20. März 2010

Homeschooling – Heimunterricht – Teil 1 Familienschicksale

Wie die Politik mit Familien umspringt, die ihre Ehrziehungspflicht ernst nehmen

„Soll die Erziehung nur, ohne Rücksicht auf bestimmte, den Menschen zu erteilende bürgerliche Formen, Menschen bilden, so bedarf es des Staates nicht.” (Wilhelm von Humboldt)

Im letzten halben Jahr machte der Heimunterricht in Deutschland wieder von sich reden; „Schulverweigerer” wurden solche Familien genannt und nicht immer rücksichtsvoll kommentiert. In dieser dreiteiligen Serie wird der Leser einige Familien kennenlernen, die für das Recht, ihre Kinder daheim unterrichten zu dürfen, ins Visier der Politik gerieten. Er wird einige Tatsachen zu den Leistungen in Bildung und wie auch immer definierter „Sozialkompetenz” sowie über die Einzigartigkeit des deutschen Schulzwangs erfahren.

Gut begründete Furcht vor Verfolgung

In einer Nacht- und Nebelaktion packte die Familie ihre Habseligkeiten; alles was nicht mitgenommen werden konnte wie die Klaviere des Vaters, eines Pianisten, wurde hastig verkauft: Auch, um am Ziel der Flucht die Familie erst einmal ernähren zu können. Der Fall einer Familie aus den 80ern, die es schaffte, dem Griff der politischen Klasse des Unrechtsstaates DDR zu entfliehen? So ähnlich: Es handelt sich um die Familie Romeike, die es 2008 schaffte, vor der Bildungspolitik des Staates Deutschland zu fliehen. Sie erhielt im Januar dieses Jahres in den USA politisches Asyl. Ja, Sie haben richtig gelesen: Das deutsche Bildungssystem, durch PISA, IGLU, LAU, der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick”, TIMSS und anderen bereits weltweit verrufen, produziert jetzt auch politische Flüchtlinge.

„Diese Familie hat eine gut begründete Furcht vor Verfolgung”, so US-Bundesrichter Burman in seiner Urteilsbegründung. „Hier wird ein grundlegendes Menschenrecht verletzt, kein Land der Welt hat dazu das Recht. Die deutsche Regierung bezeichnet Anwender von Heimunterricht als Mitglieder einer Parallelgesellschaft und versucht sie auszumerzen.”

Wie kam es dazu, dass das Gericht einer westlichen Demokratie Deutschland zu einem Staat erklärt, aus dem die Menschen vor politischer Verfolgung flüchten?

Die Romeikes nahmen im September 2006 ihre drei ältesten Kinder aus der Grundschule in der Nähe Stuttgarts und unterrichteten sie zuhause selber. Schon bald schritt die Politik ein und forderte die Kinder zurück: Mit einem Bußgeld von 30 Euro pro Tag und Kind drohte die Stadt. Als die Romeikes den Forderungen nicht nachkamen, klingelte im Oktober 2006 die Polizei an ihrer Haustür und schleppte die weinenden Kinder zur Schule.

Was die Kinder auf der Staatsschule an „Sozialtechniken” erlebten, wird schulerfahrene Eltern nicht verwundern. Für die Kinder der Romeikes waren die Gewalt und Schikanen der Gleichaltrigen jedoch erschreckend. Als der Bundesgerichtshof im November 2007 entschied, dass in schweren Fällen die Sozialämter Eltern ihre Kinder wegnehmen können, wussten die Romeikes, sie hatten nicht mehr viel Zeit. 2008 erreichte die Familie die USA. Um dort bleiben zu können, beantragten die Romeikes im April 2009 politisches Asyl. Wären sie nach Deutschland zurückgeschickt worden, befürchteten die Eltern, festgenommen und dem Sorgerecht für ihre Kinder beraubt zu werden – keine unbegründete Sorge, wie zahlreiche Beispiele inzwischen belegen. Kommentar eines Sprechers des baden-württembergischen Kultusministeriums: „In diesem Fall ging es darum, das geltende Schulrecht des Landes durchzusetzen. Darüber hinaus steht es jedem frei, ins Ausland zu gehen.”

„So etwas habe ich noch nie gesehen”

Auch wenn sich in Deutschland nur wenige Familie trauen, so konsequent wie die Romeikes der Politik die Stirn zu bieten, so sind sie doch kein Einzelfall. Auf ein paar Hundert wird die Zahl jener Familien geschätzt, die bewusst den Anspruch der Politik auf ihre Kinder verweigern.

Zum Beispiel die Familie Dudek: Diese wollen ihren Glauben an Gott und die Bibel leben. Aus diesem Grunde mochten sie ihre Kinder nicht staatlichen Schulen überlassen, wo sie ihre Werte immer weniger wiederfanden. Die gläubigen Christen gehören weder einer religiösen Gruppe an noch versuchen sie, ihre Kinder von der Welt fernzuhalten. Die Lernerfolge der Kinder waren beachtlich. Soziale Kontakte knüpften sie bei der freiwilligen Feuerwehr, im Schwimmverein oder bei den Pfadfindern. Das schützte sie nicht vor dem Zugriff des Schulamtes und der Staatsanwaltschaft.

Auch wenn der Staatsanwalt einräumte, die Kinder würden von ihren Eltern gut unterrichtet, spielte das für ihn keine Rolle. Unerbittlich verfolgte er sein Ziel, den ungehorsamen Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder zu entziehen und sie hinter Gitter zu bringen. Tatsächlich wurden die Eltern in zweiter Instanz zu Gefängnishaft verurteilt. Der älteste Sohn wechselte zuvor für ein halbes Jahr an die örtliche Staatsschule, um seinen Realschulabschluss zu machen. Zusammen mit einer Mitschülerin wurde er als einer der Schulbesten geehrt; Notenschnitt: 1,1. Der Schulamtsdirektor zeigte sich gegenüber der „Werra Rundschau“ angesichts der minutiös geführten Dokumentation des häuslichen Unterrichts beeindruckt: „So etwas habe ich noch nie gesehen.” Schulleiterin Ursula Rauschenberg zum Heimunterricht der Dudeks: „Jonathan hat im Elternhaus das Lernen gelernt.”

Aber doch sicher um den Preis, ein Sonderling geworden zu sein, oder? Davon kann keine Rede sein: In der Klasse sei er laut der Schulleiterin akzeptiert und in die Gemeinschaft integriert gewesen. Der Geschäftsinhaber seines Ausbildungsbetriebs dazu: „Meine Gesellen sagen: Der Junge ist klasse”. Er berichtet weiter: „Er hat soziale Kompetenz, fügt sich ein, will alles wissen. Solche brauchen wir.” (o.V. 2009). Die Haftstrafe der Eltern wurde erst in der Revision in eine Geldstrafe abgemildert.

Bei weitem nicht nur religiöses Milieu

Zwar sind die Eltern solcher Familien häufig christlich engagiert, doch es gibt Gegenbeispiele. „Ich habe schnell festgestellt, dass das eine Entwicklung ist, die bei weitem nicht nur das religiöse Milieu betrifft”, so der Marburger Soziologe Thomas Spiegler. Das prominenteste Beispiel dürften die Neubronners sein. Deren ältester Sohn ertrug den Besuch der Bremer Staatsschule nicht, er bekam Albträume, war häufig aggressiv und krank. „Aus unserem wissbegierigen Kind wurde in der Schule ein schlaffer Hänger”, erinnert sich die Mutter, „es gab nur noch den fröhlichen Ferien-Moritz und das unglückliche Schulkind.”

Was viele Eltern kennen und hinnehmen, bewegte die Neubronners zum Handeln: Sie nahmen das feinfühlige Kind von der Schule und begannen mit dem Heimunterricht – später auch für den jüngeren Sohn. Natürlich waren sie zunächst verunsichert, aber: „Uns hat sehr geholfen, andere Kinder kennen zu lernen, die nicht zur Schule gehen.” Erstaunt merkten die Neubronners, „dass diese Kinder ganz normal, aber oft überdurchschnittlich offen sind.” Vater Neubronner ist Sozialpädagoge, die Mutter Biologin, beide führen einen Kleinverlag. Der Grundschul-Lernstoff bereitete ihnen keine Probleme. Ihre Erfahrungen fasste Dagmar Neubronner in einem Buch zusammen (Neubronner 2008), das seither vielen daheim unterrichtenden Familien als Leitfaden dient.

Die Bremer Schulbeamten reagierten prompt: Sie forderten ultimativ, die Kinder „der öffentlichen Schule zuzuführen”, setzten ein Zwangsgeld von über 7.000 Euro als zusätzliches „Argument” und ließen anschließend durch den Gerichtsvollzieher sämtliche Konten der Familie sperren – auch das Geschäftskonto des kleinen Verlages. Doch auch ein zweiter Versuch der Neubronners mit einer Bremer Grundschule scheiterte: Die Kinder „haben sich gelangweilt und wurden gehänselt. Der Gruppendruck war groß”, berichtet die Mutter. Weder die Nöte der Kinder noch der Erfolg des Heimunterrichts auch in diesem Fall – bei regelmäßigen Tests lagen ihre Söhne leistungsmäßig an der Spitze ihrer Altersgruppe – beeindruckte die Staatsvertreter.

Als die Schulbeamten die Familie nicht in Frieden ließen, suchten die Neubronners vor Gericht Hilfe. Gleichzeitig versuchten sie, mit der Schulbehörde zusammenzuarbeiten: Im Rahmen eines Kooperationsvertrages führten sie ein Lerntagebuch und richteten sich weitgehend nach dem Bremer Lehrplan für die Grundschule. „Mit diesem Vertrag hat die Behörde die volle Kontrolle, und wir haben gleichzeitig viel Freiheit”, sagt die Mutter.

Im gerichtlichen Ringen um die Kinder der Neubronners hoben die Beamten, die den guten Bildungsstand der Kinder nicht leugnen konnten, die Notwendigkeit von Staatsschulen für die „soziale Entwicklung” der Kinder hervor. Den Antrag der Familie, durch Gutachten zu beweisen, dass sich Kinder auch mit privat organisiertem Heimunterricht sozial entwickeln können, lehnte das Gericht ab. Das Zwangsgeld wurde aufrechterhalten, die Prozesskostenhilfe mussten sich die Neubronners über das Bundesverfassungsgericht erstreiten. Nachdem sie auch in der Berufung an den Richtern scheiterten, verließen sie das Land.

Vorsorgeprinzip in der Erziehung?

Gleichgültig welch gute Leistungen daheim unterrichtete Kinder zeigen, egal wie kooperationsbereit sich die Eltern zeigen: Mit voller Härte geht der Staat gegen die ungehorsamen Familien vor. Aber ist diese Härte nicht gerechtfertigt?

Wenn man einmal die Erfolge dieser Familien bei der Wissensvermittlung ebenso außer Acht lässt wie die fehlenden Beweise angeblich mangelnder „Sozialkompetenz” – wenn wir eine Verbreitung von Heimunterricht zuließen, würden wir das nicht mit noch schlechter gebildeten Kindern mit mangelnden sozialen Fähigkeiten bezahlen? Ist es da nicht besser, vorsorglich jeglichen Ansatz bereits im Keim zu ersticken?

Im zweiten Beitrag dieser Serie wird beschrieben, wie das allgemeine Bild der Leistungen solcher Kinder tatsächlich aussieht und was wir tatsächlich von einer Legalisierung des Heimunterrichts zu erwarten hätten.

Internet

Stockholm-Syndrom beim Hausunterricht

Familie Romeike erhält politisches Asyl in den USA

Das Ringen der Familie Dudek mit Behörden und Gerichten

Interview mit Dagmar Neubronner

Literatur

Dagmar Neubronner (2008): Die Freilerner: Unser Leben ohne Schule. Bremen: Genius Verlag, 2008 - ISBN 3934719341

o.V. (2009): Azubi im ZDF: Für das Doku-Format 37 Grad drehte der TV-Sender in der Tischlerei Füllgraf. In: Zeitung für das holz- und kunststoffverarbeitende Gewerbe in Deutschland, 11(2009): 6


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