20. März 2010

Klima-Propaganda Der intellektuelle Bankrott des "Economist"

Die jüngste Verteidigung des Alarmismus durch das Blatt ist nur noch beschämend

„The Economist“ ist im Jahr 1843 gegründet worden, um, so die Selbsteinschätzung des britischen Nachrichtenmagazins, am „harten Wettbewerb zwischen vorwärtsdrängender Intelligenz und einer unseren Fortschritt behindernden, unwürdigen, zaghaften Ignoranz“ teilzunehmen. Während das Organ in der Anfangszeit kompromisslos auf Seiten des Freihandels stand, ist diese Kontur seit Jahrzehnten unschärfer geworden. Regelmäßig setzt sich die wöchentlich erscheinende Zeitschrift nun für die Interessen der Banken und der Großindustrie ein. Diesen wiederum ist echter, also unregulierter Freihandel eher ein Dorn im Auge.

Das Dilemma der Londoner Redakteure zeigte sich vor kurzem beispielsweise, als sie über den Antrag im amerikanischen Kongress berichteten, der zum Ziel hat, die Zentralbank der USA erstmals in ihrer Geschichte einer gründlichen Unternehmensprüfung zu unterziehen. Statt sachlich und fundiert zu berichten oder kommentieren, wurde neben Fehlinformationen über die Geschichte des Goldstandards nur Häme und Spott über den Hauptantragsteller Ron Paul von den Republikanern und seinem Unterstützer Alan Grayson von den Demokraten ausgeschüttet.

Die Federal Reserve ist ein unverzichtbarer Bestandteil des gegenwärtigen globalen Finanzsystems, in dem die Großbanken und die Großkonzerne, gut abgeschirmt von möglicher Konkurrenz, es sich sehr bequem gemacht haben. Der „Economist“, der weltweit von Führungspersönlichkeiten und Entscheidern gelesen wird, tut sein bestes, um seiner Kundschaft die Argumente zu liefern, die sie meint zu brauchen, um gegenüber fundierter Kritik zu bestehen. Er steht tatsächlich in einem „harten Wettbewerb“, aber nicht mehr auf der Seite „vorwärtsdrängender Intelligenz“.

Aber dass sie auf der Seite „unwürdiger, zaghafter Ignoranz“ stehen, konnte man bisher nicht behaupten. Nun aber haben sie sich wieder einmal in der Klimadebatte gemeldet, in der sie seit Jahren auf der Seite der Alarmisten stehen – was bei ihrer Kundschaft und ihrer Eigentümerstruktur kein Wunder ist. Wohl um Schadensbegrenzung bemüht, hat auch der „Economist“ jetzt gemerkt, dass seiner Seite in der Klimadebatte zumindest argumentativ die Felle davonschwimmen. Also widmet er in seiner jüngsten Ausgabe nichts geringeres als die Titelseite und den Leitkommentar dem Klimawandel Und eben dieser Leitkommentar ist eine intellektuelle Bankrotterklärung.

Damit ist nicht die darin geäußerte Vermutung gemeint, es sei besser zu handeln als abzuwarten und nichts zu tun, gerade weil die Wissenschaft noch unsicher ist. Das ist durchaus eine legitime Meinung. Es ist die gegen Ende aufgeführte Begründung für staatlich erzwungene Abgaben, die eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen ist. „Die Welt sollte es genau so machen wie jeder Haushaltsvorstand, der eine kleine Prämie bezahlt, um sich gegen Katastrophen zu schützen.“

Dieser Vergleich ist in mehrerer Hinsicht grundfalsch und eines 167 Jahre alten Periodikums, das sich „Economist“ nennt, schlicht unwürdig. Erstens kann „die Welt“ nichts „tun“. Sie ist keine denkende, handelnde Person. Der „Economist“ übertüncht hier, dass mehr als sechs Milliarden individuelle Präferenzen unter einem Hut zu bringen wären und schweigt sich darüber aus, wie das geschehen soll. Er übergeht daher eines der Grundprobleme, das viele Skeptiker mit dem Anliegen der Alarmisten haben – nämlich dass die Rezepte Letzterer schnurstracks in einen totalitären Weltstaat münden müssen. Zweitens zahlt ein Haushaltsvorstand freiwillig eine „Prämie“, und zwar an einen Versicherer, den er sich am – relativ – freien Markt auswählt. Weswegen sie, drittens, auch in der Regel „klein“ ausfällt. Die vorgesehenen Milliardenumschichtungen an unproduktive Einrichtungen im eigenen Land oder an ärmere Länder drohen dagegen, die Industrie der reichen Regionen, und damit den Motor des weltweiten Wohlstandes, zu zerbrechen. Der Haushaltsvorstand  ist außerdem, viertens, nicht gezwungen, eine Versicherung abzuschließen. Doch die etablierte Klimapolitik sieht genau das vor: Zwangsabgaben. Fünftens, und hier verliert der „Economist“ endgültig seine Glaubwürdigkeit: Versicherungen zahlen im Schadensfall. Die Klimaabgaben und die Verteuerung der Energie per Zertifikatshandel dagegen sollen angeblich der Abwendung eines heraufziehenden Schadens dienen. Wenn der Schaden dann aber trotzdem eintritt, wer wird für die Reparatur aufkommen? Die hochsubventionierte Solarzellenindustrie etwa? Auch von einem in der Versicherungsindustrie sonst üblichen Rabatt bei Schadensfreiheit findet sich in der Politik der Alarmisten keine Spur.

Und das ist noch nicht alles. In der Versicherungsindustrie ist es nämlich so: Wenn die Zahl der Schadensfälle in einer Region oder einem Sektor zu groß wird, schließen Versicherungen dort keine entsprechenden Verträge mehr ab. In Großbritannien beispielsweise kann, nach mehreren Jahren schwerer Überflutungen, kein Haushalt in Gewässernähe mehr eine Gebäude- und Hausratsversicherung abschließen. Der Haushalt muss entscheiden, ob er das Risiko eines Verbleibs auf sich nehmen will, oder statt dessen wegziehen sollte. Anpassung – das ist der markt- und menschengerechte Umgang mit „Klimawandel“. Die Redakteure beim „Economist“ sollten das wissen. Und, so steht zu vermuten, das tun sie auch. Gerade deshalb ist ihr Leitartikel so beschämend für sie.

Internet:

Strange Meeting – the populist left meets the populist right to hammer the fed ("The Economist", 28.01.2010)

Spin, Science and Climate Change ("The Economist", 18.03.2010)

Update, 23.03.2010: James Delingpole hat heute in seinem Blog beim "Daily Telegraph" einen Artikel mit ähnlicher Stoßrichtung geschieben: "The Economist - not a serious journal". Darin weist er unter anderem darauf hin, dass die Einstellung, man müsse bei der gegebenen Unsicherheit "irgendetwas tun", ein "gehirnlahmes" Argument sei, das der realen Welt, wo Entscheidungen Konsequenzen haben, nicht gerecht werde.


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