eines englischen Artikels von der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Wollte man die guten Ideen darin aufgreifen, müßte man sie natürlich in die heutige Zeit übertragen. Konkret könnte das bedeuten, daß die Medien hinreichend kritisch über Sekten und andere unwahre Kulte berichten.

freigeistig, am 11. April 2010 um 16:26 ( Link )

@Dirk Friedrich
Danke für diesen Artikel.
Klare Worte gegen Fanatismus.

@Haiduk
Vertreten sie die Thesen des von ihnen verlinkten Artikels?
Denn die Argumentation ist doch sehr armselig.

Ein Beispiel:

Nun finde ich leider nirgendwo Informationen darüber, wie die Zwangskonversion von Juden und Muslimen ablief, aber es wird kaum nicht die römisch-katholischen Kirche gewesen sein, die mit dem Schwert drohte. Die über Jahrhunderte hinweg unterjochten Christen hatten freilich einen Heidenzorn, so daß es sicher zu Pogromen kam, bei denen für Juden und Muslime nur dann Aussicht bestand ihr Leben zu retten, wenn sie sich schnell taufen ließen.

Für Juden bestand also oft nur Aussicht ihr Leben zu retten, wenn sie sich taufen liesen.
Das gibt der Autor auch zu.
Aber worin genau bestand denn ihr Verbrechen? Hatten sie denn etwa auch die Christen unterdrückt?
Oder waren nicht Christen und Juden (Heiden sowieso) gleichsam Unterdrückte während der Islamherrschaft?

Ein Muslim darf einen Juden nicht massieren, auch nicht einen Christen. Er darf nicht ihren Abfall beseitigen und nicht ihre Latrine reinigen; es ist angemessener, dass Juden und Christen dieses Gewerbe ausüben, denn es ist das Gewerbe der am meisten Verachteten

Der Islam hatte also alle Ungläubigen unterdrückt und terrorisiert.
Und kaum waren die Christen an der Macht hatten sie genau das gleiche getan ...

Warum genau, ist der Terror der Christen jetzt besser?

Jürgen Hodler, am 11. April 2010 um 22:05 ( Link )

@viscount

Denselben Vorwurf könnte man freilich auch in Richtung der christlichen Theologie erheben, …..

Das heißt also, daß der „aufgeklärte“ Viscount mit meiner Kritik im Hinblick auf eine „Aufklärung“ im Sinne Kants überhaupt nichts anzufangen weiß. Also das übliche Schweigen im „aufgeklärten“ Walde. Habe ich dies so richtig verstanden? Die bloße Gegenfrage ist nämlich eine leicht durchschaubare Taktik Damit zeigt der „Aufgeklärte“ liberalistischer Prägung lediglich seine Ratlosigkeit in allen Belangen. Trost und Halt findet man nur noch im Köhlerglauben an den kapitalistischen Fortschritt. Dann ist es natürlich auch stets erquickend, daß der „Aufgeklärte“ seine Anschauungen nur dann projizieren kann, wenn das Christentum und hier natürlich insbesondere die Kirche als Leinwand fungiert. So ließ man ja auch in einem anderen Strang zu meiner Erheiterung verlautbaren, daß die eigentlichen Gründe für das Scheitern des Projekts „Aufklärung“ selbstredend wiederum im Christentum zu finden sind. Irgendwie bevorzugt das personifizierte Ideenvakuum dann doch wieder einen festen Grund unter den Füßen. Aber dabei war man doch mit dem festen Vorsatz angetreten, daß man die Vernunft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und somit auch die ganzen Unzulänglichkeiten des Christentums überwinden wolle. Aber dies war wohl ein Schuß in den Ofen. Die angeblich befreite Vernunft erzeugte ja nur wieder neue Unmündigkeiten, welche sich dann ja auch in handfesten Zwängen manifestieren sollten. Und so steht der „Aufgeklärte“ ganz ratlos und vor allem ganz hoffnungslos vor dem Trümmerhaufen seines Vernunftpalastes.

Aber spaßeshalber will ich meinen Anwurf noch mit einer Frage ergänzen: Inwiefern hätte eine Rückbesinnung auf eine „Aufklärung“ im kantischen Sinne eine von oben herab verordnete „Unorthodoxie“ und somit auch die Modekrankheit Alarmismus überhaupt verhindert? Da wird man nämlich mit mannigfaltigen Schwierigkeiten konfrontiert. Vielleicht kann sich der werte Viscount dieser Problematik mit einem alleinigen Rückgriff auf das „Depositum fidei“ dieser sog. „Aufklärung“ nähern.

Jürgen Hodler, am 11. April 2010 um 22:36 ( Link )

@simplicissimus

Die Wortführer im Hinblick auf die Taten und die Konsequenzen des Projektes von Los Alamos auf das Sie anspielen, waren Christen und die mit den Atombomben beladenen Flugzeuge starteten unmittelbar nachdem sie den kirchlichen Segen von "hohen" kirchlichen Würdenträgern erhalten hatten.

So kann man's natürlich auch ausformulieren. Also in Los Alamos saßen durch die Bank Christen und Mystiker, in den Entwicklungsabteilungen der Navigationsgerätehersteller dagegen feiert der "Homo rationalis" feierlich Urständ. Bestünde hier nicht die vage Möglichkeit, daß auch dort Christen und somit Mystiker am Werk waren? Aber die Teilen dann mit dem "Existenz existiert" wohl auch eine Lebensweisheit, welche auch die Sinnfrage einer Habergeiß vollumfänglich befriedigen würde. Mit Verlaub, aber solch einen Unfug kann eigentlich nur die Weltabgewandtheit der eh bedeutungslosen Rand-Sekte hervorbringen. Das ist jede weitere Kommentierung gar flüssiger als Wasser und somit überflüssig.

Viscount, am 12. April 2010 um 0:16 ( Link )

@Jürgen Hodler

Es war gar keine "Gegenfrage", die ich da anbrachte, Herr Hodler. Ich habe nur Ihren Vorwurf dahingehend ausformuliert, daß er auch gegen Ihr Christentum Geltung besitzt und somit als Argument nicht weit trägt. Sie hatten auf ja das fehlende "Profil" abgestellt (das dauars resultierte, daß zur Not ziemlich viel eingemeindet werden kann, wenn man's darauf anlegt), und ich hatte das auch bei Ihrem "festen Grund" diagnostiziert, was ja schon daran ersichtlich wird, daß dieser Grund gar so fest nicht sein kann, andernfalls nicht so viele Menschen unter so vielen Varianten darauf verweisen könnten, ihrerseits stets und immer auf "festem Grund" zu stehen. Oder wie erklären Sie sich's, daß sowohl die Nestorianer als auch die Monophysiten als auch die Protestanten als auch die Befreiungschristen etc.pp. ihrerseits von sich behaupten, auf "festem Grund" zu stehen?

Jürgen Hodler, am 12. April 2010 um 1:24 ( Link )

@Viscount

Aus welchem Grund sollte ich beispielsweise einem evangelikalen Bruder in Christo, der sein Leben nach den Geboten des Herrn ausrichtet, einen "festen Grund" absprechen? Dem spreche ich den festen Grund ebensowenig ab wie einem koptischen Christ in Ägypten oder einem ostkirchlichen Christ in Griechenland oder in Rußland. Also hier zielen Sie ins Leere. Diesen Christen zolle ich gar uneingeschränkt Respekt. Also ein Respekt, den ich einem Liberalkatholizist oder auch einem verweltlichten Protestant nie und nimmer entgegenbringen kann.

Aber, werter Viscount, hier melde ich mein Interesse an:

„Aber spaßeshalber will ich meinen Anwurf noch mit einer Frage ergänzen: Inwiefern hätte eine Rückbesinnung auf eine „Aufklärung“ im kantischen Sinne eine von oben herab verordnete „Unorthodoxie“ und somit auch die Modekrankheit Alarmismus überhaupt verhindert? Da wird man nämlich mit mannigfaltigen Schwierigkeiten konfrontiert. Vielleicht kann sich der werte Viscount dieser Problematik mit einem alleinigen Rückgriff auf das „Depositum fidei“ dieser sog. „Aufklärung“ nähern.“

Viscount, am 12. April 2010 um 7:21 ( Link )

Guten Morgen, Herr Hodler.

Die Aufklärung besteht ja aus weit mehr als nur Kant, insofern verstehe ich nicht, weshalb Sie ausgerechnet eine Antwort "im kantischen Sinne" von mir erwarten.

Ich kann Ihnen aber einen anderen Grund nennen, weshalb mich der "Alarmismus" keineswegs überzeugt: Erstens weil der "Alarmismus" als Phänomen etwas ist, was nichts mit Wissenschaft, sondern allenfalls mit aus wissenschaftlichen Sätzen unter Umständen ableitbaren Politikmaßnahmen zu tun hat. Selbst wenn die wissenschaftlichen Behauptungen, die die Klimaforschung aufstellt, stichhaltig wären (ich und eine ganze Reihe anderer Menschen sind davon keineswegs überzeugt) ergibt sich daraus in keiner Weise das von der Klimabewegung damit verknüpfte Maßnahmenbündel, das ja von der CO2-Steuer bis über das Glühbirnenverbot recht weit und umfassend in den Alltag einer großen Zahl von Menschen hineinreicht.

Darüber hinaus besitzt der "Alarmismus" manche der Signaturen, die auch für das frühe Christentum kennzeichnend waren, womit sich ohne weiteres der Status als eine religiöse Bewegung ergibt. Ich erinnere nur daran, daß die frühe Christengemeinde noch tief von der Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs umgetrieben wurde — ein Programm, mit dessen "Entfristung" die neu errichtete Kirche mit zunehmender Zahl an Jahren, zu denen das annunzierte Armageddon eben nicht stattfand, so ihre liebe Not hatte.

Der Prophetismus, der dahinter stand, ist ein nächstes, auch den teilen nämlich die Klima-Alarmisten strukturell mit den frühen Christen: Siehe, es werden Propheten kommen, die vom Weltenende künden und zu Umkehr und Buße aufrufen sowie die ewige Verdammnis für die Nicht-Bußfertigen in Petto haben. Richten wird das nur der Messias — für den Klimatismus aktualisiert also: Obama, Al Gore oder eben das "Kardinalskollegium" des IPCC auf den Konzilien von Kyoto oder Kopenhagen. Auch zum Wasserstand gibt es bemerkenswerte Parallelen, immerhin soll nicht nur der Messias ja darüber gelaufen sein, sondern schon Mosen das auserwählte Volk durch die sich auftuenden Wogen ins gelobte Land geleitet haben. Heutzutage heißt es, daß eine "weise Führung" durch Federstreich und Geistesgegenwart den Pegelanstieg bei etwa 2 m würde aufhalten können.

Daß die Klima&Öko-Kirche aktuell dazu übergeht, eine Art "Inquisition" in eigener Sache zu errichten, setzt dem Mosaik freilich noch ein äußerst konsequentes Steinchen hinzu, wozu freilich auch die andauernde Rede von den "Leugnern" allzu gut paßt.

Man kann davon ausgehen, daß manch tiefe Bestürzung der Christenheit über diese allerdings in der Tat lächerlich armselige Klimasekte zu einem nicht geringen Teil der inneren Beunruhigung über die nicht zu übersehenden Parallelen geschuldet ist.

Jürgen Hodler, am 13. April 2010 um 14:29 ( Link )

@blockquote

Die Aufklärung besteht ja aus weit mehr als nur Kant, insofern verstehe ich nicht, weshalb Sie ausgerechnet eine Antwort "im kantischen Sinne" von mir erwarten.

Sie dürfen auch gerne – sofern vorhanden - einen anderen „Ritus“ bemühen. Wobei hier dann wohl zuallererst der Klischeeritus zum Tragen kommt. Nun, wenn ich mich recht entsinne, dann findet sich vorhergehend dieser Einwand: „Und wenn unorthodox "von oben" definiert wird, gibt es keinen Fortschritt (siehe auch Tomas Kuhn oder die jetzige Klimadebatte). Da halte ich es lieber mit der Aufklaerung im Kantischen Sinne.“ Dies läßt ja dann doch den Schluß zu, daß eine „Aufklärung“ im Sinne Kants der jetzigen Klimadebatte von vornherein einen Riegel vorgeschoben hätte. Sehe ich das falsch? Und nun ist es ja klar, daß eine durch die Freud’sche Schule gegangene Epoche das Vorhergehende nicht nur negiert, sondern auch gleich als Quell aller Übel betrachtet. Ihre wohlfeilen Sprüchlein legen hier auch ein beredtes Zeugnis ab. Aber dabei ist es doch so, daß diese sog. „Aufklärung“ im richtigen Licht betrachtet lediglich eine ins Gegenteil verkehrte Theologie ist. So ist ja auch der „aufgeklärte“ Fortschrittsglaube nichts anderes als eine versäkularisierte Spielart des christlichen Erlösungsgedanken. Auch der jüngste Tag und die Wiederkehr des Herrn findet im „Aufklärungsglauben“ eine Entsprechung. So war man ja von dem Gedanken beseelt, daß man mit Hilfe der Revolution alle Torheiten und Verbrechen der christlichen Vergangenheit ein für allemal auslöschen könnte. Nach der Wiederkehr der Vernunft darf die Menschheit dann auf dem evolutionären Treppchen dem irdischen Heil zustreben. Hier darf dann auch interessanterweise ergänzt werden, daß insbesondere der liberalistische Humanismus, der sich ja nur allzu gern im Gewande des Rationalismus präsentiert, wohl weniger an den „Homo rationalis“ als vielmehr an den „Homo religiosus“ appelliert. Fortschrittstheorien haben – Haeckel hin oder her – mit der mit der ansonsten angestrebten Wissenschaftlichkeit zunächst gar nichts zu tun. Im Prinzip wir mit der damit verbundenen Heilserwartung lediglich das menschliche Sinnbedürfnis und somit der übersinnliche Trieb befriedigt. Also? Nehmen’S einen neuen Anlauf. Das „Depositum Fidei“ dieser sog. „Aufklärung“ liegt Ihnen ja zu Füßen. Mit Ihren Ausschweifungen landen Sie nämlich nur wieder vor der eigenen Haustüre. Wobei es schon erstaunlich ist, daß beim Thema „Aufklärung“ und somit beim eigenen Glauben augenblicklich Schicht im Schacht ist. Man könnte ja noch ein wenig verschmitzt nachfragen, welchem Umstand dies wohl geschuldet ist?

Und dabei – dies sei noch am Rande erwähnt - ist man ja mit wahrhaft hehren Ansprüchen gestartet. Selbst das Rätsel Mensch wollte man mit naturwissenschaftlichen Methoden in Gänze enträtseln. Oder wie es der verrückte d’Holbach in der Enzyklopädie vorwegnahm: Die Vernunft ist nichts anders als die Übertragung der Naturwissenschaft auf die sozialen Belange. Auch Kant, wenngleich auch nicht der rationalistischen Strenge der Empiristen anheimgefallen, war ja von dem Wahne beseelt, daß sich Physik und Moral an ein und denselben Maßstäben bewerten ließen. Nun konnte dieser Schuß nur nach hinten losgehen und so steht der „Aufgeklärte“ nunmehr von den Trümmern der menschheitsbeglückenden Utopien und bittet ganz verdattert den „Geist der Aufklärung“ um Rat. Spätestens nach den liberalistischen Revolten sollte sich ja auch zeigen, daß die Vergötzung der Vernunft und somit auch das politische Denken in einer aus einem höheren Kontext herausgerissenen Herrschaft, welche somit zum schieren Selbstzweck ohne jedwede Verantwortung wurde, sowohl in der Theorie als auch in der Tat nur noch zum Vehikel einer Menschheitsbeglückung wurde. Wobei der "Beglückungsgrad" natürlich den ideologischen Vorlieben entsprechend variierte. Dies hat für die Beurteilung der Folgen aber nur eine sekundäre Bedeutung.

Kokospalme, am 13. April 2010 um 19:51 ( Link )

Lieber Herr Friedrich,

haben Sie vielen herzlichen Dank für diesen Artikel. Sie sprechen mir als Evangelikalem sehr aus dem Herzen.

In der Tat ist das Instrumentalisieren des Staates durch die Kirche kein christliches Anliegen. Die Bibel spricht an keiner Stelle davon. Aber genau dieses Instrumentalisieren hat die römisch-katholische Kirche teilweise bis zum Exzess betrieben und sie betreibt es auch heute noch gern dort, wo sie die Möglichkeit dazu hat. Ja, die römisch-katholische Kirche hat Christen umgebracht, Menschen, denen klar geworden war, dass das Heil nicht bei dieser Kirche, sondern nur bei Christus zu finden ist.

Die römisch-katholische Kirche hat also immer wieder zu totalitären Mitteln gegriffen. Wenn jetzt Leute wie Herr Gärtner wieder nach der Inquisition rufen, kann man nur eindringlich davor warnen. Diese Kirche darf nie wieder die Macht bekommen, die sie einst hatte.

Staatlich Lernbehinderter, am 14. April 2010 um 1:05 ( Link )

@Maven: Eltern können ja gar nicht anders als ihre Kinder prägen, das ist der natürliche Lauf der Dinge. Was Eltern nicht vergessen sollten ist dabei, daß (durchaus ihre) Kinder eigene Menschen sind, die im Grunde zudem in einer anderen Zeit leben. Dann werden die Grenzen zwischen vorbildlichem Vorleben und Indoktrination leicht bewältigt. Das Geschwätz von Chancengleichheit, dem ja auch die staatlich-schulische Einheitsindoktrination Wirkung verleihen soll, ist dagegen direkt gegen einen Pluralismus gerichtet, der nur fortbestehen kann und sich über die Generationen fortentwickeln kann, wenn überhaupt noch verschieden Gewordene sich begegnen können.
@Hodler/Viscount/simplicissimus: Ist nicht tatsächlich ein gewisser Grad an wahrhaftiger Zuversicht in die Richtigkeit der eigenen (und sei es elterlich geprägten) Überzeugungen notwendig? Wenn hier apodiktisch vorgetragen wird, daß "Rationalität" das wichtigste sei, so wird dies doch ebenso für wahr gehalten wie die Überzeugung, daß des Menschen Ratio unzulänglich sei? Stimmen kann doch nur eines, oder vielleicht ein Drittes? Dies ist kein Vortrag im Sinne einer Dialektik, die aus einer beschränkten These und einer herbeigekünstelten Antithese irgendwelche Erkenntnisse geradezu errechnen will, womöglich gar das arithmetisierte Mittel von "Werten" und "Argumenten" die keinesfalls Ordinalzahlen sind.
Daß Debatten um Wahrheiten geführt werden, zeigt zumindest das Bedürfnis nach Reflektion und Begreifenwollen. Dem Rationalisten sei vorgehalten, daß Ausdruck nicht nur denkhaft (Sprache/Bilder) sondern auch affektiv (Symbole/Farben/Töne) möglich ist. Dabei hat der Mensch, selbst aufs Körperliche beschränkt immerhin sechs Sinne und jede Person eine einzigartige Gewichtsverteilung derselben bezüglich seiner rezeptiven Fähigkeiten ebenso wie der meist ähnlich gelagerten Ausdrucksfähigkeit. Der sogenannte siebte Sinn ist mehr als volkstümliche Resterklärung, die Vernunft des Menschen ebenso real (oder irreal) wie seine Existenz überhaupt.
Dem Vergeistigten sei jedoch seine tatsächliche körperliche Manifestation vor Augen gehalten, auch vor das geistige: Offensichtlich kann das Geistige zumindest nicht genügen.
Auch hier sollte aber kein Kampf stattfinden, genausowenig wie einer der Kulturen: Der Wettbewerb hat friedlich zu bleiben. Die Befriedung durch nationale/völkische/sprachliche Abgrenzung darf dabei als ebenso gescheitert angesehen werden, wie der moderne liberalistische Verfassungspatriotismus. Zwar befriedet Eigentum durchaus, nur scheint das Maß hier mit zunehmender Größe abzunehmen. Die Konstruktion eines staatlichen Territorial"eigentums" hat jedenfalls nicht funktioniert. Eigentum scheint doch natürlicherweise an Personen gebunden, schon die juristischen Personen (die erste "Geglaubte" war ja die Kirche, erst dadurch wurde überhaupt eine solche Abstraktion denkmöglich) werden problematisch, von der Verteidigung des Konstruktes "geistigen Eigentums" ganz abgesehen. Dem anderen seinen Glauben lassen können funktioniert unabhängig von territorialen Einfriedungen und wahrt das persönliche Maß. Und auch der Rationalist glaubt ja bloß, daß es außerhalb seines klugen Kopfes und den Mitteln der Ratio nichts Zugängliches gibt. Am Glauben hängt letzten Endes doch alles, angefangen beim Glauben, daß wir wirklich sind.

Staatlich Lernbehinderter, am 14. April 2010 um 1:26 ( Link )

@Kokospalme:
Sie scheinen mir unreflektiert die Machttheorien und Machtempirie betreffend: Von wem erhält man denn gewöhnlich Macht? Wie entsteht ein Machtstatus? Ist das geklärt, bleibt die große Legitimitätsfrage. Hier bemüht der Liberale (ganz deutlich und klassisch dazu Ludwig von Mises, der ansonsten leuchtend brilliant ist) ebenso wie der Bolschewist und der Demokrat die Mehrheit, mal pragmatisch, mal ideologisch als legitimitätsstiftende angebliche Entität. Wobei in der Regel nicht en detail klärbar bleibt, welche Mehrheit zu welchen Fragen und wie errechnet legitim sein soll. Sie sind daher allesamt dezidiert sozialistisch, unterscheiden sich aber durch das Maß des kollektivistischen Vorrangs. Die Kirche bemüht ihre Sendung, ihre Tradition und das mühsam aus der Geschichte gekelterte Wort Gottes. Es bleibt auch hier immer etwas, was Menschen glauben und für richtig halten. Anders geht es wohl nicht. Und deshalb bleibt ein Ringen um die Wahrheit notwendig - und die "Macht" nicht mehr als etwas Zugesprochenes. Wem ich Macht gebe, entscheide ich selbst, ich kann dies auch bleiben lassen. Ganz konsequent wie es in der República Oriental del Uruguay heißt: "Libertad o Muerte"

Damit sind wir bei dem Thema, was Religion mit Freiheit zu tun hat. Rein ökonomisch gesprochen senkt Religion die Angst/Kosten des Todes. Wenn die Alternative Freiheit oder Tod heißt - und dies ist die letztendliche Machtbegrenzung, die es nun einmal gibt -, dann ist der Gläubige freier, weil der Tod weniger Schrecken hat, imho hat der Mächtige weniger Macht.


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