28. März 2010

Homeschooling – Heimunterricht – Nachtrag: Kindeswohlgefährdung Schulzwang in Zeiten des Kindesmissbrauchs

Wer „bildet“ hier eigentlich auf wessen Kosten?

„Törleß unterschied aus den Geräuschen, dass sie Basini die Kleider vom Leibe zogen und ihn mit etwas Dünnem, Geschmeidigem peitschten.“ Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ wurde vor bald einem Jahhundert geschrieben; die darin beschriebenen Schrecken klingen nur allzu aktuell.

Was treibt Familien in die Illegalität?

Die akademischen Erfolge daheim unterrichteter Kinder kann die Politik nicht leugnen; dem Nachweis angeblich überlegener Sozialkompetenz durch ihre Staatsbetriebe weicht sie in begründeter Furcht aus. Dennoch verteidigt sie zäh ihren totalen Anspruch auf unsere Kinder. Mit aller Härte, notfalls durch gewaltsame Trennung, geht sie gegen Familien vor, deren Kinder daheim unterrichtet werden. Es müssen schon besonders starke Motive sein, durch die sich solche Familien leiten lassen. Nach diesen Motiven muss man nicht lange suchen: Der Absturz deutscher Schulen in internationalen Rankings, die Denunziation der Werte dieser Familien, Unterforderung leistungsfähiger Schüler, Hänseleien und Mobbing: Es gibt eigentlich der Gründe genug, die Entscheidung dieser Familien zu respektieren und ihnen ihre Erfolge zu gönnen.

Zu diesen Gründen gesellt sich neuerdings ein weiterer hinzu: Die Furcht vor sexuellem Missbrauch an Schulen, vor allem der Jungen. Nicht nur eine Minderheit katholischer Priester scheint die Toleranz für die Zustände an einigen Priesterseminaren für eine Einladung gehalten zu haben, solche Zustände mit den ihnen anvertrauten Schülern fortzusetzen. Auch einzelne Reformpädagogen, die, so der Lebenspartner einer der Täter, die „Umwandlung der Bildungseinrichtungen in Deutschland zu Orten der Aufklärung, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit“ verfolgten, missbrauchten die in ihren Schulen kasernierten Knaben. „Auch die sexuelle Revolution hat ihre Kinder gefressen“, so ein heute erwachsener, ehemaliger Schüler dieser Reformpädagogen im „Spiegel“ (Jens 2010). Kann man Eltern verurteilen, die verhindern, dass sexuell revolutionierte Pädagogen nicht auch die eigenen Kinder fressen?

Schulen: Ort nicht nur sexuellen Missbrauchs

Verteidiger der zwangsweisen Zuführung aller Kinder zu den staatlich beaufsichtigten Schulen mögen einwenden, die meisten der jetzt bekannt gewordenen Fälle lägen zwanzig Jahre und länger zurück; die ältesten ereigneten sich in den 1960ern. Das ist richtig, solche Verbrechen sind selten. Doch angenommen, deren Seltenheit reichte als Rechtfertigung aus, sich über die Bedenken und das Entscheidungs-Vorrecht der Familien hinwegzusetzen: Nicht selten an Schulen sind Diebstahl, Erpressung, Raub und Gewalt. Diese geschehen jeden Tag. Jährlich werden in den Schulen ca. ein Prozent der Schüler arztreif geprügelt. Lehrer, von den Schulbürokraten im Stich gelassen, können Situationen wie die folgende oft nicht verhindern: „Im Unterricht der betroffenen Klasse wurde an einem Text gearbeitet. (...) Der Schüler X verstand seine Mitschülerin nicht und forderte sie in einem schroffen Ton auf, den Text zu wiederholen. (...) Der Text wurde wiederholt, dennoch bekam der Schüler X wiederum nicht alles mit und forderte im nunmehr aggressiverem Ton auf, den Text zu wiederholen. Daraufhin beklagten sich mehrere Schüler über den unangemessenen Ton, u.a. auch das spätere Opfer, Schüler Y.“

„Nach einer kurzen lautstarken verbalen Auseinandersetzung zwischen beiden Schülern eskalierte die Situation und X ging sofort auf Y los. (...) Die Lehrerin und die Mitschüler versuchten, die beiden auseinander zu bringen. X wehrte sich auch gegen die Bemühungen der Lehrerin, indem er ihren Arm wegschlug. (...) Die in der Klasse unterrichtende Lehrerin holte umgehend in der Umgebung ihres Klassenzimmers Unterstützung durch weitere Kollegen.“

„In der Zwischenzeit suchte X – verbal tobend – nach Gegenständen in seiner Federtasche, bewaffnete sich mit einem Kugelschreiber, sprang über und auf Tische und ging auf Y los. Der Angriff mit Hilfe des Kugelschreibers führte bei dem Opfer zu erheblichen Verletzungen im Gesichtsbereich. Vereint gelang es zwei Kollegen, den Täter aus dem Klassenraum zu drängen. Das Opfer wies blutige Verletzungsspuren im Gesicht auf und wurde zum Arzt begleitet.“ (Schubert 2006)

Jeder fünfte Hauptschüler hat einen anderen Jugendlichen schon einmal so brutal verprügelt, dass dieser zum Arzt musste (Goldberg et al 2005). In gut 7.000 Fällen waren Knochenbrüche die Folge schulischer Gewalt. Das hat nicht nur physische Folgen: plötzliches schulisches Versagen ist häufig Folge der gewalttätigen Übergriffe. Entgegen der Klischees sind auch Mädchen betroffen, mit immerhin einem Drittel der Fälle. „Die Welt ist nun mal kein sicherer Ort“, mögen Entschuldiger des Schulzwangs einwenden. Doch die allgemeine Rate selbst für leichte Körperverletzungen liegt bei nur 0,5 von Hundert, bei schweren und gefährlichen Körperverletzungen sind es gar nur 0,2 – einem Bruchteil der Rate in Schulen. Für ein Kind ist die Schule nicht unbedingt ein sicherer Ort.

Kinder notfalls von ihren besorgten Eltern trennen

Familien, die ihre Kinder daheim unterrichten, tun dies aus Sorge nicht nur um deren Zukunft und die Erziehung, sondern auch um ihr Wohlergehen. Diese Sorgen sind begründet. Der Unterricht dieser Familien zeigt zudem häufig bessere Ergebnisse als jener der Staatsbetriebe. Irgendwelche, wie auch immer definierte Sozialisationsmängel sind bei den Kindern nicht erkennbar. Angeblich um das Wohl der Kinder und die Rechte der Familien besorgte Schulbürokraten sollten darüber froh sein.

Das sind sie aber nicht. Eine Schule zu besuchen sei „für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes unerlässlich“, so ein Ministerialrat des Schulministeriums NRW im Auftrag seines Dienstherren. Es sei „Aufgabe des Staates, darüber zu wachen, dass die Rechte des Kindes notfalls zwangsweise und auch gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden. Dies muss mit allen Mitteln geschehen, die der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat zur Verfügung stellt“ (MSW NRW 2006). 2007 urteilten die Richter des Bundesgerichtshofs unbeschadet der tatsächlichen Erfolge: Die Kindeswohlgefährdung ist stets der Heimunterricht. Das Mittel des „freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats“ heißt seitdem, die Kinder von ihren besorgten Eltern zu trennen.

Im Gegensatz zu den gleichgültigen, für „Projekte“ thematisierbaren – und somit die Rolle der Schulbürokraten bestätigenden – Schulschwänzern des Prekariats fordern solche Familien den staatlichen Bildungsapparat direkt heraus; sowohl durch ihren offenen Ungehorsam als auch durch ihre Erfolge. Sie werden dafür zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben. „Eltern, die die rechtlichen Grundlagen unseres Landes nicht anerkennen wollen, handeln konsequent, wenn sie unserem Land den Rücken kehren“, so das Schulministerium NRW. Zu Beginn des Jahres erhielt die von den hiesigen Bildungsbürokraten verfolgte Familie Romeike politisches Asyl in den USA. Eine weitere Familie floh über Dänemark nach Kanada und ersucht derzeit darum, aus den gleichen Gründen dort bleiben zu können. Oft geschieht diese Vertreibung unter dem Applaus daheim gebliebener Untertanen.

Fazit

Es gibt keinen guten Grund, seine Kinder an den Staat zu verschenken. Für Eltern sollte die Erziehung ihrer Kinder zu wichtig sein. Jeder hat hierfür nur eine Chance. Wer nicht sorgfältig darauf achtet, wie und von wem sein Kind erzogen wird, verliert die Gelegenheit, sein Kind sein bestes werden zu lassen.

Brauchen Familien wirklich Schulen so dringend – oder sind es in Wahrheit nicht die Schulbürokraten, die unsere Kinder brauchen? Je offensichtlicher die Massen-Bildungsbetriebe versagen, je mehr Kinder agitiert statt gebildet werden, je mehr schikaniert, verletzt, ja missbraucht werden, desto mehr Eltern werden fragen, aus genau welchen Gründen sie ihre Kinder dem Monopol noch länger ausliefern sollen. Irgendwann kommt der Augenblick, da eine kritische Masse ihren Blick auf jene lenkt, die von der Misere leben. Warum eigentlich nicht jetzt?

Internet

Gerd Beer Panoptikum: Blog darüber, was an deutschen Schulen so alles passiert

Literatur

B. Goldberg, T. Feltes, M. Kretzer (2005): Ohne Gewalt stark. In: RUBIN 1 (2005): 22-26

Miniterium für Schule und Weiterbildung (MSW) des Landes NRW (2006): Brief an Jan Edler vom 6.10.2006.

Tilman Jens (2010): "Auch die sexuelle Revolution hat ihre Kinder gefressen". In: Der Spiegel (22.3.2010): 152-154

Bettina Schubert (Red., 2006): Handeln nach Gewaltvorfällen. Berlin: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, 2006.


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